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20 Jahre Magazin

20 Jahre Berlin vis-à-vis

Für uns Berliner und alle, die es geworden sind, hat sich die Stadt in den letzten 20 Jahren stark verändert. Berlin boomt. Nie waren die Besucherströme so groß wie in diesem Jahr. Schillernd, laut, bunt, lebendig, weltoffen: Die deutsche Hauptstadt ist beliebt, ihre Bewohner nörgeln weniger als früher, sind besser angezogen. Berlin ist aber nicht nur Touristenhotspot und Hochglanzmetropole. Bekanntlich hat jede Großstadt viele Gesichter.

Ein Dorf in der Millionenstadt

Kladow könnte eine Insel sein. Am Hafen kommen Urlaubsgefühle auf. An einer immerhin 45 Meter langen Seebrücke macht ein Schiff fest. Eine Promenade mit Restaurants und Biergärten erwartet den Besucher. Am charmantesten zu erreichen ist der südwestliche Berliner Vorort tatsächlich mit der Fähre von Wannsee. Die AB-Fahrkarte der BVG genügt. Aber auch der Landweg über Spandau ist möglich. Kladow ist ein Teil Berlins. Dabei hat es noch viel von einem märkischen Fischerdorf. Kleine geduckte Häuser und enge Gassen um die alte Dorfkirche herum. 

Kladow nennt aber auch ein Schloss sein Eigen, genauer gesagt ein Gutshaus. Seit sich eine Bürgerstiftung um das Anwesen kümmert, ist es zu neuem Leben erwacht. Es gibt Lesungen und Konzerte, ein Café lädt ein. Der Abstecher hierher lohnt sich allemal, auch wegen der Geschichte, die sich an diesem Ort ereignete. Im Jahre 1800 baute David Gilly das Gebäude im klassizistischen Stil. Königin Luises Paretz grüßt aus der Ferne. Ähnlichkeiten sind nicht zufällig. König Friedrich Wilhelm III. hatte das Paretzer Gelände seinem Kabinettsrat Anastasius Ludwig Mencken überlassen. Torhäuser bilden den Eingang zum Gut. Der Kabinettsrat hatte nicht lange Freude an dem neuen Haus. Er starb bald darauf. Seine Tochter Wilhelmine Luise Mencken wohnte hier noch bis 1806. Später heiratete sie in die Familie Bismarck ein. Als Mutter von Otto von Bismarck erinnert eine Gedenktafel an sie. Der Gutshof wechselte daraufhin mehrfach den Besitzer – bis die Rüdersdorfer Unternehmerfamilie Guthmann das heruntergewirtschaftete Anwesen übernahm. Unter Johannes Guthmann wurde das Gutshaus Kladow zum Musentempel. Der Maler Max Slevogt und der Bildhauer August Gaul hinterließen hier ihre künstlerischen Spuren. Gerhart Hauptmann und Max Reinhardt gingen ein und aus. „Neu-Cladow wurde der Inbegriff von ‚Sonntag‘ überhaupt“, so Guthmann über diese Zeit. „Cladow – die Perle des Osthavellandes“, warb man anderswo für den Ort. 1924 wehrten sich denn auch viele Bürger gegen die Eingemeindung in Groß-Berlin. Vergeblich. Schließlich strich man dem Dorf 1930 auch noch das „C“ im Namen. Jetzt hieß es offiziell „Kladow“.

Zurück in der Gegenwart folgen wir der Imchenallee (benannt nach der kleinen Wannsee-Insel) in Richtung Osten, mit dem Ziel Sacrow. Es geht immer am Wasser entlang. Vorbei an imposanten Villen, meist hoch über dem See gebaut. Viele von ihnen stammen noch aus der Gründungszeit der Villenkolonie um 1900. Über den Sacrower Kirchweg und den Lüdickeweg erreichen wir schließlich ein sehenswertes Kladower Gartendenkmal: den direkt am Wasser gelegenen Fränkelschen Landhausgarten. Die Pfaueninsel gegenüber immer im Blick. Die gartenhistorische Nachbarschaft setzte hier wohl Maßstäbe. Ende der 1920er- Jahre wurde der Privatgarten für den jüdischen Bankier Dr. Max Fränkel vom Berliner Stadtgartendirektor Erwin Barth angelegt. Bekannt ist Barth unter anderen für seine Freiraum-Planungen in Charlottenburg und Wedding, darunter der Savignyplatz, der Lietzenseepark und der Volkspark Rehberge. In Kladow gestaltete er eine mehrfach gegliederte, terrassierte Gartenanlage, mit Rosengarten, Staudenbeeten und Obst- und Gemüsegarten. Später kamen ein Wasserfall, Teiche und ein Teepavillon hinzu. Nach verschiedenen auch artfremden Nutzungen, während der innerdeutschen Teilung gab es hier zum Beispiel eine Zollstation, ist für den Garten heute das Naturschutz- und Grünflächenamt Spandau zuständig. Seit Anfang der 1990er-Jahre wird er mit Mitteln der Denkmalpflege aufwendig wiederhergestellt. Noch in diesem Jahr sollen die umfangreichen Sanierungsarbeiten abgeschlossen werden. So lange auf dem Gelände gearbeitet wird, steht der Garten Besuchern offen.

