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Wirtschaft (59 - Sommer 2014)

Traditionsautohaus trifft Traditionsmarke

Mercedes-Benz Heinz Hammer gehört in Berlin zu den Autohäusern, deren Name für Tradition steht. Seit 1964 ist die Firma autorisierter Mercedes-Benz Partner und residiert heute an zwei Standorten.

Vorbei am alten, idyllisch gelegenen Stadtgut Berlin-Buch, fast schon an der Berliner Stadtgrenze in Richtung Zepernick, ist die Glasfassade des modernen Showrooms im sonst eher ländlich wirkenden Ambiente rechter Hand nicht zu übersehen. Mit der Adresse Alt-Buch 72 gehört das Autohaus seit 1997 zum zweiten Standort der Heinz Hammer GmbH hier im Nordosten von Berlin.

Wir treffen Geschäftsführer André Heim, der gewöhnlich zwischen dem Stammhaus in der Ollenhauerstraße 116–117 in Reinickendorf und dem Standort Buch hin- und herpendelt. In diesem Jahr feiert das Autohaus 50 Jahre treue Partnerschaft mit Mercedes-Benz. Heinz Hammer, der Namenspatron der Firma, hatte nach dem Krieg, Ende der 1940er-Jahre, zunächst eine freie Autowerkstatt in der Kreuzberger Adalbertstraße 9 gegründet, seit 1964 aber dann mit der Marke Mercedes-Benz zusammengearbeitet. Mitte der 1970er-Jahre hat er sein Unternehmen verkauft, sodass von der jetzigen Belegschaft nur die älteren Mitarbeiter ihn je kennenlernten. Wegen der Bekanntheit des Autohauses in Westberlin blieb aber aus Traditionsgründen sein Name Bestandteil des Firmennamens, so André Heim, der das Autohaus seit 2009 leitet. Mit der Marke Mercedes-Benz entwickelte sich die Firma neben ähnlich geführten Familienbetrieben, wie die Autohäuser in Zehlendorf oder in Steglitz, zu einem erfolgreichen, bekannten Autohaus in Westberlin. Damals, in der Zeit des Wiederaufbaus, der Wirtschaftswunderzeit, in der viele kleine und mittelständische Unternehmen entstanden sind, galt ein Mercedes als Beleg für Leistungsbereitschaft und Unternehmertum. Es waren vor allem Firmengründer und Geschäftsleute, die stolz waren auf ihre Leistung, ihren Erfolg und die sich mithin nicht nur einen Mercedes leis-ten konnten, sondern für die die Marke auch als Statussymbol diente. Hinzu kam, dass sie darüber hinaus auf Langlebigkeit und Wertbeständigkeit Wert legten, denn für all das stand und steht die Marke Mercedes-Benz bis heute. Mitte der 80er-Jahre zog die „Gründungswerkstatt“ in Kreuzberg, die nicht mehr den Standards von Mercedes-Benz folgen konnte, nach Reinickendorf. Zudem galt der Norden von Berlin als sogenannter weißer Servicefleck im Mercedes-Umfeld. So entstand ein Neubau in der Ollenhauerstraße 116–117 als neuer Firmensitz. Eröffnung war 1988 und das neue Autohaus galt sogar als „Pilotprojekt für Ballungszentren“, für das sich damals Berufskollegen aus der ganzen Bundesrepublik interessierten. „Aber natürlich ohne zu wissen, dass ein Jahr später die Mauer fallen und der Standort auf den 3 000 Quadratmeter großen Gelände dann ”eventuell zu klein sein könnte“, erzählt André Heim. Dennoch werden auf kleinstem Raum alle Servicestandards für Pkw und Transporter, die Mercedes forderte, erfüllt.

