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20 Jahre Magazin

20 Jahre Berlin vis-à-vis

Für uns Berliner und alle, die es geworden sind, hat sich die Stadt in den letzten 20 Jahren stark verändert. Berlin boomt. Nie waren die Besucherströme so groß wie in diesem Jahr. Schillernd, laut, bunt, lebendig, weltoffen: Die deutsche Hauptstadt ist beliebt, ihre Bewohner nörgeln weniger als früher, sind besser angezogen. Berlin ist aber nicht nur Touristenhotspot und Hochglanzmetropole. Bekanntlich hat jede Großstadt viele Gesichter.

Traumziel erreicht

Mit der neuen Wohnung im Szenebezirk Prenzlauer Berg nahe am Kollwitzplatz ist ein großes Problem gelöst. „Berlin ist so eine Traumstadt, da kündigen sich immer wieder Freunde, Verwandte, die Eltern oder Geschwister an, um mal zu kommen. Jetzt haben wir ein großes Zimmer mehr – da ist das Übernachten kein Problem mehr“, schildert Frida Tegstedt mit Blick auf das schöne Altbau-Zuhause in einer Gegend mit ungezählten Gaststätten, Kneipen und Cafés.

Und die Bekannten der beiden Füchse-Profis sind zahlreich. „Meine Eltern waren schon zu mehreren Spielen hier, meine Schwester auch“, fügt ihr Freund Jesper Nielsen hinzu. Seine Schwester hat früher genauso Handball gespielt wie Bruder und Schwester von Frida. Auch gegenseitig besuchen die beiden ihre Auftritte in den verschiedenen Berliner Hallen. Dabei ist es für Frida leichter, ihren zwei Meter großen Freund im überschaubaren Publikum der Füchse-Frauen zu sehen. „Bei den Männern ist das schwierig, aber Jesper muss immer wissen, wo ich sitze. Einmal hat er das nicht gleich mitgekriegt und im Spiel immer suchend auf die Ränge geschaut“, verrät Frida, die wie ihr Freund auf der Position in der Kreismitte spielt.

Ein Pärchen sind die 28 Jahre alte Göteborgerin und der zwei Jahre jüngere Hüne aus Norrköping schon seit acht Jahren. „Es hat gleich gefunkt“, erinnert sich Frida an das erste Treffen der beiden Nordländer mit den leuchtend blauen Augen bei den Junioren-Meisterschaften, als Jesper noch für HP Warta spielte und sie für IK Sävehof auflief, zu dem er danach wechselte. Das passierte aber nicht nur der Liebe wegen, der Göteborger Verein ist im schwedischen Handball das Maß aller Dinge, und Jesper Nielsen war mittlerweile ein begehrter Mann am Kreis. „Dabei war das früher gar nicht meine Position. Aber für den Rückraum war ich auf Dauer wohl zu langsam“, gibt der Blondschopf zu.

Nach vier erfolgreichen Jahren in Göteborg erreichte Nielsen der Lockruf von den Füchsen. „Das war ein Traum. Ich habe schon als kleiner Junge zu meinem Vater gesagt, dass ich einmal in der Bundesliga spielen werde.“ Damals allerdings noch unter anderen Voraussetzungen. Denn Jesper gehörte als Jugendlicher zu den besten Tischtennisspielern seines Landes und war in allen Altersklassen unter den Top 12. „Ja, das stimmt. Und da war Düsseldorf die Mannschaft, von der ich träumte. Aber dann bin ich für Tischtennis zu groß und zu schwer geworden. Der Traum von der Bundesliga blieb, nur ging er in Handball über.“