Über die Sacrower Landstraße überqueren wir die Stadtgrenze und erreichen nach einem halbstündigen Fußweg Sacrow. Am Ortsausgang Kladow führt ein Weg hinunter zum See. Auf einem Waldweg geht es naturnah weiter. Das letzte Stück durch Sacrow, seit 1939 ein Ortsteil Potsdams, muss man jedoch auf der Straße laufen. Nach dem Schiffgraben ist es nicht mehr weit zum Schlosspark Sacrow. Dort gibt es ein kleines Schloss und am Port von Sacrow die Heilandskirche zu besichtigen. Diese 1844 nach Plänen Friedrich Wilhelm IV. von Persius im italienischen Stil gebaute Kirche ist ein wahres Kleinod inmitten der Potsdamer Schlösserlandschaft. Allein die Lage auf einer Landzunge an der Havel ist nur malerisch zu nennen.

Bevor wir den Rückweg nach Kladow antreten, ist eine Einkehr im traditionsreichen Restaurant Zum Sacrower See möglich. Am Kamin werden schnörkellose regionale Gerichte angeboten. Wer nicht den gleichen Weg zurückgehen möchte, dem empfiehlt sich die Route entlang des Sacrower Sees, durch den Königswald über den Mauerweg zurück nach Alt-Kladow. 15 Kilometer Wanderung sind am Ende zusammengekommen. Von Sacrow fährt aber auch ein Bus nach Potsdam.  

Karen Schröder 

 

64 - Herbst 2015

Berlin soll Hightech-Metropole werden

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller sprach mit Berlin vis-à-vis über Wohnungsbau, Kultur, Flüchtlinge und die Startup-Szene.

Berlins Attraktivität ist ungebrochen. Immer mehr Menschen ziehen in die Stadt, die Mieten steigen. Sind die Zeiten endgültig vorbei, als das Wohnen in der Hauptstadt noch für alle bezahlbar war? 

Mit der wachsenden Wirtschaft in Berlin wird das Leben in der Stadt auch teurer. Solange es damit einhergeht, dass mehr Menschen Arbeit haben und besser verdienen, ist das für eine Hauptstadt eine normale Entwicklung. Trotzdem unternehmen wir viel, um den Preisanstieg zu dämpfen und zu regulieren, damit Berlin weiter bezahlbar bleibt. Sei es über die Mietpreisbremse oder das Zweckentfremdungsverbot und vor allem den Wohnungsneubau. Berlin wird dadurch seine Attraktivität als Stadt der bezahlbaren Mieten gegenüber anderen europäischen Städten noch lange erhalten können. 

Mit der Hälfte des 2014 erzielten Haushaltsüberschusses soll in defizitäre Bereiche investiert werden, sowohl in den Wohnungsbau als auch in die Personalaufstockung in den Behörden. Wo ist derzeit der Bedarf am dringendsten? 

Wir nehmen knapp 500 Millionen Euro zusätzlich zu den anderen Inves-titionsmitteln in die Hand, um die Infrastruktur im Rahmen der wachsenden Stadt zu verbessern. Dazu gehören der Straßenausbau, die Schulsanierungen, Personalaufstockung in der Verwaltung und vor allem der Wohnungsbau. Dieser ist ganz eindeutig im Rahmen der Investition ein Schwerpunkt.  Berlins Einwohnerzahl ist im vierten Jahr in Folge um 40 000 Menschen gestiegen. 

