Kraftwerk, Bauhaus und Landidyll

Walter Brune [Foto: Ina Hegenberger]

Ein heißer Sommertag, Goliath döst in seiner Stallbox. Der Kaltblutwallach ist Schulpferd auf Gut Klostermühle. „Ein ganz Lieber“, sagt seine Pflegerin, „einer, der sich nicht aus der Ruhe bringen lässt.“  Auf ihm können Feriengäste Reitstunden nehmen. Für Anfänger, Wiedereinsteiger oder ängstliche Reiter sei er der ideale Begleiter. Die Stallungen mit Pensions- und Schulpferden, eine große Reithalle, Übungsplätze und 15 Hektar Weideland gehören zum Feriendorf. Die Landschaft ist hügelig, ringsherum dicht gewachsener  Mischwald in allen Grüntönen;  dunkel schimmert der langgezogene Madlitzer See. „Ein Idyll“, nennt der Düsseldorfer Architekt Walter Brune das Stück Land, auf dem Mönche im 14. Jahrhundert eine Mühle, ein Forst- und eine Fischerhaus betrieben und das er als Wellnessoase mit Hotellerie, Theater, Freizeit- und Erholungsmöglichkeiten wieder nutzbar gemacht hat.

Für die Region ist Brune sicherlich ein Glücksfall. Denn die Verbindung zu Brandenburg kam zufällig durch seine Tochter und den Schwiegersohn zustande. Sie betreiben seit der Wende im ein paar Kilometer entfernten Alt Madlitz das Schlossgut, bei dessen Wiederaufbau Brune geholfen hatte.  Zu dem Zeitpunkt lag das Gelände von Gut Klostermühle brach. Die Stasi nutzte es über Jahrzehnte als Ferienanlage für Mitarbeiter und hatte ein Schulungszentrum für Offiziere errichtet. Besorgt schilderte damals der Alt Madlitzer Bürgermeister dem Düsseldorfer, dass sich die Scientology-Sekte für das stark heruntergewirtschaftete Grundstück interessiere, um es für ihre Zwecke zu nutzen, und alternativ eine Wehrsportgruppe aus Rostock. Daraufhin habe Brune sich überzeugen lassen, das Gelände und den See von der Treuhand zu kaufen und einen Hotelbetrieb aufzumachen. Da war er schon über 70. In den folgenden Jahren baute Walter Brune das Areal mitten im Wald nach seinen Vorstellungen zu einem Refugium im gehobenen Stil für erholungsuchende Städter aus. Weil von der historischen Substanz der ehemaligen Gutswirtschaft nicht mehr viel erhalten war, hat er in Handarbeit die historischen Reliefs am alten Fischerhaus nach alten Vorlagen rekonstruiert. Fast jeder Quadratmeter auf Gut Klostermühle trägt die Handschrift von Walter Brune. Einen zweistelligen Millionenbetrag hat er investiert, über 70 Arbeitsplätze geschaffen. 

Nichts erinnert mehr in dem Teil des Märkischen Seenlands an die düsteren Zeiten. Es gibt Zimmer, Suiten, Wohnungen, Hütten und Häuser, zwei Restaurants, ein medizinisch geleitetes Spa, Schwimmbecken, Saunen, Räume für Sport, Feiern und Konferenzen. Ein Tunnel verbindet Hotel und Wellnesscenter.  Gäste frühstücken im Sommer auf der Seeterrasse. Der ehemalige Offizierssaal ist ein gut ausgestattetes Theater geworden. Die neuen Gebäude sind größtenteils im Fachwerkstil errichtet, weil Fachwerk nach Auffassung Brunes schlechthin für das Ländliche stehe. 

Früher waren Großprojekte sein Metier, für die Schwerindustrie hat er entworfen, baute Kraftwerke und Fördertürme. Auch für den Handel war er tätig und errichtete u. a. für Karstadt etliche Warenhäuser. Und als Brune in den 1950er Jahren mit seinem als Bungalow konzipierten Privathaus in Düsseldorf Furore machte, beauftragten ihn bekannte Größen aus Wirtschaft und Industrie mit dem Bau ihrer Wohnhäuser.  Die Entwürfe waren so einzigartig, dass darüber in den internationalen Architekturzeitschriften berichtet wurde. Der Erfolg riss nie ab. „Ich hatte das größte Architekturbüro in Deutschland mit Satellitenbüros in New York, Teheran, Kabul, den Niederlanden.“ Für die Weltbank arbeitete er zusammen mit Marcel Breuer an Entwicklungsprojekten. Für den Schah von Persien machte er die Planung von Namak Abroud, einer neuen Stadt am Kaspischen Meer. Erst mit 70 hat er aufgehört für andere zu bauen. „Ich bin kein Dienstleister mehr, nur noch selbst  Bauherr und Architekt. Ich kann es mir leisten, alles hier aufzubauen“, sagt der heute 91-Jährige und macht dazu eine lässige Handbewegung.  Weitere Ferienhäuser schweben ihm vor, denn reichlich Bauland sei noch frei und die Nachfrage ist da. Trotzdem würde Hoteldirektor Uwe Große den unermüdlichen Hausherren gern ein wenig bremsen. Letztendlich müsse er dafür sorgen, dass für noch mehr Gäste noch mehr Personal da ist. „Ein ganz schwieriges Thema“, sagt Große. In der Gastronomie auf dem Land zu arbeiten, sei eben nicht jedermanns Sache. 

Für Brune kein Grund. So wurden im Frühjahr vier weitere Ferienhäuser fertiggestellt.  Zur Freude des Hoteldirektors sind diese ausnahmsweise und im Gegensatz zu allen anderen Unterkünften auf dem Feriengut identisch, „was die Vermietung enorm erleichtert“. Die schlichten, geschmackvoll eingerichteten Bungalows nennt er Rosenhäuser, denn Brune, der auch landschaftsgärtnerisch versiert ist, hat alle Rosensorten ringsum  selbst ausgesucht und gesetzt. „Ich kenne jede Pflanze mit lateinischem Namen“, sagt er. Das glaubt man Walter Brune, der auf ein so vielfältiges Schaffen zurückblicken kann, aufs Wort. Und wenn er alle vier bis sechs Wochen auf Gut Klostermühle nach dem Rechten sieht und weiter Pläne macht, erfreut er sich an den Rosen, die schon gut angewachsen sind.

Ina Hegenberger

 

Information

Alt Madlitz ist über die Ausfahrt Briesen der
Autobahn A 12 Berlin-Frankfurt (Oder) zu erreichen.
www.gut-klostermuehle.de

 

71 - Sommer 2017
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