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20 Jahre Magazin

20 Jahre Berlin vis-à-vis

Für uns Berliner und alle, die es geworden sind, hat sich die Stadt in den letzten 20 Jahren stark verändert. Berlin boomt. Nie waren die Besucherströme so groß wie in diesem Jahr. Schillernd, laut, bunt, lebendig, weltoffen: Die deutsche Hauptstadt ist beliebt, ihre Bewohner nörgeln weniger als früher, sind besser angezogen. Berlin ist aber nicht nur Touristenhotspot und Hochglanzmetropole. Bekanntlich hat jede Großstadt viele Gesichter.

Porsche unter Strom

E-Performance jetzt auch in Berlin-Adlershof. Porsche investiert in die Zukunft. Zum einen mit dem Bau einer weiteren Niederlassung. In Berlin-Adlers-hof wird ab dem Frühjahr 2017 eines der modernsten Porsche Zentren Europas verkehrsgünstig an der Stadtautobahn A113 für seine Kunden erreichbar sein.

Patrick Henkel, seit April neuer Geschäftsführer der Porsche Zentren in Berlin, stärkt damit den Wirtschaftsstandort Berlin, auch mit 26 neuen Arbeitsplätzen.

Auf dem 9 200 Quadratmeter großen Gelände entsteht außerdem eine einzigartige Solaranlage in Form eines Pylons, der für die nachhaltigen und ressourcenschonenden Investitionen stehen soll. Der für Porsche Zentren typische Pylon bekommt in Berlin-Adlershof eine ganz neue Funktion, ist erstmals mit Solarzellen ausgestattet. Damit setzt der Autobauer nicht nur symbolische Akzente: Nach der Fertigstellung im Frühjahr 2016 wird der dort gewonnene Solarstrom über eine Ladesäule der Öffentlichkeit kostenlos zur Verfügung stehen. Der Solarpylon ist ein Pilotprojekt. Mit einem Ertrag von bis zu 30 000 Kilowattstunden Solarstrom pro Jahr könnte der komplette Strombedarf des neuen Porsche Zentrums abgedeckt werden. 

Zu diesem sichtbaren Zeichen für Innovation und Nachhaltigkeit passt dann auch ein weiteres Projekt. Mit dem Mission E stellte Porsche auf der IAA in Frankfurt den ersten rein elektrisch angetriebenen viersitzigen Sportwagen vor. Die Konzept-Studie vereint das unverwechselbare Design eines Porsche, außergewöhnliche Fahrleistungen und die zukunftsweisende Alltagstauglichkeit des ersten 800-Volt-Antriebs. Die Eckdaten des faszinierenden Sportwagens: vier Türen und vier Einzelsitze, über 440 kW (600 PS) Systemleistung und über 500 Kilometer Reichweite. Allradantrieb und Allradlenkung, Beschleunigung in unter 3,5 Sekunden von Null auf 100 km/h und eine Ladezeit von rund 15 Minuten für 80 Prozent der elektrischen Energie. Die Instrumente werden mittels Blick- und Gestensteuerung bedient, intuitiv und mit maximaler Fahrer-orientierung durch automatische Einstellung auf die Fahrerposition, die Darstellung erfolgt teilweise über Hologramme.

 

Neue Ära bei Alfa Romeo


Alfa Romeo Giulia [Foto oben: © United Artists, Foto unten: © 2014 Fiat Chrysler Automobiles]
 

Nichts ist werbewirksamer für ein Auto, als sein Auftritt in einem Film, der Kultpotenzial besitzt, so wie in „Die Reifeprüfung“ aus dem Jahr 1967. Darin ist Dustin Hoffman in einem roten Alfa Romeo Spider unterwegs, begleitet vom Simon-and-Garfunkel-Song „Mrs. Robinson“, und machte so nicht nur sich selbst, sondern auch unversehens den italienischen „Spider“ zum Star. 

Bereits ein Jahr zuvor hatte der Alfa Romeo Spider auf dem Genfer Automobilsalon für Aufsehen gesorgt, denn die auch damals schon legendäre Sportwagenschmiede präsentierte mit dem „Spider“ erstmals einen eleganten, offenen Zweisitzer zu erschwinglichem Preis.