In Buch fand sich glücklicherweise auf dem 20 000 Quadratmeter großen Gelände des bis 1990 bestehenden Betriebs für Landmaschinenreparatur ein geradezu idealer zweiter Standort. Dazu technisch ausgebildete Mitarbeiter, von denen 20 übernommen werden konnten. Mit attraktivem Showroom, Servicewerkstatt und 1 200 Quadratmeter großer Ausstellungsfläche für Neu- und Gebrauchtwagen wurde dort schließlich der Standort Buch 1997 eröffnet.  „Beide Standorte sind allerdings gleichberechtigt“, betont André Heim. Beide Betriebsteile funktionierten selbstverständlich 100-prozentig nach den hohen Standards und Vorgaben, die Mercedes von seinen autorisierten Vertriebs- und Servicepartnern fordert. Derzeit beschäftigt die Firma insgesamt ca. 70 Mitarbeiter. „Stolz sind wir auf unsere hohe Mitarbeiterloyalität, mit langjährigen Mitarbeitern, oftmals seit der Lehre. Dabei steht Ausbildung an oberster Stelle. Derzeit bilden wir zum Kfz-Mechatroniker, Facharbeiter für Lagerlogistik, im Bereich Karosseriebau und auch zum Automobilkaufmann aus, insgesamt jährlich etwa 12 Auszubildende, so Heim. Dass dem auch entsprechende Taten seines gesamten Teams folgen, beweist der von der „Auto Motor Sport“ durchgeführte Werkstatttest. Das Autohaus Heinz Hammer erhielt das Prädikat „Besonders empfehlenswerte Werkstatt“ und wurde mit dem „Goldenen Schraubenschlüssel“ ausgezeichnet.

Derart erfolgreich zu sein, ist zwar nicht automatisch mit gesellschaftlichem Engagement verbunden, doch für Heinz Hammer gehört es zur praktizierten Firmenkultur. „Wir engagieren uns für die Initiative chronisch
kranker Kinder und deren Eltern (ICKE), in Zusammenarbeit mit dem Helios-Klinikum Berlin-Buch, organisieren Konzerte und führen Sammelaktionen durch. Außerdem unterstützen wir die Jugendfeuerwehr in Buch. Die Unterstützung von Jugendarbeit in verschiedenen Einrichtungen und Clubs ist uns ein besonderes Anliegen.“ André Heim hätte auch standesgemäß sagen können: „Tradition verpflichtet eben.“

Reinhard Wahren 

 

59 - Sommer 2014

Überwiegend gute Stimmung im Berliner Mittelstand

Berlin ist eine der dynamischsten Wirtschaftsregionen Europas. Als beliebter Geschäfts- und Forschungsstandort florieren einerseits bereits bestehende Firmen in der Hauptstadt, andererseits werden junge Unternehmen aus der klassischen wie auch der wissensbasierten Industrie von Berlin magisch angezogen. Das Ergebnis sind eine gute Wirtschaftslage und steigende Beschäftigungszahlen. Mit dem KMU-Report 2014 liefern Creditreform Berlin und die Investitionsbank Berlin im vierten Jahr in Folge relevante Zahlen zur Berliner Wirtschaft in Form eines branchen-übergreifenden Stimmungsbarometers des Berliner Mittelstandes (Kleine und Mittlere Unternehmen/KMU)

Wirtschaftswachstum und kein Ende? Das könnte beinahe der Eindruck sein, der entsteht, wenn man die Erfolgsmeldungen der letzten Monate rund um die Berliner Wirtschaft betrachtet. Um jedoch belastbare Aussagen treffen zu können, braucht es genaue Zahlen. Die Creditreform Berlin Wolfram KG und die Investitionsbank Berlin haben auch in diesem Jahr wieder eine repräsentative Erhebung zur aktuellen wirtschaftlichen und finanziellen Situation von Berliner Firmen durchgeführt. Wie schon in den Vorjahren haben über 1 000 in Berlin beheimatete Mittelstands-Unternehmen aus den Bereichen Industrie, Handel, Dienstleistungen und Bau bei der Befragung mitgemacht und über ihre Standorteinschätzung, geschäftliche Zufriedenheit und ihre Zukunftspläne Auskunft gegeben. Wie ist die Lage aktuell, und welche Erwartungen verbindet man mit der Zukunft? Der Report liefert Ergebnisse, Bewertungen und Prognosen und erlaubt somit eine verlässliche Interpretation der wirtschaftlichen Stimmungslage.

2013 war ein gutes Jahr für die mittelständische Wirtschaft in der Bundeshauptstadt – Berlins Bruttoinlandsprodukt legte um 1,2 Prozent zu. Wie wird die Entwicklung in diesem Jahr sein? In den vergangenen Monaten ist das gesamtwirtschaftliche Umfeld sogar noch freundlicher geworden. Das liegt nicht zuletzt an dem milden Winter, der etwa die Bautätigkeit in der Stadt durch geringe Beeinträchtigungen begünstigte. Vor allem aber daran, dass die unternehmensnahen Dienstleistungen, die mehr als 20 Prozent der Berliner Umsätze insgesamt ausmachen, im ers-ten Quartal 2014 mit 5,9 Prozent kräftig gestiegen sind. Allerdings zeichnen sich auch neue Risiken ab – Stichworte sind hier Rente mit 63, Ukraine-Krise oder Energiewende. Wie beurteilen also die kleinen und mittleren Unternehmen Berlins die Entwicklungen der letzten Monate? Sind Unterschiede zur Einschätzung des Vorjahrs festzustellen? Wie sehen die Pläne der Unternehmen aus? Und haben sich die Finanzierungsbedingungen verbessert oder eher verschlechtert? 

