Paulines Reise

Paulines Ankunft im Deutschen Technikmuseum [Foto: Berlin vis-à-vis]

Seit Mai dieses Jahres steht die Tenderlok T3 wieder im Lokschuppen des Deutschen Technikmuseums in Berlin. Eine Projektgruppe vom Förderverein des Museums hat sie mit Unterstützung der Gasag aufwendig restauriert. Das Berliner Energieunternehmen erinnert mit der alten Dampflok auch an seine eigene 170-jährige Geschichte. Dass ihr Name Pauline ist, gehört zu den jüngsten Recherche-Ergebnissen zur preußischen Tenderlok T3. Ein ehemaliger Betriebsingenieur der Gasag hat ihn herausgefunden. Womöglich ist sie nach der Frau des Lokführers oder einer patenten Sekretärin benannt? Niemand weiß das mehr so genau. Aber den Freunden und Förderern des Deutschen Technikmuseums in Berlin ist sie seither noch enger ans Herz gewachsen. Sie war ein Geschenk an den Förderverein nach Außer-Dienststellung im Jahr 1966. Seit 1987 hatte sie ihren Platz im Deutschen Technikmuseum Berlin. Ihr Zustand war in Ordnung – aber nicht mehr im Original, nachdem sie über 60 Jahre ihren Dienst bei der Gasag in Mariendorf getan hatte. Sie war grün statt schwarz, die authentischen Loklaternen und einige Schilder fehlten und noch so einiges war im Argen. Sie sei zur Kur, um Zipperlein zu kurieren, schrieben liebevoll die Freunde der Lok auf eine Tafel am verwaisten Platz. Die Kur dauerte etwa zwei Monate und fand in einem Werk in Neustrelitz statt.

Seit Mai ist sie nun zurück. Schwarz und rot glänzend, mit Fabrikats-Nummer, Fenstergittern, neuen Treppenstufen und ohne ein Spur von Rost steht sie wieder auf ihrem angestammten Platz im Technikmuseum. Pauline soll die vielen namenlosen Tenderloks der Baureihe T3 repräsentieren. Verlässlich zogen sie Güter- und kurze Personenzüge. Ein großes Netz von Kleinbahnstrecken entstand, sodass kleinere Orte bequemer erreicht werden konnten. Industriegeschichtlich ist die T3 von Bedeutung, weil sie eine der ersten beiden Lokentwicklungen war, die ausschließlich aus standardisierten Bauteilen bestand. Ein großer Vorteil für die Wirtschaftlichkeit. Trotzdem wurden diese Loks 1905 wieder vom öffentlichen Gleis genommen, weil die Mindestgeschwindigkeit auf den Bahnstrecken 50 Stundenkilometer betragen musste. Und Pauline und Co. schafften nur 40 Stundenkilometer. Aber als Rangierloks waren sie noch lange im Einsatz. Neben Pauline existieren noch weitere Loks ihrer Art, weiß Pedro Scheibenhuber, der Leiter der neunköpfigen ehrenamtlichen Projektgruppe des Fördervereins. Etwa zehn Jahren lang bemühten die Techniker sich, Pauline wieder in den Zustand zu versetzen, in dem sie zuletzt ihren Dienst versah. Keine andere T3-Lok hat eine vergleichbare Geschichte. „Trotzdem war viel Überzeugungsarbeit zu leisten“, erzählt Scheibenhuber. Aber wahre Enthusiasten lassen sich nicht unterkriegen. Der ehemalige Maschinenbauingenieur legte mit seinem Team Hand an, um überhaupt zu ergründen: Lohnt es sich? Seine Mitstreiter und er kamen zu dem Schluss: Ja, die Lok sollte wieder äußerlich flott gemacht werden, um den Museumsbesuchern einen Eindruck vom Original zu vermitteln. Und der gebürtige Chilene fügt hinzu: „Schließlich erzählt sie auch ein Stück Berlin-Geschichte.“ Die T3 war die Gasag-Werkbahnlokomotive Nr. 1 im Gaswerk Mariendorf, das seit 1996 auch Geschichte ist. Die Gasversorgung in Berlin wurde auf Erdgas umgestellt. Die Gasag ist zwar heute nach wie vor der Gaslieferant Nummer eins für Berlin, hat aber ihr Wirkungsfeld erweitert und versteht sich als Energiemanager. Aber Tradition verpflichtet, so pflegt das Unternehmen auch seine Geschichte, die immerhin schon 170 Jahre währt. Einen Großteil der Kosten für Paulines Facelifting übernahm die Gasag. 