Die vernachlässigte Wohnungsbaupolitik in der Vergangenheit stellt Sie vor große Herausforderungen: Es fehlen 22 000 neue Wohnungen, in den kommenden Jahren sollen bis zu 43 000 neue Wohnungen entstehen. Gleichzeitig erschweren immer wieder Bürgerproteste neues Bauen. Wird die Realisierung dabei immer wieder zum Balanceakt?

Bis 2010/11 standen viele Wohnungen leer. Dies ist nun nicht mehr der Fall. Wir müssen ungefähr 10 000 Wohnungen pro Jahr bauen, um dem Bevölkerungsanstieg gerecht zu werden. Und ja, es gibt auf den Flächen,  auf denen Wohnungen entstehen könnten, riesige Nutzungskonflikte mit Auseinandersetzungen bis hin zu Bürgerprotesten. Das muss die Politik akzeptieren. Umgekehrt muss die Stadtgesellschaft akzeptieren, dass die Politik aus einem gesamtstädtischen Interesse heraus entscheidet, Wohnungen zu bauen, weil sie gebraucht werden. 

Einen Teil von Berlins Charme machen die vielen Freiflächen aus.  

Das stimmt. 

Will man das aufgeben? 

Nein, das kann man nicht aufgeben. Das grüne Berlin mit seinem hohen Freizeitwert ist Teil der Attraktivität der Stadt. Es ist eine Gratwanderung. Einerseits wollen wir unsere schönen Freiflächen erhalten, andererseits müssen wir verdichten. Um in der Innenstadt mehr Wohnungen schaffen zu können, müssen wir eben teilweise auch Brachflächen nutzen. 

Gerade ist wieder verstärkt Thema, in die Höhe zu bauen, wie schätzen Sie die realistische Umsetzung der Hochhausidee ein? Zum Beispiel das Projekt für den Hardenbergplatz. 

Oder auch am Alexanderplatz. Es wurden in den 90er-Jahren 20 Hochhäuser geplant, aber über Jahre ist nichts passiert. Jetzt tut sich endlich etwas. Ich finde das richtig, aber auch hier muss man sensibel sein und hinschauen, wo es passt. In City West und Ost, da, wo pulsierendes städtisches Leben herrscht, passen Hochhäuser. Sie gehören zur besseren Flächennutzung dazu. 

Der Fokus der Hauptstadt war immer stark auf die Kunst und Kultur gerichtet. Ihr Berlin soll auch Wirtschaftsstadt sein. War Ihnen die Wahrnehmung der Stadt als Kultur-Hotspot in den letzten Jahren zu einseitig? 

Nein, zu einseitig war es nicht, weil wir auch in den letzten Jahren ganz bewusst auf die Wirtschaftsstärke der Stadt gesetzt haben und ein europaweiter Anziehungspunkt geworden sind. Tatsächlich ist es mir wichtig, Berlins Kunst und Kultur weiter zu fördern, aber auch ganz bewusst darauf zu setzen, Investitionen in die Stadt zu holen, um die momentan hervorragende wirtschaftliche Entwicklung weiter voranzutreiben, ganz besonders im Bereich der Startup-Szene. 

Wird das Zugpferd Kultur nicht zurückgefahren? 

Nein, im Gegenteil. Der Senat hat dem Parlament einen Haushalt vorgelegt, in dem wir den Kulturetat um 10 Prozent aufstocken.

Es bestehen dennoch Bedenken von Kulturmachern hinsichtlich der Verteilung der Subventionen. 

Es werden nicht nur unsere Opernhäuser, also die großen Dampfer der Kultur, profitieren. Es werden auch tatsächlich die kleineren Häuser wie das Maxim Gorki Theater oder das HAU (Hebbel am Ufer), Atelierprogramme sowie die freie Szene bei der Verteilung bedacht. 

Und welche Bestrebungen gibt es, auch kleinere Startup-Unternehmen und Manufakturen zu unterstützen? 

Für die Startups ist es beinahe genauso wichtig, an Kapital zu kommen wie an Flächen, auf denen man sich nicht langfristig binden muss und auch mal etwas ausprobieren kann. Uns kommt zugute, dass wir die Gründerzentren rund um die TU haben, bei der GSG (die Gewerbehöfe und Gewerbeparks in Berlin, Anm. d. Red.) oder in Adlershof. Es ist ein echter Standortvorteil von Berlin, dass wir im Stadtbereich Raum für die Gründerszene haben, den wir fördern. Wir setzen vor allem auf Digitalisierung. Wir erarbeiten mit allen relevanten Stellen gerade eine Agenda mit konkreten Vorschlägen wie zum Beispiel auch mehr Professuren in dem Themenfeld. So wollen wir zu einer echten Hightech-Metropole werden.

