Reinickendorf hebt seine Schätze

Die 1911 errichtete Villa Borsig, die die Industriellenfamilie nach Vorbild des Potsdamer Schlosses Sanssouci im Stil des Rokoko hat bauen lassen, liegt idyllisch eingerahmt von Wald und Wasser auf der Halbinsel Reiherwerder und dient heute als Gästehaus für das Auswärtige Amt, das Kanzleramt und andere Ministerien. [Foto: unitZÜRN]

Während in den letzten Jahren, nein, inzwischen schon Jahrzehnten, die Innenstadtbezirke reihum hip waren und sich vor Zuzug kaum retten konnten, standen die Randbezirke weniger im Mittelpunkt des Interesses. Reinickendorf hat nun begonnen, mit einer Imagekampagne auf sich aufmerksam zu machen. Dabei könnte man meinen, hat dieser Bezirk, der zu 33 Prozent aus Wasser und Wald besteht, nicht unbedingt nötig, um Beachtung zu buhlen. Aber die Bezirksväter sind bemüht, ihren Bewohnern das Leben noch angenehmer zu gestalten. Und wollen ihnen und potenziell neuen Mitbewohnern aufzeigen, was der Bezirk neben Bekanntem noch alles zu bieten hat.

Zum Beispiel schließt Reinickendorf Lübars, das älteste Dorf Berlins, ein, und auch die dicke Marie, ein eingetragenes Naturdenkmal, wurzelt in Tegel. Doch von wegen „schlafender Riese“. Reinickendorf ist hellwach, Wirtschafts-, Arbeits- und Wohnstandort: Die crossmediale Standortkampagne „Reinickendorf.Ganz.Schön.Begehrt“ hebt seine kulturellen Vorzüge, die Lebensqualität und wirtschaftlichen Stärken hervor und blickt auf die zukünftige Entwicklung.

Ihren Namen soll „die dicke Marie“, eine rund 900 Jahre alte Stiel-Eiche, den Brüdern Alexander und Wilhelm von Humboldt zu verdanken haben. Sie hätten den vermutlich ältesten Baum der Stadt nach der hauseigenen Köchin benannt. Die Humboldts lebten nämlich in dem 1558 errichteten Renaissance-Schloss, das auf Geheiß von Wilhelm von Humboldt durch Karl Friedrich Schinkel in klassizistischem Stil erweitert worden ist. Das Schloss Tegel, auch Humboldt-Schloss genannt, ist bis heute in Privatbesitz der Nachfahren und neben dem Borsig-Turm, Tegeler Hafen oder der Großsiedlung „Weiße Stadt“ (seit 2008 UNESCO-Weltkulturerbe) eine der vielen Sehenswürdigkeiten des nicht bloß grünen Bezirks. 

Denn „Reinickendorf, Berlins vielfältiger Bezirk im grünen Norden, besticht durch eine ausgewogene Mischung aus Kultur, Wirtschaft und herausragender Lebensqualität“, so Bürgermeister Michael Müllers Grußworte im Bezirksporträt, dem Herzstück der zweijährigen Standortkampagne „Reinickendorf.Ganz.Schön.Begehrt“. Dieses liegt in Bürgerämtern aus und wird an Neubürger, Investoren und Multiplikatoren aus Wirtschaft und Politik versendet. „Wir wollen nicht nur die Reinickendorfer, die ihren Bezirk lieben, erreichen“, erklärt Bezirksbürgermeister Frank Balzer. Neben dem Magazin werden Merchandising-Produkte verschenkt, und die Webseite „made-in-reinickendorf.com“ informiert regelmäßig über Geschehnisse im Bezirk. „Mehr Aufmerksamkeit auf Reinickendorf zu lenken“, lautet das Ziel der Kampagne, die von einigen der insgesamt rund 9 000 Reinickendorfer Unternehmen finanziert wird. „Ohne das Engagement der vielen beteiligten Firmen wäre dieser in Berlin einmalige Auftritt, mit dem sich Reinickendorf weit über die Bezirksgrenzen hinaus als starker wirtschaftlicher Standort positionieren wird, nicht möglich gewesen“, sagt Balzer. 

Über 250 000 Menschen leben in den elf unterschiedlichen Ortsteilen. Ein Drittel der Bezirksfläche mit den Tegeler Forsten und dem Tegeler See besteht aus Wasser und Wald. Die idyllischen und wohlhabenden Stadtrandgebiete mit Einfamilienhäusern im Norden und Westen wie Frohnau (mit Berlins zweithöchster Haushaltskaufkraft von bis zu 4 451 Euro), Hermsdorf, Heiligensee und Konradshöhe liegen fernab der Stadtmitte. Laut Wohnmarktreport 2015 liegen die Angebotsmieten dort bei rund 8,40 Euro pro Quadratmeter, während sie in den großen Hochhausvierteln im Nordosten, im Märkischen Viertel oder in Waidmannslust nur bei durchschnittlich sechs Euro pro Quadratmeter liegen. Insgesamt 13 500 der 51 Jahre alten Wohnungen im Märkischen Viertel wurden von der GESOBAU AG in den vergangenen sieben Jahren modernisiert und sozialverträglich energetisch saniert. 