Den sportlich ambitionierten „Alfisti“ kam natürlich der Hinterradantrieb sehr entgegen.

Aber lange Zeit war es ebenso der Motor, dessen markanter Sound bis in die späten 1980er-Jahre hinein eine wahre Fan-Gemeinde entstehen ließ.  

So wie der „Spider“ prägten über Jahrzehnte hinweg Sportwagen und sportliche Limousinen wie die Giulia das Image der Marke Alfa Romeo. Als deren Geburtsjahr gilt das Jahr 1910, zunächst nur mit dem A.L.F.A.-Logo. Erst 1920 wurde der Name des neuen Eigentümers Nicola Romeo Bestandteil des Markennamens: Aus Alfa wurde Alfa Romeo. Durch die anfänglichen Rennerfolge und immer wieder außergewöhnlichen Modelle etablierte sich die Marke als Hersteller von Sportwagen mit extravagantem Design. Daneben spielte technisches Know-how traditionell eine wichtige Rolle: Beispielsweise hat Alfa Romeo 1997 als erster Autobauer die sogenannte Common-Rail-Technik für die Direkteinspritzung in Dieselfahrzeugen kreiert.

Trotz aller Erfolge und allen Glanzes gab es über die gesamte Firmengeschichte hinweg immer wieder Rückschläge, in finanzieller und technischer Hinsicht. Auch die Übernahme durch Fiat änderte schließlich nichts am permanenten Rückgang der Stückzahlen, 2014 nur noch mit 74000 beziffert, beschränkt auf die Modelle „Giulietta“, den Supersportwagen 4C und den Kleinwagen MiTo. 

Im 105. Jahr der Firmengeschichte nun wird mit der Wiedergeburt der „Giulia“ eine neue Ära eingeleitet, die Alfa Romeo wieder in die Gewinnzone bringen und den legendären Alfa-Romeo-Nimbus mit attraktiven Premium-Modellen wiederbeleben soll. Tatsächlich steht die neue Giulia für eine Rückbesinnung auf die lang ersehnte Neuauflage der Alfa-Romeo-Performance, sowohl in der Formensprache als auch hinsichtlich der Leistung. Der Sechszylinder der Top-Version Quadrifoglio Verde mit 510 PS wurde von Ferrari entwickelt, die Karosserie enthält reichlich Aluminium und Karbon, und mit einer Beschleunigung in 3,9 Sekunden von Null auf Tempo 100 fährt die sportliche Limousine ihrer Konkurrenz davon. Die Verkündung einer neuen Ära kann sich freilich nicht auf ein einziges Vorzeigemodell beschränken, daher spricht Alfa Romeo mit Blick auf den Premiumbereich von einer Modelloffensive, die bis 2018 reicht und acht neue Modelle umfasst, darunter Vierzylinder-Benziner mit 105 bis 240 PS und Diesel mit 105 bis 200 PS. Auch zwei SUV-Modelle im nächsten Jahr gehören dazu. 

Es scheint, mit der wiedergeborenen Giulia ist die Wartezeit auf wirklich neue Alfa-Romeo-Modelle beendet und die kolportierte Sentenz von der „elegant verpackten Massenware“ gehört der Vergangenheit an.

 

IAA 2015


[Foto: IAA 2015]
 

Mobilität verbindet – das diesjährige Motto der IAA 2015 wird eingelöst. Ende September ist die 66. IAA Pkw zu Ende gegangen. Bei bestem Messewetter konnten die Veranstalter mit einem Zuwachs von 6 % knapp eine Million Besucher in den Frankfurter Messehallen begrüßen, die sich mit den neuesten Entwicklungen auf dem Automarkt elf Tage lang vertraut machten. Veranstalter ist der Verband der Automobilindustrie (VDA). Mit 1103 Ausstellern aus 39 Ländern und 219 Weltpremieren, 60 Weltneuheiten mehr als vor zwei Jahren, hat die IAA ihre Position weiter ausgebaut. Die Besucher sind jünger geworden, im Schnitt 34 Jahre alt.

