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20 Jahre Magazin

20 Jahre Berlin vis-à-vis

Für uns Berliner und alle, die es geworden sind, hat sich die Stadt in den letzten 20 Jahren stark verändert. Berlin boomt. Nie waren die Besucherströme so groß wie in diesem Jahr. Schillernd, laut, bunt, lebendig, weltoffen: Die deutsche Hauptstadt ist beliebt, ihre Bewohner nörgeln weniger als früher, sind besser angezogen. Berlin ist aber nicht nur Touristenhotspot und Hochglanzmetropole. Bekanntlich hat jede Großstadt viele Gesichter.

Neubau für mehr Wohnqualität

Neukölln hat sich mittlerweile vom traditionellen Arbeiterviertel zum begehrten Wohnbezirk entwickelt. Allein in den vergangenen fünf Jahren sind die Mietpreise stark gestiegen. Bei Neubauprojekten sind daher Widerstände von Bürgerinitiativen und die Angst einer Gentrifizierung oft vorprogrammiert. Berlin vis-à-vis sprach mit Uwe Springer, Vorstand des WBV Neukölln, und dem Architekten Sven Blumers. Gemeinsam entwickeln sie in Neukölln ein Neubauprojekt für verschiedene Generationen.

Herr Springer, die Heidelberger Straße in Neukölln ist für Ihre Genossenschaft ein wichtiger Standort. Sie wollen dort zwei Wohnhäuser abreißen, um dann neu zu bauen. Warum modernisieren Sie nicht, wie es einige Nutzer Ihrer Genossenschaft fordern?

Von den ca. 5 800 Wohnungen, die wir haben, befindet sich jede dritte in Neukölln. Die Gebäude in der Heidelberger Straße, um die es sich hier handelt, gehören zu unserer größten Siedlung und wurden ursprünglich in den Jahren 1927 bis 1930 errichtet. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Häuser zerstört und in den 60er-Jahren durch Neubauten mit weniger hochwertigen Materialien ersetzt. Um die Gebäude und die Bausubstanz für die nächsten Nutzergenerationen in einen zeitgemäßen Zustand zu bringen, gab es für uns zwei Alternativen: Eine vollständige Sanierung oder der Abriss mit anschließender Neubebauung des Grundstückes. Nach Abwägung der Vor- und Nachteile, insbesondere auch der Kosten und wirtschaftlich vertretbarer Lösungen für Nutzer und Eigentümer, haben wir uns für den kompletten Neubau entschieden.

Herr Blumers, können Sie diese Vor- und Nachteile etwas ausführlicher erläutern?

Bei unseren Analysen stellte sich heraus, dass eine Sanierung der Gebäude nur mit sehr hohen Kosten möglich gewesen wäre. Gründe dafür sind zum einen die staatlichen Energieeinsparauflagen, zum anderen aber auch die heutigen Erwartungen von Mietern hinsichtlich des Wohnstandards. So wären beispielsweise Schallschutzmaßnahmen, eine Erneuerung der Haustechnik und Heizungsanlage, des Daches, der Wände, Fenster sowie Elektro- und Wasserleitungen notwendig gewesen. Um auch zukünftig ein generationsübergreifendes Wohnen zu ermöglichen, wäre die nachträgliche aufwendige Installation von Aufzügen notwendig gewesen. Von daher war schnell klar, dass der zu erwartende finanzielle Aufwand in keinem Verhältnis zu der damit erreichbaren Verbesserung der Gebäudequalität sowie zeitgemäßer altersgerechter Wohnungen gestanden hätte. Und zudem hätten die Kosten durch eine Modernisierungsumlage nicht angemessen abgefedert beziehungsweise auf die Mieter umgelegt werden können.  

Mit dem Neubauvorhaben ist der WBV Neukölln bei einigen seiner Nutzer auch auf Widerstand gestoßen. Wie gehen Sie damit um, Herr Springer?

Die Philosophie unserer Genossenschaft ist unter anderem, dass die Mitglieder langfristig in einem gemeinsamen Wohnumfeld leben und einen sicheren Zugang zu bezahlbarem Wohnraum erhalten. Unsere Nutzungsentgelte – so nennt man die „Mieten“ bei den Genossenschaften – liegen dabei zehn bis 25 Prozent unter dem Mittelwert des Berliner Mietspiegels. Bei dem Neubauprojekt in der Heidelberger Straße ist es so, dass wir über ausreichend alternativen bezahlbaren Wohnraum in der Nachbarschaft und in der näheren Umgebung verfügen. Wir können den Nutzern Ersatzwohnungen zur Verfügung stellen, ohne dass sie ihre gewohnte Umgebung verlassen müssen. Für mehr als drei Viertel der betroffenen Mieter haben wir bereits Wohnlösungen im nachbarschaftlichen Umfeld gefunden. Und alle Mieter sind zufriedener als vorher. Denn die Ersatzwohnungen sind im Gegensatz zu den Wohnungen in der Heidelberger Straße 15 bis 18 renoviert und bieten darüber hinaus einen höheren Wohnkomfort bei geringeren Nebenkosten. Zudem übernehmen wir Umzugskosten sowie Kosten für kleinere Anpassungs- und Umbaumaßnahmen. Fakt ist, dass wir für jeden unserer Nutzer eine individuelle Lösung finden.

