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20 Jahre Magazin

20 Jahre Berlin vis-à-vis

Für uns Berliner und alle, die es geworden sind, hat sich die Stadt in den letzten 20 Jahren stark verändert. Berlin boomt. Nie waren die Besucherströme so groß wie in diesem Jahr. Schillernd, laut, bunt, lebendig, weltoffen: Die deutsche Hauptstadt ist beliebt, ihre Bewohner nörgeln weniger als früher, sind besser angezogen. Berlin ist aber nicht nur Touristenhotspot und Hochglanzmetropole. Bekanntlich hat jede Großstadt viele Gesichter.

Porsche unter Strom

E-Performance jetzt auch in Berlin-Adlershof. Porsche investiert in die Zukunft. Zum einen mit dem Bau einer weiteren Niederlassung. In Berlin-Adlers-hof wird ab dem Frühjahr 2017 eines der modernsten Porsche Zentren Europas verkehrsgünstig an der Stadtautobahn A113 für seine Kunden erreichbar sein.

Patrick Henkel, seit April neuer Geschäftsführer der Porsche Zentren in Berlin, stärkt damit den Wirtschaftsstandort Berlin, auch mit 26 neuen Arbeitsplätzen.

Auf dem 9 200 Quadratmeter großen Gelände entsteht außerdem eine einzigartige Solaranlage in Form eines Pylons, der für die nachhaltigen und ressourcenschonenden Investitionen stehen soll. Der für Porsche Zentren typische Pylon bekommt in Berlin-Adlershof eine ganz neue Funktion, ist erstmals mit Solarzellen ausgestattet. Damit setzt der Autobauer nicht nur symbolische Akzente: Nach der Fertigstellung im Frühjahr 2016 wird der dort gewonnene Solarstrom über eine Ladesäule der Öffentlichkeit kostenlos zur Verfügung stehen. Der Solarpylon ist ein Pilotprojekt. Mit einem Ertrag von bis zu 30 000 Kilowattstunden Solarstrom pro Jahr könnte der komplette Strombedarf des neuen Porsche Zentrums abgedeckt werden. 

Zu diesem sichtbaren Zeichen für Innovation und Nachhaltigkeit passt dann auch ein weiteres Projekt. Mit dem Mission E stellte Porsche auf der IAA in Frankfurt den ersten rein elektrisch angetriebenen viersitzigen Sportwagen vor. Die Konzept-Studie vereint das unverwechselbare Design eines Porsche, außergewöhnliche Fahrleistungen und die zukunftsweisende Alltagstauglichkeit des ersten 800-Volt-Antriebs. Die Eckdaten des faszinierenden Sportwagens: vier Türen und vier Einzelsitze, über 440 kW (600 PS) Systemleistung und über 500 Kilometer Reichweite. Allradantrieb und Allradlenkung, Beschleunigung in unter 3,5 Sekunden von Null auf 100 km/h und eine Ladezeit von rund 15 Minuten für 80 Prozent der elektrischen Energie. Die Instrumente werden mittels Blick- und Gestensteuerung bedient, intuitiv und mit maximaler Fahrer-orientierung durch automatische Einstellung auf die Fahrerposition, die Darstellung erfolgt teilweise über Hologramme.

 

Neue Ära bei Alfa Romeo


Alfa Romeo Giulia [Foto oben: © United Artists, Foto unten: © 2014 Fiat Chrysler Automobiles]
 

Nichts ist werbewirksamer für ein Auto, als sein Auftritt in einem Film, der Kultpotenzial besitzt, so wie in „Die Reifeprüfung“ aus dem Jahr 1967. Darin ist Dustin Hoffman in einem roten Alfa Romeo Spider unterwegs, begleitet vom Simon-and-Garfunkel-Song „Mrs. Robinson“, und machte so nicht nur sich selbst, sondern auch unversehens den italienischen „Spider“ zum Star. 

Bereits ein Jahr zuvor hatte der Alfa Romeo Spider auf dem Genfer Automobilsalon für Aufsehen gesorgt, denn die auch damals schon legendäre Sportwagenschmiede präsentierte mit dem „Spider“ erstmals einen eleganten, offenen Zweisitzer zu erschwinglichem Preis.

Den sportlich ambitionierten „Alfisti“ kam natürlich der Hinterradantrieb sehr entgegen.

Aber lange Zeit war es ebenso der Motor, dessen markanter Sound bis in die späten 1980er-Jahre hinein eine wahre Fan-Gemeinde entstehen ließ.  

