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Magazin (65 - Winter 2016)

Sechsmal sechs Tage

Allein die Vorstellung des hochkarätigen Teilnehmerfeldes für das 105. Sechstagerennen in Berlin hatte schon etwas Prophetisches. Super-Sprinter Robert Förstemann und der neue Veranstaltungs-Chef Mark Darbon kletterten für die Fotografen eigens auf einen riesigen Eichentisch. Das symbolisierte nicht mehr und nicht weniger als: Wir wollen weiterhin hoch hinaus mit dieser sportlichen Legende der deutschen Hauptstadt.

Das scheint nach der Winter-Auflage 2016 der dienstältesten deutschen Sixdays gewährleistet, und die kurzzeitige Skepsis, die nach dem Verkauf des Rennens durch Alleingesellschafter Reiner Schnorfeil an die britische Madison Sport Group aufkam, ist völlig gewichen. Hatten die neuen Veranstalter schon mit der Wiederbelebung des Londoner Sechstagerennens nach 35 Jahren Pause im vergangenen Herbst ihre Eignung demonstriert, stellten sie das mit der Fortführung des Berliner Konzepts noch eindeutiger unter Beweis. „Hier ist das Publikum noch mehr auf den Sport fixiert. Da ist das Rahmenprgramm zwar wichtig, wird aber von den meis-ten Besuchern wirklich nur als Auffüllung der Pausen wahrgenommen“, stellte Mark Darbon nach den sechs Nächten im Velodrom fest. Die meis-ten Radsport-Enthusiasten hätten zu seiner großen Verwunderung gar nicht mitbekommen, dass es für Schauvorführungen künstlerischer Art eine eigene Halle im großen Komplex gibt.

Die Madison Sport Group hat höherfliegende Pläne, was nicht nur durch das Klettern auf Tische, sondern auch durch richtige Taten untermauert werden muss. Mark Darbon will London und Berlin in den nächsten Jahren in eine Art Grand Prix der Sechstagerennen einbetten. Dabei schwebt dem Briten eine Serie von sechs Rennen vor, in die auf alle Fälle New York eingebunden werden soll. Schließlich stammt der heute noch verwendete Name für die typischen Zweier-Mannschaftsrennen der Sixdays aus der Metropole am Hudson-River: Madison. Im Madison Square Garden wurde die Art des Radfahrens populär und soll nach London auch dort wiederbelebt werden. „Deswegen wollen wir von Berlin lernen, vor allem was die sportliche Ausrichtung betrifft. Wir heben die Sechstagerennen auf eine höhere sportliche Stufe“, verspricht Darbon. In Berlin mit dem Velodrom ist das kaum noch zu toppen, aber als Serie hätten die Sixdays weltweit einen viel lauteren Ruf.    

Hans-Christian Moritz

 

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Große Show mit „Goldenem Vorhang“

Den außergewöhnlichsten Auftritt des Abends legte Boris Aljinovic hin. Er zeigt ja hin und wieder auch gerne seine artistischen Fähigkeiten. Den „Goldenen Vorhang“, einen Publikumspreis, den ihm die Wähler des „Berliner Theaterclubs“ als ihrem derzeit beliebtesten Schauspieler zugesprochen haben, holte er sich im Renaissance-Theater durch spektakuläres Abseilen von hoch oben herunter zur Bühne ab. 

Mit einem weiteren „Goldenen Vorhang“ wurde Multitalent Katharine Mehrling ausgezeichent, die derzeit als „My Fair Lady“ in der „Komischen Oper“ wieder einmal das Publikum zu heller Begeisterung hinreißt.

Horst-H. Filohn, der 1977 ans Renaissance-Theater kam und 1995 die Intendanz übernahm, erhielt aus der Hand Otfried Laurs, Chef des „Berliner Theaterclubs“, die „Goldene Iffland-Medaille“ für seine großen Verdienste um die Rettung dieses bildschönen Privattheaters. Es befand sich damals in einer tiefen Krise, gehört jedoch heute durch Filohns Wirken zu den sowohl künstlerisch als auch geschäftlich erfolgreichsten Bühnen der Hauptstadt. Die abwechslungsreiche Gala mit Preisverleihung wurde von dem vielseitig begabten Theater-, Film- und Fernsehstar Hans-Jürgen Schatz nicht nur geschrieben und gestaltet. Er führte auch selbst als singender und tanzender Conferencier durch den unterhaltsamen Abend. Im Publikum sah man viele bekannte Kollegen, die aufmerksam sein Tun verfolgten und ihm neidlos applaudierten. 