Das Architekturbüro Blumers Architekten konnte sich in einem Ideenwettbewerb zur Gestaltung der neuen Gebäude und Außenflächen mit einem Konzeptentwurf durchsetzen, der Wohnformen für verschiedene Generationen vorsieht.

Blumers: Insgesamt werden wir rund 90 barrierefreie Wohnungen mit ca. 6 600 Quadratmeter Wohnfläche bauen. Das ist fast doppelt so viel Wohnfläche, wie derzeit in den beiden Altbauten vorhanden ist. Bis Ende 2017 entstehen Wohnungen für Familien, Senioren, Singles und Paare im etablierten Alter. Generell wird bei dem Projekt eine Mischung aus jungen und älteren Bewohnern angestrebt. Bei der Gestaltung der Wohnungsgrundrisse wurde daher auch viel Wert auf hohe Flexibilität und Variabilität bezüglich Größe und Inhalt gelegt. Die Planung ermöglicht so, je nach Bedarf die Anzahl von Ein-, Zwei- und Dreizimmerwohnungen zu variieren. Neben der Installation von Aufzügen wird es Gemeinschafts- und Gewerbeflächen, einen Concierge sowie eine Tiefgarage geben. Der gesamte Innenhofbereich wird autofrei sein. Die Außenflächen werden wir so gestalten, dass sie durch einen großzügig angelegten Quartiersplatz zum Ort der Begegnung werden. 

Springer: Darüber hinaus steht im Fokus des Neubaus eine umweltbewusste und energieeffiziente Bauweise. Wir planen ressourcenschonende Techniken wie Photovoltaik und Regenwassernutzung sowie eine Stromtankstelle. Das Nutzungsentgelt wird mit rund 8,50 Euro pro Quadratmeter unter dem Berliner und Neuköllner Durchschnitt für Neubauwohnungen liegen.

Wie erleben Sie als Architekturbüro generell das Thema Gentrifizierung bei Neubauprojekten?

Blumers: Die Widerstände haben in den vergangenen Jahren zugenommen. Meine Erfahrung zeigt aber, dass es wichtig ist, die betroffenen Mieter und auch Anwohner früh in die Planungen mit einzubeziehen und regelmäßig zu informieren. So kann man vielen Betroffenen schon im Vorfeld ihre Bedenken nehmen und die Vorteile aufzeigen. Berlin braucht mehr bezahlbaren Wohnraum. Erste Weichen hat der Senat dafür bereits gestellt. Aber es ist in einer Weltmetropole nicht flächendeckend machbar, dass man für sechs Euro in den bes-
ten zentralen Lagen wohnen kann. Hier sind meiner Meinung nach Politik und Öffentlichkeit noch stärker gefordert, sachlich und wirtschaftlich besser aufzuklären.

Vielen Dank für das Gespräch.

64 - Herbst 2015

„Weissensee“ geht weiter

Die bei Publikum und Kritik gleichermaßen beliebte, hoch geschätzte und auch international erfolgreiche ARD-Serie „Weissensee“ ist noch lange nicht auserzählt. Das sagt die Produzentin Regina Ziegler, und die Zuschauer freut die Botschaft, denn hier handelt es sich um Qualitätsfernsehen, wie wir es uns leider oft vergeblich wünschen. 

Der spannende Stoff rund um die deutsche Teilung und die lang ersehnte Wiedervereinigung wird dank stimmiger, atmosphärisch überzeugender Drehbücher hochspannend erzählt, hervorragend ins Bild gesetzt und von einer Elitetruppe deutscher Schauspieler aus Ost und West ebenso überzeugend wie ergreifend dargestellt. Regina Ziegler und die MDR-Intendantin Prof. Dr. Karola Wille präsentierten im Kino der „Kulturbrauerei“ die 3. Staffel in Anwesenheit der Schauspieler Florian Lukas, Uwe Kockisch, Ruth Reinecke, Jörg Hartmann, Anna Loos, Katrin Sass, Lisa Wagner u. a. Sie wurde vom 29. September bis zum 1. Oktober in drei Doppelfolgen ausgestrahlt. Aber Regina Ziegler verriet, dass sich die Zuschauer zumindest auf eine 4. Staffel freuen können, da sie sich bereits in Vorbereitung befindet.