Die Berliner schätzen Ihr unprätentiöses Auftreten und das Bodenständige, das Sie verkörpern. Überrascht Sie Ihr guter Stand selbst ein wenig? 

Es freut mich, dass ich von den Berlinerinnen und Berlinern angenommen werde und auch viel Unterstützung erfahre, sowohl aus Wirtschaft und Wissenschaft als auch aus der Kultur.  

Von Ramona Pop gibt es den Satz „Michael Müller kommt so gut an, weil er nicht Klaus Wowereit ist“.  Was denken Sie, wie lange Sie noch mit Ihrem Vorgänger verglichen werden?

Die Regierenden Bürgermeister werden immer miteinander verglichen, Eberhard Diepgen und Walter Momper bis heute. Mich stört es nicht. Ich bin mit Klaus Wowereit befreundet. Ihn zu kopieren, wäre furchtbar geworden, für uns beide und für alle anderen. Mir war von Anfang an wichtig, dass ich meinen eigenen Weg finde. Das scheint mir gelungen zu sein. Die Leute merken offensichtlich, der ist bei sich und versucht nicht irgendetwas zu spielen. 

Ihre bisherige Amtszeit von nicht einmal einem Jahr ist mit wichtigen und nicht leicht zu bewältigenden Aufgaben ausgefüllt: Haben Sie sich Ihr Amt so vorgestellt? 

Ich habe es mir so vorgestellt.  Und es macht mir sehr viel Spaß. Das Schöne an meinem Amt ist vor allem das große Themenspektrum. Als Stadtentwicklungssenator waren die Aufgaben auch vielfältig, aber viel mehr fokussiert. Dank der guten Mannschaft im Roten Rathaus, die mich kompetent unterstützt, konnte und kann ich mich mit allen Themen schnell vertraut machen. 

Sie haben von Anfang an die Fraktionschefs zusammengerufen, um die Versorgung der Flüchtlinge zu organisieren. Das hat man Ihnen hoch angerechnet. Wird schnelles Handeln weiterhin ein Stil Ihrer Politik sein? 

Bei diesem Thema kann man nicht lange hin und her diskutieren, man muss schnell organisieren. Die Menschen sind da und wir müssen ihnen helfen. Gleichzeitig muss darauf geachtet werden,  dass das Zusammenleben gut funktioniert und nicht alles lahmgelegt wird. Deswegen war es mir wichtig, diesen Koordinierungsstab schnell einzurichten und personell zu verstärken. Es sind 25 000 Menschen in unsere Stadt gekommen, und bis zum Jahresende können es noch mal so viele werden. 

Wie gestaltet sich die weitere Aufnahme von Flüchtlingen in Berlin?  

Wir benötigen Unterbringungsmöglichkeit mit entsprechender Infrastruktur. Es gibt zwar viele Flächenangebote und leer stehende Lagerhallen, aber dann mangelt es an Toiletten, Duschen, Schulangeboten etc . Wir müssen Hilfsangebote gewährleisten und Standorte finden, an denen Integration möglich ist.

Welche Standorte kommen infrage?

Die Erstaufnahme in der Turmstraße soll entlastet werden durch eine weitere Immobilie der Landesbank an der Bundesallee. Im Gespräch sind dezentrale kleine Standorte, aber auch innerstädtische wie der ehemalige Flugplatz Tempelhof, auf dem  ein oder zwei Hangars genutzt werden könnten. Eine Teilnutzung des ICC steht auch zur Debatte, ebenso wie übergangsweise eine Messehalle. Es muss gemischt werden: kleine Unterkünfte, Kasernen wie in Spandau oder Hallen in der Stadt, die gut erschlossen sind.

Ist zu befürchten, dass die „Willkommenskultur“ in Berlin kippen könnte? 

