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20 Jahre Magazin

20 Jahre Berlin vis-à-vis

Für uns Berliner und alle, die es geworden sind, hat sich die Stadt in den letzten 20 Jahren stark verändert. Berlin boomt. Nie waren die Besucherströme so groß wie in diesem Jahr. Schillernd, laut, bunt, lebendig, weltoffen: Die deutsche Hauptstadt ist beliebt, ihre Bewohner nörgeln weniger als früher, sind besser angezogen. Berlin ist aber nicht nur Touristenhotspot und Hochglanzmetropole. Bekanntlich hat jede Großstadt viele Gesichter.

Newton and Guests

In einer Dreierkonstellation mit Frank Horvat und Szymon Brodziak zeigt die Helmut Newton Stiftung in ihrer neuesten Ausstellung neben Originalabzügen aus der Dauerleihgabe von Helmut Newton zwei
thematisch verwandte Monographien.

Wer annimmt, von Helmut Newton mittlerweile alle wichtigen Aufnahmen gesehen zu haben, wird überrascht sein. In der aktuellen Ausstellung „Newton. Horvat. Brodziak“ sind zirka siebzig Originalabzüge aus dem zweiten Teil der Dauerleihgabe von Helmut Newton zu sehen, von denen im „Museum für Fotografie“ die meisten noch nicht gezeigt worden sind. Es sind wiederum Mode- und Aktbilder, Porträts und Selbstporträts, überwiegend sogenannte Vintage Prints, also Abzüge, die Helmut Newton unmittelbar nach der Entstehung der Negative selbst hergestellt hat. 

Während in der einstigen Eröffnungsausstellung der Helmut Newton Stiftung „Sex and Landscapes“ vor allem das Inszenierungsgenie dieses Ausnahmefotografen deutlich wird, Akt, Mode, Stillleben und Landschaften miteinander zu verschmelzen, um letztlich eine bestimmte Erotik zu sublimieren, zeigt er sich in der aktuellen Ausstellung „Newton. Horvat. Brodziak“ auch als ein Porträtfotograf mit einer Art konzeptionellen Ansatz. Denn neben Bildnissen von Jeanne Moreau, Brigitte Nielsen und Karl Lagerfeld hat er in einer Farbbildserie aus den 1980er-Jahren berühmte Künstler in einem besonders intimen Privatbereich, dem Schlafzimmer, fotografiert. Zu sehen sind Künstler wie Charlotte Rampling, David Bowie oder David Hockney, auf der Bettkante sitzend sowie beim Öffnen einer Schublade des Nachttischschrankes. Prominente mit Einblick in deren Privatsphäre derart zu porträtieren, ist bislang einmalig, wirkt wie ein Gegenentwurf zu „Sex and Landscapes“ und macht die Vielschichtigkeit im Gesamtwerk Helmut Newtons deutlich.

Dass er sich selbst aber durchaus neben und nicht über andere Fotografen stellte, kommt in seinem Vermächtnis anlässlich der Gründung seiner Stiftung zum Ausdruck. Danach sollten Monographien bedeutender Kollegen von Zeit zu Zeit im Ausstellungskonzept Berücksichtigung finden. Aktuell sind es Frank Horvat und Szymon Brodziak. Beide Mode- und Porträtfotografen, thematisch Helmut Newton verwandt, doch jeweils mit sehr eigenständiger Bildsprache.

Der Bedeutendere ist zweifellos der 1928 im italienischen Abbazia, heute kroatisch Opatija, geborene Frank Horvat. Er gehört zu der berühmten Photographen-Generation, die eine perfekte Bildkomposition anstrebten, wie der legendäre Henri Cartier-Bresson, und Menschen auf der Straße in Szene setzten. Bressons Rat war es im Jahr 1950 auch, als Photojournalist eine Reise durch Asien anzutreten. Horvats Aufnahmen aus dieser Zeit, aus Ländern wie Indien oder China, konnte er in verschiedenen Magazinen veröffentlichen. Mitte der 1950er-Jahre in Paris, begann dann seine Karriere als Modephotograph. 