Die Stimmung stimmt

Nach der aktuellen Konjunkturlage befragt, bezeichneten mit 58 Prozent mehr als die Hälfte der Unternehmen ihre Lage als „sehr gut“ oder „gut“. Die Einschätzungen der Berliner Firmen liegen damit im Bundestrend. Eine günstige Wirtschaftslage war besonders im Baugewerbe auszumachen. Die Aussagen der Dienstleister sind etwas zurückhaltender als im Vorjahr. 

Jedes zweite befragte Unternehmen erzielte ein Umsatzplus (50,6 Prozent). Einbußen beim Umsatz mussten dagegen 18,1 Prozent der Unternehmen hinnehmen. Damit war die Umsatzentwicklung etwas weniger dynamisch als im Jahr zuvor. 

Mehrheitlich positive Erwartungen

Der Berliner Mittelstand geht zuversichtlich von einer Fortsetzung des Aufschwungs aus. Knapp die Hälfte der befragten Unternehmen (44,8 Prozent) rechnet mit einem Umsatzplus in diesem Jahr. Eine große Zahl zuversichtlicher Meldungen kommt aus dem Dienstleistungssektor und dem Handel. Vor diesem Hintergrund erscheint die Einstellungsbereitschaft in 2013 etwas verhalten: Mit 32,3 Prozent gibt zwar rund ein Drittel der Befragten an, im Jahresverlauf die Mitarbeiterzahl aufgestockt zu haben, das ist aber ein Rückgang um gut vier Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahr. 

Dagegen ist der Anteil der Unternehmen, die ihren Personalbestand verkleinert haben gegenüber dem Vorjahr leicht auf 12,2 % angestiegen. Die künftigen Personalplanungen der kleinen und mittleren Unternehmen sind weiter expansiv, allerdings weniger deutlich als im Vorjahr. Mit 26,7 Prozent hat gut ein Viertel der Unternehmen eine Aufstockung des Personalbestandes angekündigt (Vorjahr 30,8 Prozent). Vor allem im Verarbeitenden Gewerbe wird neues Personal benötigt, während die Personalplanungen der Dienstleister zurückhaltender sind.

Investition und Finanzierung

Die Investitionstätigkeit ist in der gesamten Breite des Mittelstandes hoch – 54 Prozent der Befragten haben ein Investitionsvorhaben geplant. Das ist zwar weniger als im Vorjahr (58,8 Prozent), liegt aber über dem bundesdeutschen Durchschnitt von 52 Prozent. Auffällig ist ein starker Rückgang investitionswilliger Unternehmen im Handel. Die Ertragslage ist anhaltend gut: für 45,2 Prozent der Befragten lagen die Erträge im Jahr 2013 höher als im Vorjahr. Starke Einbußen gab es allerdings im Handel.  Die weitere Ertragsentwicklung wird insgesamt positiv eingeschätzt: 40,2 Prozent rechnen mit einem Plus, und nur etwa jeder Achte (12,9 Prozent) erwartet einen Rückgang, wobei der Handel hier deutlich pessimistischer ist als im Vorjahr.

Tendenziell verbessert haben sich die Eigenkapitalquoten im Mittelstand. Rund 26,7 Prozent der Unternehmen verfügen über eine Eigenkapitalquote von mehr als 30 Prozent (Vorjahr 24,9 Prozent). Die aktuellen Finanzierungsbedingungen werden von den klein- und mittelständischen Unternehmen weitgehend als „sehr gut“, „gut“, oder „befriedigend“ bezeichnet (56,8 Prozent; Vorjahr 51,8 Prozent). Die Bedeutung des Bankkredits als Finanzierungsquelle hat im Vergleich zum Vorjahr jedoch leicht abgenommen. Die Unternehmen setzen dafür mehr Eigenmittel ein.

