Visionäre Stadtkultur


1. Berliner Flussbad Pokal 2016 [Foto: Flussbad e.V. / Annette Hauschild]

Allein die Bilder. Dem Charme dieses Projekts kann sich niemand entziehen.  Am Pergamonmuseum vorbeikraulende Schwimmerinnen mit ihren gelben Badekappen, das hat etwas Magisches. Entstanden sind die Aufnahmen während des sommerlichen Flussbad Pokals. Die Wasserqualität war gut, die Berliner Wasserbetriebe haben das bestätigt. Was einmal geht, warum soll das nicht immer gehen, so die Flussbaderfinder und -befürworter vom Flussbad Berlin e.V.

Auf den ersten Blick mutet es wie eine verrückte Utopie an. Schließlich hat 1925 das letzte innerstädtische Flussbad an der Spree seine Kabinen geschlossen. Schaut man genauer hin, birgt das Projekt zahlreiche Chancen, bringt mehr in Fluss als das zukünftige Schwimmen. Entworfen hat das Flussbad Berlin 1998 die Künstlergruppe realities:united, allen voran die Architekten Tim und Jan Edler. Die Brüder sind ansonsten vor allem für ihre Medienfassaden bekannt und in aller Welt gefragt.  Kern der Idee Flussbad Berlin ist die unmittelbare Zugänglichkeit des Spreekanals in den Bereichen Schloss beziehungsweise Lustgarten. Auf etwa 850 Meter Länge könnten Schwimmer ihre Bahnen ziehen. Es entstünde ein ganz eigener Erlebnisraum. Der Fluss käme an dieser prominenten Stelle den Menschen ganz nah.  „Letztendlich soll der Kanal dazu genutzt werden, der Mitte einen neuen Entwicklungsimpuls zu geben, sodass neben der historisch hochkulturell-touristischen Bedeutung auch wieder die alltagskulturelle, auf Nachhaltigkeit zielende und zukunftsorientierte Bedeutung zunimmt“, so Tim Edler, Projektautor des Flussbads. Dafür müsste die hohe Spundmauer an einigen Stellen aufgebrochen und durch Treppen ersetzt werden. Allein das wäre eine Bereicherung für den Stadtraum. Ein sauberer Fluss ist aber auch schon für sich genommen ein zentrales Ziel des Flussbad Berlin e.V. Damit das Wasser Badequalität bekommt, wären zahlreiche wasserbauliche und technische Maßnahmen notwendig, die ihrerseits den Spreekanal im Innenstadtbereich ökologisch aufwerten würden. Denkbar sind Filteranlagen, Rückhalteräume und eine Begrünung des Ufers im Bereich Fischerinsel. Umkleidekabinen kann man sich etwa im Sockel des 1950 abgetragenen Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmals vorstellen, denn der ist innen hohl und bietet Platz. Dass der Weg dahin lang ist, wissen die Macher. Auf das Bohren dicker Bretter haben sie sich eingestellt. Hinzu kommt, dass es sich hier um eine Bundeswasserstraße handelt und die Museumsinsel Weltkulturerbe ist. Doch was in Bern und München möglich ist, nämlich innerstädtisches Schwimmen, warum soll das Berlin nicht können? Mit dem Gewinn des renommierten Holcim Awards für nachhaltiges Bauen im Jahr 2012 bekam die Vision Rückenwind. Zwei Jahre später wurde das Projekt ins Bundesprogramm „Nationale Projekte des Städtebaus“ aufgenommen und durch das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit mit 2,6 Millionen Euro gefördert. Noch einmal 1,3 Millionen Euro gab es von der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt. Mit Lottomitteln konnte eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben werden, die schließlich bestätigte: Es ist wassertechnisch möglich. Im Fokus standen dabei der erforderliche Hochwasserabfluss über dem Spreekanal, die natürliche Reinigung des Flusswassers durch einen Pflanzenfilter. Und nicht zuletzt der heikelste Punkt, der die Überläufe der Mischwasserkanalisation in den Badebereich betrifft. Was viele Berliner nicht wissen: Bei Starkregen kann die Berliner Kanalisation das Abwasser nicht mehr fassen, es fließt an diversen Überlaufpunkten dann in den Fluss. Ein Zustand, der sich seit dem späten 19. Jahrhundert nicht geändert hat. Durch verschiedene wassertechnische Maßnahmen kann es gelingen, das Volumen von Überläufen im Projektgebiet einzudämmen, das hat die Machbarkeitsstudie unter der Federführung der Ingenieurgesellschaft Prof. Dr. Sieker mbH ergeben. Im direkten Schwimmbereich würden die Überläufe ganz unterbunden werden können. Hier sind natürlich auch die Berliner Wasserbetriebe gefragt. Sie begrüßen das Flussbad Berlin als Leuchtturmprojekt, richtet es doch den Blick der Stadtgesellschaft auf das, womit sie tagtäglich zu tun haben. Ein sauberer Fluss, das ist seit Langem auch ein Anliegen von Senat und Wasserbetrieben. So weist Astrid Hackenesch-Rump, Sprecherin der Wasserbetriebe, darauf hin, dass gerade ein Programm zur Schaffung unterirdischer Stauräume laufe. „Diese zusätzlichen Becken könnten Abwasser bei Überlastung der Kanalisation aufnehmen und für gewisse Zeit speichern“, erklärt sie. Zudem setzten sich die Wasserbetriebe für zusätzliche Sickerflächen wie Gründächer ein. Die Kanalisation würde somit entlastet. Eine grundsätzliche Entscheidung steht noch aus. Bei den Initiatoren des Flussbades gibt es außerdem die Überlegung, ob es nicht auch möglich wäre, ab und an den roten Wimpel zu hissen: Baden heute verboten. Das würde die  Stadtbevölkerung dafür sensibilisieren, dass sauberes Wasser nicht selbstverständlich ist und unsere Zivilisation ihren Preis hat.