Mit Modeshootings für das Magazin „Jardin des Modes“ und später Aufnahmen für „Elle“ in Paris, „Vogue“ in London und „Harper´s Bazaar“ in New York machte er sich einen Namen und beeinflusste, ähnlich wie Helmut Newton oder Richard Avedon, den Zeitgeist. Seine berühmtesten Modefotos „Givenchy Hat“ und „Shoe and Eiffel Tower“ stehen exemplarisch für seine ganz eigene Kunst der Bildkomposition. Zwischen 1958 und 1961 war er Mitglied der legendären, von Henri Cartier-Bresson mitbegründeten Mag-
num-Agentur, und wiederum reiste er, wie all seine Kollegen der Photographenkooperative, um die Welt. Es war die große Zeit der Bildreportagen aus aller Welt und Horvat einer ihrer Protagonisten. In der Ausstellung der Helmut Newton Stiftung sind auch einige dieser Aufnahmen Teil seines Photoprojekts „House with Fifteen Keys“, das in fünfzehn Kapiteln sein Gesamtwerk zeigt und Ausdruck seines Vermächtnisse ist: „Ein gutes Foto entsteht, wenn etwas Bleibendes festgehalten wird.“

Die Dreierkonstellation der Ausstellung vervollständigt mit dreißig großformatigen Schwarz-Weiß-Aufnahmen der polnische Photograph Szymon Brodziak, Jahrgang 1976. Unverkennbar ist dessen thematische Nähe zum Werk Helmut Newtons, das für Brodziak wohl eine wichtige Inspirationsquelle ist. Seine Aktbilder folgen einer Inszenierung aus Übertreibung, subtiler Erotik und weiblicher Eleganz und entfalten so ihre emotionale Wirkung. Gleichzeitig will Brodziak aber auch die gängigen Klischees und Schönheitsideale hinterfragen. Die Aufnahmen sind Bestandteil seiner Monographie „One“. Es ist seine erste institutionelle Ausstellung in Deutschland. Vor zwei Jahren eröffnete er eine eigene Fotogalerie in Posen.

Information:

Newton. Horvat. Brodziak
Bis 15. November 2015,
Helmut Newton Foundation im Museum für Fotografie,
Jebensstraße 2, 10623 Berlin

Reinhard Wahren

 

 

64 - Herbst 2015

Die Entdeckung der Langsamkeit

Die Maaßenstraße in Schöneberg ist Berlins erste Begegnungszone. Und sie ist ein Experiment. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt hat mit Unterstützung des Bezirks Tempelhof-Schöneberg die Straße zwischen Nollendorfplatz und Winterfeldtplatz so umgebaut, dass die Fußgänger mehr Raum haben. Damit setzt der Senat ein Pilotprojekt seiner 2011 beschlossenen Fußverkehrsstrategie um – eine Strategie, die das Zufußgehen in der Stadt befördern soll. Schon jetzt sind Fußgänger mit 31 Prozent am Modal Split (2013) das stärkste Verkehrsmittel in Berlin. 

Was bedeutet und wie funktioniert eine Begegnungszone?

Eine Begegnungszone ist ein Begriff, der in Deutschland nicht amtlich ist. Vergeblich sucht man ihn in der Straßenverkehrsordnung. Großes Vorbild der Idee: die Schweiz. Und dort heißt sie auch so. Auch in Frankreich gibt es sie, dort mit entsprechendem Verkehrszeichen. Aber in Deutschland weigere sich der Verkehrsminister, ein eigenes Schild einzuführen, sagt Horst Wohlfahrt von Alm, Referatsleiter für Straßen- und Platzgestaltung in der Senatsverwaltung. Berlin improvisiert daher und setzt an die Eingänge der Maaßenstraße grünfarbige (nichtamtliche) Eingangsportale. Sie signalisieren dem Autofahrer den Beginn der Begegnungszone und haben einen Wiedererkennungswert. Denn Begegnungszonen soll es in Berlin bald viele geben: in der Bergmannstraße und am Checkpoint Charlie. „Wir lassen uns vom Verkehrsminister nichts vorschreiben“, sagt Wohlfahrt von Alm. 

