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20 Jahre Magazin

20 Jahre Berlin vis-à-vis

Für uns Berliner und alle, die es geworden sind, hat sich die Stadt in den letzten 20 Jahren stark verändert. Berlin boomt. Nie waren die Besucherströme so groß wie in diesem Jahr. Schillernd, laut, bunt, lebendig, weltoffen: Die deutsche Hauptstadt ist beliebt, ihre Bewohner nörgeln weniger als früher, sind besser angezogen. Berlin ist aber nicht nur Touristenhotspot und Hochglanzmetropole. Bekanntlich hat jede Großstadt viele Gesichter.

Modernes Wohnen hinter historischer Fassade

Die Profi Partner AG feiert in diesem Jahr ihr 20-jähriges Bestehen und hat aus diesem Anlass ein Jubiläums-Buch herausgegeben. Darin gratulieren viele Weggefährten, unter ihnen Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel und Volker Hassemer, Stadtentwicklungssenator a. D. und Vorsitzender der Stiftung Zukunft Berlin, zum runden Geburtstag. Wie sehr das Unternehmen in zwei Jahrzehnten das Gesicht der Stadt Berlin mitgeprägt hat, macht ein Blick auf die vielen bislang umgesetzten Projekte deutlich. Mit Objekten wie dem Hohenzollern Campus und vielen weiteren Projekten in Mitte und Prenzlauer Berg hat die Profi Partner AG Maßstäbe bei der Umwandlung von ungenutzten Industriegebäuden in begehrte Wohndenkmäler gesetzt. Für die Sanierung der ehemaligen Haftanstalt als Berlin Campus in der Rummelsburger Bucht erhielt das Team 2009 sogar den „immobilienawardberlin“. Besonders mit der Sanierung des unter Denkmalschutz stehenden Haus Cumberland am Kurfürstendamm machte sich das Unternehmen einen Namen, schließlich waren an diesem Projekt zuvor zahlreiche Investoren gescheitert. Wie aktuell das Geschäftsmodell „Modernes Wohnen hinter historischer Fassade“ auch 20 Jahre nach Firmengründung ist, beweisen die laufenden Projekte: Nur wenige hundert Meter von dem mittlerweile voll bewohnten Haus Cumberland entfernt, entsteht derzeit in bester City-West-Lage mit dem Ottilie-von-Hansemann-Haus die „kleine Schwester“ des Cumberland. Das unter Denkmalschutz stehende ehemalige Studentinnenwohnheim wird zurzeit denkmalgerecht saniert und durch zwei hofseitige Neubauten zu einem modernen Wohnensemble ergänzt. Gleichzeitig wurde der Hohenzollern Campus, ein 24 000 Quadratmeter großes, denkmalgeschütztes Gewerbeobjekt am Hohenzollerndamm revitalisiert, rundum saniert und komplett vermietet. Mit der anstehenden Umwandlung eines ehemaligen Möbelhauses in Mitte zu einem Wohnhaus und der Ergänzung um ein Neubauprojekt steht ein weiteres großes Projekt mit einem Gesamtvolumen von 60 Mio. Euro an.  

 

64 - Herbst 2015
Magazin

"Raus! Raus! Raus!"

Sie gingen barfuß durch die Lande, trugen lange Haare, Leinenkittel und Wanderstab. Verteilten kleine Traktate oder Gedichte. Gern luden sie auch am Lagerfeuer zu Kreistanz und Gesang. Gustav Gräser, Friedrich Muck-Lamberty und Gustav Nagel gehören zu den bekanntesten frühen Naturgurus, charismatischen Wanderpredigern und Lichtpropheten. Die Jahre von 1900 bis 1930 war ihre Zeit, die Zeit des Wandervogels und der freien Liebe. Es entstand ein Markt für Fleischersatzprodukte, weit geschnittene Reformkleider und Jesus-Sandalen. „Raus! Raus! Raus!“ So stand es auf dem grünen Wagen, mit dem Gusto Gräser um 1930 in Brandenburg unterwegs war. In Gang bleiben, das nahm Gräser als Lebensmotto durchaus wörtlich. Bei Waldsieversdorf in Grünhorst war er Mitglied einer alternativen sonnenhungrigen Künstlerkommune geworden. Feste Behausungen lehnte man ab, lebte in Höhlen oder Bretterverschlägen. Nicht auf Besitz, sondern auf seelischen Reichtum komme es an, davon waren die Siedler überzeugt. Gewaltfrei und natürlich wollte man leben, nahe am Urchristentum. So nimmt es nicht wunder, dass einige der Protagonisten auch in ihrer äußerlichen Erscheinung die Nähe zu Jesus von Nazareth suchten. Die öffentliche Aufmerksamkeit war ihnen so allemal sicher.

