abonnieren

20 Jahre Magazin

20 Jahre Berlin vis-à-vis

Für uns Berliner und alle, die es geworden sind, hat sich die Stadt in den letzten 20 Jahren stark verändert. Berlin boomt. Nie waren die Besucherströme so groß wie in diesem Jahr. Schillernd, laut, bunt, lebendig, weltoffen: Die deutsche Hauptstadt ist beliebt, ihre Bewohner nörgeln weniger als früher, sind besser angezogen. Berlin ist aber nicht nur Touristenhotspot und Hochglanzmetropole. Bekanntlich hat jede Großstadt viele Gesichter.

Graue Eminenz

Beton als Baustoff kommt nicht immer gut an. Für viele Menschen gilt das beliebte Baumaterial als kalt und künstlich, farblos und trist. Aber vielleicht ist gerade dieser Ruf Herausforderung genug für viele Baumeister, sich die vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten dieses „künstlichen Steins“ zunutze zu machen und sich an ihnen zu versuchen. Mit dem Ziel, eindrucksvolle Werke zu erschaffen. 

Denn diese Palette von Steingemischen – nichts anderes ist Beton nämlich – gehört, wenn er richtig eingesetzt wird, zu den edelsten Materialien der zeitgenössischen Architektur. Im flüssigen Zustand lässt sich Beton zu erstaunlichen Werken formen, ist flexibel und beständig zugleich. Die Hochwertigkeit von Betonflächen und besonders deren Erhalt ist stark abhängig von fachlicher, handwerklicher, aber auch künstlerischer Expertise und Sorgfalt. Das Zusammenspiel der Rohstoffe, Mischverhältnisse, Farbtongebung und nicht zuletzt der Witterungsbedingungen ist für die spätere Betonqualität und sein Erscheinungsbild maßgeblich. Ein zweibändiges Buch stellt nun die besten Betonbauwerke der letzten Jahre vor.

Information:

100 Contemporary Concrete Buildings, Philip Jodidio

Hardcover, 2 Bände im Schuber,
24,0 x 30,5 cm, 730 Seiten € 39,99

ISBN 978-3-8365-4767-3

(Deutsch, Englisch, Französisch)

64 - Herbst 2015

Heilung aus dem Nichts

Sie ist eine Placebo-Geschichte, wie sie im Buche steht: Lessings Ring-Parabel. Welches ist der echte Ring von dreien? Der weise Richter urteilt: „Es eifre jeder seiner unbestochnen/ Von Vorurteilen freien Liebe nach!/ Es strebe von euch jeder um die Wette,/ Die Kraft des Steins in seinem Ring‘ an Tag/ Zu legen!“   

In der Quintessenz heißt das: Glaube an den Ring und handle danach, dann wird er seine wundersame Wirkung ganz von selbst entfalten. Ganz ähnlich  verhält es sich mit einem Scheinmedikament, einem Placebo. Übersetzt heißt der lateinische Begriff nichts anderes als „ich werde gefallen“.  Demzufolge geht es auch beim medizinischen Placebo-Effekt um  Glauben, Vorstellung und innere Überzeugung.  Professor Stefan Willich, Direktor des Instituts für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie an der Berliner Charité formuliert es so: „Der Placebo-Effekt wird als unspezifischer therapeutischer Effekt angesehen. Er lässt sich nicht auf bestimmte Substanzen und konkrete therapeutische Verfahren zurückführen, sondern umfasst Wirkungen, zu denen sowohl der Arzt selbst als auch der Patient beitragen, durch ihre jeweilige Einstellung, Empathie, Erwartungshaltung und weitere psychosoziale Faktoren.“

Placebos werden heute vor allem in pharmakologischen Kontrollverfahren eingesetzt. Doppelblindstudien sollen feststellen, wie wirkungsvoll ein Medikament ist. Dabei hat sich herausgestellt, dass der Placebo-Effekt überaus wirkmächtig ist, die inneren Heilkräfte des Menschen zu stimulieren. Denn die Medikamentenstudien zeigen oft erstaunliche Ergebnisse. Die Schein-Medikamente haben oft eine ähnliche Wirkung wie die tatsächlichen Arznei-Stoffe. Eine britische Studie zu Antidepressiva etwa hat gezeigt, dass sich die Wirksamkeit des wirklichen Arzneimittels bei leichten und mittelschweren Depressionen nicht signifikant vom Placebo-Niveau unterscheidet. Nur bei schweren Depressionen ist das tatsächliche Medikament dem Placebo überlegen. Eine andere Studie, veröffentlicht im Fachmagazin „Lancet“, kommt aus Australien. Darin wurde nachgewiesen, das Schmerzmittel Paracetamol hilft bei akuten Rückenschmerzen nicht besser als Placebo-Medikamente. Ergebnisse, die Schulmediziner lange zweifeln ließen. Mittlerweile ist unumstritten: Psychische und körperliche Veränderungen treten ein „aufgrund einer symbolischen Bedeutung, die man einem Ereignis oder einem Objekt in einem heilenden Kontext zuschreibt“, so formulierten es die US-amerikanischen Placebo-Forscher Howard und Daralyn Brody. 