Edith Döhring

59 - Sommer 2014

Berlin bewegen

Eine Gruppe von Berliner Unternehmern möchte die mittelständische Wirtschaft in der Stadt stärken und engagiert sich mit ihrer Initiative „Made in Berlin“ unabhängig und regierungskritisch für den Standort. Berlin vis-à-vis sprach mit Gründungsmitglied Joachim Spitzley.

Wie dynamisch ist Berlin für Sie?

Joachim Spitzley: Sehr! Berlin ist kreativ, chaotisch und bietet Freiraum. Aber Unternehmertum ist in der öffentlichen Wahrnehmung wenig präsent und wird eher ambivalent bis skeptisch betrachtet.

Was heißt für Sie nachhaltig handeln im wirtschaftlichen Sinne?

Als Unternehmer bedeutet nachhaltiges Handeln, nicht nur in Quartalen, sondern generationenübergreifend zu denken! Mitarbeiter und Unternehmer sollten sich als Vermögensverwalter verstehen, deren Aufgabe es ist, langfristig den Wert des Unternehmens mit kalkulierbaren Risiken zu steigern. Für uns als Berliner Unternehmen bedeutet „nachhaltig“ aus ökonomischen und ökologischen Aspekten, beim Einkauf nach dem Kieselstein-Prinzip in konzentrischen Kreisen, zuerst in Berlin, dann im Umland, dann in Ostdeutschland usw. nach möglichen Lieferanten zu suchen.

In der aktuellen Debatte zum Tempelhof-Entscheid und Oeynhausen bewegt Berlin sich bei den Kritikern eher Richtung Kleingärtnermetropole anstatt Weltstadt. Wie denken Sie, geht es mit dem Hype um die Hauptstadt weiter?

Wie jeder Hype, wird auch der Hype um Berlin mal zu Ende gehen. Bis dahin sollten wir die Zeit für Stadtentwicklung nutzen. Infrastruktur, Wirtschaftsförderung, Standortentwicklung, Wohnraum schaffen, Erholungsgebiete definieren, eine neue Baukultur entwickeln u. v. m. müssen von Politik und Bürgern geleis-
tet werden. Es ist noch immer nicht gelungen, Ost und West zusammenzuführen. Hier muss eine gemeinsame Version für die Hauptstadt Berlin entwickelt werden.

Was nervt Sie an Berlin?

Überbordende und ineffektive Verwaltung.

Und was schätzen Sie besonders?

Freiheit und Toleranz! Jeder kann nach seiner Fasson sein Leben gestalten!

Ihr Verein hat einen Förderpreis geschaffen, mit dem Sie Unternehmen auszeichnen, die mit ihren Produkten oder Dienstleistungen nachhaltig den wirtschaftlichen Standort Berlin stärken.

Mit unserem Siegel „Made in Berlin“ wollen wir auf die Vielzahl von tollen Menschen und Unternehmen in Berlin aufmerksam machen und diesen eine Heimat und ein Sprachrohr bieten. Der Verbraucher soll die Möglichkeit erhalten, sich für ein Produkt oder eine Dienstleistung „Made in Berlin“ zu entscheiden. Darüber hinaus verleihen wir einmal jährlich einen mit 3 000 Euro dotierten Förderpreis. Bewerben können sich engagierte Unternehmen, die mit ihren Produkten oder Dienstleistungen nachhaltig den wirtschaftlichen Standort Berlin stärken. 

Welche Leute sprechen Sie mit „Made in Berlin“ an?

Alle Unternehmer, aber auch Sportler, Künstler und Wissenschaftler, vom Start-up bis zum unbekannten Weltmarktführer, dem sogenannten Hidden Champion, vom kleinen Unternehmen bis zum großen Mittelständler. Wir verstehen uns als Stadtbürger, die frei, selbstverantwortlich und unabhängig vom politischen Mainstream, Lösungen für Berlin entwickeln.   

 

Information

Bewerbungen für den Förderpreis über: www.madeinberlin-ev.de
Die Verleihung findet im Rahmen des 2. Salons, Made in Berlin, am 9. September 2014, im Ephraim-Palais statt. 

 

59 - Sommer 2014

Berlin-Macher

Dass Berlin dazu verdammt ist, immerfort zu werden und niemals zu sein, wusste schon im Jahr 1910 der Publizist und Kunstkritiker Karl Scheffler. Ein oft zitierter Satz, der noch heute gilt. Umso mehr sind Menschen gefragt, die vor oder hinter den Kulissen etwas bewegen und die Stadt ein Stück voranbringen. Wir stellen sie in jeder Ausgabe vor, die Berlin-Macher. Diesmal Tobias Tuchlenski.

