Wir könnten in Berlin viel mutiger sein

Andreas R. Becher [Foto: brh berlin]

Andreas R. Becher ist seit 2015 Vorsitzender des Bundes Deutscher Architekten, Landesverband Berlin. Hauptberuflich ist er geschäftsführender Gesellschafter der brh Architekten + Ingenieure GmbH in Berlin. Wir sprachen mit ihm über Architektur in Berlin.

Herr Becher, Sie sind Vorsitzender des Bundes Deutscher Architekten. Was macht für Sie außergewöhnliche Architektur aus? 

Das Entscheidende liegt ja schon im Wort: Das Außergewöhnliche! Gewöhnlicher Hochbau wird in dieser Stadt ja schon haufenweise abgeladen. Gehen Sie davon aus, dass die BDA-Architekten, und da kann ich für alle meine Kollegen sprechen, auch eine besonders durchdachte Architektur abliefern, und zwar auch in städtebaulicher sowie in baukultureller Hinsicht. 

Welche Aufgabe hat der BDA in Berlin? 

Wir melden uns zu Wort, wenn es um aktuelle Fragen der Stadtentwicklung, Architektur und Baukultur geht. Unsere 352 Mitglieder bewegen etwa ein Drittel des gesamten Bauvolumens in Berlin. Vor dem Hintergrund von insgesamt 8 000 in dieser Stadt tätigen Architekten ist das ein beeindruckendes Verhältnis, das auch viel über die Qualität der BDA-Architekten aussagt. Der Bund besteht seit mehr als 100 Jahren. 

Wie viel außergewöhnliche Architektur braucht eine Stadt, um interessant zu sein?

Je mehr, desto besser. Aktuelles Beispiel ist die Elbphilharmonie in Hamburg. Wir könnten in Berlin viel mutiger sein und sollten die Diskussionen nicht immer gleich abwürgen. Ich wünsche mir etwa einen offenen Diskurs über eine Hochhaus-Skyline in der City West. Hier sehe ich noch viel Raum für Verbesserungen.

Welche Bauten in der Hauptstadt finden Sie außergewöhnlich?

Leider kommen viele außergewöhnliche Projekte erst gar nicht zur Ausführung, weil die Politiker sie vorher zerreden oder die Entwicklung auf die lange Bank schieben. Ja, BER ist ein außergewöhnliches Bauprojekt. Als Fachmann kann man die gesamte Entwicklung und die Aneinanderreihung von Fehlentscheidungen nur noch grotesk nennen. Ich freue mich auf die Inbetriebnahme des BER vor 2020! Aber der Flughafen ist ja nun mal nicht alles, daher sollten wir zulassen, wenn an der Spree, am Alexanderplatz oder etwa in Schmargendorf vorhandene Flächen mutig entwickelt werden.

Trotz jahrelanger Abstimmungen mit den Behörden wird die „Investorenarchitektur“ am Hauptbahnhof kritisiert. Wie lassen sich denn architektonische Standards für herausragende Orte in der Stadt festlegen? 

Das ist ganz einfach: Wettbewerbe, Wettbewerbe, Wettbewerbe! Und immer schön an die Generationen nach uns denken. Dabei gibt es von unserer Seite aus auch den Wunsch, dass die Entscheidungen von einer qualifizierten Jury getroffen werden. Außerdem empfehlen wir die Teilnahme von mehr als nur drei Architekten – damit erhalten Sie immer das bessere Ergebnis.

Der aktuelle Senat möchte mit seiner Hochhausplanung den Bau von Hochhäusern in Berlin einschränken. Brauchen wir weniger oder mehr Hochhäuser? 

In Zeiten, in denen die Bodenpreise in Berlin geradezu explodieren, sind die Planung und der Bau von Hochhäusern ein probates Mittel, den immensen Kos-tensteigerungen entgegenzuwirken. Es liegt doch in der Natur der Sache, dass ich möglichst dort neu baue, wo schon Infrastruktur wie öffentlicher Nahverkehr, Straßen, aber auch öffentliche Einrichtungen vorhanden sind. Dort sollte möglichst viel Neubau zugelassen werden. Im Übrigen steht das schon im § 1 des Baugesetzbuchs: Wir haben mit unseren Bauflächen sparsam umzugehen und unnötigen Flächenfraß zu vermeiden. In die Stadt gehören gemischt genutzte Hochhäuser!

Die Diskussion um die Neugestaltung des Alexanderplatzes verläuft zwischen Nostalgikern und Modernisten. Welche Lösung gibt es?

Der BDA Berlin vertritt hierzu keine einheitliche Meinung und das ist auch gut so! Wir sind ein liberaler Verein und respektieren die Meinung und die Auffassung anderer. Diskurs ist immer gut und wir freuen uns, dass viele unserer Mitglieder sich aktiv an den Gesprächen beteiligen.

Welche Fläche würden Sie als Architekt Andreas R. Becher in den kommenden Jahren beplanen? 

Berlin hat noch so viele Baureserven, davon können andere Städte wie London oder Paris nur träumen. Ich halte es für einen großen Fehler, die Randbebauung des Tempelhofer Feldes nicht weiter in die Stadtentwicklung einzubeziehen. Sollte der BER tatsächlich in absehbarer Zeit eröffnen, ist auch die Nachnutzung für TXL als eines der größten freien Baufelder in Berlin sicherlich interessant. Im Übrigen glaube ich nicht an die aktuell prognostizierten Wachstumszahlen von Berlin. Wir können die Stadtentwicklung ein wenig gelassener angehen als bisher und auf gute Architektur achten. Die steht dann wenigstens die nächsten 100 Jahre. 

Danke für das Gespräch.

David Eckel

 

71 - Sommer 2017
_allesfinden_