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20 Jahre Magazin

20 Jahre Berlin vis-à-vis

Für uns Berliner und alle, die es geworden sind, hat sich die Stadt in den letzten 20 Jahren stark verändert. Berlin boomt. Nie waren die Besucherströme so groß wie in diesem Jahr. Schillernd, laut, bunt, lebendig, weltoffen: Die deutsche Hauptstadt ist beliebt, ihre Bewohner nörgeln weniger als früher, sind besser angezogen. Berlin ist aber nicht nur Touristenhotspot und Hochglanzmetropole. Bekanntlich hat jede Großstadt viele Gesichter.

Der Mann, der für die Frauen steht

Bernd Schröder ist seit 1971 Trainer der Fußballerinnen von Turbine Potsdam. Nach 45 Jahren verlässt er im nächsten Sommer den Verein.

Der Mann will zum Abschied keinen Blumenstrauß. „Und auch nicht so einen silbernen Teller oder so was Ähnliches. Das habe ich dem Niersbach ganz deutlich gesagt“, legt Bernd Schröder kategorisch fest. Und wenn er das vom mächtigen Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes fordert, dann muss das eingehalten werden.

Dabei ist Bernd Schröder einer, dem selbst die strengen britischen Hüter des Guinness-Buchs der Rekorde einen Eintrag nicht verweigern könnten. Kein Fußballtrainer auf der ganzen Welt hat einen Verein mehr und länger geprägt als der Mann, von dem alle Welt mittlerweile annimmt, dass er ein Ur-Potsdamer sei. Nach der Geburt in Travemünde, der frühen Jugend in Sachsen-Anhalt, dem Studium in Freiberg, der sportlichen Aktivität in Leipzig und dem Berufsbeginn in Potsdam übernahm er hier gleich das Traineramt einer noch nicht einmal existierenden Fußballmannschaft.

Um diesen Zeitabschnitt gibt es so viele Histörchen und Anekdoten, dass Schröder lieber selbst erzählt. „1971, ich war in leitender Position beim VEB Energieversorgung in Potsdam angestellt, hing ein Zettel an der Betriebswandzeitung. 40 Mädchen hatten eine Sektion Frauen-Fußball gegründet und suchten einen Trainer“, erinnert er sich. Den Rest muss der einstige Torwart von Lok Leipzig nicht hinzufügen. Seitdem ist der heute 73-Jährige für das Wohl und Wehe der Potsdamer Fußballerinnen verantwortlich.

Nun hat der gelernte Schlosser und studierte Diplomingenieur seinen Rücktritt nach der gerade beginnenden Saison angekündigt. Das empfinden viele so, als wenn Fidel Castro aus Kuba in die USA emigriert oder Elizabeth II. gemeinsam mit dem Papst zum Islam übergetreten wäre. Unmöglich! „Doch“, versichert Schröder und unterstreicht das mit einer eindeutigen Geste: „Ich hatte 45 Jahre Zeit und werde im nächsten Sommer ein bestelltes Feld hinterlassen.“ Deswegen wurde vor dieser Saison das Funktionsteam von Turbine Potsdam ebenso umgekrempelt wie der Stab der Trainer-Assistenten, die ab Juli 2016 allein klarkommen müssen. „Ich ziehe mich zurück. Wenn, dann richtig. Ich bin nicht mal sicher, ob ich noch viele Spiele der Mannschaft im Stadion anschauen werde.“

Bernd Schröder ist in seiner ewig währenden Amtszeit mehr als ein Übervater des Vereins geworden. Seine Anwesenheit, so fürchtet er, würde deshalb nach dem Rücktritt stets Spekulationen auslösen in der Art: „Schau mal, der Alte ist wieder da. Bald wird er das Ruder wieder übernehmen.“ Außerdem seien die Nachfolger dann womöglich beunruhigt und würden sich beobachtet fühlen. Das will Bernd Schröder nicht.„Man soll sich nicht so wichtig nehmen“, bemerkt er wie beiläufig, weiß aber, dass Turbine Potsdam in dieser Meisterschaft vor allem wegen seiner Rücktritts-Ankündigung unter besonderer Beobachtung steht. „Wir können mit Mannschaften wie dem VfL Wolfsburg und Bayern München nicht mithalten, sowohl was die individuelle Stärke der Spielerinnen als auch den finanziellen Hintergrund angeht. Die beiden Vereine haben sich richtig vollgesaugt“, beobachtet der Altmeister das Kräfteverhältnis. Aber klein beigeben wird Turbine nicht. „Wir setzen auf mannschaftliche Geschlossenheit und unsere familiäre Atmosphäre. Eine Spielerin, die zu uns kommt, muss für den Verein brennen, nicht nur für die Sache“, impft Schröder all seinen Kickerinnen, die seine Enkelinnen sein könnten, von Beginn an das Wir-Gefühl ein.