So wie der „Spider“ prägten über Jahrzehnte hinweg Sportwagen und sportliche Limousinen wie die Giulia das Image der Marke Alfa Romeo. Als deren Geburtsjahr gilt das Jahr 1910, zunächst nur mit dem A.L.F.A.-Logo. Erst 1920 wurde der Name des neuen Eigentümers Nicola Romeo Bestandteil des Markennamens: Aus Alfa wurde Alfa Romeo. Durch die anfänglichen Rennerfolge und immer wieder außergewöhnlichen Modelle etablierte sich die Marke als Hersteller von Sportwagen mit extravagantem Design. Daneben spielte technisches Know-how traditionell eine wichtige Rolle: Beispielsweise hat Alfa Romeo 1997 als erster Autobauer die sogenannte Common-Rail-Technik für die Direkteinspritzung in Dieselfahrzeugen kreiert.

Trotz aller Erfolge und allen Glanzes gab es über die gesamte Firmengeschichte hinweg immer wieder Rückschläge, in finanzieller und technischer Hinsicht. Auch die Übernahme durch Fiat änderte schließlich nichts am permanenten Rückgang der Stückzahlen, 2014 nur noch mit 74000 beziffert, beschränkt auf die Modelle „Giulietta“, den Supersportwagen 4C und den Kleinwagen MiTo. 

Im 105. Jahr der Firmengeschichte nun wird mit der Wiedergeburt der „Giulia“ eine neue Ära eingeleitet, die Alfa Romeo wieder in die Gewinnzone bringen und den legendären Alfa-Romeo-Nimbus mit attraktiven Premium-Modellen wiederbeleben soll. Tatsächlich steht die neue Giulia für eine Rückbesinnung auf die lang ersehnte Neuauflage der Alfa-Romeo-Performance, sowohl in der Formensprache als auch hinsichtlich der Leistung. Der Sechszylinder der Top-Version Quadrifoglio Verde mit 510 PS wurde von Ferrari entwickelt, die Karosserie enthält reichlich Aluminium und Karbon, und mit einer Beschleunigung in 3,9 Sekunden von Null auf Tempo 100 fährt die sportliche Limousine ihrer Konkurrenz davon. Die Verkündung einer neuen Ära kann sich freilich nicht auf ein einziges Vorzeigemodell beschränken, daher spricht Alfa Romeo mit Blick auf den Premiumbereich von einer Modelloffensive, die bis 2018 reicht und acht neue Modelle umfasst, darunter Vierzylinder-Benziner mit 105 bis 240 PS und Diesel mit 105 bis 200 PS. Auch zwei SUV-Modelle im nächsten Jahr gehören dazu. 

Es scheint, mit der wiedergeborenen Giulia ist die Wartezeit auf wirklich neue Alfa-Romeo-Modelle beendet und die kolportierte Sentenz von der „elegant verpackten Massenware“ gehört der Vergangenheit an.

 

IAA 2015


[Foto: IAA 2015]
 

Mobilität verbindet – das diesjährige Motto der IAA 2015 wird eingelöst. Ende September ist die 66. IAA Pkw zu Ende gegangen. Bei bestem Messewetter konnten die Veranstalter mit einem Zuwachs von 6 % knapp eine Million Besucher in den Frankfurter Messehallen begrüßen, die sich mit den neuesten Entwicklungen auf dem Automarkt elf Tage lang vertraut machten. Veranstalter ist der Verband der Automobilindustrie (VDA). Mit 1103 Ausstellern aus 39 Ländern und 219 Weltpremieren, 60 Weltneuheiten mehr als vor zwei Jahren, hat die IAA ihre Position weiter ausgebaut. Die Besucher sind jünger geworden, im Schnitt 34 Jahre alt.

Die weltweit wichtigste Mobilitätsmesse war selten so von Vernetzung und Digitalisierung geprägt wie in diesem Jahr. Tesla, obwohl nicht vertreten, hat trotzdem viel Präsenz gezeigt, das Startup-Unternehmen aus Kalifornien hängt die Latte hoch; mit seinem leistungsstarken Model S lockt es die großen deutschen Autobauer aus der Reserve: Audi, Porsche und Mercedes haben in Sachen Elektromobilität Großes vor, präsentieren sich dementsprechend. Während es Daimler mit seinem „Concept IAA“ noch bei einem Plug- in-Hybriden belässt, der auf insgesamt 279 PS Leistung kommt, fährt Porsche mit seiner „Mission E“ schon rein elektrisch, kann mit den Kaliforniern also mithalten. Audi bleibt, was die technischen Daten angeht, mit seinem „E-Tron Quattro-Concept“ zwar zurück, wobei es zum Ausgleich mit ein paar anderen guten Ideen wie z. B. einem Solarzellen-Paneel auf dem Dach aufwartet, will dafür aber schon ein Jahr früher auf den Markt kommen. 