Innerhalb der Maaßenstraße sieht es jetzt so aus: Eine Fahrgasse für Autos und Radfahrer schlängelt sich durch den Straßenraum. Sie kann in beide Richtungen befahren werden. Aber sie ist so schmal, dass die Autos bei Gegenverkehr nur sehr langsam aneinander vorbei- können. Maximal dürfen sie ohnehin nur 20 km/h fahren. Auf der einen Seite der Fahrgasse liegt der herkömmliche Bürgersteig, auf der anderen Seite erstreckt sich der neu geschaffene Raum für die Fußgänger mit Bänken, er umfasst die Hälfte der früheren Autostraße. Parkende Fahrzeuge gibt es nicht mehr. Nur Lieferwagen bekommen Platz, um die Geschäfte und Restaurants zu versorgen. Querungsstreifen ermöglichen den Fußgängern an mehreren Stellen, auf die andere Straßenseite zu gelangen. Ziel der Begegnungszone ist es, den Verkehrsraum gerechter aufzuteilen und das Miteinander der Verkehrsarten zu verbessern.

Anwohner skeptisch bis überzeugt

Die Anwohner sehen das Projekt eher skeptisch. Einer befürchtet, es kämen keine Besucher mehr in die Maaßenstraße, weil es keine Parkplätze mehr gibt. Der Wegfall der insgesamt 45 Parkplätze scheint überhaupt das Hauptärgernis im Nollendorfkiez zu sein. Doch der ruhende Verkehr ist eine echte Barriere. Wohlfahrt von Alm erklärt, die Begegnungszone solle auch die Verkehrssicherheit erhöhen. Um die Fußgänger-Querungen sicherer zu machen, müsse man Sichtkontakt zwischen den Autofahrern und Fußgängern schaffen. „Bisher stand da Blech dazwischen“, sagt er. 

Auch haben die Bauarbeiter den Menschen in der Maaßenstraße einen attraktiven Zebrastreifen genommen. Zum Winterfeldtplatz führt jetzt nur noch ein „Querungsstreifen“. Auf ihm haben die Fußgänger aber keinen rechtlichen Vortritt. Für sie bedeutet das erstmal einen Rückschritt. 

Reaktivierung nicht ausgeschlossen

Hier zeigt sich der Experimentiercharakter des Projekts. Der Zebrastreifen ist unter der neuen grünschwarzen Pflasterung verschwunden, aber das außer Kraft gesetzte Beleuchtungsschild hängt noch oben am Bogenmast. Es bleibt für den Fall der Reaktivierung und wird nicht abgebaut, wie Daniel Krüger vom Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg erklärt. Der Blog „Nollendorfkiez“ wundert sich in einem Beitrag, warum aus dem nutzlos gewordenen Mast keine Kinderschaukel gemacht werde. Die Begegnungszone sei eben erstmal „ein Pilot“, sagt Krüger. Und: „Die eigentliche Arbeit beginnt, wenn die Straße steht.“

Manche reagieren dagegen positiv. In der Nollendorfstraße gleich nebenan hatte das Künstlerpaar Sofia Camargo und Thomas E. J. Klasen ein offenes Atelier aufgeschlagen. Hier bemalten sie zusammen mit Passanten kniehohe Quadersteine – ein Kunstprojekt, für das im Rahmen der Begegnungszone ein Wettbewerb ausgelobt wurde. Heute grenzen die Quader die Fahrgasse vom erweiterten Bürgersteig ab, visuell und baulich. Sofia Camargo nennt das: „Eine Landschaft bauen in der Mitte der Straße.“ Es ist das auffälligste Element in der neuen Begegnungszone. Ihre Gestaltung soll eben auch selbst erklärend sein. Mehr als das ist sie in der Maaßenstraße durch die Straßenkunst auch identitätsstiftend.