Nur so war Turbine Potsdam auch nach dem Ende des DDR-Fußballs eine Macht. Nach sechs Meistertiteln im Arbeiter- und Bauernstaat gewannen die Torbinen, wie sie sich selbst liebevoll nennen, auch sechs gesamtdeutsche Titel, wurden dreimal Pokalsieger und 2010 erster Gewinner der Champions League sowie fünf Jahre zuvor Triumphator im Vorläufer UEFA-Cup. Mit den Trophäen im renommierten DFB-Hallenpokal holte die Schröder-Mannschaft im vergangenen Jahrzehnt 19 große Titel.

Wenn alljährlich in den Medien steht, dass die Vereine des Ostens den Anschluss im Fußball verpasst hätten, verweist Bernd Schröder auf Turbine Potsdam. „Die Handballer des SC Magdeburg und wir sind die einzigen verbliebenen Leuchttürme aus der Ära der großen DDR-Mannschaften“, ist er ebenso traurig wie stolz. Besonders freut er sich dann, dass es trotz vieler Versuche von außerhalb gelungen ist, den Namen Turbine – in DDR-Zeiten Hinweis auf den Trägerbetrieb aus der Energiewirtschaft – beizubehalten. „Tradition wird in unserem Verein richtig großgeschrieben. Wir verleugnen unsere Vergangenheit nicht. Das kriegen die Mädchen sehr schnell mit“, sagt er und verweist darauf, dass Turbine mittlerweile der älteste Name der Welt für einen Frauen-Fußballverein ist.

Im Gegensatz zu den emporgekommenen Geld-Mannschaften bei den Frauen wie VfL Wolfsburg und Bayern München, die Schröder Jahr für Jahr die besten Spielerinnen weglocken, übt sich Turbine in Bescheidenheit und pflegt die Nähe zu den Fans. Mit Erfolg, denn der DFB weist die Potsdamerinnen nach jeder Saison als Zuschauer-Krösus der Bundesliga aus. Zu den stets mehr als 2 000 Besuchern im traditionsreichen Karl-Liebknecht-Stadion von Babelsberg zählen oft auch der ehemalige Brandenburger Ministerpräsident Matthias Platzeck, ein enger Freund Bernd Schröders, und der frühere DFB-Boss Theo Zwanziger, die beide Vereinsmitglied sind.

Mit Bernd Schröder verliert im nächsten Sommer nicht nur Turbine sein jahrzehntelanges Aushängeschild, sondern auch die Bundesliga ihr markantestes Gesicht. Der aktuelle DFB-Chef Wolfgang Niersbach sagt: „Mit Bernd Schröder geht ein ständiger Mahner vom Schiff, dem immer das Wohl des Frauenfußballs am Herzen lag.“ Und lachend zum Altmeister ergänzt er: „Du hättest auch ruhig mal was Positives über den DFB sagen können.“

Auch das zeichnet Schröder aus. Er war und ist ein Mann mit Ecken und Kanten, der seine Meinung immer klar formulierte. Legendär sind seine Zwistigkeiten mit der ebenfalls scheidenden Bundestrainerin Silvia Neid, die den Potsdamer zu einer Art moralischer Instanz des Fußballs werden ließen. Wobei von der Neid-Seite gestreut wurde, dass Schröder nach ihrem Job schiele. „So ein Blödsinn. Ich hatte in der DDR beruflich alle Freiheiten, um mich um den Sport zu kümmern. Jetzt habe ich das als Vorruheständler und später Pensionär weitergemacht und nie einen Pfennig Geld dafür bekommen.“ Schon deswegen sei die Annahme irrig, er schiele auf den Posten des Bundestrainers. „Ich werde mir doch mein eigenes Denkmal nicht zerstören“, lacht Bernd Schröder.

