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20 Jahre Magazin

20 Jahre Berlin vis-à-vis

Für uns Berliner und alle, die es geworden sind, hat sich die Stadt in den letzten 20 Jahren stark verändert. Berlin boomt. Nie waren die Besucherströme so groß wie in diesem Jahr. Schillernd, laut, bunt, lebendig, weltoffen: Die deutsche Hauptstadt ist beliebt, ihre Bewohner nörgeln weniger als früher, sind besser angezogen. Berlin ist aber nicht nur Touristenhotspot und Hochglanzmetropole. Bekanntlich hat jede Großstadt viele Gesichter.

Küchenphilosophie

Nehmen wir mal an, dass ein Mensch in Deutschland grob geschätzt 80 Jahre alt wird und jeden Tag für die Zubereitung seiner Speisen, zum Essen und zum Wiederaufräumen cirka drei Stunden benötigt, dann steht und sitzt er im Laufe seines Lebens ungefähr 87 600 Stunden in der Küche. Das sind zehn Jahre ohne Schlaf. Natürlich schwankt diese Zahl bei jedem Einzelnen. Meist steht nur einer am Kochherd und auch die Kinder kochen noch nicht wirklich. Aber es gibt auch Zeiten, in denen man viel länger in der Küche ist, beim Plätzchenbacken zum Beispiel, wenn die Hausaufgaben zusammen gemacht werden und bei Partys. In der Küche fallen die meisten Entscheidungen. Tränen des Lachens, der Liebe, des Kummers und des Mitgefühls, all diese landen neben den Marmeladenflecken auf dem Küchentisch. Kein Wunder also, dass die Küche nach dem Bett der wichtigste Ort im Leben eines Menschen ist. Die Architektur der Küche beeinflusst damit auch die Lebensgewohnheiten ihrer Nutzer. 

Bis zu unseren heutigen Küchen war es ein langer Weg. Um von der Feuerstelle wegzukommen, musste erst mal das Kochgeschirr entwickelt werden. Davor wurde nur im oder über dem Feuer gekocht. Erste nachweisbare Strukturen einer Küche fand man bei Ausgrabungen in Jericho aus der Zeit um 8350 v. Chr. bis 7370 v. Chr., heißt es bei Wikipedia. Das ist sehr lange her und doch haben selbst unsere Großmütter noch das Brot für die Familie im gemeinsamen Ofen des Dorfes gebacken.

In Deutschland werden heute für den Neukauf einer Küche zwischen 2 000 und 20 000 Euro ausgegeben. Bei der klassischen Einbauküche liegen die Ausgaben im Schnitt bei 7 000 Euro. Und selbst da kann man laut Homepage des „Käuferportals“ mit den richtigen Kaufentscheidungen noch bis zu 1 500 Euro günstiger werden. Mit der Wahl der Elektrogeräte, Schränke, Arbeitsplatten, Schubladen und der Beleuchtung bestimmt man also nicht nur, wie die Küche letztendlich aussieht. Und doch sollte bei allen Budgetfragen Ihr eigenes Küchenleben an erster Stelle stehen. Vielleicht helfen die neuesten Trends dabei, zu verstehen, was man will und wie man kocht.

Smarte Küche, Smarter Kochen

Das Wörtchen „Smart“ kommt aus dem Englischen und steht für schlau, gewitzt und schnell. In Verbindung mit der Küche und dem Kochen bedeutet dies wie bei Smart Home, dass Geräte zum Einsatz kommen, die Computerfunktionen haben, internetfähig und vernetzt sind. Dazu gehören zum Beispiel die neuesten Kühlschränke von Siemens. Sie haben Kameras mit an Bord. Jedes Mal, wenn jemand die Kühlschranktür öffnet, wird ein neues Foto vom Inneren gemacht. Mit der Home Connect App auf Ihrem Handy haben Sie darauf Zugriff und können so feststellen, was in Ihrem Kühlschrank alles fehlt. Egal, wo Sie gerade sind. Ein weiteres Beispiel für die Vernetzung ist der Gourmetsensor der Firma Cuciniale, der ebenfalls in Verbindung mit einer App auf Ihrem Smartphone oder Tablet arbeitet. Der Gourmetsensor kommt mit dem zu bratenden Fleisch in die Pfanne und die App zeigt an, wann es perfekt zubereitet ist, nachdem Sie vorher die Art der Zubereitung ausgewählt haben. Hier scheint es so, als ob die Zukunft der Küche nicht mehr ganz so sinnlich ist. Wenn da nicht die Kochtrends wären. 