Das ist nicht verwunderlich, denn anfangs konnte sich Nielsen in der Heimat nicht vom Handball ernähren. Was auch an der Medienpräsenz liegt. „Da kommt erst Zlatan Ibrahimovic, dann Fußball, dann wieder Zlatan, dann Eishockey und dann nach dem Wintersport auch der Handball“, klagt Jesper. „Ich habe deshalb zu hundert Prozent gearbeitet, und erst nach Feierabend trainiert“, erinnert er sich an die Anfänge, als er in einer Reinigungsfirma angestellt war und zusätzlich noch ein Jahr als Betreuer in einer Kindereinrichtung jobbte. „Ich mag Kinder und kann gut mit ihnen“, sagt er und erntet einen Seitenblick seiner Freundin. „Nein, nein, nicht falsch vestehen. Wir haben damit noch Zeit. Jetzt steht der Handball an. Hochzeit, ja vielleicht, aber für die Kinder haben wir dann noch ein ganzes Leben Zeit“, wiegelt Frida ab. Während Jesper neben dem Handball rackerte, hat sie alle möglichen Sportarten ausprobiert. „Fußball, Tennis, Golf – ich habe mich in allem versucht. Doch seit ich 15 bin, spiele ich nur noch Handball. Anfangs im Tor, das wundert mich heute noch.“ Nebenbei hat Frida ihr Studium der Architektur abgeschlossen und ein Fernstudium der Literatur begonnen. Man muss ja auch an die Zeit nach dem Sport denken, wobei die Schwedin ihr erstes Jahr als Profi in Deutschland genoss. „Berlin ist so eine tolle Stadt, da habe ich immer was zu tun. Nicht nur Shoppen oder in eines der vielen Cafés gehen, auch die Stadt kennenlernen, Museen anschauen – das mag ich sehr.“

Und so genießen die beiden ihre Zweisamkeit in Deutschland, an der Jesper seit seinem Wechsel zu den Füchsen feilte. „Wir haben geschaut, wo Frida spielen könnte. Es kam aber nur erste Liga infrage wegen der Nationalmannschaft. Frankfurt hatte sich gerade finanziell abgemeldet, Leipzig war zu weit. Zum Glück sind die Füchsinnen aufgestiegen, das passte wunderbar“, schwärmt Jesper und nimmt seine Freundin in den Arm. Mit der deutschen Sprache freundeten sich beide schnell an. „Ich hatte das ja schon in der Schule, du ja auch“, nickt er Frida zu. „Aber ich glaube, ich war darin der Schlechteste an der ganzen Schule.“

Als sehr passend empfinden die beiden, dass in ihren Mannschaften weitere Schweden spielen. „Wir quatschen viel“, umschreibt Frida ihr Verhältnis zu Daniela Gustin, was im Verein finanziell folgenlos ist. Jesper hat hier so seine Probleme im Umgang mit den Landsleuten Fredrik Petersen und Mattias Zachrisson. „Es kommt vor, dass ich in die Kabine komme und einen der beiden als ers-
ten sehe. Da fange ich natürlich an, was auf Schwedisch zu sagen.“ Das aber ist bei der strengen Hierarchie im Team verboten – Amtssprache ist Deutsch. Und weil Kassenwart Silvio Heinevetter überall lauert, ist Jesper mehr Zehn-Euro-Scheine für diese Vergehen los, als ihm lieb ist.

Doch nicht nur mit den Landsleuten, mit der ganzen Mannschaft finden die Schweden guten Draht. „Man trifft sich ja als Sportler immer mal wieder“, wissen beide. So hat Jesper Nielsen schon in Sävehof ein Jahr mit Kent Robin Tönnesen das Göteborger Trikot getragen. Und weil er mit dem Norweger dort eine Fahrgemeinschaft bildete, setzt man das in Berlin fort. „Wir haben früher schon mal 50 Meter entfernt gewohnt, jetzt ist es nicht viel mehr. Das hat den Vorteil, dass Frida mit unserem Auto zum Training fahren kann. Ich habe dafür ja Taxi-Tönnesen, was der aber gar nicht gerne hört“, lacht Nielsen und räumt eine Sache aus der Welt, die sich für Schweden so hartnäckig hält wie die Symbiose zwischen Holländern und Campingwagen. „Dass ich manchmal zu IKEA gehe, nur um Köttbullar zu essen, ist Quatsch. Bei uns gibt es das manchmal, weil es schnell geht und trotzdem schmeckt. Aber süchtig nach diesen kleinen Hackfleischbällchen bin ich nun wirklich nicht.“ 

Hans-Christian Moritz

 

64 - Herbst 2015
Sport

40 Jahre Spielbank Berlin

Am 12. September kamen nicht wenige illustre Gäste zusammen, um diesen runden Geburtstag mit einer großen Gala zu feiern. Viele von ihnen begleiten die Spielbank Berlin, die ihren Hauptsitz seit 1998 am Potsdamer Platz hat, schon seit vielen Jahren. Die Besucherzahlen steigen stetig, derzeit werden die insgesamt fünf Standorte in der Hauptstadt von 2 000 Spielern täglich besucht. Hausherr und geschäftsführender Gesellschafter Günter Münstermann konnte den Abend dann auch mit prominenten Gästen wie Formel-1-Legende Niki Lauda, Schwimmerin Britta Steffen, Diskusikone Robert Harting, Turmspringer Patrick Hausding, Musiker Frank Zander und Innensenator Frank Henkel verbringen.