Das A und O ist Information. Man muss sich mit dem Problem sensibel auseinandersetzen und die Menschen ernst nehmen, deren Sorge sich auf das Zusammenleben in der Stadt bezieht. Wie wird beispielsweise der Schulalltag aussehen, wenn Turnhallen beschlagnahmt sind. Die Akzeptanz der Berlinerinnen und Berliner  ist hoch,  und ohne die zahlreichen freiwilligen Helfer würde es gar nicht funktionieren. Dafür bin ich sehr dankbar. Die Bundesebene muss auch ihrer Verpflichtung nachkommen und das Thema Flüchtlinge muss international gelöst werden. Es geht nicht, dass  in Europa fünf Staaten 50 Prozent der Last tragen und die anderen europäischen Staaten sich raushalten. Wir wollen internationale Lösungen und nationale Verantwortung. 

Statt großer Visionen versprechen Sie beispielsweise, die schlimmen Zustände auf  Berliner Schultoiletten zu verbessern. 

Eins schließt das andere nicht aus. Wenn wir darüber reden, eine High-tech-Metropole werden zu wollen, können wir uns trotzdem um Alltagssorgen kümmern. Viele Eltern und Lehrer sind genervt von den Zuständen an manchen Schulen. Wir wollen uns darum kümmern, sie zu verbessern. Ein großes Leitbild und Alltagssorgen kann man gemeinsam verfolgen. 

Danke für das Gespräch. 

Ina Hegenberger

 

64 - Herbst 2015

Kochen mit Biss – Berlins Sterneköchin Sonja Frühsammer

Sie ist Berlins einzige Sterneköchin. Sonja Frühsammer. Stammgäste schätzen besonders die Frische und Aromentiefe ihrer Gerichte.

Die offizielle Anerkennung als Sterneköchin im letzten Winter hat in der Restaurant-Szene große Wellen geschlagen. Die Freude war überwältigend. Schließlich hat sich die 45-Jährige die Ehrung mit der begehrten und wertvollen Trophäe des Gourmet-Führers Michelin zur ersten Berliner Sterneköchin hart erarbeitet. Sonja Frühsammer aber bleibt bescheiden und Interviewfragen beantwortet sie am liebsten ausweichend mit: „Dazu kann mein Mann bestimmt mehr sagen.“ – Ihr Ehemann Peter Frühsammer war 1985 der jüngste Sternekoch Deutschlands und hielt diesen Titel zehn Jahre lang. – Ihre Sache ist das Wirken und Erfinden am Herd. Das Neue lockt, die eigene Kreation. Aber seine Wirkung hat der Stern nicht verfehlt. „Man bekommt automatisch mehr Aufmerksamkeit, es bewerben sich die besten Mitarbeiter, man steht viel öfter in den Medien“, sagt sie. Und ergänzt fast schüchtern: „Und er ist natürlich auch sehr schön fürs Ego.“

Manchmal könnte man meinen, ein weiterer Stern – drei sind möglich, wenn auch sehr selten – könnte Berlins anerkannt beste Köchin mehr aus der Reserve locken. Doch Sonja Frühsammer parliert lieber mit Gerichten als mit Worten. „Das kann mein Mann viel besser erklären.“ In dieser Beziehung ergänzt sich das Ehepaar, das jenes Restaurant auf dem Gelände eines Tennisvereins am Flinsberger Platz seit einem Jahrzehnt bewirtschaftet, perfekt. Sie erhielt im November 2014 den Stern für ihre außergewöhnlichen Kochkünste, er in der gleichen Woche die Auszeichnung als bester Gastgeber der Hauptstadt. Den Gaumen verwöhnt Sonja, den Gast Peter Frühsammer, Das ist so eingespielt, dass die Stamm-gäste auf den etwa 50 bis 60 Plätzen dem nächsten Kartenwechsel förmlich entgegenfiebern, manche von ihnen kommen wöchentlich.