Die Erfolgsproduzentin ist durch das vierjährige Krebsleiden ihres Gatten, des Regisseurs, Autors und Produzenten Wolf Gremm, und seinen Tod am 14. Juli deutlich gezeichnet. Sie hat stark abgenommen. Dennoch steckt sie voller Tatendrang. Sie freut sich auf die weitere Zusammenarbeit mit der Drehbuchautorin Annette Hess und dem Regisseur Friedemann Fromm, für die Volker Herres (Programmdirektor Erstes Deutsches Fernsehen) bereits grünes Licht erteilt hat. 

Wie Regina Ziegler sagt, gibt es für sie nur eine einzige Kraftquelle nach dem Tod ihres Mannes: „Arbeit, Arbeit, Arbeit!“ Am Tag nach der Präsentation der 3. Staffel „Weissensee“ in der „Kulturbrauerei“ flog sie mit einem kleinen Kreis enger Freunde nach Mallorca, um die Asche Wolf Gremms dort dem Meer zu übergeben. Sie hatte die ganze Zeremonie vor dem Tod ihres Mannes mit ihm abgesprochen und ein Segelschiff dafür gemietet. „Es wird alles so sein, wie Wolf es sich gewünscht hat“, sagt sie.

Danach wird sie erneut ans Werk gehen, um die Geschichte der deutschen Wiedervereinigung mit all den ergreifenden Schicksalen von Menschen, die wie auch sie selbst durch tiefes Leid gehen mussten, um irgendwann wieder Licht zu sehen, in wahrhaftiger Weise weiterzuerzählen. 

Gudrun Gloth

 

64 - Herbst 2015
Magazin

Berlin soll Hightech-Metropole werden

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller sprach mit Berlin vis-à-vis über Wohnungsbau, Kultur, Flüchtlinge und die Startup-Szene.

Berlins Attraktivität ist ungebrochen. Immer mehr Menschen ziehen in die Stadt, die Mieten steigen. Sind die Zeiten endgültig vorbei, als das Wohnen in der Hauptstadt noch für alle bezahlbar war? 

Mit der wachsenden Wirtschaft in Berlin wird das Leben in der Stadt auch teurer. Solange es damit einhergeht, dass mehr Menschen Arbeit haben und besser verdienen, ist das für eine Hauptstadt eine normale Entwicklung. Trotzdem unternehmen wir viel, um den Preisanstieg zu dämpfen und zu regulieren, damit Berlin weiter bezahlbar bleibt. Sei es über die Mietpreisbremse oder das Zweckentfremdungsverbot und vor allem den Wohnungsneubau. Berlin wird dadurch seine Attraktivität als Stadt der bezahlbaren Mieten gegenüber anderen europäischen Städten noch lange erhalten können. 

Mit der Hälfte des 2014 erzielten Haushaltsüberschusses soll in defizitäre Bereiche investiert werden, sowohl in den Wohnungsbau als auch in die Personalaufstockung in den Behörden. Wo ist derzeit der Bedarf am dringendsten? 

Wir nehmen knapp 500 Millionen Euro zusätzlich zu den anderen Inves-titionsmitteln in die Hand, um die Infrastruktur im Rahmen der wachsenden Stadt zu verbessern. Dazu gehören der Straßenausbau, die Schulsanierungen, Personalaufstockung in der Verwaltung und vor allem der Wohnungsbau. Dieser ist ganz eindeutig im Rahmen der Investition ein Schwerpunkt.  Berlins Einwohnerzahl ist im vierten Jahr in Folge um 40 000 Menschen gestiegen. 

Die vernachlässigte Wohnungsbaupolitik in der Vergangenheit stellt Sie vor große Herausforderungen: Es fehlen 22 000 neue Wohnungen, in den kommenden Jahren sollen bis zu 43 000 neue Wohnungen entstehen. Gleichzeitig erschweren immer wieder Bürgerproteste neues Bauen. Wird die Realisierung dabei immer wieder zum Balanceakt?

Bis 2010/11 standen viele Wohnungen leer. Dies ist nun nicht mehr der Fall. Wir müssen ungefähr 10 000 Wohnungen pro Jahr bauen, um dem Bevölkerungsanstieg gerecht zu werden. Und ja, es gibt auf den Flächen,  auf denen Wohnungen entstehen könnten, riesige Nutzungskonflikte mit Auseinandersetzungen bis hin zu Bürgerprotesten. Das muss die Politik akzeptieren. Umgekehrt muss die Stadtgesellschaft akzeptieren, dass die Politik aus einem gesamtstädtischen Interesse heraus entscheidet, Wohnungen zu bauen, weil sie gebraucht werden. 