Dass er sich in zwölf Monaten langweilen wird, streitet der Trainer ab. „Ich habe so viele andere Interessen“, sagt er. „Und ich werde mal ein Buch schreiben. Keine Biografie, das wird nie passieren. Aber ich kenne so viele Geschichten aus dem Frauenfußball, die würde ich anderen gern mitteilen.“ Zu Hause wird ihm die Decke nicht auf den Kopf fallen. Für seine Frau, mit der er 47 Jahre verheiratet ist, wird es aber wohl eine Umstellung. „Vielleicht“, sinniert Bernd Schröder, „ist Ulrike nicht so begeistert, wenn ich hier aufhöre.“ 

Hans-Christian Moritz

 

64 - Herbst 2015
Sport

Beziehung mit Vollgas

„Hey, wir woll´n die Eisbär´n sehn!“ Seit dem 11. September hämmert dieser Song der Puhdys wieder durch die Arena am Ostbahnhof. Mit dem ersten Spiel begann für die Eisbären und die Gasag eine Jubiläumssaison in der Deutschen Eishockey-Liga. Dabei scheint die einprägsame Vereinshymne der beliebten Ost-Rocker den Fans vor den Partien schon seit Menschengedenken einzuheizen. Noch zwei Jahre länger als der 1997 komponierte Ohrwurm begleitet den Rekordmeister allerdings der Hauptsponsor Gasag, was im Profisport einer Sensation gleichkommt. „So etwas gibt es bei Sportvereinen bestimmt nicht oft zu feiern“, sagt auch die Vorstandsvorsitzende des Berliner Energie-Versorgers, Vera Gäde-Butzlaff, und ergänzt treffend für ihr Unternehmen: „Schließlich sind wir in guten und in schlechten Zeiten mit dafür verantwortlich, dass auch in einer Eishalle nicht nur die Fans fürs Einheizen verantwortlich sind.“

Mit wachsamen Augen verfolgen nicht nur die Fans und Sponsoren, wie sich der siebenmalige Meister aus dem Dilemma der vergangenen beiden Spielzeiten zu befreien gedenkt. Nach Jahren des Höhenflugs erreichten die Eisbären zuletzt zweimal hintereinander nicht einmal die Playoffs der acht besten Vereine und mussten sich frühzeitig in den ungeplant langen Urlaub verabschieden. „Die Pause war leider ziemlich ausgedehnt“, sagt Mannschaftskapitän André Rankel. „Deswegen haben wir im Sommer noch viel härter als sonst gearbeitet, um diesmal wieder ein Wörtchen mitzureden im Kampf um den Titel.“ Auch für Trainer Uwe Krupp, der im Dezember letzten Jahres den glücklosen Jeff Tomlinson ablöste, ist das magere Abschneiden eher Ansporn als Ernüchterung. „Wenn uns vor der Saison kein anderer Club auf der Meister-Rechnung hatte, dann müssen wir eben dafür sorgen, dass wir wieder auf den Zetteln der Konkurrenz auftauchen“, sagt der 50-Jährige, der als erster Deutscher den Stanley Cup für den Sieg in der nordamerikanischen Eishockey-Meisterschaft in die Luft stemmen durfte.

Zum Ziel der Saison hält sich der gebürtige Kölner, der auch schon die deutsche Nationalmannschaft betreute, allerdings zurück. „Ich will jedes Spiel gewinnen. Nun kann man daraus schlussfolgern, dass ich immer Meister werden will. Aber beim Eishockey gehören drei Dinge zu einem erfolgreichen Abschneiden: du musst gut sein, du musst gesund bleiben und du musst Glück haben. Nur wenn das alles zusammenkommt, dann steht man am Ende ganz oben.“

Ein vierter wichtiger Punkt fällt dann allerdings weniger in die Belange des Trainers, als denn in die für die Finanzen im Verein zuständigen Stellen. Der Club muss auch mit einer soliden wirtschaftlichen Basis ausgestattet sein, um im Konzert der Großen mitmischen zu können. Ansonsten drohen buchstäblich die Lichter auszugehen. Vor diesem Szenario standen die Eisbären 1995. „Die Liga verweigerte uns die Lizenz, weil wir einfach nicht genug Geld zusammenbringen konnten. Ich bin ratlos durch die Stadt gelaufen und kam zum damaligen Firmensitz der Gasag. Da bin ich einfach reingegangen und habe dem Vorstand mein Leid geklagt. Drei Wochen später hatten wir erstmals einen Hauptsponsor“, berichtet Billy Flynn über die Anfänge einer wunderbaren Beziehung.