Die 67. IAA Pkw findet vom 14. bis 24. September 2017 in Frankfurt am Main statt. 

 

Abschied von der M-Klasse


Der neue Mercedes-Benz AMG GLE 63 4-Matic Coupé [Foto: Mercedes-Benz]
 

Auch bei Mercedes gab es in diesem Jahr einen Motorenwechsel, und zwar beim neuen GLE. Das ist die veränderte Bezeichnung für die M-Klasse, deren Modellpflege anstand, die aber offenbar nicht in das Ordnungsprin-zip der neuen Daimler-Nomenklatur passte. Deshalb mutierte die M-Klasse zum GLE, der zukünftig nicht mehr von einem Saugmotor angetrieben wird, sondern von einem Dreiliter-Sechszylinder mit Biturbo-Aufladung. Dieser GLE-Basismotor leistet 333 PS. Neu sind ebenso eine Coupé-Version und zwei Dieselvarianten: der GLE 350d mit 258 PS und der GLE 250d mit 204 PS, Letzterer – ein Vierzylinder-Diesel im Heck – ohne Allradantrieb und deshalb sparsamer im Verbrauch. Noch sparsamer ist man mit dem GLE 500e unterwegs, dem Plug-In-Hybrid, der nun einen Stecker hat. Dessen Normverbrauch liegt bei nur 3,3 Litern.

Vom Boom der bulligen SUVs – in Deutschland ist jeder fünfte neue Pkw ein SUV – will natürlich auch der Stuttgarter Autobauer weiter profitieren und hatte schon mal vorab 2015 zum „Jahr des SUV“ erklärt. Folgerichtig startete die neue GLE-Generation mit etlichen Neuerungen. Dabei scheinen im oberen Premiumbereich keine Grenzen zu gelten: Der AMG GLE 63 4MATIC Coupé ist gar eine Mischung aus SUV, Coupé und Sportwagen. Mit unglaublichen 585 PS ist er stärker als sein Konkurrent, der BMW X6 M, und beschleunigt wie der neue Porsche 911. Im Fahrmodus „Sport Plus“ senkt dabei die Luftfederung Airmatic die Karosserie um 25 Millimeter ab und macht den Super-SUV zum Sprinter. Von der „SUV-Welle“ zu profitieren heißt für Daimler offenbar, auch da möglichst der Konkurrenz davonzufahren.

 

Vision aus dem Phone-Konzern


Erinnert an die Apple-Maus. Konzept von Franco Grassi [Abb.: www.coroflot.com]
 

Mac, iPhone, iPod, iWatch, iTunes-Stores, neuerdings auch der Streamingdienst Apple Music – die Produkte aus dem Hightech-Konzern haben fast Kultstatus, der aber auch immer neue Nahrung erhalten muss, um nicht seine Strahlkraft zu verlieren. Das weiß Apple nur zu gut, deshalb wirft jetzt eine weitere Innovation ihre Schatten voraus: das iCar. Was Tesla mit seinen Elektroautos erfolgreich vormacht, daran will Apple nun mit einem eigenen E-Mobil anschließen. Sich den Elektronikkonzern als Autoproduzenten vorzustellen, fällt indes schwer. Doch geht es wohl hauptsächlich um das, was in dem iCar stecken wird: die versammelte Apple-Software. Gut vorstellbar ist allerdings ein eigenes Design für das zukünftige iCar. Darauf wird Apple auf keinen Fall verzichten. Die Auswahl des Autoproduzenten dürfte dagegen schwerer fallen. Immerhin sind die etablierten Hersteller Konkurrenten. Noch ist das iCar nur Ankündigung, die zur Marketingstrategie von Apple gehört. Vielleicht aber geht es schneller als gedacht, denn die „iPhone-Gemeinde“ wartet schon länger auf eine wirklich neue Erweckung.