Wodurch bekamen solche Bestrebungen Auftrieb? Versetzen wir uns in die Zeit um 1900 in Berlin. Die Schornsteine qualmten. Die Gründerzeit hatte einen industriellen Boom mit sich gebracht. Der Moloch Stadt rückte immer weiter in die Außenbezirke vor. Auf den dunklen Hinterhöfen der Wohnhäuser herrschte Gedränge. Die Kaiserzeit strotzte nur so vor pompösem Militarismus und ästhetischem Plüsch. Vor diesem Hintergrund stellten sich immer mehr Menschen die Frage: Wie wollen wir leben? Die Sehnsucht nach einem unentfremdeten naturnahen Leben ergriff weite Teile der Jugend. Unter der Überschrift Lebensreform lassen sich diese vielfältigen Bemühungen zusammenfassen. Ganzheitliches Denken war dieser Bewegung von Anfang an immanent. So gehören Freikörperkultur, Gartenstadtbewegung, Naturheilkunde, Pazifismus und Biolandbau untrennbar zusammen. Protagonisten der einen Richtung unterstützten meist auch ihre gleichgesinnten Freunde. Die Potsdamer Ausstellung entwirft anhand seltener Originaldokumente und Exponate ein buntes Mosaik einer heute allzu oft in Vergessenheit geratenen Strömung.

Bei FKK denken die meisten zu allererst an die DDR-Zeit. Wer weiß schon, dass es in den 1920er-Jahren auf einer Sanddüne südlich von Berlin in Motzen eine überaus rege Freikörperkultur gab? Motto: „Wir sind nackt und nennen uns Du“. Hier lud man nicht nur zum Bade, sondern bildete sich auch weiter in Sachen Ernährung und Gesundheit. Wie gründlich man alle Scham abgeworfen hatte, zeigen die beeindruckend lebendigen Aktfotografien. Nacktheit wurde fotografisch auch in der Inselstadt Werder zelebriert, wo Karl Vanselow die Zeitschrift „Die Schönheit“ herausgab.

Zurück zur Natur, das bedeutete auch zurück zum Landleben. Siedlungen wurden gegründet. Grundlage waren verschiedene neue weltanschauliche Konzepte, darunter die Anthroposophie und der Vegetarismus. Erhard Bartsch, der Weggefährte Rudolf Steiners gründete 1928 bei Bad Saarow ein 100 Hektar großes bio-dynamisches Mustergut. Die „Marienhöhe“ gilt damit als ältester Demeter-Hof Deutschlands. Die Produkte wurden durch das seit 1900 bestehende Reformhaussystem vertrieben. 

Noch 35 Jahre älter als der Demeter-Hof bei Bad Saarow ist die Obstbaukolonie Eden bei Oranienburg. Sie gilt als ein historisches Zentrum der vegetarischen Bewegung Deutschlands. 1893 beschlossen 18 reformbegeisterte Männer im vegetarischen Wirtshaus „Ceres“ in Berlin-Moabit, einen Garten Eden zu begründen. Man erwarb als ersten Schritt 160 Morgen Land, das man genossenschaftlich bewirtschaftete. Die drei Bäumchen im Wappen der Eden-Siedlung stehen für Lebensreform, Bodenreform und Wirtschaftsreform. 