Das Kiezatelier entpuppte sich während der Bauarbeiten als echter Kommunikationsraum. Die Schöneberger Graffity Crew „One Love“ gestaltete etwa die Hälfte der 66 Quader mit Wassermotiven, nennt sie den „Walk of Freedom“. Und ein Gitarrist, der öfter zum Atelier kam, hat über die Quader sogar ein Lied geschrieben. Die Künstler hätten so bei Teilen der Kiezbevölkerung mit dem Quaderprojekt einen Sinneswandel herbeigeführt, sagt Camargo. Manche, die da kamen und nicht malen konnten oder mochten, hinterließen auf den Steinen farbige Fuß- und Handabdrücke. Die Anmeldeliste für die Bemalung der letzten 22 Steine war schon vor ihrer Anlieferung voll. „Es ist offensichtlich, dass die Leute in den öffentlichen Raum zurückkommen“, sagt Künstler Klasen. Sie wollten jetzt sogar die Nollendorfstraße verschönern. 

Folgeprojekt Bergmannstraße

Anfang Oktober wurde die Begegnungszone in der Maaßenstraße schon mal offiziell eröffnet. Dabei ist sie noch nicht ganz fertig. Die Restarbeiten, schätzt Daniel Krüger, dauern bis Jahresende. Dann wird man in der Bergmannstraße in Kreuzberg mitten in der Bürgerbeteiligung sein. Die Straße wird Berlins zweite Begegnungszone. Mit einem halben Kilometer ist die Bergmannstraße allerdings etwa doppelt so lang wie die Maaßenstraße. Sieht aus, als würden bald wieder Quader gebraucht.

André Franke

64 - Herbst 2015
Stadt

Wir sind gewachsen

20 Jahre GfWOB (Gesellschaft für Wohnungsverwaltung und Objektbetreuung).

Ein voller Arbeitstisch. An der Wand ein Foto vom Golfturnier mit einem Spitzenklassespieler, das eigene Haus aus der Vogelperspektive. Der Überblick ist es auch, der die Sicht des Geschäftsführers Andreas Otto auf seine tägliche Arbeit seit 20 Jahren prägt. Der Auftraggeber und sein Objekt stehen im Mittelpunkt, rundherum zieht er seine Bahnen. Grundsympathisch und raumfüllend.

Das Portfolio der Gesellschaft für Wohnungsverwaltung und Objektbetreuung umfasst Fremdverwaltung für etwa 2 000 Wohneinheiten und Wohnungseigentumsverwaltung für 65 Eigentumsanlagen mit fast 2 100 Wohneinheiten. Seit Ende 1994 ist die GfWOB als einhundertprozentige Tochter der Wohnungsbaugenossenschaft Friedrichshain am Berliner und Brandenburger Wohnungsmarkt präsent. Daher rühren die Serviceleistungen für etwa 8 600 Wohneinheiten mit 24 Stunden Hausmeisterdienst, Haushandwerkerleistungen, Pflege der Außenbereiche und Gebäudereinigung. „Wir sind untypisch, wir sind stabil, wir sind berechenbar, wir sind gewachsen und wachsen weiter.“

Unaufgeregt steht er einem erfolgreichen Unternehmen vor, qualifiziert seine Mitarbeiter, denkt langfristig auf einem Gebiet, das zugegeben spannender ist, als man glauben mag. Hausverwaltung ist sehr anspruchsvoll, in Deutschland nicht zertifiziert, die rechtliche Lage von Wohnungseigentum überaus kompliziert und die kaufmännischen Abläufe aufwendig. „Wir decken sämtliche Verwaltungsarten ab und bieten den Service aus dem eigenen Haus. Immer sauber, immer ordentlich und es funktioniert.“ Die Seiten der Verwaltung bringt Andreas Otto selber mit. Der Jurist, der Kaufmann, der Praktiker, der Macher. Vernetzt und mit Weitblick. Neuzugänge an Verwaltungsbeständen haben mehrheitlich einen höchst sanierungsbedürftigen Zustand. Forderungen aus nicht gezahlten Hausgeldern sind dann auszugleichen, bauliche Mängel nach Insolvenz des Bauträgers im Rahmen erstmaliger mangelfreier Herstellung abzuarbeiten. Hier führt die GfWOB Verhandlungen mit den Gläubigern, stellt die Zahlungsfähigkeit der Eigentümergemeinschaft wieder her, indem praktikable Sanierungskonzepte entwickelt werden. Otto fordert Verantwortung. „Wer mit mir arbeitet, soll sich in der Pflicht fühlen, gute Arbeit zu leis-ten.“ Die Kunden sind überzeugt. Die Tochter ist der Mutter in den Jahren weit über den Kopf gewachsen mit 70 festangestellten Mitarbeitern und 3,5 Millionen Jahresumsatz.