Die weltweit wichtigste Mobilitätsmesse war selten so von Vernetzung und Digitalisierung geprägt wie in diesem Jahr. Tesla, obwohl nicht vertreten, hat trotzdem viel Präsenz gezeigt, das Startup-Unternehmen aus Kalifornien hängt die Latte hoch; mit seinem leistungsstarken Model S lockt es die großen deutschen Autobauer aus der Reserve: Audi, Porsche und Mercedes haben in Sachen Elektromobilität Großes vor, präsentieren sich dementsprechend. Während es Daimler mit seinem „Concept IAA“ noch bei einem Plug- in-Hybriden belässt, der auf insgesamt 279 PS Leistung kommt, fährt Porsche mit seiner „Mission E“ schon rein elektrisch, kann mit den Kaliforniern also mithalten. Audi bleibt, was die technischen Daten angeht, mit seinem „E-Tron Quattro-Concept“ zwar zurück, wobei es zum Ausgleich mit ein paar anderen guten Ideen wie z. B. einem Solarzellen-Paneel auf dem Dach aufwartet, will dafür aber schon ein Jahr früher auf den Markt kommen. 

Die 67. IAA Pkw findet vom 14. bis 24. September 2017 in Frankfurt am Main statt. 

 

Abschied von der M-Klasse


Der neue Mercedes-Benz AMG GLE 63 4-Matic Coupé [Foto: Mercedes-Benz]
 

Auch bei Mercedes gab es in diesem Jahr einen Motorenwechsel, und zwar beim neuen GLE. Das ist die veränderte Bezeichnung für die M-Klasse, deren Modellpflege anstand, die aber offenbar nicht in das Ordnungsprin-zip der neuen Daimler-Nomenklatur passte. Deshalb mutierte die M-Klasse zum GLE, der zukünftig nicht mehr von einem Saugmotor angetrieben wird, sondern von einem Dreiliter-Sechszylinder mit Biturbo-Aufladung. Dieser GLE-Basismotor leistet 333 PS. Neu sind ebenso eine Coupé-Version und zwei Dieselvarianten: der GLE 350d mit 258 PS und der GLE 250d mit 204 PS, Letzterer – ein Vierzylinder-Diesel im Heck – ohne Allradantrieb und deshalb sparsamer im Verbrauch. Noch sparsamer ist man mit dem GLE 500e unterwegs, dem Plug-In-Hybrid, der nun einen Stecker hat. Dessen Normverbrauch liegt bei nur 3,3 Litern.

Vom Boom der bulligen SUVs – in Deutschland ist jeder fünfte neue Pkw ein SUV – will natürlich auch der Stuttgarter Autobauer weiter profitieren und hatte schon mal vorab 2015 zum „Jahr des SUV“ erklärt. Folgerichtig startete die neue GLE-Generation mit etlichen Neuerungen. Dabei scheinen im oberen Premiumbereich keine Grenzen zu gelten: Der AMG GLE 63 4MATIC Coupé ist gar eine Mischung aus SUV, Coupé und Sportwagen. Mit unglaublichen 585 PS ist er stärker als sein Konkurrent, der BMW X6 M, und beschleunigt wie der neue Porsche 911. Im Fahrmodus „Sport Plus“ senkt dabei die Luftfederung Airmatic die Karosserie um 25 Millimeter ab und macht den Super-SUV zum Sprinter. Von der „SUV-Welle“ zu profitieren heißt für Daimler offenbar, auch da möglichst der Konkurrenz davonzufahren.

 

Vision aus dem Phone-Konzern


Erinnert an die Apple-Maus. Konzept von Franco Grassi [Abb.: www.coroflot.com]
 

Mac, iPhone, iPod, iWatch, iTunes-Stores, neuerdings auch der Streamingdienst Apple Music – die Produkte aus dem Hightech-Konzern haben fast Kultstatus, der aber auch immer neue Nahrung erhalten muss, um nicht seine Strahlkraft zu verlieren. Das weiß Apple nur zu gut, deshalb wirft jetzt eine weitere Innovation ihre Schatten voraus: das iCar. Was Tesla mit seinen Elektroautos erfolgreich vormacht, daran will Apple nun mit einem eigenen E-Mobil anschließen. Sich den Elektronikkonzern als Autoproduzenten vorzustellen, fällt indes schwer. Doch geht es wohl hauptsächlich um das, was in dem iCar stecken wird: die versammelte Apple-Software. Gut vorstellbar ist allerdings ein eigenes Design für das zukünftige iCar. Darauf wird Apple auf keinen Fall verzichten. Die Auswahl des Autoproduzenten dürfte dagegen schwerer fallen. Immerhin sind die etablierten Hersteller Konkurrenten. Noch ist das iCar nur Ankündigung, die zur Marketingstrategie von Apple gehört. Vielleicht aber geht es schneller als gedacht, denn die „iPhone-Gemeinde“ wartet schon länger auf eine wirklich neue Erweckung.