Oft waren es auch Künstler, die sich an die Spitze dieser Bewegung stellten. Im Friedrichshagener Dichterkreis fand man sich „hinter der Weltstadt“ zusammen, um in der Kunst ein Gemeinschaftsgefühl zu leben. Dabei ging die enge Verbindung nach Berlin nie verloren. Einfach und naturnah, das bedeutete nicht rückwärtsgewandt und provinziell. Im Gegenteil, die Friedrichshagener pflegten immer auch den internationalen Austausch. So nimmt es auch nicht wunder, dass 1902 die Deutsche Gartenstadt-Gesellschaft, die Idee kam aus England, aus dem Umfeld des Dichterkreises heraus gegründet wurde. Zu den Gründern gehörten die Brüderpaare Bernhard und Paul Kampfmeyer, Heinrich und Julius Hart sowie Wilhelm Bölsche, allesamt „Friedrichshagener“. Zum Künstlerkreis gehörte auch Fidus, mit bürgerlichem Namen Hugo Höppener. Er war der Künstler der Lebensreformbe-wegung in Brandenburg. Sein „Licht-gebet“ wurde tausendfach gedruckt. Seit 1909 lebte Fidus in seinem neuerbauten Woltersdorfer Atelierhaus. Schnell wurde sein Haus Anziehungspunkt für Gleichgesinnte aus lebensreformerischen und esoterischen Kreisen. Fidus soll ein sehr geselliger Mensch gewesen sein. Noch dazu spielte er bekanntermaßen ausgezeichnet Klavier. Der von Fidus ins Leben gerufene St. Georgsbund hatte im Atelierhaus seinen Sitz. Von hier aus gingen Druckschriften und Grafik nach ganz Deutschland. 

Wie einige seiner Mitstreiter aus der Lebensreformbewegung war der Maler später anfällig für das Gedankengut der Nazis. Bis 1989 ist das Fidus-Haus durch glückliche Umstände nahezu unverändert erhalten geblieben. Was lag da näher, als an diesem authentischen Ort ein „Museum für Lebensreformbewegungen“ zu installieren. Darüber hinaus sollte selbstverständlich das Wirken des einstigen Hausherren gebührend gewürdigt werden. Ein Förderverein gründete sich, und von Bund und Land wurden finanzielle Mittel bereit gestellt. Sogar einen Eröffnungstermin hatte man schon: Dezember 2000. Finanzielle Unwägbarkeiten führten bald darauf jedoch zur Aufgabe des Projekts und zur Auflösung des Vereins. Falls es doch irgendwann anders kommen sollte und ein solches Museum wieder auf der Tagesordnung stünde, dann hätte die Potsdamer Ausstellung samt Begleitkatalog bestens vorgearbeitet.

Karen Schröder

64 - Herbst 2015
Kultur

Architektur der lebendigen Stadt

Berühmt geworden vor allem durch das filigrane Zeltdach des Münchner Olympiastadions verlieh man dem Architekten Frei Otto posthum den Pritzker-Preis, den Nobelpreis der Architekten. Auch in Berlin hat er Spuren hinterlassen. In Tiergarten wurden im Rahmen der Internationalen Bauausstellung 1987 Maisonette-Wohnhäuser errichtet, die jeweils Einzelbauherren und ihre Architekten individuell geplant haben: die Ökohäuser vom Landwehrkanal. Wie lebt es sich heute dort?

Hinter dem grauen Eisentor, das sich summend öffnet, führt ein Pfad zu den Mülltonnen. Ein anderer verläuft geschwungen unter dem Blätterdach hoher Bäume entlang und bringt die Bewohner und Besucher der Corneliusstraße 11 und 12 in Berlin-Tiergarten tiefer in den exklusiven Großstadtdschungel. Die Ökohäuser stehen hier, von Efeu umrankt und von 38 Menschen bewohnt.