Dass sich die Spielbank viele Freunde gemacht hat, ist nachvollziehbar. Günter Münstermann engagiert sich seit vielen Jahren intensiv für den Sport, unterstützt große Veranstaltungen, Vereine und Einzelsportler. Und die Stadt Berlin kann auch sehr zufrieden sein: Mehr als zwei Milliarden Euro Steuern hat sie bisher eingenommen, der größte Teil des Bruttospielertrags geht an das Land Berlin. Daneben lockt die Spielbank Touristen in die Stadt. Vom 8. bis 24. Oktober kämpften aber erst einmal 3 000 Gäste aus der ganzen Welt um einen Sieg beim Pokern. Der Ableger der wichtigsten Pokerturnierserie der Welt, die WSOP Europe, kam im Oktober 2015 zum ersten Mal nach Deutschland, genauer gesagt, nach Berlin, also natürlich in die Spielbank.

 

 

64 - Herbst 2015

"Raus! Raus! Raus!"

Sie gingen barfuß durch die Lande, trugen lange Haare, Leinenkittel und Wanderstab. Verteilten kleine Traktate oder Gedichte. Gern luden sie auch am Lagerfeuer zu Kreistanz und Gesang. Gustav Gräser, Friedrich Muck-Lamberty und Gustav Nagel gehören zu den bekanntesten frühen Naturgurus, charismatischen Wanderpredigern und Lichtpropheten. Die Jahre von 1900 bis 1930 war ihre Zeit, die Zeit des Wandervogels und der freien Liebe. Es entstand ein Markt für Fleischersatzprodukte, weit geschnittene Reformkleider und Jesus-Sandalen. „Raus! Raus! Raus!“ So stand es auf dem grünen Wagen, mit dem Gusto Gräser um 1930 in Brandenburg unterwegs war. In Gang bleiben, das nahm Gräser als Lebensmotto durchaus wörtlich. Bei Waldsieversdorf in Grünhorst war er Mitglied einer alternativen sonnenhungrigen Künstlerkommune geworden. Feste Behausungen lehnte man ab, lebte in Höhlen oder Bretterverschlägen. Nicht auf Besitz, sondern auf seelischen Reichtum komme es an, davon waren die Siedler überzeugt. Gewaltfrei und natürlich wollte man leben, nahe am Urchristentum. So nimmt es nicht wunder, dass einige der Protagonisten auch in ihrer äußerlichen Erscheinung die Nähe zu Jesus von Nazareth suchten. Die öffentliche Aufmerksamkeit war ihnen so allemal sicher.

Wodurch bekamen solche Bestrebungen Auftrieb? Versetzen wir uns in die Zeit um 1900 in Berlin. Die Schornsteine qualmten. Die Gründerzeit hatte einen industriellen Boom mit sich gebracht. Der Moloch Stadt rückte immer weiter in die Außenbezirke vor. Auf den dunklen Hinterhöfen der Wohnhäuser herrschte Gedränge. Die Kaiserzeit strotzte nur so vor pompösem Militarismus und ästhetischem Plüsch. Vor diesem Hintergrund stellten sich immer mehr Menschen die Frage: Wie wollen wir leben? Die Sehnsucht nach einem unentfremdeten naturnahen Leben ergriff weite Teile der Jugend. Unter der Überschrift Lebensreform lassen sich diese vielfältigen Bemühungen zusammenfassen. Ganzheitliches Denken war dieser Bewegung von Anfang an immanent. So gehören Freikörperkultur, Gartenstadtbewegung, Naturheilkunde, Pazifismus und Biolandbau untrennbar zusammen. Protagonisten der einen Richtung unterstützten meist auch ihre gleichgesinnten Freunde. Die Potsdamer Ausstellung entwirft anhand seltener Originaldokumente und Exponate ein buntes Mosaik einer heute allzu oft in Vergessenheit geratenen Strömung.

Bei FKK denken die meisten zu allererst an die DDR-Zeit. Wer weiß schon, dass es in den 1920er-Jahren auf einer Sanddüne südlich von Berlin in Motzen eine überaus rege Freikörperkultur gab? Motto: „Wir sind nackt und nennen uns Du“. Hier lud man nicht nur zum Bade, sondern bildete sich auch weiter in Sachen Ernährung und Gesundheit. Wie gründlich man alle Scham abgeworfen hatte, zeigen die beeindruckend lebendigen Aktfotografien. Nacktheit wurde fotografisch auch in der Inselstadt Werder zelebriert, wo Karl Vanselow die Zeitschrift „Die Schönheit“ herausgab.