Einen Teil von Berlins Charme machen die vielen Freiflächen aus.  

Das stimmt. 

Will man das aufgeben? 

Nein, das kann man nicht aufgeben. Das grüne Berlin mit seinem hohen Freizeitwert ist Teil der Attraktivität der Stadt. Es ist eine Gratwanderung. Einerseits wollen wir unsere schönen Freiflächen erhalten, andererseits müssen wir verdichten. Um in der Innenstadt mehr Wohnungen schaffen zu können, müssen wir eben teilweise auch Brachflächen nutzen. 

Gerade ist wieder verstärkt Thema, in die Höhe zu bauen, wie schätzen Sie die realistische Umsetzung der Hochhausidee ein? Zum Beispiel das Projekt für den Hardenbergplatz. 

Oder auch am Alexanderplatz. Es wurden in den 90er-Jahren 20 Hochhäuser geplant, aber über Jahre ist nichts passiert. Jetzt tut sich endlich etwas. Ich finde das richtig, aber auch hier muss man sensibel sein und hinschauen, wo es passt. In City West und Ost, da, wo pulsierendes städtisches Leben herrscht, passen Hochhäuser. Sie gehören zur besseren Flächennutzung dazu. 

Der Fokus der Hauptstadt war immer stark auf die Kunst und Kultur gerichtet. Ihr Berlin soll auch Wirtschaftsstadt sein. War Ihnen die Wahrnehmung der Stadt als Kultur-Hotspot in den letzten Jahren zu einseitig? 

Nein, zu einseitig war es nicht, weil wir auch in den letzten Jahren ganz bewusst auf die Wirtschaftsstärke der Stadt gesetzt haben und ein europaweiter Anziehungspunkt geworden sind. Tatsächlich ist es mir wichtig, Berlins Kunst und Kultur weiter zu fördern, aber auch ganz bewusst darauf zu setzen, Investitionen in die Stadt zu holen, um die momentan hervorragende wirtschaftliche Entwicklung weiter voranzutreiben, ganz besonders im Bereich der Startup-Szene. 

Wird das Zugpferd Kultur nicht zurückgefahren? 

Nein, im Gegenteil. Der Senat hat dem Parlament einen Haushalt vorgelegt, in dem wir den Kulturetat um 10 Prozent aufstocken.

Es bestehen dennoch Bedenken von Kulturmachern hinsichtlich der Verteilung der Subventionen. 

Es werden nicht nur unsere Opernhäuser, also die großen Dampfer der Kultur, profitieren. Es werden auch tatsächlich die kleineren Häuser wie das Maxim Gorki Theater oder das HAU (Hebbel am Ufer), Atelierprogramme sowie die freie Szene bei der Verteilung bedacht. 

Und welche Bestrebungen gibt es, auch kleinere Startup-Unternehmen und Manufakturen zu unterstützen? 

Für die Startups ist es beinahe genauso wichtig, an Kapital zu kommen wie an Flächen, auf denen man sich nicht langfristig binden muss und auch mal etwas ausprobieren kann. Uns kommt zugute, dass wir die Gründerzentren rund um die TU haben, bei der GSG (die Gewerbehöfe und Gewerbeparks in Berlin, Anm. d. Red.) oder in Adlershof. Es ist ein echter Standortvorteil von Berlin, dass wir im Stadtbereich Raum für die Gründerszene haben, den wir fördern. Wir setzen vor allem auf Digitalisierung. Wir erarbeiten mit allen relevanten Stellen gerade eine Agenda mit konkreten Vorschlägen wie zum Beispiel auch mehr Professuren in dem Themenfeld. So wollen wir zu einer echten Hightech-Metropole werden.

Die Berliner schätzen Ihr unprätentiöses Auftreten und das Bodenständige, das Sie verkörpern. Überrascht Sie Ihr guter Stand selbst ein wenig? 

Es freut mich, dass ich von den Berlinerinnen und Berlinern angenommen werde und auch viel Unterstützung erfahre, sowohl aus Wirtschaft und Wissenschaft als auch aus der Kultur.  

Von Ramona Pop gibt es den Satz „Michael Müller kommt so gut an, weil er nicht Klaus Wowereit ist“.  Was denken Sie, wie lange Sie noch mit Ihrem Vorgänger verglichen werden?

Die Regierenden Bürgermeister werden immer miteinander verglichen, Eberhard Diepgen und Walter Momper bis heute. Mich stört es nicht. Ich bin mit Klaus Wowereit befreundet. Ihn zu kopieren, wäre furchtbar geworden, für uns beide und für alle anderen. Mir war von Anfang an wichtig, dass ich meinen eigenen Weg finde. Das scheint mir gelungen zu sein. Die Leute merken offensichtlich, der ist bei sich und versucht nicht irgendetwas zu spielen. 