Einer von ihnen ist Manfred Ruprecht. Als er 1970 in die Corneliusstraße an den Landwehrkanal kam, war das Grundstück voller Trümmer. Sie stammten von der Nuntiatur, die 1943 von Bomben zerstört wurde. Doch Ruprecht, der Student, kam wegen des Kanals. Er wusch hier seinen Fiat Spider. Eine Treppe führte hinab zum Wasser. Heute halten an der Stelle Fahrgastschiffe, oft fahren sie auch vorbei, weil niemand ein- oder aussteigen will. Dann hört Ruprecht die Live-Moderatoren durchs Mikro sprechen, dies seien die Ökohäuser von Architekt Frei Otto. Das stimme nicht so ganz, sagt Ruprecht. Die 18 Wohnungen in den zwei Ökohäusern seien von neun Architekten gebaut worden. Einer war er selbst. Sogar zum Koordinator haben sie ihn auf der Chaosbaustelle gemacht, wo er zwischen Architekten, Bewohnern und Baufirmen vermittelte. Das Bauprojekt der Internationalen Bauausstellung 1984/87 (IBA) ist eine Kollektivleistung. Von Frei Otto stammt die Idee dazu.

Sich selbst behausen

Frei Otto, der 89-jährig im März dieses Jahres verstarb, antwortete mit den Ökohäusern auf Fragen, die ihn tief bewegten: Wie sieht die lebendige Stadt aus? Wie sieht eine Stadt aus, die nicht durch ihr Material und/oder ihre Planung daran gehindert wird, vernünftig zu sein? Und: Wie kann man als armer Erdenbürger dahin kommen, sich selbst zu behausen?

Architekt Ruprecht hat seine Ökohauswohnung im Urlaub in der Toskana entworfen. Wie alle Mitglieder der Baugemeinschaft war er bereit, finanzielle Risiken einzugehen. Niemand konnte anfangs sagen, wann die IBA-Häuser fertig wären. Mit Bauarbeitern aus Polen und der DDR hat er gearbeitet, hat mitunter draufgezahlt, weil mancher ihn im Stich ließ. Und Manfred Ruprecht hat selbst Hand angelegt, die Fensterfront des Wintergartens gebaut, die Fußbodensteine verfugt. Die letzte Tür hat er vor zwei Jahren eingebaut. Sich selbst behausen, das ist ein Lebensprojekt. 

Dafür braucht man Ausdauer. Erst vor Kurzem, sagt er, habe er draußen vorm Wintergarten den Holzsteig erneuert, über den man in den Garten geht. Das Fichtenholz war durchge-fault. Fertig werden Selbstbauer nie.

Seine Wohnung hat das Flair eines Ferienhauses. Viel Holz, Lehm, braune Balken, viel Fensterfläche. Ruprecht sagt, 70 Quadratmeter kämen zusammen. Er putzt sie nicht mehr selbst. Die langen Fenster des Wintergartens ziehen sich bis in den zweiten Stock hoch. Ihre Konstruktion ist – im Wortsinn – schräg, versetzt, die Fensterfront in sich verdreht, ähnlich wie die Fassade der Mexikanischen Botschaft in der Klingelhöferstraße gleich um die Ecke. „Das kann man nicht bauen“, sagte der Fensterbauer, als ihm Ruprecht den Auftrag erteilte. „Doch, hier ist die Zeichnung“, erwiderte der Architekt. Er hat dann die Fensterwand selbst gebaut. Dann kam der Glaser. Und wieder: „Das kann man nicht bauen.“ Am Ende ging es doch. Es musste ja, denn nach der Architekturphilosophie Ottos gilt: „Es gibt keine vorgegebene Form.“

Nester im Baum

Es waren aber nicht nur die Handwerker, die Ruprecht mit seiner Kreativität herausforderte. Die Bauaufsicht fragte ihn einmal, ob er in die Steinzeit zurückkehren wolle, als es um die luftgetrockneten Lehmziegel ging. Der Spott drückte nur die Unsicherheit im Umgang mit unkonventionellen Baumethoden aus. Aber diese waren im Projekt der Ökohäuser einfach zentral. So bauten die Bewohner die Häuser nicht von unten nach oben. Es war möglich, nach dem Errichten des Grundgebäudes aus Stahlbeton erst die oberen Etagen mit Wohnungen zu befüllen und erst später die „Nester“ unten einzurichten. Diese Trägerstruktur, der Gebäudekern, soll Jahrhunderte überdauern. Die einzelnen Wohnungen aber sollen variabel sein, je nach Mensch und Lebensabschnitt veränderbar, so Ottos Idee.