Der heute 65 Jahre alte Ex-Profi aus den USA war seinerzeit Trainer bei den Eisbären und wegen der personell dünnen Decke im Verein auch gleichzeitig für die wirtschaftlichen Belange zuständig. „Wenn ich mir überlege, wie dicht wir damals vor dem Abgrund standen, und dann entgegenhalte, dass wir in diesem Sommer schon vor der Saison mehr als 5 200 Dauerkarten verkauft hatten, dann weiß ich zu ermessen, wie viel eine solide wirtschaftliche Grundlage für einen Verein wert ist“, sagt Flynn, der als Berater im Vereinsvorstand auch heute noch ein viel gefragter Mann ist. Wichtig in der Zusammenarbeit zwischen dem Club und dem Berliner Traditionsunternehmen ist der Fakt, dass die Gasag seit Beginn der Zusammenarbeit viel Wert auf die Ausbildung junger, eigener Spieler gelegt hat und seit mittlerweile elf Jahren auch als Hauptsponsor der Eisbären Juniors fungiert. „Andere Vereine tätigen in so einem Fall viele Einkäufe für das Heute und denken nur an die laufende Saison. Das war nie unser Maßstab. Die Ausbildung eigener Talente spielte bei uns immer eine ganz wesentliche Rolle. Und in dieser Beziehung haben wir der Gasag sehr viel zu verdanken“, bilanziert Eisbären-Geschäftsführer Peter John Lee und betont: „Diese Wertschätzung der Nachwuchsarbeit durch den Hauptsponsor eines Profivereins ist im deutschen Sport sehr selten und in jeder Hinsicht bewundernswert.“ Von den damaligen Bambini-Spielern, die vom Einstieg der Gasag Mitte der 90er-Jahre profitierten, sind heute viele Talente in den Profikader aufgerückt.

Mit dieser Kontinuität in der Arbeit versuchen die Eisbären in dieser Saison wieder ganz oben anzuklopfen. Deshalb ist auch ein Radikal-Umbruch ausgeblieben. „Das stand für uns aus zwei Gründen nie zur Debatte. Zum einen liefen zahlreiche Verträge weiter, so dass ein solcher Schnitt schon rechtlich schwer gewesen wäre“, sagt Stefan Ustorf als Sportlicher Leiter der Profiabteilung. Und Trainer Uwe Krupp nennt den zweiten Punkt. „Ich bin dagegen, eine Mannschaft von außen völlig neu aufzubauen. Der Kern stimmt bei uns. Deshalb haben wir uns entschlossen, um das Herz herum die Mannschaft der Saison zu formen. Und damit habe ich ein sehr gutes Gefühl, mir gefällt die Art und Weise dieser Mannschaft.“

Apropos Herz und Gefühl: Die 20-jährige Partnerschaft der Eisbären und der Gasag steht ab dieser Saison unter der emotionalen Wahrheit „Größter Fan seit 1995“. In der dazugehörigen Kampagne porträtiert die Gasag exemplarisch 20 größte Fans, die ebenso hinter den Eisbären stehen, mit ihnen weinen, sie feiern und mit Herzblut für sie kämpfen. Die Bandbreite reicht dabei von der Vorstandsvorsitzenden der Gasag höchstpersönlich über den Karat-Rocker Bernd Römer bis zum Stehplatzfan aus der Fankurve. Als erster wurde zu Saisonbeginn auf der Kampagnenplattform www.grösster-fan.de die Legende Sven Felski vorgestellt. Der „ewige Eisbär“ bestritt die unglaubliche Zahl von genau 1 000 Spielen für seinen Verein, die Nummer 11 des Stürmers wurde samt Trikot unter die Hallen- decke gezogen und wird in Zukunft nicht mehr vergeben. Solch lange Verbindung besteht zwischen der Gasag und den Eisbären noch nicht. Aber man ist auf dem besten Weg dahin.                  

Hans-Christian Moritz

 

64 - Herbst 2015

Wir sind gewachsen

20 Jahre GfWOB (Gesellschaft für Wohnungsverwaltung und Objektbetreuung).

Ein voller Arbeitstisch. An der Wand ein Foto vom Golfturnier mit einem Spitzenklassespieler, das eigene Haus aus der Vogelperspektive. Der Überblick ist es auch, der die Sicht des Geschäftsführers Andreas Otto auf seine tägliche Arbeit seit 20 Jahren prägt. Der Auftraggeber und sein Objekt stehen im Mittelpunkt, rundherum zieht er seine Bahnen. Grundsympathisch und raumfüllend.