Die Auswahl ist dabei bewusst sehr übersichtlich gehalten. „Um richtig gut zu kochen, muss die Karte klein gehalten werden“, begründet Peter Frühsammer die jeweils vier Vorspeisen, Zwischen- und Hauptgerichte sowie Desserts. Auch wenn seine Zeit als Sternekoch etwas zurückliegt: „Ich war der Koch der 80er-Jahre, meine Frau perfektioniert mit einer unglaublichen Aromentiefe die moderne Küche.“ Und das von nun an nicht ohne Druck. Denn so ein prestigeträchtiger Stern wird im Gegensatz zu einem Olympiasieg nicht auf Lebenszeit verliehen. „Den muss ich nun jedes Jahr verteidigen“, weiß Sonja Frühsammer. Das Dumme dabei ist: Sie muss es jeden Tag und mit jedem Gericht tun. Denn sie weiß nie, wann einer der unangemeldet erscheinenden und unbekannten Tester sich ihre Kreationen schmecken lässt. Deswegen ist das Ehepaar froh, dass die Gäste im Stadtteil Schmargendorf durchaus kritisch sind. „Die sagen schon, wenn der Fisch eine Winzigkeit mehr hätte durch sein dürfen. Das kommt vor, denn meine Frau kocht gern grenzwertig, um möglichst viel Frische und Natürlichkeit zu erhalten“, sagt Peter Frühsammer. Alles muss den richtigen Biss haben und sich auf der Zunge so anfühlen wie Obst, das frisch vom Baum gepflückt wurde. Aber nicht immer geht er mit den Erfindungen seiner Frau konform. „Da servierte sie unseren Gästen doch als Vorspeise ein Dill-Eis. Wie geht denn das, wer soll das essen? Aber so dachte eben nur ich. Die Gäste sind ausgeflippt vor Freude und waren sauer, als es dann irgendwann nicht mehr auf der Karte stand.“ Manchmal kann er sich nur noch wundern. „Die Gäste sind eher zufrieden als ich“, stellt er fest. Vielleicht ist Frühsammers Restaurant gerade wegen der Ergänzung beiden Gastronomie-Talente so gelungen.

Die Mundpropaganda jedenfalls ist auf dem Höhepunkt. Und nur die führt in die Medien und darüber zur Aufmerksamkeit der Michelin-Tester. Aber Stammkundschaft ist für Sterneküchen – in Berlin gibt es davon gerade mal ein Dutzend und alle anderen elf liegen im Zentrum – nichts Besonderes. „Da müssen Sie überall reservieren. Einfach mal so gegen sechs überlegen und zum Partner sagen, heute gehen wir gut essen, das geht nicht. Da würden Sie nur mit viel Glück einen Platz bekommen“, ist Peter Frühsammer auch in Beobachtung der Konkurrenz auf dem Laufenden. Und den Hinweis, das Essen in so einem Restaurant muss man sich leisten können, wischt er mit einem Vergleich vom Tisch. „Überlegen Sie mal, was manche für Autos und Häuser ausgeben. Und, ohne Untertreibung, bei einem Viergänge-Menü für 84 Euro liegen wir im ganz unteren Bereich der Berliner Sterne-Restaurants.“

Dabei serviert man in Schmargendorf keinesfalls ausschließlich Miniatur-Kreationen auf übersichtlichen Tellern. „Die Hauptaufgabe eines Küchenchefs ist es immer noch, seine Gäste satt zu kriegen und nicht für die Galerie zu kochen“, weiß Peter Frühsammer. Deswegen ist sein Hang zur Sättigungsbeilage das Einzige, womit er seiner Frau „gerne mal ins Handwerk pfuscht“, wie er es selbst ausdrückt. Ansonsten überlässt er ihr die Herrschaft in der Küche, wo die in einer Betriebskantine gelernte Chefin an jedem Öffnungstag neben ihren Köchen selbst am Herd steht. Nur noch den Sitz der Preiselbeere auf dem ins Restaurant gehenden Teller zu korrigieren, das ist wohl ein Klischee.

Absolute Frische ist für das Sterneetablissement ein Muss. Sonja Frühsammer will wissen, wo ihre Ware herkommt und kauft nur bei vertrauenswürdigen Lieferanten. Bei der Zubereitung steht das Produkt im Mittelpunkt. „Ich finde, das gehört einfach zur guten Küche: Achtung vor dem, was man aus der Natur erhält und dem Gast vorsetzen will“, sagt sie und erwähnt, dass sie grundsätzlich nur Gerichte zubereitet, die sie selbst gern essen würde. „Männliche Sterneköche sind verliebt in ihre Teller, die die Küche verlassen. Sonja Frühsammers Teller wirken so, als ob sie gleich aus der Küche kommt und sich dazusetzt“, umschrieb es mal ein Restaurantkritiker.