Kochtrends werden zu Küchentrends

Neue Ernährungstrends in den Großstädten bestimmen den Lifestyle zunehmend, werden zu einem Wirtschaftsfaktor. Es geht um die Gesundheit, um Nachhaltigkeit, Genuss und Lebensmittelqualität. Und um einen neuen Wachstumsmarkt. Jetzt hat der Küchenproduzent von formquadrat in Kooperation mit einem Kochprofi eine Modell-Küche entworfen, die das Thema Kochen von Grund auf neu denkt. Vooking. 2014 gab es dafür bereits den Internationalen Design Award. Mehr Platz für Gewürze, integrierte Waage, Mörser und Getreidemühle und Indoor Farming für den Anbau eigener Kräuter – das sind nur einige Highlights dieser neuen Küchen. Bisher gibt es sie leider nur als Prototyp, aber es sind eine ganze Reihe Kooperationspartner mit an Bord, um bald in Serie zu gehen. 

Und nicht nur bei Vooking halten immer mehr modernere Kochmethoden und Zubehör Einzug. Schneller kochen, schonender kochen, ohne Wasser kochen. Vom Dampfgarer bis hin zum Molekularküchen-Starterset ist alles zu haben. Nur der sich selbst reinigende Entsafter ist noch nicht erfunden worden. Bei all der Technik darf man aber eines nicht vergessen, auch vor Küchen macht die Gentrifizierung nicht halt. Ganz plötzlich, als auch der Letzte eine Espressomaschine zu Hause hatte und noch versuchte, die Gebrauchsanweisung zu verstehen, setzte die Filtertüten-Kaffee-Bewegung wieder ein. 

Wieso manche Küchentechnik verhindert, dass es beim Kochen nicht nach Essen riechen darf, ist auch schwer zu verstehen. Kein Rosmarin, kein Zimt, kein Thymian, kein Zwiebelchen liegt in der Luft und kein Bratenduft zu Weihnachten? Unvorstellbar. Denn sind es nicht die Gerüche, die uns Appetit machen? Und ist es nicht die Nase, die letztendlich den Geschmack erst möglich macht?

Die Frage der Fronten 

Maschinen in der Küche sind Platzfresser. Deshalb bemühen sich Küchenhersteller schon lange, diese zu integrieren oder ganz hinter Fronten zu verstecken. Dabei wird das Thema Sicherheit nach wie vor groß geschrieben. Scharfe Kanten sind tabu, Griffhöhen können angepasst werden und Kindersicherungen sind nicht nur an Herden und Backöfen selbstverständlich. Außerdem kommen heute neue Wohnbereiche für das Küchenleben hinzu, die früher undenkbar gewesen wären. In Gärten oder auf Dachterrassen zum Beispiel. Entsprechend müssen die Oberflächen geschaffen sein. Strapazierfähig, hochwertig und individuell, für drinnen und für draußen. Von Popstahl bis Bambus ist alles zu haben. Bunt und nachhaltig sind die neuen Küchenfronten, ganz wie das Leben vor ihnen. 

Offene Küchen im Berliner Durchgangszimmer

Eine offene Küche war schon immer das bessere Wohnzimmer. Beliebt bei jungen Familien und Wohngemeinschaften sorgt das offene Küchenleben für das perfekte Familienfeeling, Raum- und Zusammengehörigkeitsgefühl. Früher war eine offene Küche schnell geschaffen – Tür aushängen, fertig. Heute zieht man mit der Küche in der eigenen Wohnung um. Und das hat seine Gründe. Aufgrund der steigenden Mietpreise in Berlin sind Umzüge in eine größere Wohnung undenkbar. Was also tun, wenn die Kinder größer werden oder die Familie oder Wohngemeinschaft gar Zuwachs bekommt und ein weiteres abgeschlossenes Zimmer benötigt wird? Oft haben gerade in Berlin die Altbauwohnungen Durchgangszimmer. Dorthinein zieht die moderne Küche. 

Der alte Küchenraum wird renoviert, die Tür wieder eingehängt und fertig ist die perfekte Wohnung für die veränderte Lebenssituation mit weiterhin einer offenen Küche als Lebensmittelpunkt und einem abgeschlossenen Zimmer mehr. Naja, ganz so einfach ist es auch nicht. Wasseranschlüsse müssen da sein und die Einwilligung der Wohnungseigentümer, falls Sie es nicht selbst sind. 