Weitere prominente Schauspieler, Sänger, Tänzer und Showstars traten auf, darunter die kesse Dagmar Biener, aber die erste „Stehende Ovation“ erntete Klaus Sonnenschein, der nach dem Tod Edith Hanckes am 4. Juni dieses Jahres, seiner über alles geliebten Frau, die selbst 14 (vierzehn!) „Goldene Vorhänge“ erhalten hat, nach sechs Monaten erstmals wieder auftrat. Stark abgemagert stand er auf der Bühne und rezitierte auswendig, souverän und ergreifend ein zu Herzen gehendes Gedicht des verstorbenen Joachim Fuchsberger zum Thema Alter: „Man fragt wie's mir geht? Naja, man macht sich so seine Gedanken mit siebenundachtzig. Da macht sich nämlich mit Verlaub das Leben so langsam aus dem Staub.“ Das gab dieser fröhlichen Veranstaltung die nötige Tiefe, um lange in Erinnerung zu bleiben. 

Gudrun Gloth

 

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Stars im Wettbewerb

Bei der 66. Berlinale werden vom 11. bis 21. Februar mehr als 400 Filme gezeigt. Berühmte Namen versprechen die Wettbewerbsfilme. Wann gibt es im Kino schon Beifall, gar Szenenapplaus und eine popcornfreie Zone? Die Stimmung bei der Berlinale ist immer eine ganz besondere. Fast jeder Film ist eine Premiere, zu sehen auf riesigen  Leinwänden im Berlinale Palast, in der Urania, im Friedrichstadtpalast; die Schauspieler sind mit ihren eigenen Stimmen zu hören. George Clooney spricht wirklich und nicht seine Synchronstimme. Und wo kommt man so schnell mit wildfremden Leuten ins Gespräch? Das sind scheinbare Nebensächlichkeiten, aber sie machen dieses Festival für jeden Besucher auf gewisse Weise sinnlich. Also auf – zu den 66. Internationalen Filmfestspielen. Den Vorsitz des Gremiums, das über Bärengewinner entscheidet, hat Meryl Streep. Sie als Jury-Vorsitzende gewonnen zu haben, darauf sind die Veranstalter  stolz. Für welche Gewinner werden sich die Filmexperten entscheiden? Für den Eröffnungsfilm der Brüder Coen „Hail, Caesar!“ schon mal nicht. Diese Geschichte über das goldene Zeitalter Hollywoods läuft außer Konkurrenz, bringt aber vermutlich ein gewaltiges Staraufkommen auf den roten Teppich. Es spielen unter anderem George Clooney, Ralph Fiennes, Scarlett Johansson und Tilda Swinton. Der Film kommt übrigens noch während der Berlinale ins reguläre Kino (18.2.).

Einer, der es gleich mit seinem Debütfilm in den Wettbewerb geschafft hat, ist Michael Grandage mit „Genius“. Colin Firth spielt an der Seite von Jude Law und Nicole Kidman. Der Film erzählt von dem genialen Herausgeber Max Perkins, der Hemingway und F. Scott Fitzgerald den Weg in die Berühmtheit ebnete. Nun will er dieses auch für den Schriftsteller Thomas Wolfe tun, doch das gestaltet sich schwierig.

Ein internationales Team hat sich an Falladas „Jeder stirbt für sich allein“ versucht, unter anderem mit Daniel Brühl und Emma Thompson. Ebenfalls Bezug zu einer literarischen Vorlage weist Danis Tanovics „Death in Sarajevo“ auf. Grundlage ist der Text des französischen Philosophen Henry Levy anlässlich des 100. Jahrestages des Attentats von Sarajevo. Dies verspricht ein ebenso interessantes wie auch andersartiges Experiment zu werden. Der Film „Aus dem Leben eines Schrottsammlers“, für den der Regisseur 2013 einen Silbernen Bären bekam, zeichnete das Leben einer bosnischen Familie, die vom Schrottsammeln lebt, dokumentarisch auf. Der Protagonist Nazif Mujic bekam einen Bären als bester Hauptdarsteller, beantragte mit seiner Familie Asyl in Deutschland, wurde aber abgelehnt und abgeschoben.

Sicher ist der Wettbewerb das Kernstück des Festivals, aber eine wunderbare Besonderheit der Berlinale ist auch, dass sie Überblicksreihen bietet. Zum Beispiel von Michael Ballhaus: 2016 erhält er den Goldenen Ehrenbären für sein Lebenswerk und als Hommage gibt es zehn Filme von ihm am Stück.

Das Jahr 1966 stellt für die DDR und die Bundesrepublik einen filmischen Wendepunkt dar. Im Westen traten die Autorenfilmer auf den Plan, die entgegen dem „Heile-Welt-Kino“ Widersprüche in der Gesellschaft thematisierten. Im Osten wollten dies einige Regisseure auch tun. Das wusste die Zensur zu verhindern,  die die Hälfte einer Filmjahresproduktion in den Giftschrank verbannte. Eine Retrospektive bringt die Filme dieses spannenden Kinojahres nach einem halben Jahrhundert nun auf die Leinwand. Und schließlich wären da noch die vielen Filme aus den diversen Sektionen wie dem Panorama, Forum oder den Berlinale Shorts, die es  wirklich nur auf der Berlinale zu sehen gibt.                       

Martina Krüger

 

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