 

Mit einem Wink – der neue Siebener von BMW


Der neue BMW 7er – intelligentes Energiemanagement [Foto: Barry Hayden]
 

Seit der Markteinführung des 7er BMW sind mehr als 1,6 Millionen Fahrzeuge verkauft worden – eine Erfolgsbilanz. Mit dem neuen Siebener macht BMW allerdings nun einen spektakulären Sprung, betritt ein höheres Level, schiebt sich in die exquisiten Gefilde der Oberklasse. Dorthin, wo beispielsweise auch die S-Klasse von Mercedes zu Hause ist. So vernahm es zumindest die Autogemeinde angesichts der Weltpremiere des 7er BMW im Juni und der Messepremiere auf der IAA in Frankfurt. Im Grunde ist der neue Siebener ein neues Auto. Das betrifft Design, wichtige Fahrzeugkomponenten, Bedienung und Ausstattung. Rein äußerlich wirkt er eleganter als sein Vorgänger, bringt dank Kohlefasereinsatz 130 Kilogramm weniger Gewicht auf die Waage, sorgen spezielle Luftfederung und zusätzliche Fahrwerksregelung für noch bessere Fahrdynamik. Das Motorenangebot wurde ebenfalls vollständig überarbeitet. Ganz neu ist der Plugin-Hybrid 740e, der im nächsten Jahr kommen wird. Er soll 120 Kilometer pro Stunde rein elektrisch fah-ren können, bei einer Reichweite bis zu 40 Kilometern.

Man würde den Siebener aber nicht in die Nähe der Oberklassekonkurrenz von Mercedes und Audi stellen, wären da nicht auch die technisch anspruchsvollen neuen Features. Fast magisch: die neue Gestensteuerung. Mit einem Wink oder eben einer bestimmten Geste kann der Fahrer verschiedene Funktionen steuern, beispielsweise durch Drehbewegung eines Fingers die Lautstärke der High-End-Audioanlage oder Anrufe per Fingerzeig annehmen bzw. ablehnen. Auch reagiert das Auto auf Sprachbefehle, wie „Fahr mich nach Hause“. Andere Features sorgen für ein angenehmes Sitzfeeling oder eine Lichtinszenierung nach Wahl. Neben der Erweiterung des iDrive-Bedienkonzepts um vorzugsweise diese Gestensteuerung haben auch die Assistenzsys-teme eine Aufwertung erfahren. So warnen sie vor drohenden Heckkollisionen, Spurwechseln ohne Blinker, helfen beim Spurhalten und im Stau mit teilautomatisiertem Fahren. Als nützlicher Helfer beim Ein- und Ausparken fungiert der neue Displayschlüssel. Vor oder in einer zu engen Parklücke startet er das Auto und es fährt ferngesteuert hinein oder heraus.

Ende Oktober kommt der neue Siebener auf den Markt. Die Oberklasse verfügt mit dieser Luxuslimousine über ein technisch sehr anspruchsvolles und hochwertiges Mitglied, das neben der etablierten Konkurrenz aus Stuttgart und Ingolstadt voll und ganz bestehen kann.     

Reinhard Wahren

 

64 - Herbst 2015

40 Jahre Spielbank Berlin

Am 12. September kamen nicht wenige illustre Gäste zusammen, um diesen runden Geburtstag mit einer großen Gala zu feiern. Viele von ihnen begleiten die Spielbank Berlin, die ihren Hauptsitz seit 1998 am Potsdamer Platz hat, schon seit vielen Jahren. Die Besucherzahlen steigen stetig, derzeit werden die insgesamt fünf Standorte in der Hauptstadt von 2 000 Spielern täglich besucht. Hausherr und geschäftsführender Gesellschafter Günter Münstermann konnte den Abend dann auch mit prominenten Gästen wie Formel-1-Legende Niki Lauda, Schwimmerin Britta Steffen, Diskusikone Robert Harting, Turmspringer Patrick Hausding, Musiker Frank Zander und Innensenator Frank Henkel verbringen.