Ihre bisherige Amtszeit von nicht einmal einem Jahr ist mit wichtigen und nicht leicht zu bewältigenden Aufgaben ausgefüllt: Haben Sie sich Ihr Amt so vorgestellt? 

Ich habe es mir so vorgestellt.  Und es macht mir sehr viel Spaß. Das Schöne an meinem Amt ist vor allem das große Themenspektrum. Als Stadtentwicklungssenator waren die Aufgaben auch vielfältig, aber viel mehr fokussiert. Dank der guten Mannschaft im Roten Rathaus, die mich kompetent unterstützt, konnte und kann ich mich mit allen Themen schnell vertraut machen. 

Sie haben von Anfang an die Fraktionschefs zusammengerufen, um die Versorgung der Flüchtlinge zu organisieren. Das hat man Ihnen hoch angerechnet. Wird schnelles Handeln weiterhin ein Stil Ihrer Politik sein? 

Bei diesem Thema kann man nicht lange hin und her diskutieren, man muss schnell organisieren. Die Menschen sind da und wir müssen ihnen helfen. Gleichzeitig muss darauf geachtet werden,  dass das Zusammenleben gut funktioniert und nicht alles lahmgelegt wird. Deswegen war es mir wichtig, diesen Koordinierungsstab schnell einzurichten und personell zu verstärken. Es sind 25 000 Menschen in unsere Stadt gekommen, und bis zum Jahresende können es noch mal so viele werden. 

Wie gestaltet sich die weitere Aufnahme von Flüchtlingen in Berlin?  

Wir benötigen Unterbringungsmöglichkeit mit entsprechender Infrastruktur. Es gibt zwar viele Flächenangebote und leer stehende Lagerhallen, aber dann mangelt es an Toiletten, Duschen, Schulangeboten etc . Wir müssen Hilfsangebote gewährleisten und Standorte finden, an denen Integration möglich ist.

Welche Standorte kommen infrage?

Die Erstaufnahme in der Turmstraße soll entlastet werden durch eine weitere Immobilie der Landesbank an der Bundesallee. Im Gespräch sind dezentrale kleine Standorte, aber auch innerstädtische wie der ehemalige Flugplatz Tempelhof, auf dem  ein oder zwei Hangars genutzt werden könnten. Eine Teilnutzung des ICC steht auch zur Debatte, ebenso wie übergangsweise eine Messehalle. Es muss gemischt werden: kleine Unterkünfte, Kasernen wie in Spandau oder Hallen in der Stadt, die gut erschlossen sind.

Ist zu befürchten, dass die „Willkommenskultur“ in Berlin kippen könnte? 

Das A und O ist Information. Man muss sich mit dem Problem sensibel auseinandersetzen und die Menschen ernst nehmen, deren Sorge sich auf das Zusammenleben in der Stadt bezieht. Wie wird beispielsweise der Schulalltag aussehen, wenn Turnhallen beschlagnahmt sind. Die Akzeptanz der Berlinerinnen und Berliner  ist hoch,  und ohne die zahlreichen freiwilligen Helfer würde es gar nicht funktionieren. Dafür bin ich sehr dankbar. Die Bundesebene muss auch ihrer Verpflichtung nachkommen und das Thema Flüchtlinge muss international gelöst werden. Es geht nicht, dass  in Europa fünf Staaten 50 Prozent der Last tragen und die anderen europäischen Staaten sich raushalten. Wir wollen internationale Lösungen und nationale Verantwortung. 

Statt großer Visionen versprechen Sie beispielsweise, die schlimmen Zustände auf  Berliner Schultoiletten zu verbessern. 

Eins schließt das andere nicht aus. Wenn wir darüber reden, eine High-tech-Metropole werden zu wollen, können wir uns trotzdem um Alltagssorgen kümmern. Viele Eltern und Lehrer sind genervt von den Zuständen an manchen Schulen. Wir wollen uns darum kümmern, sie zu verbessern. Ein großes Leitbild und Alltagssorgen kann man gemeinsam verfolgen. 

Danke für das Gespräch. 

Ina Hegenberger

 

64 - Herbst 2015

Kochen mit Biss – Berlins Sterneköchin Sonja Frühsammer

Sie ist Berlins einzige Sterneköchin. Sonja Frühsammer. Stammgäste schätzen besonders die Frische und Aromentiefe ihrer Gerichte.