Modulküchen

Modulküchen sind angelehnt an Industrieküchen entwickelt worden und seit längerem im privaten Umfeld zu entdecken. Jede einzelne Küchenfunktion ist in einem Modul zu finden und kann fast beliebig kombiniert und ergänzt werden. Man baut sich quasi seine eigene Kochwerkstatt ganz nach den aktuellen Bedürfnissen und kann sie ein Leben lang verändern. Das macht ihren Reiz aus. Sie sind schnell einsatz- und umzugsbereit und in fast jeder Preisklasse zu haben. Modulküchen sind nicht nur bei jungen Leuten beliebt, sondern auch bei Leuten, die eine Outdoorküche suchen. 

Outdoorküchen

Nach wie vor ungebrochen ist der Wunsch, draußen zu sein. Zwischen Bäumen und Blumen unter freiem Himmel mit Freunden reden, Wein trinken, essen oder feiern, was gibt es Schöneres? In Berlin tut man das auf Balkons und auf Dachterrassen, im Garten oder an der Spree und auf den Terrassen vor den Restaurants. Da auch hier der Essenswandel im vollen Gange ist, also weg vom Fleisch und weg vom Einweggeschirr, braucht man heute mehr als einen Grill für die perfekte Party. Outdoorküche heißt der neue Trend. Mit ihr kann jeder Wunsch erfüllt und zum Schluss gemeinsam gespült werden. Außerdem spart man sich den langen Weg zurück in die Küche und ist den ganzen Abend über der vollendete Gastgeber.

Outdoorküchen kann man in Marke Eigenbau herstellen, Module von Herstellern verwenden oder sie sich maßgeschneidert anfertigen lassen. Es sind Sommerküchen, aber man kann ja im Winter schon mal anfangen zu planen.

Alles in allem bestimmen Wertesysteme und persönlicher Geschmack, Alter und Budget, Wohnumfeld und Lebenssituation, Essensvorlieben und Technikanspruch, Funktion und Glaube unsere Küchenbauentscheidungen. Und doch gibt es bei all den Trends und Möglichkeiten Leute, die schon die perfekte Küche haben, aber nicht kochen. Und es gibt Leute, die haben die kommunikativste Küche und wechseln kein Wort. Deshalb sollte der letzte Trend der wichtigste auf Ihrem Weg zur Traumküche sein:

Küsschen am Herd

Wenn also alle Fronten passen, die Technik sie unterstützt, der Weg von der Arbeitsfläche zum Mülleimer, zum Herd und zum Kühlschrank ideal ist und der Blick nach draußen ebenso: Dann könnte es sein, dass Sie schon die perfekte Küche für sich gefunden haben. Wenn es dann noch Küsse in der Küche gibt und Freunde auch, dann, ja dann kann ganz nach Grimms Dornröschen ein wirklicher Traum wahr werden: „... und das Feuer in der Küche erhob sich, flackerte und kochte das Essen; der Braten fing wieder an zu brutzeln; und der Koch gab dem Jungen eine Ohrfeige, dass er schrie; und die Magd rupfte das Huhn fertig. … und sie lebten vergnügt bis an ihr Ende.“

Barbara Sommerer

 

64 - Herbst 2015

10 Jahre Märchenhütte

Auf die Bühne gebracht werden in dieser Jubiläumssaison zumeist berühmte, aber auch weniger bekannte Märchen der Brüder Grimm, außerdem einige Märchen von Hans Christian Andersen, sowie Märchen des serbischen Autors Vuk Stefanovi Karadži. Neben klassischen Märchenfiguren wie dem tapferen Schneiderlein oder Rotkäppchen bevölkern zukünftig noch mehr Tiere und Fabelwesen die Bühne. Bei Glühwein werden die Zuschauer hoch über dem Monbijoupark, umlagert von Krähen und Füchsen, vis-à-vis der nächtlichen Museumsinsel, in eine Zeit entführt, in der das Wünschen noch geholfen hat. Inszeniert werden für die kommende Spielzeit unter anderem: Das tapfere Schneiderlein, Hänsel und Gretel, Rotkäppchen, Der Wolf und die sieben Geißlein, Hans im Glück, Die sieben Raben, Der Tannenbaum, Der gestiefelte Kater, Rumpelstilzchen, Das blaue Licht, Schneewittchen, Hase und Igel, Aschenbrödel und viele andere mehr. Nicht wenige davon zum Mitmachen. In diesem Jahr steht den Zuschauern nach neuer Bühnen- und Sitzplatzanordnung in beiden Märchenhütten deutlich mehr Platz zur Verfügung: Die Jacobhütte wird künftig zur Großmutterstube mit einem bullernden Ofen. Die Wilhelmhütte zeigt sich als geheimnisvolle Waldhütte. 