Dass sich die Spielbank viele Freunde gemacht hat, ist nachvollziehbar. Günter Münstermann engagiert sich seit vielen Jahren intensiv für den Sport, unterstützt große Veranstaltungen, Vereine und Einzelsportler. Und die Stadt Berlin kann auch sehr zufrieden sein: Mehr als zwei Milliarden Euro Steuern hat sie bisher eingenommen, der größte Teil des Bruttospielertrags geht an das Land Berlin. Daneben lockt die Spielbank Touristen in die Stadt. Vom 8. bis 24. Oktober kämpften aber erst einmal 3 000 Gäste aus der ganzen Welt um einen Sieg beim Pokern. Der Ableger der wichtigsten Pokerturnierserie der Welt, die WSOP Europe, kam im Oktober 2015 zum ersten Mal nach Deutschland, genauer gesagt, nach Berlin, also natürlich in die Spielbank.

 

 

64 - Herbst 2015

Urige Inselgäste

Noch suhlen sie sich genüsslich in ihrem Wasserloch auf der Berliner Pfaueninsel. Die Wasserbüffel Nelke und Nike mit ihren beiden Kälbern Mona und Nelson. Zum nunmehr sechsten Mal leiht die Biolandwirtin Sonja Moor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten einige ihrer Wasserbüffel. „Damit wird die erfolgreiche Beweidung der Hechtlaichwiese aus den Vorjahren fortgesetzt“, so Jan Uhlig von der zuständigen Gartenabteilung der Schlösserstiftung. Angst muss man vor den gewaltigen Tieren nicht haben. Domes-tizierte Wasserbüffel haben einen gutmütigen und friedfertigen Charakter. Besuchern gegenüber  können sie durchaus zutraulich sein. Sicherheitshalber ist das Weide-Terrain aber von einem Elektrozaun umgeben. Der verhindert auch, dass sich die Tiere von der Insel stehlen, immerhin sind sie sehr gute Schwimmer. Die Pfaueninsel ist etwas Besonderes, in jeder Hinsicht. Möglichst exotisch sollte es hier immer schon zugehen. Da passen die urtümlichen Wasserbüffel als Weidetiere gut ins Bild. Zumal es von 1803 an bis vermutlich 1842 auf der romantischen Insel in der Havel schon einmal solche mächtigen Tiere mit charakteristischen Hörnern gab. Schon Königin Luise hat diese Tiere, die seit der letzten Eiszeit in Europa ausgestorben waren, bestaunt. In historischen Plänen der Zeit ist jedenfalls ein Büffelteich vermerkt gewesen. Wasserbüffel vor dem Luisentempel stehen also nicht nur für Naturschutz, sie sind lebendige Zeugen der Gartendenkmalpflege.

Wie auf der Pfaueninsel, so werden in Berlin auch in klassischen Feuchtgebieten wie dem Tegeler Fließ und dem Erpetal Wasserbüffel im Landschaftsschutz eingesetzt. René Krawczynski, promovierter Ökologe und Wasserbüffelexperte von der Technischen Universität Cottbus, hat den Überblick: „Die Erfahrungen sind in der Regel sehr gut, da Büffel Teil mitteleuropäischer Ökosysteme waren und nun wieder sind, wenngleich nun als Haustiere.“ Wasserbüffel sind sehr genügsame und robuste Tiere. Krank werden sie nur selten. Das Hornvieh ersetzt auf feuchtem Untergrund teure Spezialtechnik. Dabei sind Büffel bei der Auswahl ihrer Nahrung bei Weitem nicht so wählerisch wie Rinder. Ist das leckere Gras erst einmal verspeist, gehören sogar Disteln, Binsen und Brennnesseln mit auf ihren Speiseplan. Die stark gespreizten Hufe geben den Tieren auf sumpfigem Untergrund sicheren Halt. 