 

Mit einem Wink – der neue Siebener von BMW


Der neue BMW 7er – intelligentes Energiemanagement [Foto: Barry Hayden]
 

Seit der Markteinführung des 7er BMW sind mehr als 1,6 Millionen Fahrzeuge verkauft worden – eine Erfolgsbilanz. Mit dem neuen Siebener macht BMW allerdings nun einen spektakulären Sprung, betritt ein höheres Level, schiebt sich in die exquisiten Gefilde der Oberklasse. Dorthin, wo beispielsweise auch die S-Klasse von Mercedes zu Hause ist. So vernahm es zumindest die Autogemeinde angesichts der Weltpremiere des 7er BMW im Juni und der Messepremiere auf der IAA in Frankfurt. Im Grunde ist der neue Siebener ein neues Auto. Das betrifft Design, wichtige Fahrzeugkomponenten, Bedienung und Ausstattung. Rein äußerlich wirkt er eleganter als sein Vorgänger, bringt dank Kohlefasereinsatz 130 Kilogramm weniger Gewicht auf die Waage, sorgen spezielle Luftfederung und zusätzliche Fahrwerksregelung für noch bessere Fahrdynamik. Das Motorenangebot wurde ebenfalls vollständig überarbeitet. Ganz neu ist der Plugin-Hybrid 740e, der im nächsten Jahr kommen wird. Er soll 120 Kilometer pro Stunde rein elektrisch fah-ren können, bei einer Reichweite bis zu 40 Kilometern.

Man würde den Siebener aber nicht in die Nähe der Oberklassekonkurrenz von Mercedes und Audi stellen, wären da nicht auch die technisch anspruchsvollen neuen Features. Fast magisch: die neue Gestensteuerung. Mit einem Wink oder eben einer bestimmten Geste kann der Fahrer verschiedene Funktionen steuern, beispielsweise durch Drehbewegung eines Fingers die Lautstärke der High-End-Audioanlage oder Anrufe per Fingerzeig annehmen bzw. ablehnen. Auch reagiert das Auto auf Sprachbefehle, wie „Fahr mich nach Hause“. Andere Features sorgen für ein angenehmes Sitzfeeling oder eine Lichtinszenierung nach Wahl. Neben der Erweiterung des iDrive-Bedienkonzepts um vorzugsweise diese Gestensteuerung haben auch die Assistenzsys-teme eine Aufwertung erfahren. So warnen sie vor drohenden Heckkollisionen, Spurwechseln ohne Blinker, helfen beim Spurhalten und im Stau mit teilautomatisiertem Fahren. Als nützlicher Helfer beim Ein- und Ausparken fungiert der neue Displayschlüssel. Vor oder in einer zu engen Parklücke startet er das Auto und es fährt ferngesteuert hinein oder heraus.

Ende Oktober kommt der neue Siebener auf den Markt. Die Oberklasse verfügt mit dieser Luxuslimousine über ein technisch sehr anspruchsvolles und hochwertiges Mitglied, das neben der etablierten Konkurrenz aus Stuttgart und Ingolstadt voll und ganz bestehen kann.     

Reinhard Wahren

 

64 - Herbst 2015

„Weissensee“ geht weiter

Die bei Publikum und Kritik gleichermaßen beliebte, hoch geschätzte und auch international erfolgreiche ARD-Serie „Weissensee“ ist noch lange nicht auserzählt. Das sagt die Produzentin Regina Ziegler, und die Zuschauer freut die Botschaft, denn hier handelt es sich um Qualitätsfernsehen, wie wir es uns leider oft vergeblich wünschen. 

Der spannende Stoff rund um die deutsche Teilung und die lang ersehnte Wiedervereinigung wird dank stimmiger, atmosphärisch überzeugender Drehbücher hochspannend erzählt, hervorragend ins Bild gesetzt und von einer Elitetruppe deutscher Schauspieler aus Ost und West ebenso überzeugend wie ergreifend dargestellt. Regina Ziegler und die MDR-Intendantin Prof. Dr. Karola Wille präsentierten im Kino der „Kulturbrauerei“ die 3. Staffel in Anwesenheit der Schauspieler Florian Lukas, Uwe Kockisch, Ruth Reinecke, Jörg Hartmann, Anna Loos, Katrin Sass, Lisa Wagner u. a. Sie wurde vom 29. September bis zum 1. Oktober in drei Doppelfolgen ausgestrahlt. Aber Regina Ziegler verriet, dass sich die Zuschauer zumindest auf eine 4. Staffel freuen können, da sie sich bereits in Vorbereitung befindet.

Die Erfolgsproduzentin ist durch das vierjährige Krebsleiden ihres Gatten, des Regisseurs, Autors und Produzenten Wolf Gremm, und seinen Tod am 14. Juli deutlich gezeichnet. Sie hat stark abgenommen. Dennoch steckt sie voller Tatendrang. Sie freut sich auf die weitere Zusammenarbeit mit der Drehbuchautorin Annette Hess und dem Regisseur Friedemann Fromm, für die Volker Herres (Programmdirektor Erstes Deutsches Fernsehen) bereits grünes Licht erteilt hat. 