Neben den Märchenhütten spielt das Ensemble im November und Dezember auch auf Schloss Schwante sowie in einer Holzhütte im Kreuzberger Szenebiergarten Birgit & Bier.

64 - Herbst 2015
Kultur

Bei uns geht es um mehr als nur um Steuern

Seit 40 Jahren betreibt Lothar Ebert seine Steuerkanzlei in Berlin-Westend. Annette Kraß traf ihn in seiner Steuerkanzlei, die er seit 2003 mit seinem Partner Andreas Linow führt.

Zuerst einmal Gratulation zu 40 Jahren Steuerkanzlei. Macht es immer noch Spaß?

Unbedingt, der Beruf macht mir viel Spaß, die Kanzlei ist mein Lebenswerk.

Das klingt nach Leidenschaft für Ihren Beruf.

Ja, ich musste mich mit 15 1/2 Jahren für einen Beruf entscheiden, wusste damals noch gar nichts mit Steuern anzufangen, aber von der ers-ten Minute an hat es Spaß gemacht: meine Ausbildung, die kurze Angestelltenzeit. Danach folgte dann ja sofort die Selbstständigkeit.

Sie haben diese Kanzlei also gegründet? 

Ja, ich habe mich einfach in ein Büro gesetzt, gesagt, da bin ich, und dann ging es los. Anfangs waren es die Freunde, die kamen, schnell hat sich die Zufriedenheit mit meiner Arbeit aber herumgesprochen, sodass auch die Mitarbeiterzahl entsprechend wuchs. Wir haben im Durchschnitt 15 bis 20 Mitarbeiter, und eine Kanzlei in dieser Größenordnung ist auch genau das, was ich wollte: Klein, aber fein, sehr individuell und nur mit Spezialisten ausgestattet. Aus diesem Team ist auch mein Partner hervorgegangen. Er hat bei uns gelernt und es ist so, dass wir sehr viel gemeinsames Gedankengut haben ...

... was Ihnen im Hinblick auf die Weiterführung Ihrer Kanzlei sicher wichtig ist ...

Natürlich, es hat viel mit der persönlichen Wertschätzung zu tun. Es ist ja nicht nur die fachliche Kompetenz wichtig, entscheidend ist, dass man das Herz am rechten Fleck hat. Darauf lässt sich nicht verzichten, wenn man diesen Job gut machen will. 

Warum?

Beim Thema Steuerberatung geht es nicht nur um Steuern, wir sind unseren Klienten Vertraute in vielen Bereichen. Dies wollen wir so fortführen. Auch wenn es nicht einfacher wird.

Was meinen Sie damit: das deutsche Steuerrecht?

Dies ist ein schwieriges, komplexes Thema und ich werde mich hüten, diesbezüglich irgendwelche Empfehlungen auszusprechen, auch wenn viele unsinnige Dinge darunter sind. Aber ich möchte herausstellen, dass ich den Weg der Wiedervereinigung, auch was das Steuerrecht angeht, beeindruckend fand. Da haben die daran Beteiligten schon großartige Arbeit geleistet.

Inzwischen gibt es ja viele Programme, die bei der Steuererklärung behilflich sind. Was spricht dafür, die Steuererklärung einem Experten anzuvertrauen?

Ich glaube, das kann man so leicht nicht beantworten. Man sollte eine Affinität dafür haben, die Programme zu nutzen. Einfach nur ein paar Zahlen einzusetzen, wird nicht reichen. Wir merken, dass trotz vieler Buchhaltungsprogramme unsere Beratung immer wieder gefragt ist. Steuern bleiben eben ein Spezialgebiet.

Mit der Leitung der Kanzlei sind Sie sicher sehr gefordert. Wie entspannen Sie?