Das Portfolio der Gesellschaft für Wohnungsverwaltung und Objektbetreuung umfasst Fremdverwaltung für etwa 2 000 Wohneinheiten und Wohnungseigentumsverwaltung für 65 Eigentumsanlagen mit fast 2 100 Wohneinheiten. Seit Ende 1994 ist die GfWOB als einhundertprozentige Tochter der Wohnungsbaugenossenschaft Friedrichshain am Berliner und Brandenburger Wohnungsmarkt präsent. Daher rühren die Serviceleistungen für etwa 8 600 Wohneinheiten mit 24 Stunden Hausmeisterdienst, Haushandwerkerleistungen, Pflege der Außenbereiche und Gebäudereinigung. „Wir sind untypisch, wir sind stabil, wir sind berechenbar, wir sind gewachsen und wachsen weiter.“

Unaufgeregt steht er einem erfolgreichen Unternehmen vor, qualifiziert seine Mitarbeiter, denkt langfristig auf einem Gebiet, das zugegeben spannender ist, als man glauben mag. Hausverwaltung ist sehr anspruchsvoll, in Deutschland nicht zertifiziert, die rechtliche Lage von Wohnungseigentum überaus kompliziert und die kaufmännischen Abläufe aufwendig. „Wir decken sämtliche Verwaltungsarten ab und bieten den Service aus dem eigenen Haus. Immer sauber, immer ordentlich und es funktioniert.“ Die Seiten der Verwaltung bringt Andreas Otto selber mit. Der Jurist, der Kaufmann, der Praktiker, der Macher. Vernetzt und mit Weitblick. Neuzugänge an Verwaltungsbeständen haben mehrheitlich einen höchst sanierungsbedürftigen Zustand. Forderungen aus nicht gezahlten Hausgeldern sind dann auszugleichen, bauliche Mängel nach Insolvenz des Bauträgers im Rahmen erstmaliger mangelfreier Herstellung abzuarbeiten. Hier führt die GfWOB Verhandlungen mit den Gläubigern, stellt die Zahlungsfähigkeit der Eigentümergemeinschaft wieder her, indem praktikable Sanierungskonzepte entwickelt werden. Otto fordert Verantwortung. „Wer mit mir arbeitet, soll sich in der Pflicht fühlen, gute Arbeit zu leis-ten.“ Die Kunden sind überzeugt. Die Tochter ist der Mutter in den Jahren weit über den Kopf gewachsen mit 70 festangestellten Mitarbeitern und 3,5 Millionen Jahresumsatz.

Brit Hartmann

 

64 - Herbst 2015

Berlin-Macher

Dass Berlin dazu verdammt ist, immerfort zu werden und niemals zu sein, wusste schon im Jahr 1910 der Publizist und Kunstkritiker Karl Scheffler. Ein oft zitierter Satz, der noch heute gilt. Umso mehr sind Menschen gefragt, die vor oder hinter den Kulissen etwas bewegen und die Stadt ein Stück voranbringen. Wir stellen sie in jeder Ausgabe vor, die Berlin-Macher. Diesmal Neil MacGregor.

Der Mann ist nicht zu beneiden. Die Erwartungen an Neil MacGregor, der vor ein paar Tagen seinen neuen Job als Leiter der Gründungsintendanz des Humboldt-Forums in Berlin angetreten hat, sind so gewaltig, dass jedem normalen Menschen angst und bange würde. Doch wenn einer die Aufgabe bewältigen kann, Struktur in die laut FAZ „größte Mehrzweckhalle der Republik“ zu bekommen, dann ist es sicher dieser smarte Schotte.

Geboren 1946 in Glasgow als Nachfahre des „räuberischen Gesindels MacGregor“, so Theodor Fontane im O-Ton, studiert er Französisch und Deutsch in Oxford, Philosophie in Paris, Rechtswissenschaften in Edinburgh und Kunstgeschichte in London. Bereits 1987 übernimmt er die Leitung der National Gallery in London. 2002 wird er dort Direktor des Britischen Museums und macht das Haus mit aktuell 6,7 Millionen Besuchern im Jahr zu der meist besuchten Einrichtung Großbritanniens.

„Der Zweck des Britischen Museums ist es immer gewesen, den Besuchern die Möglichkeit anzubieten, die Welt zu verstehen“, fasst MacGregor seine Philosophie zusammen. Im Mittelpunkt seines immer angestrebten interkulturellen Dialogs und damit seiner Arbeit steht stets das Objekt. Sein Sachbuch über „Die Geschichte der Welt in 100 Objekten“ wird zum weltweiten Bestseller. Mit der viel beachteten Ausstellung „Germany – Memories of a Nation“, in der er anhand von 200 Objekten seinen Landsleuten die deutsche Seele nahegebracht und sie „entziffert“ hat, legt er nach, auch literarisch. Das Buch in deutscher Sprache ist soeben erschienen und verspricht ebenfalls eine Erfolgsstory zu werden.

