Geteilter Himmel über Berlin

[Foto: Berlin vis-à-vis]

„Es gibt wohl kaum einen Menschen, der sich nicht hin und wieder über das Fliegen seine Gedanken macht“, bemerkte Otto Lilienthal einmal. Der Flugpionier ist Namenspatron des Flughafen Tegel, und seine Beobachtung ist mal wieder hochaktuell. 

Mehr als 200 000 Berliner haben sich in einem Bürgerbegehren für den Erhalt Tegels ausgesprochen, Gedanken gemacht haben sich darüber sicher viel mehr, und jeder hat seine Argumente für ein Für oder Wider. Vernunft spielt eine Rolle, persönliche Betroffenheit, wenn man in Pankow, Spandau oder Reinickendorf wohnt, Nostalgie für ein Stück Berlin, mit dem sich manche Erlebnisse verbinden. Hitzig wird diskutiert, die Luft über Berlin brennt, sagen Tegel-Befürworter, und hoffen, dass ein Volksentscheid im September erste Weichen dafür stellt, den innerstädtischen Flughafen weiter zu betreiben.

Maßgeblich initiiert hat das Begehren die Bürgerinitiative „Berlin braucht Tegel“ unter Federführung der FDP um ihre Politiker Czaja, Meyer und Lindner, die sich davon politisch wohl vor allem Stimmen zur Bundestagswahl und bessere Zeiten für die Partei verspricht. Auch die AfD votiert inzwischen für Tegel. Berlins Regierender Bürgermeister Thomas Müller redet von einer „politischen Falle“, in die die Bürger von der FDP gelockt werden und spricht ein Machtwort. Er denkt auch im Falle einer Mehrheit des Volkes per Entscheid nicht daran, in Tegel weiter Flugzeuge in die Luft gehen zu lassen. Egal, wie das Volk am 24. September entscheidet. Denn gebunden daran ist er nicht. Müller will damit Luft aus der Debatte nehmen, weil er weiß, dass ihn ein mehrheitlich Pro Tegel ausfallender Volksentscheid politisch stark unter Druck setzen würde. 

Und die CDU? Ihr Ex-Senator und Bundestagskandidat Thomas Heilmann kritisiert das Versagen des Senats in der Flughafenfrage, spricht sich dann aber klar gegen Tegel aus. Die FDP mache den Bürgern mit ihrer Forderung unrealistische Hoffnungen. „Die vom Fluglärm betroffenen Anwohner werden klagen und gewinnen“, sagt Heilmann. 

Fallen, Machtworte, gegenseitige Anschuldigungen - Tegels Zukunft ist in diesem Sommer zum Spielball der politischen Auseinandersetzung in Berlin geworden. Und weit darüber hinaus, denn nicht zufällig fällt der Volksentscheid mit der Bundestagswahl zusammen. Das die Meinungen inzwischen weit auseinandergehen und sich bürgerlicher Widerstand formiert, hat Gründe; der wichtigste ist wohl das jahrelange Missmanagement auf der Schönefelder Baustelle und das Versagen der Politik, das beim Volk zu einer Menge Vertrauensverlust geführt hat. Jetzt gibt’s die  Quittung. Das Volk macht sich Luft, und mancher in der Politik kocht daraus sein Süppchen. So kann’s kommen, wenn die Dinge aus dem Ruder geraten. Der neue Flughafen könnte längst offen sein, dann gäbe es die Diskussion nicht, Tegel Zukunft wäre klar und Frieden rund um den Berliner Himmel.

So oder so stellt sich, mal ganz unabhängig von politischen Spielchen, die Frage: Braucht Berlin Tegel? Eine Sachfrage, keine zuvorderst politische, und auch hier gehen die Meinungen weit auseinander.

Ja, sagen die Befürworter; Schönefeld stößt schon bald an seine Kapazitätsgrenze von 39 Millionen Passagieren, wenigstens die Geschäfts- und Regierungsflieger sollte man weiter in Tegel starten und landen lassen, acht Millionen künftig statt jetzt zwanzig Millionen. London oder Paris betreiben auch mehrere Flughäfen. 

Nein, sagen die Tegel-Gegner; zwei Flughäfen machen wirtschaftlich keinen Sinn, es braucht ein hohes Passagieraufkommen, um sich als Umsteigeflughafen zu rechnen und für Interkontinentalflüge interessant zu sein. Und was den internationalen Vergleich betrifft: London hat 160 Millionen Passagiere, Paris 100 Millionen. Berlin 30-40 Millionen. Die Chance, ein internationales Drehkreuz wie London, Paris, Frankfurt oder München zu werden, scheint ohnehin verpasst. Aber ein weiterer Terminal sei in der Planung. Und zur Not könnte man eine weitere Startbahn bauen, schlägt etwa Thomas Heilmann vor, vielleicht in Sperenberg, mit Schnellzug nach Schönefeld, wo weiter eingecheckt wird. 

Berlin braucht Tegel, sagen die Befürworter, die Lage sei einfach einzigartig - stadtnah, leicht erreichbar, kurze Wege zu den Gates, ohne viel Kommerz. Ein Unikat im internationalen Großflughafeneinheitsbrei außerhalb der Städte.

Tegel sei damals nur erlaubt worden, weil es gar nicht anders ging, halten  die Gegner dagegen. Heute würde nirgendwo auf der Welt ein Flughafen in dieser Lage grünes Licht kriegen. Fluglärm ab 6 Uhr morgens, von dem 300 000 Menschen betroffen sind, fast zehntausend Starts und Landungen im vergangenen Jahr. Aber neue Technologien würden die Flugzeuge leiser machen. Leiser bleibt trotzdem laut.

Lange Wege und Verkehrschaos auf der A 113 von und nach Schönefeld prognostizieren die Befürworter im Falle einer Schließung Tegels. Der hat ja nicht mal einen U- oder S-Bahnanschluss und die Zufahrt sei ein Nadelöhr, kontern die Gegner. Rechtlich geht das alles sowieso nicht, werfen die einen ins Feld, mit Datum vom 29. Juli 2004 ist die Betriebsgenehmigung für Tegel widerrufen und mit der Aufhebung der Planfeststellung vom 2. Februar 2006 ist Tegel nach BER-Eröffnung kein Verkehrsflughafen mehr. Nein, nein, geht schon rechtlich, sagen Juristen der Befürworter. Aber der Senat muss es auch wollen. Und der will nicht.

So geht das hin und her, Argument, Gegenargument, so wird es weiter heiß hergehen bis zum Volksentscheid. Und vermutlich auch danach, egal, wie die Sache ausgehen wird.

Die einen sehen in zehn oder zwanzig Jahren die Flugzeuge am Himmel eines prosperierenden Berlin Richtung Tegel fliegen. Die anderen auf der ehemaligen Flughafenfläche, zweieinhalb Mal so groß wie der Tiergarten, 17500 Menschen an modernen Technologien arbeiten, gleich daneben 10 000 Wohnungen, zentrumsnah, gut angebunden, einmalig in Berlin. Egal wie es ausgeht, Berlins wird es verkraften. Aber auf dem Weg dorthin, so oder so, kann weiter eine Menge Vertrauen in die Politik und ihre Versprechen und Entscheidungen verloren gehen. Oder gewonnen werden. Das ist das eigentlich brisante an der Frage, wie es weitergeht am Himmel über Berlin.

71 - Sommer 2017
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