Wie Regina Ziegler sagt, gibt es für sie nur eine einzige Kraftquelle nach dem Tod ihres Mannes: „Arbeit, Arbeit, Arbeit!“ Am Tag nach der Präsentation der 3. Staffel „Weissensee“ in der „Kulturbrauerei“ flog sie mit einem kleinen Kreis enger Freunde nach Mallorca, um die Asche Wolf Gremms dort dem Meer zu übergeben. Sie hatte die ganze Zeremonie vor dem Tod ihres Mannes mit ihm abgesprochen und ein Segelschiff dafür gemietet. „Es wird alles so sein, wie Wolf es sich gewünscht hat“, sagt sie.

Danach wird sie erneut ans Werk gehen, um die Geschichte der deutschen Wiedervereinigung mit all den ergreifenden Schicksalen von Menschen, die wie auch sie selbst durch tiefes Leid gehen mussten, um irgendwann wieder Licht zu sehen, in wahrhaftiger Weise weiterzuerzählen. 

Gudrun Gloth

 

64 - Herbst 2015
Magazin

Hauch von Las Vegas - "Stars in Concert" wird 18

Seit September 1997 treten in der Show „Stars in Concert“ Doppelgänger von Musikidolen wie Madonna, Marilyn Monroe, Amy Winehouse, Elvis Presley, Michael Jackson, Robbie Williams und vielen weiteren Showgrößen auf. Das Angebot, „das einen Hauch von Las Vegas nach Berlin bringt“, kommt gut an: Allein in diesem Jahr sahen bisher über 300 000 Besucher eine Show, seit 1997 sind es mehr als fünf Millionen Zuschauer. Das Konzept ist einmalig in Deutschland: Bis ins letzte Detail authentisch bringen die „Stars in Concert“-Künstler ihre Idole auf die Bühne, sodass es selbst Denjenigen, die die Echten kennen, manchmal schwerfällt, Original und Kopie zu unterscheiden.

Passend zum 18. Geburtstag schenkt Produzent Bernhard Kurz seinem Publikum, seinen Künstlern, Musikern und Tänzern eine neue Showbühne. Eine imposante Showtreppe bildet nun das Zentrum der großen und eleganten Bühne; alle Stage-Elemente sind zukünftig rollbar und ermöglichen so ein noch flexibleres Bühnenbild. Seit Oktober erwartet die Zuschauer außerdem ein neuer Act: Erstmals steht mit Helene Fischer ein deutschsprachiger Star auf der Showbühne. Verkörpert wird die Pop-Schlager-Queen von der Australierin Bridie June Davies, die der echten Helene Fischer nicht nur unglaublich ähnlich sieht, sondern auch ihre Hits stimmgewaltig und mit einer mitreißenden Bühnenpräsenz präsentiert.   

Information:

„Stars in Concert“: 9. September bis 30. Dezember im Estrel Festival Center
Mi, Do, Fr und Sa 20.30 Uhr, So 17 Uhr
www.stars-in-concert.de

64 - Herbst 2015

Die Entdeckung der Langsamkeit

Die Maaßenstraße in Schöneberg ist Berlins erste Begegnungszone. Und sie ist ein Experiment. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt hat mit Unterstützung des Bezirks Tempelhof-Schöneberg die Straße zwischen Nollendorfplatz und Winterfeldtplatz so umgebaut, dass die Fußgänger mehr Raum haben. Damit setzt der Senat ein Pilotprojekt seiner 2011 beschlossenen Fußverkehrsstrategie um – eine Strategie, die das Zufußgehen in der Stadt befördern soll. Schon jetzt sind Fußgänger mit 31 Prozent am Modal Split (2013) das stärkste Verkehrsmittel in Berlin. 

Was bedeutet und wie funktioniert eine Begegnungszone?

Eine Begegnungszone ist ein Begriff, der in Deutschland nicht amtlich ist. Vergeblich sucht man ihn in der Straßenverkehrsordnung. Großes Vorbild der Idee: die Schweiz. Und dort heißt sie auch so. Auch in Frankreich gibt es sie, dort mit entsprechendem Verkehrszeichen. Aber in Deutschland weigere sich der Verkehrsminister, ein eigenes Schild einzuführen, sagt Horst Wohlfahrt von Alm, Referatsleiter für Straßen- und Platzgestaltung in der Senatsverwaltung. Berlin improvisiert daher und setzt an die Eingänge der Maaßenstraße grünfarbige (nichtamtliche) Eingangsportale. Sie signalisieren dem Autofahrer den Beginn der Begegnungszone und haben einen Wiedererkennungswert. Denn Begegnungszonen soll es in Berlin bald viele geben: in der Bergmannstraße und am Checkpoint Charlie. „Wir lassen uns vom Verkehrsminister nichts vorschreiben“, sagt Wohlfahrt von Alm. 