Zurück zur Natur, das bedeutete auch zurück zum Landleben. Siedlungen wurden gegründet. Grundlage waren verschiedene neue weltanschauliche Konzepte, darunter die Anthroposophie und der Vegetarismus. Erhard Bartsch, der Weggefährte Rudolf Steiners gründete 1928 bei Bad Saarow ein 100 Hektar großes bio-dynamisches Mustergut. Die „Marienhöhe“ gilt damit als ältester Demeter-Hof Deutschlands. Die Produkte wurden durch das seit 1900 bestehende Reformhaussystem vertrieben. 

Noch 35 Jahre älter als der Demeter-Hof bei Bad Saarow ist die Obstbaukolonie Eden bei Oranienburg. Sie gilt als ein historisches Zentrum der vegetarischen Bewegung Deutschlands. 1893 beschlossen 18 reformbegeisterte Männer im vegetarischen Wirtshaus „Ceres“ in Berlin-Moabit, einen Garten Eden zu begründen. Man erwarb als ersten Schritt 160 Morgen Land, das man genossenschaftlich bewirtschaftete. Die drei Bäumchen im Wappen der Eden-Siedlung stehen für Lebensreform, Bodenreform und Wirtschaftsreform. 

Oft waren es auch Künstler, die sich an die Spitze dieser Bewegung stellten. Im Friedrichshagener Dichterkreis fand man sich „hinter der Weltstadt“ zusammen, um in der Kunst ein Gemeinschaftsgefühl zu leben. Dabei ging die enge Verbindung nach Berlin nie verloren. Einfach und naturnah, das bedeutete nicht rückwärtsgewandt und provinziell. Im Gegenteil, die Friedrichshagener pflegten immer auch den internationalen Austausch. So nimmt es auch nicht wunder, dass 1902 die Deutsche Gartenstadt-Gesellschaft, die Idee kam aus England, aus dem Umfeld des Dichterkreises heraus gegründet wurde. Zu den Gründern gehörten die Brüderpaare Bernhard und Paul Kampfmeyer, Heinrich und Julius Hart sowie Wilhelm Bölsche, allesamt „Friedrichshagener“. Zum Künstlerkreis gehörte auch Fidus, mit bürgerlichem Namen Hugo Höppener. Er war der Künstler der Lebensreformbe-wegung in Brandenburg. Sein „Licht-gebet“ wurde tausendfach gedruckt. Seit 1909 lebte Fidus in seinem neuerbauten Woltersdorfer Atelierhaus. Schnell wurde sein Haus Anziehungspunkt für Gleichgesinnte aus lebensreformerischen und esoterischen Kreisen. Fidus soll ein sehr geselliger Mensch gewesen sein. Noch dazu spielte er bekanntermaßen ausgezeichnet Klavier. Der von Fidus ins Leben gerufene St. Georgsbund hatte im Atelierhaus seinen Sitz. Von hier aus gingen Druckschriften und Grafik nach ganz Deutschland. 

Wie einige seiner Mitstreiter aus der Lebensreformbewegung war der Maler später anfällig für das Gedankengut der Nazis. Bis 1989 ist das Fidus-Haus durch glückliche Umstände nahezu unverändert erhalten geblieben. Was lag da näher, als an diesem authentischen Ort ein „Museum für Lebensreformbewegungen“ zu installieren. Darüber hinaus sollte selbstverständlich das Wirken des einstigen Hausherren gebührend gewürdigt werden. Ein Förderverein gründete sich, und von Bund und Land wurden finanzielle Mittel bereit gestellt. Sogar einen Eröffnungstermin hatte man schon: Dezember 2000. Finanzielle Unwägbarkeiten führten bald darauf jedoch zur Aufgabe des Projekts und zur Auflösung des Vereins. Falls es doch irgendwann anders kommen sollte und ein solches Museum wieder auf der Tagesordnung stünde, dann hätte die Potsdamer Ausstellung samt Begleitkatalog bestens vorgearbeitet.