Brit Hartmann

 

64 - Herbst 2015

Schwarzer Abt und himmlisches Theater

Mit seinen beiden Barockkirchen und der barocken Gartenanlage muss Neuzelle keinen Vergleich scheuen. Dass eine Brauerei das Ensemble vervollkommnet, passt natürlich auch in die Analogie. Einstmals wurde die Anlage im Mittelalter als Zisterzienser-Kloster gegründet. Seine Blütezeit erlebte das Stift Neuzelle allerdings erst im 17./18. Jahrhundert. Die historische Lage des Ortes in der Grenzregion zwischen der Niederlausitz und der Mark Brandenburg führte dazu, dass im Laufe der Geschichte sächsische, böhmische und preußische Einflüsse verschmolzen. Dieser kulturelle Schmelztiegel, der Neuzelle war, macht bis heute seinen Charme aus. 

Wie ein Schloss thront die St. Marienkirche über dem Ort. Herrschaftlich ist schon die Zufahrt zu nennen, gesäumt von einer Lindenallee, den Klosterteich im Blick. Das figürlich opulent gestaltete Tor zum Schlosshof gibt einen Vorgeschmack auf die barocke Welt dahinter. Der Weg führt in die Marienkirche, wo die barocke Bilderpracht überwältigt. Allein die zahlreichen Deckengemälde illustrieren beeindruckend lebendig Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament. Hier bietet sich eine Führung an.

Zurück im Klosterhof fällt der Blick auf ein neues Museum mit dem schönen Namen „Himmlisches Theater“. Spätestens hier wähnt man sich in Bayern, wo die Volksfrömmigkeit zu Hause ist. Zu sehen sind auf perspektivisch gestaffelten Holzkulissen lebensgroße Passionsdarstellungen. Der 229 Teile umfassende barocke Kulissenreichtum ist in seiner Gesamtheit und künstlerischen Qualität europaweit einzigartig. Ihre Entstehung verdanken derartige Inszenierungen der Gegenreformation. Durch sinnliche religiöse Erlebnisse sollten die Gläubigen wieder zum katholischen Glauben zurückfinden. Dr. Martin Salesch, der Museumsleiter, beschreibt die historische Aufführungspraxis so: „Fast jeden Tag wurde wohl damals eine neue Szene dargestellt, um dieses Passionsgeschehen bildhaft zu machen. Schließlich konnten ja auch noch nicht alle im Volk lesen und schreiben. Ziel war es sicher auch, mehrere Tage in Neuzelle zu verweilen und sich in die Bildwelt hineinziehen zu lassen.“ Die Bemühungen dürften seinerzeit nicht ohne Erfolg geblieben sein, berichten zeitgenössische Dokumente. Doch anlässlich solcher Bühnenereignisse immer wieder auch von Bekehrungen. Dazu wird es in unserer bilderüberfluteten säkularen Welt wohl nicht kommen, überwältigend ist das modern präsentierte „Himmlische Theater“ allemal.

Schon vom Klosterhof kann man einen Blick über die Terrassen auf den im französischen Stil angelegten Klostergarten werfen. Das Gelände fällt hier relativ steil ab, die Oder ruft. Der Garten besticht nicht unbedingt durch seinen Pflanzenreichtum, vielmehr ist es die Gesamtanlage mit der Fontäne, den in Form geschnittenen Sträuchern und den Rosenstöcken. An der Orangerie kann man Kaffee und Kuchen stilvoll im Freien genießen. Verlässt man den Garten über den südlichen Ausgang, nähert man sich dem Klosterberg über den Stiftsplatz. Hier befindet sich die zweite barocke Prachtkirche des Ortes. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurde die Kreuzkirche als katholische Pfarrkirche für die örtliche Bevölkerung gebaut. Die Kulissen aus dem Himmlischen Theater wurden im Übrigen einst hier aufgestellt. Die Mönche brauchte man ja nicht zu bekehren. Die Kirche verfügt über reichen barocken Schmuck. In der Kuppel prangt ein über 100 Quadratmeter großes Fresko, das von dem böhmischen Maler Georg Wilhelm Neunhertz geschaffen worden ist. In künstlerischer Hinsicht ist die kleinere Schwester der größeren Marienkirche sicher ebenbürtig. Seit der Auflösung des Klosters im Jahr 1817 wird die Kirche als Evangelische Pfarrkirche genutzt.