Innerhalb der Maaßenstraße sieht es jetzt so aus: Eine Fahrgasse für Autos und Radfahrer schlängelt sich durch den Straßenraum. Sie kann in beide Richtungen befahren werden. Aber sie ist so schmal, dass die Autos bei Gegenverkehr nur sehr langsam aneinander vorbei- können. Maximal dürfen sie ohnehin nur 20 km/h fahren. Auf der einen Seite der Fahrgasse liegt der herkömmliche Bürgersteig, auf der anderen Seite erstreckt sich der neu geschaffene Raum für die Fußgänger mit Bänken, er umfasst die Hälfte der früheren Autostraße. Parkende Fahrzeuge gibt es nicht mehr. Nur Lieferwagen bekommen Platz, um die Geschäfte und Restaurants zu versorgen. Querungsstreifen ermöglichen den Fußgängern an mehreren Stellen, auf die andere Straßenseite zu gelangen. Ziel der Begegnungszone ist es, den Verkehrsraum gerechter aufzuteilen und das Miteinander der Verkehrsarten zu verbessern.

Anwohner skeptisch bis überzeugt

Die Anwohner sehen das Projekt eher skeptisch. Einer befürchtet, es kämen keine Besucher mehr in die Maaßenstraße, weil es keine Parkplätze mehr gibt. Der Wegfall der insgesamt 45 Parkplätze scheint überhaupt das Hauptärgernis im Nollendorfkiez zu sein. Doch der ruhende Verkehr ist eine echte Barriere. Wohlfahrt von Alm erklärt, die Begegnungszone solle auch die Verkehrssicherheit erhöhen. Um die Fußgänger-Querungen sicherer zu machen, müsse man Sichtkontakt zwischen den Autofahrern und Fußgängern schaffen. „Bisher stand da Blech dazwischen“, sagt er. 

Auch haben die Bauarbeiter den Menschen in der Maaßenstraße einen attraktiven Zebrastreifen genommen. Zum Winterfeldtplatz führt jetzt nur noch ein „Querungsstreifen“. Auf ihm haben die Fußgänger aber keinen rechtlichen Vortritt. Für sie bedeutet das erstmal einen Rückschritt. 

Reaktivierung nicht ausgeschlossen

Hier zeigt sich der Experimentiercharakter des Projekts. Der Zebrastreifen ist unter der neuen grünschwarzen Pflasterung verschwunden, aber das außer Kraft gesetzte Beleuchtungsschild hängt noch oben am Bogenmast. Es bleibt für den Fall der Reaktivierung und wird nicht abgebaut, wie Daniel Krüger vom Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg erklärt. Der Blog „Nollendorfkiez“ wundert sich in einem Beitrag, warum aus dem nutzlos gewordenen Mast keine Kinderschaukel gemacht werde. Die Begegnungszone sei eben erstmal „ein Pilot“, sagt Krüger. Und: „Die eigentliche Arbeit beginnt, wenn die Straße steht.“

Manche reagieren dagegen positiv. In der Nollendorfstraße gleich nebenan hatte das Künstlerpaar Sofia Camargo und Thomas E. J. Klasen ein offenes Atelier aufgeschlagen. Hier bemalten sie zusammen mit Passanten kniehohe Quadersteine – ein Kunstprojekt, für das im Rahmen der Begegnungszone ein Wettbewerb ausgelobt wurde. Heute grenzen die Quader die Fahrgasse vom erweiterten Bürgersteig ab, visuell und baulich. Sofia Camargo nennt das: „Eine Landschaft bauen in der Mitte der Straße.“ Es ist das auffälligste Element in der neuen Begegnungszone. Ihre Gestaltung soll eben auch selbst erklärend sein. Mehr als das ist sie in der Maaßenstraße durch die Straßenkunst auch identitätsstiftend.