Die offizielle Anerkennung als Sterneköchin im letzten Winter hat in der Restaurant-Szene große Wellen geschlagen. Die Freude war überwältigend. Schließlich hat sich die 45-Jährige die Ehrung mit der begehrten und wertvollen Trophäe des Gourmet-Führers Michelin zur ersten Berliner Sterneköchin hart erarbeitet. Sonja Frühsammer aber bleibt bescheiden und Interviewfragen beantwortet sie am liebsten ausweichend mit: „Dazu kann mein Mann bestimmt mehr sagen.“ – Ihr Ehemann Peter Frühsammer war 1985 der jüngste Sternekoch Deutschlands und hielt diesen Titel zehn Jahre lang. – Ihre Sache ist das Wirken und Erfinden am Herd. Das Neue lockt, die eigene Kreation. Aber seine Wirkung hat der Stern nicht verfehlt. „Man bekommt automatisch mehr Aufmerksamkeit, es bewerben sich die besten Mitarbeiter, man steht viel öfter in den Medien“, sagt sie. Und ergänzt fast schüchtern: „Und er ist natürlich auch sehr schön fürs Ego.“

Manchmal könnte man meinen, ein weiterer Stern – drei sind möglich, wenn auch sehr selten – könnte Berlins anerkannt beste Köchin mehr aus der Reserve locken. Doch Sonja Frühsammer parliert lieber mit Gerichten als mit Worten. „Das kann mein Mann viel besser erklären.“ In dieser Beziehung ergänzt sich das Ehepaar, das jenes Restaurant auf dem Gelände eines Tennisvereins am Flinsberger Platz seit einem Jahrzehnt bewirtschaftet, perfekt. Sie erhielt im November 2014 den Stern für ihre außergewöhnlichen Kochkünste, er in der gleichen Woche die Auszeichnung als bester Gastgeber der Hauptstadt. Den Gaumen verwöhnt Sonja, den Gast Peter Frühsammer, Das ist so eingespielt, dass die Stamm-gäste auf den etwa 50 bis 60 Plätzen dem nächsten Kartenwechsel förmlich entgegenfiebern, manche von ihnen kommen wöchentlich.

Die Auswahl ist dabei bewusst sehr übersichtlich gehalten. „Um richtig gut zu kochen, muss die Karte klein gehalten werden“, begründet Peter Frühsammer die jeweils vier Vorspeisen, Zwischen- und Hauptgerichte sowie Desserts. Auch wenn seine Zeit als Sternekoch etwas zurückliegt: „Ich war der Koch der 80er-Jahre, meine Frau perfektioniert mit einer unglaublichen Aromentiefe die moderne Küche.“ Und das von nun an nicht ohne Druck. Denn so ein prestigeträchtiger Stern wird im Gegensatz zu einem Olympiasieg nicht auf Lebenszeit verliehen. „Den muss ich nun jedes Jahr verteidigen“, weiß Sonja Frühsammer. Das Dumme dabei ist: Sie muss es jeden Tag und mit jedem Gericht tun. Denn sie weiß nie, wann einer der unangemeldet erscheinenden und unbekannten Tester sich ihre Kreationen schmecken lässt. Deswegen ist das Ehepaar froh, dass die Gäste im Stadtteil Schmargendorf durchaus kritisch sind. „Die sagen schon, wenn der Fisch eine Winzigkeit mehr hätte durch sein dürfen. Das kommt vor, denn meine Frau kocht gern grenzwertig, um möglichst viel Frische und Natürlichkeit zu erhalten“, sagt Peter Frühsammer. Alles muss den richtigen Biss haben und sich auf der Zunge so anfühlen wie Obst, das frisch vom Baum gepflückt wurde. Aber nicht immer geht er mit den Erfindungen seiner Frau konform. „Da servierte sie unseren Gästen doch als Vorspeise ein Dill-Eis. Wie geht denn das, wer soll das essen? Aber so dachte eben nur ich. Die Gäste sind ausgeflippt vor Freude und waren sauer, als es dann irgendwann nicht mehr auf der Karte stand.“ Manchmal kann er sich nur noch wundern. „Die Gäste sind eher zufrieden als ich“, stellt er fest. Vielleicht ist Frühsammers Restaurant gerade wegen der Ergänzung beiden Gastronomie-Talente so gelungen.