Erfolgreiche Büffel-Projekte gibt es auch in Brandenburg, so im Unteren Odertal, in der Sernitzniederung/Uckermark oder in der Spreeaue bei Cottbus. Weil die Tiere schwimmen können und sich sicher auf Sumpfland bewegen, hofft man im Nationalpark Unteres Odertal,  auf den Polderflächen Weidewirtschaft ermöglichen zu können, ohne das Wasser zuvor abpumpen zu müssen. Wasserbüffel im Naturschutz stellen also auch für die regionalen Landwirte eine klassische Win-win-Situation dar, bekommen sie doch zusätzliches Weideland zur Verfügung gestellt. Die Büffel sollen die Flächen offen halten und dadurch zum Beispiel eine höhere Pflanzenvielfalt ermöglichen. Auch Vögel haben dann wieder eine Chance zu brüten. „Zusätzlich erhoffen wir uns von der Haltung dieser Tiere auch positive Auswirkungen auf den Tourismus im Nationalpark“, erklärt Thomas Berg, Vorsitzender des Vereins der Freunde des Deutsch-Polnischen Europa-Nationalparks Unteres Odertal.

In der Sernitzniederung bei Greiffenberg/Uckermark weiden Wasserbüffel, um ein trocken gelegtes Moor zu renaturieren. Das EU-Life-Projekt Schreiadler verfolgt das Ziel, den natürlichen Lebensraum zahlreicher bedrohter Arten, allen voran des Schreiadlers, zurückzugewinnen. Benjamin Herold, im Projektteam für die Büffel zuständig, zum Hintergrund der Entscheidung für die neuen Weidetiere: „Die Flächen sind nicht durch landwirtschaftliche Technik befahrbar und mussten traditionell immer mit der Sense gemäht werden. Das brachte eine große Vielfalt auch an Pflanzenarten hervor. Heute halten sich nur noch wenige Anwohner Tiere für den Eigenbedarf. Deshalb fällt die für den Naturschutz so wichtige Mahd jetzt leider weg.“ Typische Moorpflanzen wie Orchidee, Trollblume und Mädesüß hatten kaum noch eine Chance zu überleben. Die Wasserbüffel sollen es nun richten. Sie sollen den Raum bereiten für Insekten, Schmetterlinge und Vögel. Artenvielfalt ist das Stichwort.

Zurück auf die Berliner Pfaueninsel. Sonja Moor hat die Saison über immer mal wieder nach ihren Tieren geschaut und sich davon überzeugt, dass ihnen die königliche Umgebung auch gut bekommt. Spätestens Ende Oktober läuft ihre Zeit in der exklusiven Sommerfrische jedoch ab. Dann werden die Wasserbüffel von der romantischen Insel wieder abgeholt. Sie kommen zurück auf die Winterweide ins brandenburgische Hirschfelde (Barnim). Frieren würden die Tiere nicht, der Futtervorrat auf der zirka drei Hektar großen Feuchtwiese der Pfaueninsel ist aber einfach begrenzt. René Krawczynski ergänzt zu den Lebensgewohnheiten der Tiere: „Wie alle Weidetiere brauchen auch Büffel trockene Liegeplätze und im Winter vor Wind geschützte Bereiche. Sind diese nicht vorhanden, sollten die Büffel aus Gründen des Tierwohls auf andere Flächen gebracht werden.“   

Karen Schröder

 

64 - Herbst 2015

Spot an für eine Leiche

Der Saisonauftakt vom Improtheater Paternoster wartet gleich mit drei Kriminal-Dinner-Veranstaltungen auf: „Sterne über Berlin“ wird erstmals in der Humboldt-Box am Berliner Schlossplatz gespielt und versetzt das Publikum in die Kabarett-Szene des Berlins der 20er-Jahre, geprägt von wilden Partyexzessen und politischer wie wirtschaftlicher Ungewissheit. „Die Profiler – Mord am Hochzeitstag“ ermitteln in den Britzer Seeterrassen, denn eine fröhliche Hochzeitsfeier findet durch einen plötzlichen Mordfall ein abruptes Ende. Auch wenn niemand weiß, wer der Mörder ist – außer der Mörder selbst. Im Ellington Hotel läuft weiterhin „Spot an für eine Leiche“. Schauplatz der Tat ist passenderweise ein Berliner Hotel, Tummelplatz glamouröser Stars und Sternchen der Filmbranche. Bei allen drei Kriminal-Dinner-Veranstaltungen werden die Gäste zwischen den Menü-Gängen aktiv in das Geschehen einbezogen, jede Show gerät so zum Unikat. 