Frische und Natürlichkeit hat sie auch zu Hause durchgesetzt, wo Gespräche über das Restaurant meist ausgeblendet werden. Zum Leidwesen des Gatten lagen die ganzen Tütensuppen eines Tages im Müll. „Wegen der Geschmacksverstärker, begründete meine Frau“, blickt Peter Frühsammer noch einmal weit zurück. Er kann genauso verschmitzt lächeln wie sie, wenn er raunt: „Aber ein paar Brühwürfel verstecke ich mir immer. Da gibt es eine kräftige Tasse nach dem Reiten“, schildert er den späten Vormittag, wenn das Ehepaar vom gemeinsamen Hobby auf dem Island-Pferdehof bei Beelitz kommt, wo es eine Pferdezucht betreibt.

Wenn Restaurantgespräche zu Hause auch meist tabu sind – Kochshows im Fernsehen schauen sich beide an. Nicht wegen der Zubereitung. „Es ist spannend, wie die anderen Profis mit Amateuren umgehen, ohne ins Fachchinesisch zu verfallen“, schöpfen sie Anregungen für die von ihnen selbst veranstalteten Kochkurse. Da gehören auch die neuesten Kochbücher zur Pflichtliteratur. Und wenn so intensiv gelesen wird, bleibt die Küche in der eigenen Wohnung manchmal kalt. „Da bestellen wir uns schon mal eine Pizza.“

 Hans-Christian Moritz

 

64 - Herbst 2015

40 Jahre Spielbank Berlin

Am 12. September kamen nicht wenige illustre Gäste zusammen, um diesen runden Geburtstag mit einer großen Gala zu feiern. Viele von ihnen begleiten die Spielbank Berlin, die ihren Hauptsitz seit 1998 am Potsdamer Platz hat, schon seit vielen Jahren. Die Besucherzahlen steigen stetig, derzeit werden die insgesamt fünf Standorte in der Hauptstadt von 2 000 Spielern täglich besucht. Hausherr und geschäftsführender Gesellschafter Günter Münstermann konnte den Abend dann auch mit prominenten Gästen wie Formel-1-Legende Niki Lauda, Schwimmerin Britta Steffen, Diskusikone Robert Harting, Turmspringer Patrick Hausding, Musiker Frank Zander und Innensenator Frank Henkel verbringen.

Dass sich die Spielbank viele Freunde gemacht hat, ist nachvollziehbar. Günter Münstermann engagiert sich seit vielen Jahren intensiv für den Sport, unterstützt große Veranstaltungen, Vereine und Einzelsportler. Und die Stadt Berlin kann auch sehr zufrieden sein: Mehr als zwei Milliarden Euro Steuern hat sie bisher eingenommen, der größte Teil des Bruttospielertrags geht an das Land Berlin. Daneben lockt die Spielbank Touristen in die Stadt. Vom 8. bis 24. Oktober kämpften aber erst einmal 3 000 Gäste aus der ganzen Welt um einen Sieg beim Pokern. Der Ableger der wichtigsten Pokerturnierserie der Welt, die WSOP Europe, kam im Oktober 2015 zum ersten Mal nach Deutschland, genauer gesagt, nach Berlin, also natürlich in die Spielbank.

 

 

64 - Herbst 2015

Unsere neue Währung wird das Glück sein

Mit der Foto-Community-Idee für Smart-phones sind 2010 in Berlin vier Freunde an Start gegangen. Nur sechs Jahre später sind es 60 Mitarbeiter im Berliner Büro und über 80 Botschafter in der ganzen Welt. Erste Firmen wurden hinzugekauft, erste Festivals veranstaltet und in Amerika das erste Büro eröffnet. Weltweit sind 13 Millionen Fotografen registriert, aus über 150 Ländern. Allein aus Deutschland sind 300 000 Fotografen bei EyeEm aktiv. Im Schnitt werden 60 000 neue Bilder pro Tag hochgeladen und an den Wochenenden über 120 000. Ein irres Wachstum und ein irrer Erfolg, dem Gen Sadakane, einer der Mitbegründer und der Creative Director, mit lächelnder Gelassenheit begegnet: „Klar ist es ein schönes Gefühl, dass viele EyeEm kennen und auch toll finden. Aber diese Zahlen sind nicht so wichtig. Wichtig ist, dass der Informationsinhalt besser wird und die Fotografie. Und dass es gute Fotografen sind, die Spaß haben und nicht nur Selfies machen, also sich oder ihr Essen fotografieren.“ 