Die Deutsche Nationalstiftung sieht in der Ausstellung „eine grandiose Schau, die von überraschender Sympathie zeugt und eine geistreiche Skizze Deutschlands darstellt“ und verleiht ihm dafür den Deutschen Nationalpreis 2015. Dass MacGregor zu dem Preis, den er am 16. Juni an seinem 69. Geburtstag verliehen bekommt, erklärt, er habe „nie in seinem Leben ein besseres, größeres Geburtstagsgeschenk bekommen“, sagt viel über den Mann aus, der das gesamte Preisgeld in Höhe von 50 000 Euro dem Britischen Museum überlässt.

Mit seinen Auszeichnungen kann der „Weltenkenner“ mittlerweile eine eigene kleine Ausstellung bestücken. Von der Queen erhält er den „Order of Merit“. 2008 wählt ihn die „Times“ zum „Briten des Jahres“. 2010 erhält er den erstmals verliehenen Internationalen Folkwang-Preis vom Museumsverein des Museums Folkwang in Essen. Im Mai 2015 verleiht die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung dem „polyglotten Europäer und überzeugten Kosmopoliten“ den Friedrich-Gundolf-Preis. Zuletzt wird er vom Goethe-Institut mit der Goethe-Medaille geehrt.

Dass MacGregor Museum kann, hat er demnach bewiesen und ist bekannt. Jetzt muss er nur noch das Humboldt-Forum auf Kurs bringen. Und wieder werden es die Objekte sein, mit denen er die Welt erklären will: „Das Humboldt-Forum ist ein großes Objekt, das viele Geschichten erzählt. Schon das Gebäude selbst ist das Symbol einer gemeinsamen Vergangenheit, die vor 70 Jahren abgeschnitten wurde. Es soll damals und heute neu verbinden“, sagt der Museumsmann und fährt wenig später fort: „Das Humboldt-Forum soll mit sorgfältig ausgewählten Arrangements von Objekten aus den großen Berliner Sammlungen Geschichten der Welt erzählen. Es soll eine Ressource des Weltbürgers werden, denn die Idee der ‚Weltkultur‘ ist in Berlin geboren.“

Und offenbar ist es Johann Wolfgang von Goethe höchstselbst, der den Deutschland-Liebhaber MacGregor bei seiner Mammut-Aufgabe inspiriert: „Er wusste in allen Traditionen – englisch, persisch, griechisch, indisch – Einsicht und Weisheit zu schöpfen. In seinem Haus am Weimarer Frauenplan wurden Pflanzen und Mineralien, Kunstwerke und Gipsabgüsse aus allen Ländern gesammelt. Die Welt unter einem Dach, auf dass sie studiert werde und erfasst. Und gerade diese intellektuelle Weltoffenheit erlaubte ihm, die Personifikation des höchsten deutschen Geistes zu sein. Nichts war ihm fremd:

Herrlich ist der Orient
Übers Mittelmeer gedrungen;
Nur wer Hafis liebt und kennt,
Weiß, was Calderón gesungen.

Europa kann zur Selbstkenntnis kommen nur, wenn es das Außereuropäische studiert und sich zu eigen macht. Für ein Europa, in dem Fremdenhass und Nationalismus wieder zu großen gesellschaftlichen Gefahren geworden sind, bleibt Goethe für uns alle musterhaft und nötig.“

MacGregors Anspruch für das Humboldtforum ist groß und aktuell zugleich. Und seine Vision nimmt langsam Konturen an. „Als Theatrum Mundi, Theater der Welt, soll die ganze Menschheit dort als Schauspieler, aber auch als Dichter auftreten. Es geht tatsächlich, in den berühmten Worten von Prosperos Tochter Miranda (Anm. d. Red.: in Der Sturm von Shakespeare), um ‚A brave new world‘. Hoffentlich werden wir es vermögen, diese Zaubervision zu verwirklichen.“