Das ist insofern lobenswert, weil sich das Unternehmen hierbei für einen technischen Zeugen engagiert, der nicht auf Anhieb mit einem Gasunternehmen in Verbindung gebracht wird. Aber ohne Pauline und ihre Gefährten hätte es auch kein Gas gegeben – und sie war die Lok Nr. 1 der Gasag in Mariendorf. Geschichte verbindet.

Um die Wende zum 20. Jahrhundert hat Berlin mit Vororten 2,5 Millionen Einwohner. Berlin ist die größte Mietskasernenstadt der Welt und auch Luxus zieht ein, wie das KaDeWe. Ob Mietskaserne oder Luxuskaufhaus – alle brauchen Energie. Um den Bedarf zu decken, wird zwischen 1900 und 1901 das Gaswerk Mariendorf errichtet, seinerzeit das größte in der Stadt und direkt an der Bahnstrecke gelegen. Mit dem Bau des Teltowkanals wird ebenfalls 1901 begonnen. 1906 ist er fertig und neben der Eisenbahn wird nun auch über die Wasserstraße Steinkohle nach Mariendorf gebracht. Die robusten Tenderloks transportieren die Kohle von den Güterzügen oder Lastkähnen zu den Kammeröfen, wo das Gas gewonnen wird. Während Mariendorf und der Teltowkanal entstehen, wird auch „Pauline“ vermutlich in der „Berliner Maschinenbau-Actien-Gesellschaft vormals L. Schwartzkopff“ vermutlich in Wildau gebaut. Mit der Fabrik- und Kesselnummer 3019 wird sie 1901 ausgeliefert. Sie ist die Lok Nummer 1 für die Gasag in Mariendorf und bleibt es fast 65 Jahre lang. Dann das Aus, aber sie zu verschrotten brachte wohl niemand übers Herz. 

Nachdem sie dem Förderverein geschenkt worden war, verbrachte sie einige Zeit, sagen wir, „im Grünen“. Wohin auch mit ihr? Und mancher Spaziergänger bediente sich wohl auch an abnehmbaren Teilen. Aber vergessen war sie nicht. Einen großen Auftritt hatte die Lok 1973 zu den Berliner Filmfestspielen. Robert Aldrichs Action-Movie „Ein Zug für zwei Halunken“ lief dort außer Konkurrenz. Die Hauptdarsteller Lee Marvin und Ernest Borgnine kamen nach Berlin, um den Film vorzustellen und sie haben mit Sicherheit Pauline zur Kenntnis genommen, denn sie stand auf einem Straßentransportwagen vor dem Zoo Palast, damals dem einzigen Berlinale-Kino. Einige Jahre später, das Reisen war stark im Kommen, wurde sie an die Internationale Tourismusbörse ausgeborgt. Aber der Veranstalter sagt sich: Die Lok ist klasse, aber schwarz? Und verpasste ihr die grüne Farbe. Sie tat auch hier ihren Dienst, wurde bestaunt, aber für Technik- und Eisenbahnfans war der neue Anstrich ein Graus. Das Staunen ging noch weiter, war sie doch ein Symbol für die gute alte Zeit. Sie wurde zur Briefmarke. Die Deutsche Bundespost gab sie am 15. April 1975 als Jugendmarke heraus mit einem postalischen Wert von 40 Pfennig plus 20 Pfennig Spende. Über zwei Millionen Mal wurde die Marke gedruckt. Die Jugendmarken sollten speziell Heranwachsenden einen Zugang zur Technik vermitteln. Damals war Briefmarken sammeln noch ein Hobby. Die preußischen T3 Lok gibt es auch als Modellbahn und es existieren Baupläne für die Miniaturausgabe. 

Pauline hatte für eine Lok ein aufregendes Leben. Und jetzt genießt sie ihren Ruhestand im Lokschuppen des Deutschen Technikmuseums Berlin. 

Martina Krüger

 

70 - Frühjahr 2017
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