Karen Schröder

64 - Herbst 2015
Kultur

Ein Dorf in der Millionenstadt

Kladow könnte eine Insel sein. Am Hafen kommen Urlaubsgefühle auf. An einer immerhin 45 Meter langen Seebrücke macht ein Schiff fest. Eine Promenade mit Restaurants und Biergärten erwartet den Besucher. Am charmantesten zu erreichen ist der südwestliche Berliner Vorort tatsächlich mit der Fähre von Wannsee. Die AB-Fahrkarte der BVG genügt. Aber auch der Landweg über Spandau ist möglich. Kladow ist ein Teil Berlins. Dabei hat es noch viel von einem märkischen Fischerdorf. Kleine geduckte Häuser und enge Gassen um die alte Dorfkirche herum. 

Kladow nennt aber auch ein Schloss sein Eigen, genauer gesagt ein Gutshaus. Seit sich eine Bürgerstiftung um das Anwesen kümmert, ist es zu neuem Leben erwacht. Es gibt Lesungen und Konzerte, ein Café lädt ein. Der Abstecher hierher lohnt sich allemal, auch wegen der Geschichte, die sich an diesem Ort ereignete. Im Jahre 1800 baute David Gilly das Gebäude im klassizistischen Stil. Königin Luises Paretz grüßt aus der Ferne. Ähnlichkeiten sind nicht zufällig. König Friedrich Wilhelm III. hatte das Paretzer Gelände seinem Kabinettsrat Anastasius Ludwig Mencken überlassen. Torhäuser bilden den Eingang zum Gut. Der Kabinettsrat hatte nicht lange Freude an dem neuen Haus. Er starb bald darauf. Seine Tochter Wilhelmine Luise Mencken wohnte hier noch bis 1806. Später heiratete sie in die Familie Bismarck ein. Als Mutter von Otto von Bismarck erinnert eine Gedenktafel an sie. Der Gutshof wechselte daraufhin mehrfach den Besitzer – bis die Rüdersdorfer Unternehmerfamilie Guthmann das heruntergewirtschaftete Anwesen übernahm. Unter Johannes Guthmann wurde das Gutshaus Kladow zum Musentempel. Der Maler Max Slevogt und der Bildhauer August Gaul hinterließen hier ihre künstlerischen Spuren. Gerhart Hauptmann und Max Reinhardt gingen ein und aus. „Neu-Cladow wurde der Inbegriff von ‚Sonntag‘ überhaupt“, so Guthmann über diese Zeit. „Cladow – die Perle des Osthavellandes“, warb man anderswo für den Ort. 1924 wehrten sich denn auch viele Bürger gegen die Eingemeindung in Groß-Berlin. Vergeblich. Schließlich strich man dem Dorf 1930 auch noch das „C“ im Namen. Jetzt hieß es offiziell „Kladow“.

Zurück in der Gegenwart folgen wir der Imchenallee (benannt nach der kleinen Wannsee-Insel) in Richtung Osten, mit dem Ziel Sacrow. Es geht immer am Wasser entlang. Vorbei an imposanten Villen, meist hoch über dem See gebaut. Viele von ihnen stammen noch aus der Gründungszeit der Villenkolonie um 1900. Über den Sacrower Kirchweg und den Lüdickeweg erreichen wir schließlich ein sehenswertes Kladower Gartendenkmal: den direkt am Wasser gelegenen Fränkelschen Landhausgarten. Die Pfaueninsel gegenüber immer im Blick. Die gartenhistorische Nachbarschaft setzte hier wohl Maßstäbe. Ende der 1920er- Jahre wurde der Privatgarten für den jüdischen Bankier Dr. Max Fränkel vom Berliner Stadtgartendirektor Erwin Barth angelegt. Bekannt ist Barth unter anderen für seine Freiraum-Planungen in Charlottenburg und Wedding, darunter der Savignyplatz, der Lietzenseepark und der Volkspark Rehberge. In Kladow gestaltete er eine mehrfach gegliederte, terrassierte Gartenanlage, mit Rosengarten, Staudenbeeten und Obst- und Gemüsegarten. Später kamen ein Wasserfall, Teiche und ein Teepavillon hinzu. Nach verschiedenen auch artfremden Nutzungen, während der innerdeutschen Teilung gab es hier zum Beispiel eine Zollstation, ist für den Garten heute das Naturschutz- und Grünflächenamt Spandau zuständig. Seit Anfang der 1990er-Jahre wird er mit Mitteln der Denkmalpflege aufwendig wiederhergestellt. Noch in diesem Jahr sollen die umfangreichen Sanierungsarbeiten abgeschlossen werden. So lange auf dem Gelände gearbeitet wird, steht der Garten Besuchern offen.

