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Interview (59 - Sommer 2014)

Städtische Großzügigkeit

Das 25hours Hotel gehört zum Areal Bikini Berlin und erregt mit seiner außergewöhnlichen Innenarchitektur viel Aufmerksamkeit. Berlin vis-à-vis sprach mit Werner Aisslinger, der die Entwürfe geliefert hat.

Herr Aisslinger, Sie haben zwei Jahre lang für das Interieur-Konzept des Bikini Hotels gearbeitet. Sind Sie zufrieden?

Ich bin immer etwas gespalten, einerseits zufrieden, dass es so geworden ist, wie ich es mir vorgestellt habe. Andererseits denke ich, dies und das hätte besser sein können. Allerdings muss auch nicht in jeder Ecke etwas Tolles passieren. Ich bin positiv überrascht, wie sehr es angenommen wird.

Fehlt denn etwas?

Vielleicht noch ein paar zusätzliche Aufhängungsmöglichkeiten in den Zimmern.   

Können Sie loslassen?

Ich bin oft hier und verabrede mich mit Freunden abends ins Restaurant. Es fällt nicht ganz leicht, sich mental zu lösen. Ich versuche immer „reinzugrätschen“, wenn ich da bin und denke, die müssen hier verstehen, dass es nur cool ist, wenn die Balance stimmt. Das Konzept kippt, wenn immer mehr Dinge vom Aschenbecher bis zu den Kissen beliebig ausgetauscht werden (Werner Aisslinger hält ein gestreiftes Kissen unterm Arm, dass sich offenbar hineingeschmuggelt hatte und farbig fehl am Platz war).

Ist alles „Made by Aisslinger“?

Die Deko zum Teil nicht und die Beschläge an den Sicherheitstüren auch nicht. Ansonsten finden Sie in den Zimmern, in der Lounge, im Restaurant von den Lichtschaltern und Lampen bis zu den Sitzmöbeln und Betten nur meine Entwürfe, wobei ich nicht versucht habe, zwanghaft jeden Strohhalm selbst zu kreieren. 

Was ist das Besondere am Bikini Hotel?

Die Loftatmosphäre. Ich finde sie für eine Großstadt charmant und zeitgemäß. Wir haben hier 4,50 Meter hohe Räume und wollten die auch nicht künstlich verkleinern. Berlin ist ja ohnehin schon für seine kuschelige Kneipenatmosphäre bekannt. Es wird Zeit, dass sich auch ein Stück städtische Großzügigkeit widerspiegelt, ein Hauch von New York in Berlin. 

Und im Detail; was ist neu?

Die Bar ist stufenförmig umkleidet und besetzbar. Man kann, über den Rücken hinweg, sich sein Bier bestellen und zugleich zu den Affenkäfigen im Zoo hinüberschauen. Es ist ein Ort, der eine andere Hotel-Idee vermittelt und diese lebt durch den spielerischen und experimentellen Charakter, der schon im Entree beginnt. Hier hängen Fahrräder von der Decke, ein Mini steht als Möbel – das sind Statements. Es setzt sich mit Installationen im Fahrstuhl fort. 

Von Hockern bis Hängematten, vom italienischen Stoffdesign bis zum Kelim, Konferenzinseln als Haus-im-Haus-Konzept – man erlebt hier eine enorme Vielfalt und dabei stilistische Reduktion? 

Ich glaube an die Collage als ein urbanes Lebensgefühl. Unser Konzept – „urban jungle“ – hebt ja nicht nur auf den nahen Zoo ab, sondern genau auf diese nomadisch vielfältige Lebenskultur, die wir in eine Struktur gebracht haben.

Sie haben sich für Vielfarbigkeit entschieden. Lieben Sie Farben?

Offenbar werde ich immer bunter, umso älter ich werde.   

Wie entwickelt man entlang der Trendprognosen seinen eigenen Mix?
Es ist wie ein Spiel. Man baut sich mit Farb- und Materialproben eine Welt, die in sich schlüssig ist. 

Herr Aisslinger, wie reisen Sie selbst?

Ich bin möglichst immer nur mit einem Handgepäck unterwegs und brauche immer weniger. Lieber ziehe ich mal drei Jacken übereinander als einen Koffer zu schleppen.

Was ist für Sie wichtig an einem Hotel, was notieren Sie als Spezialwunsch?

Ich lege auf einen schönen Blick viel Wert und habe da leider schon Schreckliches erlebt. Hier hat man von überall eine fantastische Sicht. Auf der Kaskadentreppe, die von der dritten Etage hinausführt, sitzt man wie am Meer.

Sie sind ein Vielreisender, was ist Ihre erste Handlung, wenn Sie ein Hotelzimmer in Besitz nehmen?