Kloster, das verbinden viele auch mit leiblichen Genüssen. Neuzelle hat das erkannt. Klosterbrauerei und -brennerei laden zu Schauvorführungen samt Verkostung. Der Schwarze Abt, das dunkle Neuzeller Bier, gehört sicher zu den beliebtesten Souvenirs. Wer immer noch nicht genug hat von der Gegend, kann noch einen Abstecher nach Ratzdorf machen. Hier fließt die Neiße in die Oder und die urwüchsige Gartenwirtschaft „Kajüte“ lädt zum Scheidebecher.

Information:

www.stift-neuzelle.de

 Karen Schröder  

64 - Herbst 2015

Fabelhafter Festsaalschmuck

Die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg hat die im Mai 2013 begonnene Restaurierung der Decke des Grottensaals im Neuen Palais abgeschlossen. Damit ist einer der beiden zentralen Festsäle des Hauses wieder in den Rundgang durch das Gästeschloss Friedrichs des Großen (1712–1786) integriert und für die Potsdamer und ihre Gäste zugänglich. Von der Decke winden sich Drachen und andere Fabelwesen zwischen Pflanzenmotiven nun wieder in alter Pracht. Muschelnester zieren Wandnischen und auf dem Deckengemälde vergnügen sich „Venus und Amor, die drei Grazien und Putten“ in leuchtend hellen Farben.

Möglich geworden sind die umfassenden Instandsetzungsarbeiten im Grotten- und im Marmorsaal durch das Sonderinvestitionsprogramm für die preußischen Schlösser und Gärten, das die Bundesregierung sowie die Länder Brandenburg und Berlin zur Rettung bedeutender Denkmäler der Berliner und Potsdamer Schlösserlandschaft aufgelegt haben. 

Die Gesamtkosten für die Sanierung von Grotten- und Marmorsaal sowie für die statische Ertüchtigung der dazwischen  liegenden Holzbalkendecke werden mit 4,9 Millionen Euro veranschlagt. 

Das Neue Palais ist der größte Schlossbau im Potsdamer Park Sanssouci und gehört seit 25 Jahren zum UNESCO-Welterbe der „Schlösser und Parks von Potsdam und Berlin“. Mit der vollständig erhaltenen originalen Substanz und Ausstattung zählt es überdies zu den kunst- und kulturgeschichtlich wertvollsten Schlossanlagen der Welt. Es ist eines der umfassendsten und zugleich auch authentischsten Beispiele für die dekorative Raumkunst im Zeitalter Friedrichs des Großen. Das Neue Palais wurde nach dem Ende des Siebenjährigen Krieges von 1763 bis 1769 errichtet und sollte von der neuen Größe Preußens künden. Konzipiert war es als Sommerresidenz, die Friedrich mit Appartements für Verwandte und Gäste sowie einer Wohnung für sich selbst ausstattete. Die weltweit einmalige Raumgestaltung präsentiert ca. 24 000 Minerale, Gesteine, Erze, Edelsteine, Fossilien, Naturalien, Muscheln, Schnecken und Hüttenschlacken. Diese Zier-elemente wurden von preußischen Königen und Prinzen gekauft, waren Geschenke oder Erinnerungsstücke. Auch deshalb bleibt die Erforschung der Wanddekorationen als Zeugnisse preußisch-europäischer Geschichte und der dynastischen Selbstdarstellung der Hohenzollern eine wichtige Aufgabe.

Information:

Neues Palais, Am Neuen Palais, 14469 Potsdam 
Öffnungszeiten:
Montag, Mittwoch–Sonntag: 10–17 Uhr, Dienstag: geschlossen
Weitere Informationen unter
www.spsg.de/schloesser-gaerten/neues-palais

64 - Herbst 2015