Über die Sacrower Landstraße überqueren wir die Stadtgrenze und erreichen nach einem halbstündigen Fußweg Sacrow. Am Ortsausgang Kladow führt ein Weg hinunter zum See. Auf einem Waldweg geht es naturnah weiter. Das letzte Stück durch Sacrow, seit 1939 ein Ortsteil Potsdams, muss man jedoch auf der Straße laufen. Nach dem Schiffgraben ist es nicht mehr weit zum Schlosspark Sacrow. Dort gibt es ein kleines Schloss und am Port von Sacrow die Heilandskirche zu besichtigen. Diese 1844 nach Plänen Friedrich Wilhelm IV. von Persius im italienischen Stil gebaute Kirche ist ein wahres Kleinod inmitten der Potsdamer Schlösserlandschaft. Allein die Lage auf einer Landzunge an der Havel ist nur malerisch zu nennen.

Bevor wir den Rückweg nach Kladow antreten, ist eine Einkehr im traditionsreichen Restaurant Zum Sacrower See möglich. Am Kamin werden schnörkellose regionale Gerichte angeboten. Wer nicht den gleichen Weg zurückgehen möchte, dem empfiehlt sich die Route entlang des Sacrower Sees, durch den Königswald über den Mauerweg zurück nach Alt-Kladow. 15 Kilometer Wanderung sind am Ende zusammengekommen. Von Sacrow fährt aber auch ein Bus nach Potsdam.  

Karen Schröder 

 

64 - Herbst 2015

Fabelhafter Festsaalschmuck

Die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg hat die im Mai 2013 begonnene Restaurierung der Decke des Grottensaals im Neuen Palais abgeschlossen. Damit ist einer der beiden zentralen Festsäle des Hauses wieder in den Rundgang durch das Gästeschloss Friedrichs des Großen (1712–1786) integriert und für die Potsdamer und ihre Gäste zugänglich. Von der Decke winden sich Drachen und andere Fabelwesen zwischen Pflanzenmotiven nun wieder in alter Pracht. Muschelnester zieren Wandnischen und auf dem Deckengemälde vergnügen sich „Venus und Amor, die drei Grazien und Putten“ in leuchtend hellen Farben.

Möglich geworden sind die umfassenden Instandsetzungsarbeiten im Grotten- und im Marmorsaal durch das Sonderinvestitionsprogramm für die preußischen Schlösser und Gärten, das die Bundesregierung sowie die Länder Brandenburg und Berlin zur Rettung bedeutender Denkmäler der Berliner und Potsdamer Schlösserlandschaft aufgelegt haben. 

Die Gesamtkosten für die Sanierung von Grotten- und Marmorsaal sowie für die statische Ertüchtigung der dazwischen  liegenden Holzbalkendecke werden mit 4,9 Millionen Euro veranschlagt. 

Das Neue Palais ist der größte Schlossbau im Potsdamer Park Sanssouci und gehört seit 25 Jahren zum UNESCO-Welterbe der „Schlösser und Parks von Potsdam und Berlin“. Mit der vollständig erhaltenen originalen Substanz und Ausstattung zählt es überdies zu den kunst- und kulturgeschichtlich wertvollsten Schlossanlagen der Welt. Es ist eines der umfassendsten und zugleich auch authentischsten Beispiele für die dekorative Raumkunst im Zeitalter Friedrichs des Großen. Das Neue Palais wurde nach dem Ende des Siebenjährigen Krieges von 1763 bis 1769 errichtet und sollte von der neuen Größe Preußens künden. Konzipiert war es als Sommerresidenz, die Friedrich mit Appartements für Verwandte und Gäste sowie einer Wohnung für sich selbst ausstattete. Die weltweit einmalige Raumgestaltung präsentiert ca. 24 000 Minerale, Gesteine, Erze, Edelsteine, Fossilien, Naturalien, Muscheln, Schnecken und Hüttenschlacken. Diese Zier-elemente wurden von preußischen Königen und Prinzen gekauft, waren Geschenke oder Erinnerungsstücke. Auch deshalb bleibt die Erforschung der Wanddekorationen als Zeugnisse preußisch-europäischer Geschichte und der dynastischen Selbstdarstellung der Hohenzollern eine wichtige Aufgabe.

Information:

Neues Palais, Am Neuen Palais, 14469 Potsdam 
Öffnungszeiten:
Montag, Mittwoch–Sonntag: 10–17 Uhr, Dienstag: geschlossen
Weitere Informationen unter
www.spsg.de/schloesser-gaerten/neues-palais

64 - Herbst 2015