Die Mundpropaganda jedenfalls ist auf dem Höhepunkt. Und nur die führt in die Medien und darüber zur Aufmerksamkeit der Michelin-Tester. Aber Stammkundschaft ist für Sterneküchen – in Berlin gibt es davon gerade mal ein Dutzend und alle anderen elf liegen im Zentrum – nichts Besonderes. „Da müssen Sie überall reservieren. Einfach mal so gegen sechs überlegen und zum Partner sagen, heute gehen wir gut essen, das geht nicht. Da würden Sie nur mit viel Glück einen Platz bekommen“, ist Peter Frühsammer auch in Beobachtung der Konkurrenz auf dem Laufenden. Und den Hinweis, das Essen in so einem Restaurant muss man sich leisten können, wischt er mit einem Vergleich vom Tisch. „Überlegen Sie mal, was manche für Autos und Häuser ausgeben. Und, ohne Untertreibung, bei einem Viergänge-Menü für 84 Euro liegen wir im ganz unteren Bereich der Berliner Sterne-Restaurants.“

Dabei serviert man in Schmargendorf keinesfalls ausschließlich Miniatur-Kreationen auf übersichtlichen Tellern. „Die Hauptaufgabe eines Küchenchefs ist es immer noch, seine Gäste satt zu kriegen und nicht für die Galerie zu kochen“, weiß Peter Frühsammer. Deswegen ist sein Hang zur Sättigungsbeilage das Einzige, womit er seiner Frau „gerne mal ins Handwerk pfuscht“, wie er es selbst ausdrückt. Ansonsten überlässt er ihr die Herrschaft in der Küche, wo die in einer Betriebskantine gelernte Chefin an jedem Öffnungstag neben ihren Köchen selbst am Herd steht. Nur noch den Sitz der Preiselbeere auf dem ins Restaurant gehenden Teller zu korrigieren, das ist wohl ein Klischee.

Absolute Frische ist für das Sterneetablissement ein Muss. Sonja Frühsammer will wissen, wo ihre Ware herkommt und kauft nur bei vertrauenswürdigen Lieferanten. Bei der Zubereitung steht das Produkt im Mittelpunkt. „Ich finde, das gehört einfach zur guten Küche: Achtung vor dem, was man aus der Natur erhält und dem Gast vorsetzen will“, sagt sie und erwähnt, dass sie grundsätzlich nur Gerichte zubereitet, die sie selbst gern essen würde. „Männliche Sterneköche sind verliebt in ihre Teller, die die Küche verlassen. Sonja Frühsammers Teller wirken so, als ob sie gleich aus der Küche kommt und sich dazusetzt“, umschrieb es mal ein Restaurantkritiker.

Frische und Natürlichkeit hat sie auch zu Hause durchgesetzt, wo Gespräche über das Restaurant meist ausgeblendet werden. Zum Leidwesen des Gatten lagen die ganzen Tütensuppen eines Tages im Müll. „Wegen der Geschmacksverstärker, begründete meine Frau“, blickt Peter Frühsammer noch einmal weit zurück. Er kann genauso verschmitzt lächeln wie sie, wenn er raunt: „Aber ein paar Brühwürfel verstecke ich mir immer. Da gibt es eine kräftige Tasse nach dem Reiten“, schildert er den späten Vormittag, wenn das Ehepaar vom gemeinsamen Hobby auf dem Island-Pferdehof bei Beelitz kommt, wo es eine Pferdezucht betreibt.

Wenn Restaurantgespräche zu Hause auch meist tabu sind – Kochshows im Fernsehen schauen sich beide an. Nicht wegen der Zubereitung. „Es ist spannend, wie die anderen Profis mit Amateuren umgehen, ohne ins Fachchinesisch zu verfallen“, schöpfen sie Anregungen für die von ihnen selbst veranstalteten Kochkurse. Da gehören auch die neuesten Kochbücher zur Pflichtliteratur. Und wenn so intensiv gelesen wird, bleibt die Küche in der eigenen Wohnung manchmal kalt. „Da bestellen wir uns schon mal eine Pizza.“

 Hans-Christian Moritz

 

64 - Herbst 2015

Newton and Guests

In einer Dreierkonstellation mit Frank Horvat und Szymon Brodziak zeigt die Helmut Newton Stiftung in ihrer neuesten Ausstellung neben Originalabzügen aus der Dauerleihgabe von Helmut Newton zwei
thematisch verwandte Monographien.

Wer annimmt, von Helmut Newton mittlerweile alle wichtigen Aufnahmen gesehen zu haben, wird überrascht sein. In der aktuellen Ausstellung „Newton. Horvat. Brodziak“ sind zirka siebzig Originalabzüge aus dem zweiten Teil der Dauerleihgabe von Helmut Newton zu sehen, von denen im „Museum für Fotografie“ die meisten noch nicht gezeigt worden sind. Es sind wiederum Mode- und Aktbilder, Porträts und Selbstporträts, überwiegend sogenannte Vintage Prints, also Abzüge, die Helmut Newton unmittelbar nach der Entstehung der Negative selbst hergestellt hat. 