Der Mann wirkt, wie ein Hanseat eben so wirkt: bescheiden, zurückhaltend, stilsicher. Mit den eher vorsichtig ausgesprochenen Worten „Ich glaube, Sie wollen zu mir“, kommt Tobias Tuchlenski in das Besucherzimmer und holt mich ab. Dabei hätte er für diese Aufgabe – rein theoretisch – auf 6 500 Mitarbeiter zurückgreifen können, die er in den 150 Filialen von Kaiser’s/Tengelmann in Berlin und dem Umland als Regionalmanager führt und lenkt. Doch er tut es selber und geht mit mir den schier endlos wirkenden Gang bis zu seinem Büro.

Auch das wirkt hanseatisch. Von Prunk und Pomp keine Spur, vielmehr funktionell und doch irgendwie persönlich. So persönlich, wie auch unser Gespräch beginnt. Dabei hat man das Gefühl, dass sich der 50-Jährige wirklich für sein Gegenüber interessiert und es sich nicht um den üblichen Small Talk handelt, der in aller Regel alles andere als persönlich ist. Und so nähern wir uns langsam einander an und kommen schließlich mit der Frage „Wie hat es Sie eigentlich zu Kaiser’s/Tengelmann verschlagen?“, zum eigentlichen Thema. Vor 18 Jahren sei das gewesen, da habe ihm ein Freund spannende Geschichten aus der Lebensmittelbranche erzählt und ihn, nachdem er interessiert gewesen sei, auch noch empfohlen. Seitdem arbeitet Tuchlenski für die Supermarkt-Kette, die letzten elf Jahre verantwortlich für Berlin. Und das ganz offensichtlich mit voller Begeisterung. „Die Lebensmittelbranche verändert sich ständig, entwickelt sich weiter. Da entdeckt man laufend neue Dinge, die man auch selber genießen kann“, erzählt er ganz offen und beweist damit, dass er es durchaus versteht, berufliche Notwendigkeiten mit privatem Nutzen zu kombinieren.

Dabei gesteht der gebürtige Hamburger, der zunächst Groß- und Außenhandelskaufmann gelernt, als solcher auch ein Jahr in New York bei einem Stahlunternehmen gearbeitet und schließlich in Berlin an der Technischen Universität (TU) Betriebswirtschaftslehre studiert hat, ganz unumwunden, dass er nicht der ganz begnadete Koch ist. Dafür kennt er aber solche Köche, wie zum Beispiel Hans-Peter Wodarz, mit dem er immer mal wieder am Herd steht und mit dem er die Sendung „berlin kocht“ bei tv.berlin ins Leben gerufen hat. Seit 2010 gibt es die Sendung schon. Und präsentiert wird sie, wie sollte es anders sein, natürlich von Kaiser’s, das nicht nur die Rezepte auf der Webseite bereit hält, sondern auch die Zutaten in den Filialen.

In denen kann Tuchlenski über die Jahre hinweg beobachten, wie sich die Einkaufs- und Essgewohnheiten der Menschen ändern. So habe Anfang des neuen Jahrtausends auch in der Lebensmittelbranche die „Geiz ist geil“-Mentalität Einzug gehalten. Mittlerweile stellt er allerdings wieder eine Polarisierung und Konzentration auf Qualität fest. Die Gourmet-Ecken in den Supermärkten würden immer größer. Selbst die Discounter setzten verstärkt auf ihre Premiummarken wie DeLuxe und Gourmet. Gleichermaßen sei die Aufmerksamkeit, die Lebensmitteln entgegengebracht werde, deutlich gestiegen, wie auch der Trend zu Bio-Produkten sowie vegetarischer und veganer Ernährung unterstreicht. Dass zudem immer mehr Menschen – angeheizt durch die zahlreichen Kochshows im Fernsehen – in den eigenen vier Wänden kochen wollen, hat diese Entwicklung seiner Ansicht nach nur noch beschleunigt.