An erster Stelle steht hier das Ver-trauen in die Mitarbeiter. Und das Ziel, mit ihnen möglichst lange zusammenzuarbeiten; wir haben hier nur eine sehr geringe Fluktuation. Unser Team harmoniert gut und arbeitet sehr selbstständig, sodass wir nicht jeden Arbeitsvorgang überprüfen müssen. Dies alles macht es uns möglich, Freizeiten zu schaffen.

Wie überzeugen Sie jemanden für den Beruf des Steuerberaters?

Früher haben wir sehr viel ausgebildet, dann wurde es etwas ruhiger. Auszubildenden gegenüber ist unser Vorsatz, immer zu sagen, du musst nichts können, du musst nur wollen. Und wir empfehlen, sich unser Büro ein paar Tage anzuschauen, um festzustellen, ob es passt. Denn wie gesagt: In diesem Beruf geht es nicht nur um Zahlen. 

Jeder Auszubildende sollte vor dem Hintergrund des Umgangs mit Kollegen und Mandanten also auch seine Persönlichkeit einbringen ...

Sie merken, dass ich über Steuern gar nicht reden möchte. Wir setzen voraus, dass sich die fachlichen Fertigkeiten entwickeln, bei dem Einen schneller, beim Nächsten langsamer. Dass wir eine gute fachliche Qualität liefern, ist selbstverständlich, unsere Mandanten erwarten dies. Aber für ein gutes Ergebnis sind auch kompetente persönliche Gespräche unumgänglich, man sollte Freude und Liebe für diesen Beruf mitbringen. Für uns ist jeder Mitarbeiter unseres Büros ein wichtiger Mitarbeiter.

Sie engagieren sich auch für soziale Themen?

Wir haben unsere Mandanten immer schon zu Spenden ermutigt; inzwischen sind mein Partner und ich Mitglieder verschiedener Lions Clubs und diesbezüglich aktiv. Wir unterstützen verschiedene Kinderprojekte. Uns ist wichtig, den Leuten klar zu machen, etwas von ihrem verdienten Geld abzugeben, wenn sie es sich leisten können. 

Herr Linow, Sie sind wohlüberlegt ins Boot geholt worden, dieser Vertrauensbeweis freut Sie sicherlich ...

A. Linow: Auf jeden Fall, ich habe ja schon meine Ausbildung hier abgeschlossen und denke, dass sich unsere Zusammenarbeit bisher sehr positiv ausgewirkt hat.

Wie lange werden Sie denn noch Seite an Seite arbeiten?

A. Linow: Ich hoffe, mein Leben lang, wir haben unterschiedliche Arbeitsweisen, was sicher auch unserer Altersdifferenz geschuldet ist. Herr Ebert urteilt, bewertet, gewichtet die Dinge anders als ich, wir können da beide voneinander lernen und ich profitiere viel von seiner Erfahrung. Wir ergänzen uns einfach sehr gut. 

L. Ebert: Wir stellen immer wieder fest, dass wir mit unterschiedlichen Herangehensweisen oft doch zum gleichen Ergebnis kommen. Die fachliche Kompetenz ist selbstverständlich. Die persönliche Komponente ist der entscheidende Mehrwert. Dies ist unser Erfolgsrezept.

 

 

64 - Herbst 2015

Seismograf der Sinne

Er zählt zu den bekanntesten und begehrtesten Fotokalendern der Welt: The Cal, der Pirelli Kalender. Anfangs als originelles Geschenk für ausgesuchte Kunden und VIPs kreiert, entwickelte er sich schnell zum Kultobjekt. Die Idee war einfach: Die britische Tochter des italienischen Reifenherstellers Pirelli suchte nach einem Weg, sich von Konkurrenten abzusetzen und erfand den Kalender. 1964 wurde er erstmals an Kunden verteilt – umsonst.