Das Kiezatelier entpuppte sich während der Bauarbeiten als echter Kommunikationsraum. Die Schöneberger Graffity Crew „One Love“ gestaltete etwa die Hälfte der 66 Quader mit Wassermotiven, nennt sie den „Walk of Freedom“. Und ein Gitarrist, der öfter zum Atelier kam, hat über die Quader sogar ein Lied geschrieben. Die Künstler hätten so bei Teilen der Kiezbevölkerung mit dem Quaderprojekt einen Sinneswandel herbeigeführt, sagt Camargo. Manche, die da kamen und nicht malen konnten oder mochten, hinterließen auf den Steinen farbige Fuß- und Handabdrücke. Die Anmeldeliste für die Bemalung der letzten 22 Steine war schon vor ihrer Anlieferung voll. „Es ist offensichtlich, dass die Leute in den öffentlichen Raum zurückkommen“, sagt Künstler Klasen. Sie wollten jetzt sogar die Nollendorfstraße verschönern. 

Folgeprojekt Bergmannstraße

Anfang Oktober wurde die Begegnungszone in der Maaßenstraße schon mal offiziell eröffnet. Dabei ist sie noch nicht ganz fertig. Die Restarbeiten, schätzt Daniel Krüger, dauern bis Jahresende. Dann wird man in der Bergmannstraße in Kreuzberg mitten in der Bürgerbeteiligung sein. Die Straße wird Berlins zweite Begegnungszone. Mit einem halben Kilometer ist die Bergmannstraße allerdings etwa doppelt so lang wie die Maaßenstraße. Sieht aus, als würden bald wieder Quader gebraucht.

André Franke

64 - Herbst 2015
Stadt

Berlin-Macher

Dass Berlin dazu verdammt ist, immerfort zu werden und niemals zu sein, wusste schon im Jahr 1910 der Publizist und Kunstkritiker Karl Scheffler. Ein oft zitierter Satz, der noch heute gilt. Umso mehr sind Menschen gefragt, die vor oder hinter den Kulissen etwas bewegen und die Stadt ein Stück voranbringen. Wir stellen sie in jeder Ausgabe vor, die Berlin-Macher. Diesmal Neil MacGregor.

Der Mann ist nicht zu beneiden. Die Erwartungen an Neil MacGregor, der vor ein paar Tagen seinen neuen Job als Leiter der Gründungsintendanz des Humboldt-Forums in Berlin angetreten hat, sind so gewaltig, dass jedem normalen Menschen angst und bange würde. Doch wenn einer die Aufgabe bewältigen kann, Struktur in die laut FAZ „größte Mehrzweckhalle der Republik“ zu bekommen, dann ist es sicher dieser smarte Schotte.

Geboren 1946 in Glasgow als Nachfahre des „räuberischen Gesindels MacGregor“, so Theodor Fontane im O-Ton, studiert er Französisch und Deutsch in Oxford, Philosophie in Paris, Rechtswissenschaften in Edinburgh und Kunstgeschichte in London. Bereits 1987 übernimmt er die Leitung der National Gallery in London. 2002 wird er dort Direktor des Britischen Museums und macht das Haus mit aktuell 6,7 Millionen Besuchern im Jahr zu der meist besuchten Einrichtung Großbritanniens.

„Der Zweck des Britischen Museums ist es immer gewesen, den Besuchern die Möglichkeit anzubieten, die Welt zu verstehen“, fasst MacGregor seine Philosophie zusammen. Im Mittelpunkt seines immer angestrebten interkulturellen Dialogs und damit seiner Arbeit steht stets das Objekt. Sein Sachbuch über „Die Geschichte der Welt in 100 Objekten“ wird zum weltweiten Bestseller. Mit der viel beachteten Ausstellung „Germany – Memories of a Nation“, in der er anhand von 200 Objekten seinen Landsleuten die deutsche Seele nahegebracht und sie „entziffert“ hat, legt er nach, auch literarisch. Das Buch in deutscher Sprache ist soeben erschienen und verspricht ebenfalls eine Erfolgsstory zu werden.

Die Deutsche Nationalstiftung sieht in der Ausstellung „eine grandiose Schau, die von überraschender Sympathie zeugt und eine geistreiche Skizze Deutschlands darstellt“ und verleiht ihm dafür den Deutschen Nationalpreis 2015. Dass MacGregor zu dem Preis, den er am 16. Juni an seinem 69. Geburtstag verliehen bekommt, erklärt, er habe „nie in seinem Leben ein besseres, größeres Geburtstagsgeschenk bekommen“, sagt viel über den Mann aus, der das gesamte Preisgeld in Höhe von 50 000 Euro dem Britischen Museum überlässt.

Mit seinen Auszeichnungen kann der „Weltenkenner“ mittlerweile eine eigene kleine Ausstellung bestücken. Von der Queen erhält er den „Order of Merit“. 2008 wählt ihn die „Times“ zum „Briten des Jahres“. 2010 erhält er den erstmals verliehenen Internationalen Folkwang-Preis vom Museumsverein des Museums Folkwang in Essen. Im Mai 2015 verleiht die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung dem „polyglotten Europäer und überzeugten Kosmopoliten“ den Friedrich-Gundolf-Preis. Zuletzt wird er vom Goethe-Institut mit der Goethe-Medaille geehrt.