Aber was ist ein gutes Foto? Echte Menschen, echte Gefühle sind gefragt. In allen Bereichen und aus allen Bereichen. Es ist ein anderer Markt. Ein neuer Markt. „Businessfotografien, wo sich alle adrett die Hand geben, sind nicht mehr zeitgemäß. Und ein gutes Foto hat nichts mit dem Apparat zu tun, es kann mit jedem Medium fotografiert werden. Heute ist man näher dran, oft auch wirklich mit der Handykamera. Wenn man mit dem Handy fotografiert, bewegt man sich anders als mit einer großen Kamera und die Leute sich ebenfalls. Es geht um den Moment und die Komposition Und darum, was es mit dir macht. Es geht um die Frage, wie bekommt man in einem Bild schnell etwas ganz einfach kommuniziert und jeder versteht, was gemeint ist.“ Gen Sadakane muss es wissen. In seinem früheren Leben in der Werbebranche hat er mit seinen Foto-Ideen für die Werbung bereits in Cannes mehrere Löwen abgeräumt.
Er wurde in Düsseldorf geboren, hat „Visuelle Kommunikation“ studiert und ist nun halt Unternehmer. Aber auch das ist ihm nicht so wichtig. „Mir macht das Spaß, was ich mache, ob das nun Unternehmer heißt, ist egal.“ 

Und trotzdem bleibt die Frage: Wie wird man heute Unternehmer? „Nicht so viel Caffè Macchiato trinken und quatschen. Man muss passioniert sein und einfach anfangen und machen. Dann ist man schon sehr weit vorne“, sagt er. Unternehmer zu sein, hat für ihn aber auch viel mit verbotenen Dingen zu tun. Seine Schule war die Graffiti-Kunst. Dort hat er alles gelernt über Farben, aber auch was die Effektivität und das Marketing angeht. Wer könnte kommen, muss ich leise sein, wie viel Zeit und Ressourcen habe ich eigentlich? „Was nutzt mir das Malen unter einer Brücke, wenn da eh keiner langkommt? Wo also platziere ich mich, wo ist der Ort, der hoch frequentiert ist? Aber wo mehr Leute sind, ist auch weniger Zeit. Wie bekomme ich also mein Bild in kürzester Zeit schön hin? So muss man auch in einem Unternehmen denken.“

Teil der Philosophie von EyeEm ist, dass alle das Gefühl haben sollen, dass sie an etwas Großem mitwirken. Aber das Gefühl ist nicht nur ein Gefühl. Die mediale Revolution ist in vollem Gange und EyeEm ein Teil davon. Das fängt schon bei der Sprache an. Auf der Plattform wird niemand wie sonst üblich „User“ genannt. „User“ ist in meinen Augen anonym und nicht würdig. Es sind Fotografen, und sie sollen auch als solche benannt werden“ – ist nur einer der neuen Ansätze von Gen Sadakane. Ein anderer ist, dass man auf EyeEm die Gelegenheit hat, besser zu werden und dazu Visualität bekommt. „Ich glaube, jeder möchte irgendwie auf eine Art berühmt sein und wenn wir dabei helfen können, ist das schön.“

Manche der Fotografen auf der EyeEm-Plattform haben heute mehrere 100 000 Follower und bekommen täglich unzählige Likes für ihre Fotografien. Und doch reicht das nicht mehr. „Die neue Währung auf unserem Markt wird das Glück sein, das Glück – ich habe ein Bild verkauft.“ Deshalb gibt es Fotowettbewerbe und -ausschreibungen von Firmen, und das ist einer der Gründe, warum sich EyeEm für einen eigenen authentischen Online-Marktplatz entschieden hat. Natürlich will EyeEm selbst auch Geld verdienen. Das sichert die Nachhaltigkeit und den Bestand des Unternehmens. Unabhängig sein, auch wenn sie die besten Geldgeber der Welt haben. „Es ist unser Baby, das gibt man nicht einfach ab, da achtet man darauf, welche Babysitter ran dürfen.“ Dafür arbeiten Gen Sadakane und seine Freunde mit dem ganzen Team gern rund um die Uhr und rund um den Globus. Das „EyeEm Photography Festival & Awards“ fand in diesem Jahr zum Beispiel in New York City statt. Aber auch das wird für Gen Sadakane nicht vordergründig sein.

Sein erstes eigenes gutes Foto auf EyeEm war übrigens ein orangefarbener Stuhl im Treppenaufgang des alten CIO Gebäudes, dem Postfuhramt. Wenn er nur eine Frage hätte, wäre die: Was war Ihres?   

Barbara Sommerer

64 - Herbst 2015