Während in der einstigen Eröffnungsausstellung der Helmut Newton Stiftung „Sex and Landscapes“ vor allem das Inszenierungsgenie dieses Ausnahmefotografen deutlich wird, Akt, Mode, Stillleben und Landschaften miteinander zu verschmelzen, um letztlich eine bestimmte Erotik zu sublimieren, zeigt er sich in der aktuellen Ausstellung „Newton. Horvat. Brodziak“ auch als ein Porträtfotograf mit einer Art konzeptionellen Ansatz. Denn neben Bildnissen von Jeanne Moreau, Brigitte Nielsen und Karl Lagerfeld hat er in einer Farbbildserie aus den 1980er-Jahren berühmte Künstler in einem besonders intimen Privatbereich, dem Schlafzimmer, fotografiert. Zu sehen sind Künstler wie Charlotte Rampling, David Bowie oder David Hockney, auf der Bettkante sitzend sowie beim Öffnen einer Schublade des Nachttischschrankes. Prominente mit Einblick in deren Privatsphäre derart zu porträtieren, ist bislang einmalig, wirkt wie ein Gegenentwurf zu „Sex and Landscapes“ und macht die Vielschichtigkeit im Gesamtwerk Helmut Newtons deutlich.

Dass er sich selbst aber durchaus neben und nicht über andere Fotografen stellte, kommt in seinem Vermächtnis anlässlich der Gründung seiner Stiftung zum Ausdruck. Danach sollten Monographien bedeutender Kollegen von Zeit zu Zeit im Ausstellungskonzept Berücksichtigung finden. Aktuell sind es Frank Horvat und Szymon Brodziak. Beide Mode- und Porträtfotografen, thematisch Helmut Newton verwandt, doch jeweils mit sehr eigenständiger Bildsprache.

Der Bedeutendere ist zweifellos der 1928 im italienischen Abbazia, heute kroatisch Opatija, geborene Frank Horvat. Er gehört zu der berühmten Photographen-Generation, die eine perfekte Bildkomposition anstrebten, wie der legendäre Henri Cartier-Bresson, und Menschen auf der Straße in Szene setzten. Bressons Rat war es im Jahr 1950 auch, als Photojournalist eine Reise durch Asien anzutreten. Horvats Aufnahmen aus dieser Zeit, aus Ländern wie Indien oder China, konnte er in verschiedenen Magazinen veröffentlichen. Mitte der 1950er-Jahre in Paris, begann dann seine Karriere als Modephotograph. 

Mit Modeshootings für das Magazin „Jardin des Modes“ und später Aufnahmen für „Elle“ in Paris, „Vogue“ in London und „Harper´s Bazaar“ in New York machte er sich einen Namen und beeinflusste, ähnlich wie Helmut Newton oder Richard Avedon, den Zeitgeist. Seine berühmtesten Modefotos „Givenchy Hat“ und „Shoe and Eiffel Tower“ stehen exemplarisch für seine ganz eigene Kunst der Bildkomposition. Zwischen 1958 und 1961 war er Mitglied der legendären, von Henri Cartier-Bresson mitbegründeten Mag-
num-Agentur, und wiederum reiste er, wie all seine Kollegen der Photographenkooperative, um die Welt. Es war die große Zeit der Bildreportagen aus aller Welt und Horvat einer ihrer Protagonisten. In der Ausstellung der Helmut Newton Stiftung sind auch einige dieser Aufnahmen Teil seines Photoprojekts „House with Fifteen Keys“, das in fünfzehn Kapiteln sein Gesamtwerk zeigt und Ausdruck seines Vermächtnisse ist: „Ein gutes Foto entsteht, wenn etwas Bleibendes festgehalten wird.“

Die Dreierkonstellation der Ausstellung vervollständigt mit dreißig großformatigen Schwarz-Weiß-Aufnahmen der polnische Photograph Szymon Brodziak, Jahrgang 1976. Unverkennbar ist dessen thematische Nähe zum Werk Helmut Newtons, das für Brodziak wohl eine wichtige Inspirationsquelle ist. Seine Aktbilder folgen einer Inszenierung aus Übertreibung, subtiler Erotik und weiblicher Eleganz und entfalten so ihre emotionale Wirkung. Gleichzeitig will Brodziak aber auch die gängigen Klischees und Schönheitsideale hinterfragen. Die Aufnahmen sind Bestandteil seiner Monographie „One“. Es ist seine erste institutionelle Ausstellung in Deutschland. Vor zwei Jahren eröffnete er eine eigene Fotogalerie in Posen.

Information:

Newton. Horvat. Brodziak
Bis 15. November 2015,
Helmut Newton Foundation im Museum für Fotografie,
Jebensstraße 2, 10623 Berlin

Reinhard Wahren

 

 

64 - Herbst 2015