Das Improtheater Paternoster ist eine Gruppe professioneller Schauspieler und Musiker mit fundierter Ausbildung in verschiedenen künstlerischen Genres, die seit mehr als zehn Jahren gemeinsam Improvisationstheater spielt. Aus den Wünschen, Ideen und Stichworten der Zuschauer entwickeln sie Geschichten aus dem Nichts, Szenen und Songs aus dem Stegreif – schnell improvisiert und mit Komik und Fantasie auf die Bühne gebracht. Das Ensemble kultiviert die verschiedenen Spielformen des Spontantheaters und steht für witzige, spannende und kreative Unterhaltung. Hautnah lassen sich Paternoster jeden Dienstag und Mittwoch in der Berliner Kulturbrauerei erleben. Die denkmalgeschützte Kulturbrauerei in Berlin-Prenzlauer Berg ist seit vielen Jahren ihre feste Spielstätte.

Die Spieler haben Impro-Shows für jede Gelegenheit im Repertoire und geben ihr Know-how auch in Workshops und Seminaren weiter.

 

Information

„Der Spielekönig“ jeden Dienstag im frannz Club;
„Dein Held – Deine Geschichte“ jeden Mittwoch im Maschinenhaus;
Preis: 14 €, ermäßigt 10 €, Einlass ab 19:30 Uhr; 
Kulturbrauerei, Schönhauser Allee 36, 10435 Berlin; 
Karten: Tel (030) 69 00 14 11 
karten@improtheater-paternoster.de

 

64 - Herbst 2015
Magazin

Heilung aus dem Nichts

Sie ist eine Placebo-Geschichte, wie sie im Buche steht: Lessings Ring-Parabel. Welches ist der echte Ring von dreien? Der weise Richter urteilt: „Es eifre jeder seiner unbestochnen/ Von Vorurteilen freien Liebe nach!/ Es strebe von euch jeder um die Wette,/ Die Kraft des Steins in seinem Ring‘ an Tag/ Zu legen!“   

In der Quintessenz heißt das: Glaube an den Ring und handle danach, dann wird er seine wundersame Wirkung ganz von selbst entfalten. Ganz ähnlich  verhält es sich mit einem Scheinmedikament, einem Placebo. Übersetzt heißt der lateinische Begriff nichts anderes als „ich werde gefallen“.  Demzufolge geht es auch beim medizinischen Placebo-Effekt um  Glauben, Vorstellung und innere Überzeugung.  Professor Stefan Willich, Direktor des Instituts für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie an der Berliner Charité formuliert es so: „Der Placebo-Effekt wird als unspezifischer therapeutischer Effekt angesehen. Er lässt sich nicht auf bestimmte Substanzen und konkrete therapeutische Verfahren zurückführen, sondern umfasst Wirkungen, zu denen sowohl der Arzt selbst als auch der Patient beitragen, durch ihre jeweilige Einstellung, Empathie, Erwartungshaltung und weitere psychosoziale Faktoren.“

Placebos werden heute vor allem in pharmakologischen Kontrollverfahren eingesetzt. Doppelblindstudien sollen feststellen, wie wirkungsvoll ein Medikament ist. Dabei hat sich herausgestellt, dass der Placebo-Effekt überaus wirkmächtig ist, die inneren Heilkräfte des Menschen zu stimulieren. Denn die Medikamentenstudien zeigen oft erstaunliche Ergebnisse. Die Schein-Medikamente haben oft eine ähnliche Wirkung wie die tatsächlichen Arznei-Stoffe. Eine britische Studie zu Antidepressiva etwa hat gezeigt, dass sich die Wirksamkeit des wirklichen Arzneimittels bei leichten und mittelschweren Depressionen nicht signifikant vom Placebo-Niveau unterscheidet. Nur bei schweren Depressionen ist das tatsächliche Medikament dem Placebo überlegen. Eine andere Studie, veröffentlicht im Fachmagazin „Lancet“, kommt aus Australien. Darin wurde nachgewiesen, das Schmerzmittel Paracetamol hilft bei akuten Rückenschmerzen nicht besser als Placebo-Medikamente. Ergebnisse, die Schulmediziner lange zweifeln ließen. Mittlerweile ist unumstritten: Psychische und körperliche Veränderungen treten ein „aufgrund einer symbolischen Bedeutung, die man einem Ereignis oder einem Objekt in einem heilenden Kontext zuschreibt“, so formulierten es die US-amerikanischen Placebo-Forscher Howard und Daralyn Brody. 