Dahinter steckt die Erfahrung, die Frei Otto mit dem Bombenkrieg in Augsburg erlebt hat. Er sah die steinerne Stadt von einem Tag auf den anderen in Staub aufgelöst. Warum also länger in Stein bauen? Warum Häuser bauen, die länger existieren als die Menschen, die in ihnen wohnen? Wer nie im Bombenregen war und die Zerstörung der Stadt gesehen hat, so sagte Otto einmal, hat ein Semester Städtebau versäumt. Ruprechts Eigentumswohnung ist also ein temporäres, selbst gebautes Nest in Frei Ottos ewigem Betonbaumhaus. 

Gebautes Biotop

Hier sitzt Ruprecht im Wintergarten und schaut durch das Fensterglas in den Garten. Eine starke Baumlilie wächst außen an den zweigeschossigen Fenstern hinauf. Eine Kletterrose hat sich um ihren Stamm gewickelt. Schön. Efeu bedeckt den Boden, bis auf die Stelle, wo der Bauherr einen quadratischen Kantenstein in die Erde gesetzt hat, der mit Wasser gefüllt ist. Hier sieht er den Igel trinken und den Rotfuchs, erzählt Ruprecht. Für die badenden Amseln, damit sie nicht zu tief in den Pool fallen, hat er ein paar kleine Steine hineingelegt. Und an der Gartenmauer steht ein besonderer Strauch. Gertrud Hollm, seine Nachbarin, hat ihn ausgegraben, bevor die Baustelle kam. Später hat sie den Strauch wieder an Ruprecht zurückgegeben. Denn sie hatte ihn ja ausgegraben, wo heute sein Wohnzimmer steht. Auch der Grundstein des Hauses liegt hier 22 Zentimeter unter dem Fußboden.

Der Kantenstein lag auf dem Trümmergrundstück. Und auch das Eisentor ist zur Hälfte das Original der alten Nuntiatur. Die Ökohäuser wurden in den vorhandenen Vegetationsbestand hineingebaut und alte Hinterlassenschaften der Vertretung des Vatikans in die Gestaltung einbezogen. Selbst einen Bunker gibt es, von Flieder bedeckt. 

Manfred Ruprecht schätzt das Kleinklima, das durch diese üppige Pflanzenwelt entsteht. Er sagt, der Efeu blühe erst nach acht Jahren. Diese ästhetische Durststrecke hat er längst hinter sich gebracht. Im Sommer 1990 war er eingezogen, wie die meisten der ursprünglich 55 Bewohner. Seitdem verkauften oder wechselten viele Eigentümer ihre Wohnungen, Kinder sind auzgezogen, auch Scheidungen und Todesfälle machten das winzige Dschungeldorf über die Zeit ruhiger und kleiner. Oben fehlt seinem Wintergarten noch das Außengeländer. Es wird immer fehlen, weil Ruprecht es nicht braucht. Er sagt, er werde es anbauen, falls er sein Haus einmal verkauft. 

Die niederländische Filmemacherin Beate Lendt hat 2011 über die Ökohäuser und ihre Bewohner einen Dokumentarfilm gedreht („Der Traum vom Baumhaus – Das Ökohausprojekt von Frei Otto in Berlin“).

Frei Otto starb am 9. März 2015. Einen Tag nach seinem Tod wurde ihm der Pritzker-Architekturpreis verliehen. Otto war über die Entscheidung der Jury aber vorher informiert worden. 