Wassertechnisch scheint dem Projekt also nichts Grundsätzliches mehr im Wege zu stehen, bliebe da noch der Denkmalschutz. Hier hat sich im vergangenen Jahr Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, in einer Tagesspiegel-Kolumne zu Wort gemeldet. Nach seiner Einschätzung wäre der Abriss der Schinkelschen Spundmauer mit dem Denkmalschutz unvereinbar, der Welterbestatus geriete somit in Gefahr. Außerdem könnte der Lustgarten zu einer Partymeile verkommen, mit all den Begleiterscheinungen von Abfall und Lärm, wie man sie aus anderen Stadtteilen kennt. Daraufhin hat der Verein Flussbad e.V. die Pläne modifiziert und sie der Stiftung Preußischer Kulturbesitz vorgestellt. „Demnach ist nunmehr ein Einstieg in Höhe des Auswärtigen Amtes geplant und ein Abbruch der Schinkelschen Ufermauer am Alten Museum nicht mehr vorgesehen.  Seit über das Flussbad diskutiert wird, hat die Stiftung Preußischer Kulturbesitz immer wieder deutlich gemacht, dass ein Eingriff in die bauliche Integrität des Unesco-Weltkulturerbes Museumsinsel nicht in Frage kommt“, so der Sprecher der Stiftung Ingolf Kern. Zu den Grundüberzeugungen des Flussbad Berlin e.V. gehört es, mit allen Beteiligten zu  einer einvernehmlichen Lösung zu kommen. „Genau darum geht es ja überhaupt bei diesem Projekt: Wir wollen den Ort durch behutsame und intelligente Verknüpfung der Gegebenheiten weiter entwickeln. Selbstverständlich ist dabei, dass diese Lösung auch die Entwicklungsperspektive der Stiftung Preußischer Kulturbesitz aufnehmen muss“, so Tim Edler.  Natürlich sei es schade, wenn es im Bereich Lustgarten keinen direkten Flusszugang geben könnte. Mit dem Denkmalschutz besser vereinbare Alternativvorschläge sehen nun eine zweiteilige Erschließung des Spreekanals vor, durch breite Freitreppen jeweils am Auswärtigen Amt und am anderen Ende, am Bode-Museum. Die von der Stiftung geplante Erweiterung der Museumsinsel über den Kanal hinweg könnte so auch städtebaulich vermittelt werden. 

Erst einmal müsse aber der Fluss sauber sein, heißt es bei den Initiatoren. Das nächste konkrete Ziel, das der Verein Flussbad Berlin e.V. deshalb anvisiert, ist die Inbetriebnahme eines Testfilters im nächsten Frühjahr. Eigens dafür wird ein alter Schiffsrumpf umgebaut, der derzeit noch im Historischen Hafen liegt. Öffentlichkeitswirksam kann dann im Mühlengraben die Wirkungsweise des pflanzenbewachsenen Kiesfilters erprobt werden. Vor dem Garten des ehemaligen Staatsratsgebäudes der DDR, heute European School of Management and Technology, soll eine Holzplattform an eine früher hier existierende Badeanstalt erinnern.

Karen Schröder