Am besten untersucht ist die Wirkung von Placebos tatsächlich bei Schmerzpatienten. Neurologen konnten bestätigen, dass der Schmerzreiz auf dem Weg zum Gehirn im Rückenmark gestoppt wird. Dabei zeigte sich, Placebos wirken umso besser, je mehr therapeutischer Aufwand an den Tag gelegt wird. Das Verblüffendste, sogar Scheinoperationen können wirksam sein. Eine bekannte Studie zu diesem Thema ist die des amerikanischen Chirurgen Bruce Moseley. Er hatte zahlreiche ältere Menschen mit Knie-Arthrose durch Arthroskopien behandelt. Irgendwann ließ er es darauf ankommen. Er inszenierte die Operationen nur. Der Hälfte der Patienten ritzte er nur die Haut ein, anstatt sie wirklich zu operieren. Das erstaunliche Ergebnis, die zum Schein operierten Menschen waren mit dem Behandlungserfolg im Anschluss genauso zufrieden wie die tatsächlich Operierten. Ein klassischer Placebo-Effekt. Viele Kniegelenks-Operationen sind nicht wirklich notwendig, das konnte hierdurch auch gezeigt werden.  Manchmal heilen schon weniger invasive Therapien oder die Zeit. 

In genau diese Richtung gehen auch randomisierte kontrollierte Studien, die vor einiger Zeit am Institut für Sozialmedizin der Berliner Charité zum Thema Akupunktur bei Schmerzpatienten durchgeführt wurden. Prof. Stefan Willich berichtet von den überraschenden Ergebnissen: „Wir haben verschiedene Gruppen gebildet, eine Gruppe wurde mit ‚richtiger‘ Akupunktur behandelt, eine andere nur mit Scheinakupunktur an den ‚falschen‘ Akupunktur-Punkten. Dabei war erstaunlich, wie groß die unspezifischen Effekte waren. Beide Akupunkturgruppen haben fast genauso gut abgeschnitten“. Deutlich schlechtere Ergebnisse zeigten sich allerdings bei einer Kontrollgruppe, die nur mit Medikamenten versorgt wurde. Für die gesetzlichen Krankenkassen setzte damit ein Umdenken im Bereich Naturheilverfahren ein. Menschliche Zuwendung trägt dabei ganz entscheidend zur Heilung bei. Das haben auch Studien zur Homöopathie bestätigt. Ein großer Teil des Heilungserfolgs kommt durch die zeitaufwendigen Vorgespräche zustande. Der Mensch fühlt sich als ganzer gesehen und wahrgenommen. Ein tiefes Vertrauen in die Behandlung stellt sich ein. Genauso ist aus der Psychotherapie bekannt, welchen Einfluss die Beziehung zum Therapeuten auf den Behandlungserfolg hat, ganz unabhängig von der jeweils angewandten Methode. Empathiefähigkeit, vielfach sogar Humor kann in diesem Zusammenhang Heilung befördern.

Wie die Beispiele zeigen, muss man vom Placebo-Effekt in der Mehrzahl sprechen, denn es gibt verschiedene Placebo-Effekte. Die Untergruppen wären der Placebo-Effekt in Bezug auf die biomedizinische Behandlung, daneben gibt es Effekte auf die psychotherapeutische Behandlung und die Selbstheilung, etwa durch Meditation. Eine in den letzten Jahren viel größere Offenheit der Mediziner diesem Ansatz gegenüber konstatiert auch Prof. Stefan Willich: „Wir sind mittlerweile so weit, dass wir in der Ärzteschaft überlegen, wie wir den Placebo-Effekt zugunsten der Patienten gezielter nutzen und in der Praxis einsetzen können.“   

Karen Schröder

 

64 - Herbst 2015