Dass MacGregor Museum kann, hat er demnach bewiesen und ist bekannt. Jetzt muss er nur noch das Humboldt-Forum auf Kurs bringen. Und wieder werden es die Objekte sein, mit denen er die Welt erklären will: „Das Humboldt-Forum ist ein großes Objekt, das viele Geschichten erzählt. Schon das Gebäude selbst ist das Symbol einer gemeinsamen Vergangenheit, die vor 70 Jahren abgeschnitten wurde. Es soll damals und heute neu verbinden“, sagt der Museumsmann und fährt wenig später fort: „Das Humboldt-Forum soll mit sorgfältig ausgewählten Arrangements von Objekten aus den großen Berliner Sammlungen Geschichten der Welt erzählen. Es soll eine Ressource des Weltbürgers werden, denn die Idee der ‚Weltkultur‘ ist in Berlin geboren.“

Und offenbar ist es Johann Wolfgang von Goethe höchstselbst, der den Deutschland-Liebhaber MacGregor bei seiner Mammut-Aufgabe inspiriert: „Er wusste in allen Traditionen – englisch, persisch, griechisch, indisch – Einsicht und Weisheit zu schöpfen. In seinem Haus am Weimarer Frauenplan wurden Pflanzen und Mineralien, Kunstwerke und Gipsabgüsse aus allen Ländern gesammelt. Die Welt unter einem Dach, auf dass sie studiert werde und erfasst. Und gerade diese intellektuelle Weltoffenheit erlaubte ihm, die Personifikation des höchsten deutschen Geistes zu sein. Nichts war ihm fremd:

Herrlich ist der Orient
Übers Mittelmeer gedrungen;
Nur wer Hafis liebt und kennt,
Weiß, was Calderón gesungen.

Europa kann zur Selbstkenntnis kommen nur, wenn es das Außereuropäische studiert und sich zu eigen macht. Für ein Europa, in dem Fremdenhass und Nationalismus wieder zu großen gesellschaftlichen Gefahren geworden sind, bleibt Goethe für uns alle musterhaft und nötig.“

MacGregors Anspruch für das Humboldtforum ist groß und aktuell zugleich. Und seine Vision nimmt langsam Konturen an. „Als Theatrum Mundi, Theater der Welt, soll die ganze Menschheit dort als Schauspieler, aber auch als Dichter auftreten. Es geht tatsächlich, in den berühmten Worten von Prosperos Tochter Miranda (Anm. d. Red.: in Der Sturm von Shakespeare), um ‚A brave new world‘. Hoffentlich werden wir es vermögen, diese Zaubervision zu verwirklichen.“

Derzeit zweifelt wohl niemand daran, zumal der Museumsmann schon eine erste Liebeserklärung an die Stadt abgegeben hat: „Für uns, für alle Museumsleute ist die Stadt Berlin mit ihren Sammlungen und ihren Universitäten ganz einfach unwiderstehlich.“ Und weiter: „Es gibt ja in der ganzen Welt vielleicht nur fünf Sammlungen, wo man die ganze Geschichte der Menschheit erforschen und erzählen kann: Petersburg, New York, Paris, London und Berlin. Aber nur in Berlin und nur im Schloss im Humboldtforum gibt es jetzt die Gelegenheit, diese Geschichte neu zu erzählen und neu zu erforschen. Hier sollen die Objekte, die aus aller Welt kommen, einer Besuchergruppe, die aus aller Welt stammt, ausgestellt werden, und das mit Hilfe internationaler Kollegen.“

Konsens ist demnach Triumph. Aber MacGregor kann offensichtlich auch anders. Dabei darf man sich auf eine Auseinandersetzung in Berlin schon jetzt freuen. Denn, so ist zu hören, der renommierte Museumsexperte soll eine Berufung an das Metropolitan Museum in New York angeblich auch deshalb abgelehnt haben, weil die Amerikaner dort Eintritt verlangen. „National-Museen müssen kostenlos sein“, lautet dagegen sein Credo. Historisches Erbe sei quasi die Privatsammlung jedes einzelnen Bürgers und dürfe nicht der Marktwirtschaft untergeordnet werden. Da darf man gespannt sein, wer in dieser Frage im Berliner Humboldtforum das letzte Wort hat. 

Detlef Untermann

 

64 - Herbst 2015