André Franke

 

64 - Herbst 2015

Schwarzer Abt und himmlisches Theater

Mit seinen beiden Barockkirchen und der barocken Gartenanlage muss Neuzelle keinen Vergleich scheuen. Dass eine Brauerei das Ensemble vervollkommnet, passt natürlich auch in die Analogie. Einstmals wurde die Anlage im Mittelalter als Zisterzienser-Kloster gegründet. Seine Blütezeit erlebte das Stift Neuzelle allerdings erst im 17./18. Jahrhundert. Die historische Lage des Ortes in der Grenzregion zwischen der Niederlausitz und der Mark Brandenburg führte dazu, dass im Laufe der Geschichte sächsische, böhmische und preußische Einflüsse verschmolzen. Dieser kulturelle Schmelztiegel, der Neuzelle war, macht bis heute seinen Charme aus. 

Wie ein Schloss thront die St. Marienkirche über dem Ort. Herrschaftlich ist schon die Zufahrt zu nennen, gesäumt von einer Lindenallee, den Klosterteich im Blick. Das figürlich opulent gestaltete Tor zum Schlosshof gibt einen Vorgeschmack auf die barocke Welt dahinter. Der Weg führt in die Marienkirche, wo die barocke Bilderpracht überwältigt. Allein die zahlreichen Deckengemälde illustrieren beeindruckend lebendig Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament. Hier bietet sich eine Führung an.

Zurück im Klosterhof fällt der Blick auf ein neues Museum mit dem schönen Namen „Himmlisches Theater“. Spätestens hier wähnt man sich in Bayern, wo die Volksfrömmigkeit zu Hause ist. Zu sehen sind auf perspektivisch gestaffelten Holzkulissen lebensgroße Passionsdarstellungen. Der 229 Teile umfassende barocke Kulissenreichtum ist in seiner Gesamtheit und künstlerischen Qualität europaweit einzigartig. Ihre Entstehung verdanken derartige Inszenierungen der Gegenreformation. Durch sinnliche religiöse Erlebnisse sollten die Gläubigen wieder zum katholischen Glauben zurückfinden. Dr. Martin Salesch, der Museumsleiter, beschreibt die historische Aufführungspraxis so: „Fast jeden Tag wurde wohl damals eine neue Szene dargestellt, um dieses Passionsgeschehen bildhaft zu machen. Schließlich konnten ja auch noch nicht alle im Volk lesen und schreiben. Ziel war es sicher auch, mehrere Tage in Neuzelle zu verweilen und sich in die Bildwelt hineinziehen zu lassen.“ Die Bemühungen dürften seinerzeit nicht ohne Erfolg geblieben sein, berichten zeitgenössische Dokumente. Doch anlässlich solcher Bühnenereignisse immer wieder auch von Bekehrungen. Dazu wird es in unserer bilderüberfluteten säkularen Welt wohl nicht kommen, überwältigend ist das modern präsentierte „Himmlische Theater“ allemal.

Schon vom Klosterhof kann man einen Blick über die Terrassen auf den im französischen Stil angelegten Klostergarten werfen. Das Gelände fällt hier relativ steil ab, die Oder ruft. Der Garten besticht nicht unbedingt durch seinen Pflanzenreichtum, vielmehr ist es die Gesamtanlage mit der Fontäne, den in Form geschnittenen Sträuchern und den Rosenstöcken. An der Orangerie kann man Kaffee und Kuchen stilvoll im Freien genießen. Verlässt man den Garten über den südlichen Ausgang, nähert man sich dem Klosterberg über den Stiftsplatz. Hier befindet sich die zweite barocke Prachtkirche des Ortes. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurde die Kreuzkirche als katholische Pfarrkirche für die örtliche Bevölkerung gebaut. Die Kulissen aus dem Himmlischen Theater wurden im Übrigen einst hier aufgestellt. Die Mönche brauchte man ja nicht zu bekehren. Die Kirche verfügt über reichen barocken Schmuck. In der Kuppel prangt ein über 100 Quadratmeter großes Fresko, das von dem böhmischen Maler Georg Wilhelm Neunhertz geschaffen worden ist. In künstlerischer Hinsicht ist die kleinere Schwester der größeren Marienkirche sicher ebenbürtig. Seit der Auflösung des Klosters im Jahr 1817 wird die Kirche als Evangelische Pfarrkirche genutzt.