Derzeit zweifelt wohl niemand daran, zumal der Museumsmann schon eine erste Liebeserklärung an die Stadt abgegeben hat: „Für uns, für alle Museumsleute ist die Stadt Berlin mit ihren Sammlungen und ihren Universitäten ganz einfach unwiderstehlich.“ Und weiter: „Es gibt ja in der ganzen Welt vielleicht nur fünf Sammlungen, wo man die ganze Geschichte der Menschheit erforschen und erzählen kann: Petersburg, New York, Paris, London und Berlin. Aber nur in Berlin und nur im Schloss im Humboldtforum gibt es jetzt die Gelegenheit, diese Geschichte neu zu erzählen und neu zu erforschen. Hier sollen die Objekte, die aus aller Welt kommen, einer Besuchergruppe, die aus aller Welt stammt, ausgestellt werden, und das mit Hilfe internationaler Kollegen.“

Konsens ist demnach Triumph. Aber MacGregor kann offensichtlich auch anders. Dabei darf man sich auf eine Auseinandersetzung in Berlin schon jetzt freuen. Denn, so ist zu hören, der renommierte Museumsexperte soll eine Berufung an das Metropolitan Museum in New York angeblich auch deshalb abgelehnt haben, weil die Amerikaner dort Eintritt verlangen. „National-Museen müssen kostenlos sein“, lautet dagegen sein Credo. Historisches Erbe sei quasi die Privatsammlung jedes einzelnen Bürgers und dürfe nicht der Marktwirtschaft untergeordnet werden. Da darf man gespannt sein, wer in dieser Frage im Berliner Humboldtforum das letzte Wort hat. 

Detlef Untermann

 

64 - Herbst 2015

Traumziel erreicht

Mit der neuen Wohnung im Szenebezirk Prenzlauer Berg nahe am Kollwitzplatz ist ein großes Problem gelöst. „Berlin ist so eine Traumstadt, da kündigen sich immer wieder Freunde, Verwandte, die Eltern oder Geschwister an, um mal zu kommen. Jetzt haben wir ein großes Zimmer mehr – da ist das Übernachten kein Problem mehr“, schildert Frida Tegstedt mit Blick auf das schöne Altbau-Zuhause in einer Gegend mit ungezählten Gaststätten, Kneipen und Cafés.

Und die Bekannten der beiden Füchse-Profis sind zahlreich. „Meine Eltern waren schon zu mehreren Spielen hier, meine Schwester auch“, fügt ihr Freund Jesper Nielsen hinzu. Seine Schwester hat früher genauso Handball gespielt wie Bruder und Schwester von Frida. Auch gegenseitig besuchen die beiden ihre Auftritte in den verschiedenen Berliner Hallen. Dabei ist es für Frida leichter, ihren zwei Meter großen Freund im überschaubaren Publikum der Füchse-Frauen zu sehen. „Bei den Männern ist das schwierig, aber Jesper muss immer wissen, wo ich sitze. Einmal hat er das nicht gleich mitgekriegt und im Spiel immer suchend auf die Ränge geschaut“, verrät Frida, die wie ihr Freund auf der Position in der Kreismitte spielt.

Ein Pärchen sind die 28 Jahre alte Göteborgerin und der zwei Jahre jüngere Hüne aus Norrköping schon seit acht Jahren. „Es hat gleich gefunkt“, erinnert sich Frida an das erste Treffen der beiden Nordländer mit den leuchtend blauen Augen bei den Junioren-Meisterschaften, als Jesper noch für HP Warta spielte und sie für IK Sävehof auflief, zu dem er danach wechselte. Das passierte aber nicht nur der Liebe wegen, der Göteborger Verein ist im schwedischen Handball das Maß aller Dinge, und Jesper Nielsen war mittlerweile ein begehrter Mann am Kreis. „Dabei war das früher gar nicht meine Position. Aber für den Rückraum war ich auf Dauer wohl zu langsam“, gibt der Blondschopf zu.

Nach vier erfolgreichen Jahren in Göteborg erreichte Nielsen der Lockruf von den Füchsen. „Das war ein Traum. Ich habe schon als kleiner Junge zu meinem Vater gesagt, dass ich einmal in der Bundesliga spielen werde.“ Damals allerdings noch unter anderen Voraussetzungen. Denn Jesper gehörte als Jugendlicher zu den besten Tischtennisspielern seines Landes und war in allen Altersklassen unter den Top 12. „Ja, das stimmt. Und da war Düsseldorf die Mannschaft, von der ich träumte. Aber dann bin ich für Tischtennis zu groß und zu schwer geworden. Der Traum von der Bundesliga blieb, nur ging er in Handball über.“