Daran hat sich nichts geändert, der Kalender ist nicht käuflich und wird nach wie vor nur an ausgewählte Freunde des Unternehmens verschenkt. Inzwischen hat sich der Kalender zum begehrten Kultobjekt entwickelt, ist zum Inbegriff erotischer Fotografie geworden. Dabei scheiterte der erste Versuch der Produktion. Das Konzept des Fotografen Terence Donovan, Fotos von Models aus den zwölf Weltregionen, in die Pirelli exportierte, in einem Kalender 1963 erscheinen zu lassen, arrangiert mit den jeweils meistverkauften Produkten, wurde erst einmal nicht veröffentlicht. Denn die schönen Frauen wirkten ein wenig verloren vor den Gokarts, Rollern und Landmaschinen. Daher wurde der Mythos, wie wir ihn kennen, erst ein Jahr später geboren: Fotograf Robert Freeman verzichtete einfach auf jeglichen Produktbezug. Er setzte auf klassische Pin-up-Motive: Frau in weißem Bikini am Strand oder Frau mit treuherzigem Blick, eine Hand in der weit geöffneten Jeansbluse. 2014 feierte der Reifenhersteller ein rundes Jubiläum, inzwischen reflektiert The Cal den aktuellen Zeitgeist, die Mode und gesellschaftliche Strömungen seit 52 Jahren. Im Laufe seiner Geschichte präsentierte er die schönsten Models, darunter Alessandra Ambrosio, Gisele Bündchen, Naomi Campbell, Laetitia Casta, Cindy Crawford, Penélope Cruz, Milla Jovovich, Heidi Klum, Angela Lindvall, Sophia Loren und Kate Moss. Zu verdanken ist der Erfolg aber nicht nur den gutaussehenden Models und den exotischen Orten, an denen sie fotografiert wurden. Die kluge Auswahl an Fotografen spielt eine weitere große Rolle. Der Taschen-Verlag hat nun einen 576 Seiten starken Bildband herausgebracht, der Nachdrucke sämtlicher Kalender von 1964 bis 2014 enthält, fotografiert u. a. von Robert Freeman, Helmut Newton, Richard Avedon, Peter Beard, Patrick Demarchelier, Nick Knight, Karl Lagerfeld, Inez van Lamsweerde und Vinoodh Matadin, Annie Leibovitz, Peter Lindbergh, Sarah Moon, Terry Richardson, Herb Ritts, Mario Sorrenti, Bert Stern, Mario Testino und Bruce Weber.

Als Bonus bieten sich dem Leser nie zuvor gezeigte Bilder, die während der Fotosessions entstanden, der unveröffentlichte Kalender von 1963 sowie eine Auswahl zensierter Bilder, die den Redakteuren zur damaligen Zeit zu gewagt erschienen. Der Band „Pirelli – Der Kalender. 50 Jahre und mehr“ wird so zu einer Zeitreise durch Epochen, Moden und Entwicklungen in der Fotografie. Und natürlich: Viele der Fotos sind so, wie man es sich vorstellt. Erotische Fotografie nach Schema F – Strand, mehr oder vorzugsweise weniger bekleidete Frauen. Dennoch ist diese Herausgabe ein Glücksfall. Denn einige Jahre bestechen durch Ästhetik oder kluge Konzepte.

Information:

Pirelli – Der Kalender. 50 Jahre und mehr, Philippe Daverio, Hardcover, 30 x 30 cm, 576 Seiten, € 49,99, ISBN 978-3-8365-5175-5, Mehrsprachige Ausgabe: Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch 
Erhältlich ab September 2015 
www.taschen.com

64 - Herbst 2015

Graue Eminenz

Beton als Baustoff kommt nicht immer gut an. Für viele Menschen gilt das beliebte Baumaterial als kalt und künstlich, farblos und trist. Aber vielleicht ist gerade dieser Ruf Herausforderung genug für viele Baumeister, sich die vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten dieses „künstlichen Steins“ zunutze zu machen und sich an ihnen zu versuchen. Mit dem Ziel, eindrucksvolle Werke zu erschaffen. 

Denn diese Palette von Steingemischen – nichts anderes ist Beton nämlich – gehört, wenn er richtig eingesetzt wird, zu den edelsten Materialien der zeitgenössischen Architektur. Im flüssigen Zustand lässt sich Beton zu erstaunlichen Werken formen, ist flexibel und beständig zugleich. Die Hochwertigkeit von Betonflächen und besonders deren Erhalt ist stark abhängig von fachlicher, handwerklicher, aber auch künstlerischer Expertise und Sorgfalt. Das Zusammenspiel der Rohstoffe, Mischverhältnisse, Farbtongebung und nicht zuletzt der Witterungsbedingungen ist für die spätere Betonqualität und sein Erscheinungsbild maßgeblich. Ein zweibändiges Buch stellt nun die besten Betonbauwerke der letzten Jahre vor.

Information:

100 Contemporary Concrete Buildings, Philip Jodidio

Hardcover, 2 Bände im Schuber,
24,0 x 30,5 cm, 730 Seiten € 39,99

ISBN 978-3-8365-4767-3

(Deutsch, Englisch, Französisch)

64 - Herbst 2015