Kloster, das verbinden viele auch mit leiblichen Genüssen. Neuzelle hat das erkannt. Klosterbrauerei und -brennerei laden zu Schauvorführungen samt Verkostung. Der Schwarze Abt, das dunkle Neuzeller Bier, gehört sicher zu den beliebtesten Souvenirs. Wer immer noch nicht genug hat von der Gegend, kann noch einen Abstecher nach Ratzdorf machen. Hier fließt die Neiße in die Oder und die urwüchsige Gartenwirtschaft „Kajüte“ lädt zum Scheidebecher.

Information:

www.stift-neuzelle.de

 Karen Schröder  

64 - Herbst 2015

Wir sind gewachsen

20 Jahre GfWOB (Gesellschaft für Wohnungsverwaltung und Objektbetreuung).

Ein voller Arbeitstisch. An der Wand ein Foto vom Golfturnier mit einem Spitzenklassespieler, das eigene Haus aus der Vogelperspektive. Der Überblick ist es auch, der die Sicht des Geschäftsführers Andreas Otto auf seine tägliche Arbeit seit 20 Jahren prägt. Der Auftraggeber und sein Objekt stehen im Mittelpunkt, rundherum zieht er seine Bahnen. Grundsympathisch und raumfüllend.

Das Portfolio der Gesellschaft für Wohnungsverwaltung und Objektbetreuung umfasst Fremdverwaltung für etwa 2 000 Wohneinheiten und Wohnungseigentumsverwaltung für 65 Eigentumsanlagen mit fast 2 100 Wohneinheiten. Seit Ende 1994 ist die GfWOB als einhundertprozentige Tochter der Wohnungsbaugenossenschaft Friedrichshain am Berliner und Brandenburger Wohnungsmarkt präsent. Daher rühren die Serviceleistungen für etwa 8 600 Wohneinheiten mit 24 Stunden Hausmeisterdienst, Haushandwerkerleistungen, Pflege der Außenbereiche und Gebäudereinigung. „Wir sind untypisch, wir sind stabil, wir sind berechenbar, wir sind gewachsen und wachsen weiter.“

Unaufgeregt steht er einem erfolgreichen Unternehmen vor, qualifiziert seine Mitarbeiter, denkt langfristig auf einem Gebiet, das zugegeben spannender ist, als man glauben mag. Hausverwaltung ist sehr anspruchsvoll, in Deutschland nicht zertifiziert, die rechtliche Lage von Wohnungseigentum überaus kompliziert und die kaufmännischen Abläufe aufwendig. „Wir decken sämtliche Verwaltungsarten ab und bieten den Service aus dem eigenen Haus. Immer sauber, immer ordentlich und es funktioniert.“ Die Seiten der Verwaltung bringt Andreas Otto selber mit. Der Jurist, der Kaufmann, der Praktiker, der Macher. Vernetzt und mit Weitblick. Neuzugänge an Verwaltungsbeständen haben mehrheitlich einen höchst sanierungsbedürftigen Zustand. Forderungen aus nicht gezahlten Hausgeldern sind dann auszugleichen, bauliche Mängel nach Insolvenz des Bauträgers im Rahmen erstmaliger mangelfreier Herstellung abzuarbeiten. Hier führt die GfWOB Verhandlungen mit den Gläubigern, stellt die Zahlungsfähigkeit der Eigentümergemeinschaft wieder her, indem praktikable Sanierungskonzepte entwickelt werden. Otto fordert Verantwortung. „Wer mit mir arbeitet, soll sich in der Pflicht fühlen, gute Arbeit zu leis-ten.“ Die Kunden sind überzeugt. Die Tochter ist der Mutter in den Jahren weit über den Kopf gewachsen mit 70 festangestellten Mitarbeitern und 3,5 Millionen Jahresumsatz.

Brit Hartmann

 

64 - Herbst 2015