Ganz Reinickendorf weist ein relativ moderates Mietniveau auf. Auffällig aber ist ein zu verzeichnender Anstieg der Angebotsmieten in den stadtnahen Gebieten. Laut Wohnmarktreport sind diese in den Gebieten Kurt-Schumacher-Damm, Eichborndamm und in der Residenzstraße relativ stark gestiegen und liegen im Schnitt bei 7 Euro. „Die Mieten in den stadtnahen Gebieten Reinickendorfs haben sich stärker entwickelt als in anderen Bezirken“, weiß auch Roman Heidrich, Leiter der Wohnimmobilienbewertung Berlin bei Jones Lang LaSalle. Wohnungssuchende finden in den stadtnahen Gebieten im Vergleich zu Innenstadt-Lagen aber immer noch recht günstige Mietangebote vor. 

Das nordöstlich gelegene Lübars ist mit knapp 5 000 Einwohnern Reinickendorfs kleinster Ortsteil und ältestes Dorf Berlins. Während dort Pferde auf den rund um das ehemalige Bauerndorf mit Dorfaue, Teich und Kirche befindlichen Wiesen grasen, fressen sich 15 Wasserbüffel durch das Tegeler Fließtal und tragen dadurch zum Umweltschutz bei. 

„Stadt der Zukunft“

„Die Welt fliegt auf Reinickendorf“, sagt Ralf Zürn, Initiator der Standortkampagne von der Werbeagentur unit Zürn, und meint damit den Flughafen TXL. Staatsbesuche und Berlin-Besuche starten zumeist in Reinickendorf. Am Kurt-Schumacher-Platz in Tegel soll ab Mitte 2018 die „Stadt der Zukunft“, ein Wohn- und Stadtquartier in unmittelbarer Nähe zu Charlottenburg-Wilmersdorf und Mitte, entstehen. Wenn der Flughafen Tegel geschlossen werden wird, sollen 5 000 Wohnungen mit entsprechender Infrastruktur gebaut werden. Pläne für das „Berlin TXL-The Urban Tech Republic“ rund um das Flughafenterminal liegen bereit: Ein Arbeits- und Produktionsstandort für Unternehmen und Forschungseinrichtungen, die urbane Zukunftstechnologien entwickeln, soll es werden. „Wie Adlershof, nur dass man in 15 Minuten im Regierungszentrum oder am Kurfürstendamm ist.“ Ein Standortvorteil, meint Frank Balzer. 

Reinickendorfer Know-how international gefragt 

Einige der Reinickendorfer Unternehmen genießen internationalen Bekanntheitsgrad. Im Burj Khalifa, dem höchs-ten Gebäude der Welt in Dubai, steckt beispielsweise die Technologie des über 160-jährigen Aufzugs- und Fahrtreppen-Unternehmens Otis. Auch das Zoofenster des Bikini Berlin Ensembles nutzt die Technologie des Reinickendorfer Werkes mit Produktions- und Entwicklungsstandort in der Otisstraße. 

Die weltweit tätige Firma GERB sorgt mit Schwingungstilgern für die Reduzierung von Gebäude-Schwingungen und dafür, dass das Segel des Luxushotels Burj al Arab in Dubai keine Eigendynamik entwickelt. Auch die 150-jährige Berliner Seilfabrik ist Exportschlager. Der Hersteller produziert Seile für Klettergerüste und exportiert seine Produkt-Designs in alle Welt. Die „Seilschaften“ des Reinickendorfer Unternehmens zieren einige von New Yorks Spielplätzen, und der 97 Kubikmeter umfassende, dreidimensionale Seil-Kletterraum in den Österreichischen Kristallwelten von Swarovski ist ebenfalls das Werk dieser Spezialisten.

Michaela Bavandi

 

Information

» Einwohnerzahl: circa 254 000 

» Bei der Anzahl von 200 Beschäftigten und mehr in
einem Unternehmen steht Reinickendorf an der Spitze 

» Fünf Reinickendorfer Kieze zählt der Berliner Sozialatlas
zur Schicht der besten Berliner Ballungsräume 

» Ansässige Unternehmen: ca. 9 000

» Kindergartenplätze: 9 637

» Hortplätze: 5 201

» Schulen: 31 Grundschulen, elf Integrierte Sekundarschulen,
acht Gymnasien und acht private Schulen

» Jugendeinrichtungen: 22

» Turnhallen: 80

» Sportanlagen: 22

» Krankenhäuser: Vivantes Humboldt-Klinikum, Dominicus-Krankenhaus,
Vitanas Senioren Centrum & Krankenhaus für Geriatrie, Medical Park 

» Kulturelle Einrichtungen: fünf Bibliotheken, zwei mobile Bibliotheken,
Musik- und Volkshochschule, Museum Reinickendorf, Graphothek, Kunstamt, Jugendkunstschule, Landesarchiv, Feuerwehrmuseum, sechs Galerien, Centre Bagatelle, Fontane-Haus, Ernst-Reuter-Saal

 

65 - Winter 2016
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