Das ist nicht verwunderlich, denn anfangs konnte sich Nielsen in der Heimat nicht vom Handball ernähren. Was auch an der Medienpräsenz liegt. „Da kommt erst Zlatan Ibrahimovic, dann Fußball, dann wieder Zlatan, dann Eishockey und dann nach dem Wintersport auch der Handball“, klagt Jesper. „Ich habe deshalb zu hundert Prozent gearbeitet, und erst nach Feierabend trainiert“, erinnert er sich an die Anfänge, als er in einer Reinigungsfirma angestellt war und zusätzlich noch ein Jahr als Betreuer in einer Kindereinrichtung jobbte. „Ich mag Kinder und kann gut mit ihnen“, sagt er und erntet einen Seitenblick seiner Freundin. „Nein, nein, nicht falsch vestehen. Wir haben damit noch Zeit. Jetzt steht der Handball an. Hochzeit, ja vielleicht, aber für die Kinder haben wir dann noch ein ganzes Leben Zeit“, wiegelt Frida ab. Während Jesper neben dem Handball rackerte, hat sie alle möglichen Sportarten ausprobiert. „Fußball, Tennis, Golf – ich habe mich in allem versucht. Doch seit ich 15 bin, spiele ich nur noch Handball. Anfangs im Tor, das wundert mich heute noch.“ Nebenbei hat Frida ihr Studium der Architektur abgeschlossen und ein Fernstudium der Literatur begonnen. Man muss ja auch an die Zeit nach dem Sport denken, wobei die Schwedin ihr erstes Jahr als Profi in Deutschland genoss. „Berlin ist so eine tolle Stadt, da habe ich immer was zu tun. Nicht nur Shoppen oder in eines der vielen Cafés gehen, auch die Stadt kennenlernen, Museen anschauen – das mag ich sehr.“

Und so genießen die beiden ihre Zweisamkeit in Deutschland, an der Jesper seit seinem Wechsel zu den Füchsen feilte. „Wir haben geschaut, wo Frida spielen könnte. Es kam aber nur erste Liga infrage wegen der Nationalmannschaft. Frankfurt hatte sich gerade finanziell abgemeldet, Leipzig war zu weit. Zum Glück sind die Füchsinnen aufgestiegen, das passte wunderbar“, schwärmt Jesper und nimmt seine Freundin in den Arm. Mit der deutschen Sprache freundeten sich beide schnell an. „Ich hatte das ja schon in der Schule, du ja auch“, nickt er Frida zu. „Aber ich glaube, ich war darin der Schlechteste an der ganzen Schule.“

Als sehr passend empfinden die beiden, dass in ihren Mannschaften weitere Schweden spielen. „Wir quatschen viel“, umschreibt Frida ihr Verhältnis zu Daniela Gustin, was im Verein finanziell folgenlos ist. Jesper hat hier so seine Probleme im Umgang mit den Landsleuten Fredrik Petersen und Mattias Zachrisson. „Es kommt vor, dass ich in die Kabine komme und einen der beiden als ers-
ten sehe. Da fange ich natürlich an, was auf Schwedisch zu sagen.“ Das aber ist bei der strengen Hierarchie im Team verboten – Amtssprache ist Deutsch. Und weil Kassenwart Silvio Heinevetter überall lauert, ist Jesper mehr Zehn-Euro-Scheine für diese Vergehen los, als ihm lieb ist.

Doch nicht nur mit den Landsleuten, mit der ganzen Mannschaft finden die Schweden guten Draht. „Man trifft sich ja als Sportler immer mal wieder“, wissen beide. So hat Jesper Nielsen schon in Sävehof ein Jahr mit Kent Robin Tönnesen das Göteborger Trikot getragen. Und weil er mit dem Norweger dort eine Fahrgemeinschaft bildete, setzt man das in Berlin fort. „Wir haben früher schon mal 50 Meter entfernt gewohnt, jetzt ist es nicht viel mehr. Das hat den Vorteil, dass Frida mit unserem Auto zum Training fahren kann. Ich habe dafür ja Taxi-Tönnesen, was der aber gar nicht gerne hört“, lacht Nielsen und räumt eine Sache aus der Welt, die sich für Schweden so hartnäckig hält wie die Symbiose zwischen Holländern und Campingwagen. „Dass ich manchmal zu IKEA gehe, nur um Köttbullar zu essen, ist Quatsch. Bei uns gibt es das manchmal, weil es schnell geht und trotzdem schmeckt. Aber süchtig nach diesen kleinen Hackfleischbällchen bin ich nun wirklich nicht.“ 

Hans-Christian Moritz

 

64 - Herbst 2015
Sport