Neben seiner Lebensmittel-Welt gibt es für Tuchlenski allerdings auch noch ein zweites Leben. Da sind seine Lebensgefährtin und sein Sohn, und da sind seine Hobbys Wakeboarden, Ski- und Motorradfahren sowie mindestens zweimal die Woche Joggen um den Grunewaldsee. Doch so, wie er an sich denkt, denkt er auch an andere Menschen. Die Liste seiner Engagements bzw. Sponsorings ist lang: „Berlin. Stimmt so!“ zugunsten der Berliner Tafel, für die Kaiser’s Kunden an der Kasse ihren Rechnungsbetrag aufrunden können, „A&P Berlin Summer Rave“, das legendäre Techno-Festival auf dem Tempelhofer Feld, den großen Kaiser’s Familien-Renntag auf der Trabrennbahn Mariendorf, die Fußball-Akademie von Hertha, das Konzerthaus am Gendarmenmarkt, der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland und der Christopher Street Day.

„Bei uns ist jeder Kunde willkommen, egal welcher Herkunft, Hautfarbe, Religion oder sexuellen Orientierung. Je bunter, unterschiedlicher die Menschen, desto spannender empfinden wir das Geschäft“, umreißt Tuchlenski seine Grundeinstellung und die von Kaiser’s/Tengelmann. Die Offenheit, die das Unternehmen mit seinen vielfältigen Engagements praktiziert, kommt dabei offensichtlich nicht nur bei den Kunden, sondern auch potenziellen Mitarbeitern an. Vor allem junge Bewerber fänden das „cool“ und erwähnten das auch bei Bewerbungsgesprächen.

Dass sich das Gros der Mitarbeiter –nach der letzten Statistik ist Kaiser’s/Tengelmann immerhin der zehntgrößte Arbeitgeber in Berlin – ziemlich wohl fühlen muss, lässt sich daran ablesen, dass 1 900 der 6 500 Beschäftigten in Berlin und Brandenburg, das sind fast 30 Prozent, schon 20 Jahre und länger für das Unternehmen arbeiten, einige sogar über 40 Jahre. Jedenfalls spricht dies für eine große Zufriedenheit mit dem Arbeitgeber.

Der hat seit letztem Jahr übrigens einen neuen Claim, mit dem er sein Markenprofil schärfen will: Immer eine gute Idee. Damit sollen die Kunden nach dem Willen der Zentrale immer wieder aufs Neue informiert und inspiriert werden. Das hat Tuchlenski irgendwie wörtlich genommen und gemeinsam mit dem Vorstand der 1000hands AG Bernd Müller etwas ausgeheckt, mit dem sie weltweit die Ersten waren: Eine Indoor-Navigation für Supermärkte. Das Ganze funktioniert so: Man lädt sich im App-Store die App „Kaiser’s Berlin“ runter, bestückt seine Einkaufsliste, geht in die Filiale Knesebeckstraße 56–58 oder Clayallee 336 und wird auf dem schnellstmöglichen Weg durch den Markt gelotst.

Detlef Untermann

 

59 - Sommer 2014

Die Leute rennen uns die Bude ein

Ein Treffen mit dem Berliner Fabrikanten Olaf Höhn ist wie Eiscreme in der Sonne. Viel zu schnell vorbei. Der Gründer, Chef und Inhaber von Florida Eis verkauft seit dreißig Jahren Eiscreme, aber erst seit ein, zwei Jahren fühlt er sich als Unternehmer, sagt er. Seit er für sich entschieden hat, wie die Zukunft der Eisherstellung aussehen soll. Sein Slogan: Wir machen aus Sonne Eis.

Er hätte auch Bockwurst verkaufen können – theoretisch, sagt Olaf Höhn lachend auf die Frage nach seinem Erfolgsrezept als Unternehmer. Nein, es ist die Liebe zum Eis und gleich danach kommt das handwerkliche Können. Das bringt die Konditorin Simone Gürgen mit. Als er 1985 sein erstes Eiscafé in der Klosterstraße in Spandau kaufte, war sie mit dabei. Sie wurde Teilhaberin. „Eis machen kann jeder“, sagt Höhn, „aber sie macht das beste. Sie macht Spitzen-Eis.“ 70 Sorten inklusive milch- und glutenfreie werden mittlerweile in der hauseigenen Manufaktur hergestellt. Angefangen hat Florida Eis mit vier Läden, die es heute auch noch gibt. Im Winter war geschlossen und Höhn konnte die freie Zeit genießen, Reisen machen, Weltbürger werden. Dann trat der Handel an ihn heran und damit war klar, dass die gemietete Fabrikhalle zu eng wird. 