Zuerst schalte ich das Licht ein und versuche da irgendwas zu machen, denn die meisten Beleuchtungen sind furchtbar, was daher rührt, dass die Ausstattung vieler Hotels noch aus der Glühbirnenzeit herrührt. Die wurden dann einfach durch Energiesparbirnen ersetzt, und so breitet sich in der Regel ein hässliches gelbliches Licht aus. 

Was folgt dann?

Ich drapiere meine Sachen gleichmäßig im Zimmer wie einen zweiten Code. Ich überziehe die Anonymität des Hotelzimmers mit meiner persönlichen Struktur, so wird es für mich behaglich. Dafür braucht man im Übrigen nur wenige Dinge.

Wie muss ein gutes Hotel sein?

Es muss auf jeden Fall lässig sein. Man darf sich nicht beengt oder von Scheinfreundlichkeit erdrückt fühlen.

Danke für das Gespräch.


Anita Wünschmann

 

59 - Sommer 2014

Berlin bewegen

Eine Gruppe von Berliner Unternehmern möchte die mittelständische Wirtschaft in der Stadt stärken und engagiert sich mit ihrer Initiative „Made in Berlin“ unabhängig und regierungskritisch für den Standort. Berlin vis-à-vis sprach mit Gründungsmitglied Joachim Spitzley.

Wie dynamisch ist Berlin für Sie?

Joachim Spitzley: Sehr! Berlin ist kreativ, chaotisch und bietet Freiraum. Aber Unternehmertum ist in der öffentlichen Wahrnehmung wenig präsent und wird eher ambivalent bis skeptisch betrachtet.

Was heißt für Sie nachhaltig handeln im wirtschaftlichen Sinne?

Als Unternehmer bedeutet nachhaltiges Handeln, nicht nur in Quartalen, sondern generationenübergreifend zu denken! Mitarbeiter und Unternehmer sollten sich als Vermögensverwalter verstehen, deren Aufgabe es ist, langfristig den Wert des Unternehmens mit kalkulierbaren Risiken zu steigern. Für uns als Berliner Unternehmen bedeutet „nachhaltig“ aus ökonomischen und ökologischen Aspekten, beim Einkauf nach dem Kieselstein-Prinzip in konzentrischen Kreisen, zuerst in Berlin, dann im Umland, dann in Ostdeutschland usw. nach möglichen Lieferanten zu suchen.

In der aktuellen Debatte zum Tempelhof-Entscheid und Oeynhausen bewegt Berlin sich bei den Kritikern eher Richtung Kleingärtnermetropole anstatt Weltstadt. Wie denken Sie, geht es mit dem Hype um die Hauptstadt weiter?

Wie jeder Hype, wird auch der Hype um Berlin mal zu Ende gehen. Bis dahin sollten wir die Zeit für Stadtentwicklung nutzen. Infrastruktur, Wirtschaftsförderung, Standortentwicklung, Wohnraum schaffen, Erholungsgebiete definieren, eine neue Baukultur entwickeln u. v. m. müssen von Politik und Bürgern geleis-
tet werden. Es ist noch immer nicht gelungen, Ost und West zusammenzuführen. Hier muss eine gemeinsame Version für die Hauptstadt Berlin entwickelt werden.

Was nervt Sie an Berlin?

Überbordende und ineffektive Verwaltung.

Und was schätzen Sie besonders?

Freiheit und Toleranz! Jeder kann nach seiner Fasson sein Leben gestalten!

Ihr Verein hat einen Förderpreis geschaffen, mit dem Sie Unternehmen auszeichnen, die mit ihren Produkten oder Dienstleistungen nachhaltig den wirtschaftlichen Standort Berlin stärken.

Mit unserem Siegel „Made in Berlin“ wollen wir auf die Vielzahl von tollen Menschen und Unternehmen in Berlin aufmerksam machen und diesen eine Heimat und ein Sprachrohr bieten. Der Verbraucher soll die Möglichkeit erhalten, sich für ein Produkt oder eine Dienstleistung „Made in Berlin“ zu entscheiden. Darüber hinaus verleihen wir einmal jährlich einen mit 3 000 Euro dotierten Förderpreis. Bewerben können sich engagierte Unternehmen, die mit ihren Produkten oder Dienstleistungen nachhaltig den wirtschaftlichen Standort Berlin stärken. 

Welche Leute sprechen Sie mit „Made in Berlin“ an?

Alle Unternehmer, aber auch Sportler, Künstler und Wissenschaftler, vom Start-up bis zum unbekannten Weltmarktführer, dem sogenannten Hidden Champion, vom kleinen Unternehmen bis zum großen Mittelständler. Wir verstehen uns als Stadtbürger, die frei, selbstverantwortlich und unabhängig vom politischen Mainstream, Lösungen für Berlin entwickeln.   

 

Information

Bewerbungen für den Förderpreis über: www.madeinberlin-ev.de
Die Verleihung findet im Rahmen des 2. Salons, Made in Berlin, am 9. September 2014, im Ephraim-Palais statt. 

 

59 - Sommer 2014