Heute gibt es Florida Eis ganzjährig, in der vierten Generation Verpackungen und Merchandise-Artikel. König Ludwig Glace Royale ist die jüngste Kreation eines Premiumprodukts, wie es im Marketingjargon heißt. Dass die Qualität stimmt, ist das Wichtigste. Aber Olaf Höhn schwärmt auch von seinen tollen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Fünf sehr enge von 240 Leuten insgesamt. Einen Berater hat er nicht, was für ihn ein weiterer wichtiger Punkt auf dem Weg zum Erfolg ist. Er möchte alles selbst in der Hand haben, deshalb steht er manchmal sonntags hinter dem Tresen und verkauft selbst sein Eis. Es kommt auch vor, dass der Eismacher persönlich am Wochenende ein neues Tiefkühlfahrzeug aus Italien abholt.  

Es waren immer die Männer in seiner Familie, die in Olaf Höhns Leben beim Weichenstellen dabei waren. Jetzt ist es der eigene erwachsene Sohn. Als Hydro-Geologe und mit seinen Vorträgen über Wasser veränderte er die Weltsicht seines Vaters noch einmal und sensibilisiert ihn für das Umweltthema. Als Ingenieur liebt Olaf Höhn das Tüfteln, und alles Technische fasziniert ihn sowieso. „Was kann man machen? Neue Heizungen? Haben wir schon. Also hinsetzen, neu denken.“ Wie kann man der Umwelt gerecht werden und den Begriff der Nachhaltigkeit wirklich ernst nehmen? Eine neue Produktion entstand in seinem Kopf. Das Florida Eis sollte zukünftig CO2-neutral produziert werden. Es hat ein paar Wochen gedauert. Und dann war das Konzept fertig und durchdacht. Damit ist Olaf Höhn zur Bank gegangen und hat kein Geld bekommen.

Drei Nächte hat der Eisfabrikant nicht geschlafen und schließlich beschlossen, alles zu verkaufen, auch seine wertvollsten Dinge, inklusive seiner Rentenvorsorge, und investiert. Jetzt steht sie da, am Rand von Berlin-Spandau auf einem ehemaligen Fluggelände, die neue Manufaktur für CO2-neutrale Eisherstellung mit allen nötigen Hightech-Raffinessen wie Adsorptionskälteanlage, Solar-Thermie-Platten, Gründach, Glasschaumschotter. „Ich habe mich zum ersten Mal verrechnet“, sagt er, „ich hätte nie gedacht, dass ich so viel Erfolg haben werde. Die Leute rennen uns die Bude ein.“ Medien, Einkäufer, Schüler, Auszubildende, Vorstandsvorsitzende kommen zur Betriebsbesichtigung. Manchmal hält er auch Vorträge für Existenzgründer: „Ihr erster Angestellter ist ein Freund, den Sie bald wieder entlassen müssen, weil Sie ihn gar nicht gebrauchen können.“ Eine Erfahrung, die wohl viele junge Selbstständige teilen. „Zum Unternehmer muss man sich entwickeln“, sagt Höhn und betont, wie wichtig dabei die eigene Unabhängigkeit ist. Er verkauft mit Spaß und hat Erfolg. Das bringt automatisch auch Gegenwind. Es gibt den Preiskampf, der nun mal dazu gehört, und es gibt richtige Widersacher, die versuchen, ihm das Unternehmerleben schwer zu machen. Aber das weckt seinen Kampfgeist und macht ihn nur noch entschlossener. Schließlich ist er auch schon in den Siebzigern richtige Autorennen gefahren.

Wer Olaf Höhn mal in Ruhe sehen will, muss am Abend kommen. Dann sieht man den Unternehmer mit einem Eis aus der letzten Tagesproduktion in der Hand genussvoll auf das Land hinter seiner neuen hochmodernen Spandauer Produktionshalle blicken. Eine kleine Oase. Das pure Glück. Es sind die Buslinien M32 und M49 die hier enden, da wo Floridas Leben und das von König Ludwig anfängt. Wenn es den Flugplatz hier noch gäbe, könnte der Eisfabrikant, der auch einen Flugschein besitzt, eine Runde durch die Luft drehen. Und so fliegen seine Gedanken in den Abend. Und vielleicht denkt er daran, wie seine Eisproduktion auch noch Strom gewinnen kann. Oder, dass er wieder ein Flugzeug haben und noch einmal um die Welt fliegen möchte.

Barbara Sommerer

 

59 - Sommer 2014