Am besten untersucht ist die Wirkung von Placebos tatsächlich bei Schmerzpatienten. Neurologen konnten bestätigen, dass der Schmerzreiz auf dem Weg zum Gehirn im Rückenmark gestoppt wird. Dabei zeigte sich, Placebos wirken umso besser, je mehr therapeutischer Aufwand an den Tag gelegt wird. Das Verblüffendste, sogar Scheinoperationen können wirksam sein. Eine bekannte Studie zu diesem Thema ist die des amerikanischen Chirurgen Bruce Moseley. Er hatte zahlreiche ältere Menschen mit Knie-Arthrose durch Arthroskopien behandelt. Irgendwann ließ er es darauf ankommen. Er inszenierte die Operationen nur. Der Hälfte der Patienten ritzte er nur die Haut ein, anstatt sie wirklich zu operieren. Das erstaunliche Ergebnis, die zum Schein operierten Menschen waren mit dem Behandlungserfolg im Anschluss genauso zufrieden wie die tatsächlich Operierten. Ein klassischer Placebo-Effekt. Viele Kniegelenks-Operationen sind nicht wirklich notwendig, das konnte hierdurch auch gezeigt werden.  Manchmal heilen schon weniger invasive Therapien oder die Zeit. 

In genau diese Richtung gehen auch randomisierte kontrollierte Studien, die vor einiger Zeit am Institut für Sozialmedizin der Berliner Charité zum Thema Akupunktur bei Schmerzpatienten durchgeführt wurden. Prof. Stefan Willich berichtet von den überraschenden Ergebnissen: „Wir haben verschiedene Gruppen gebildet, eine Gruppe wurde mit ‚richtiger‘ Akupunktur behandelt, eine andere nur mit Scheinakupunktur an den ‚falschen‘ Akupunktur-Punkten. Dabei war erstaunlich, wie groß die unspezifischen Effekte waren. Beide Akupunkturgruppen haben fast genauso gut abgeschnitten“. Deutlich schlechtere Ergebnisse zeigten sich allerdings bei einer Kontrollgruppe, die nur mit Medikamenten versorgt wurde. Für die gesetzlichen Krankenkassen setzte damit ein Umdenken im Bereich Naturheilverfahren ein. Menschliche Zuwendung trägt dabei ganz entscheidend zur Heilung bei. Das haben auch Studien zur Homöopathie bestätigt. Ein großer Teil des Heilungserfolgs kommt durch die zeitaufwendigen Vorgespräche zustande. Der Mensch fühlt sich als ganzer gesehen und wahrgenommen. Ein tiefes Vertrauen in die Behandlung stellt sich ein. Genauso ist aus der Psychotherapie bekannt, welchen Einfluss die Beziehung zum Therapeuten auf den Behandlungserfolg hat, ganz unabhängig von der jeweils angewandten Methode. Empathiefähigkeit, vielfach sogar Humor kann in diesem Zusammenhang Heilung befördern.

Wie die Beispiele zeigen, muss man vom Placebo-Effekt in der Mehrzahl sprechen, denn es gibt verschiedene Placebo-Effekte. Die Untergruppen wären der Placebo-Effekt in Bezug auf die biomedizinische Behandlung, daneben gibt es Effekte auf die psychotherapeutische Behandlung und die Selbstheilung, etwa durch Meditation. Eine in den letzten Jahren viel größere Offenheit der Mediziner diesem Ansatz gegenüber konstatiert auch Prof. Stefan Willich: „Wir sind mittlerweile so weit, dass wir in der Ärzteschaft überlegen, wie wir den Placebo-Effekt zugunsten der Patienten gezielter nutzen und in der Praxis einsetzen können.“   

Karen Schröder

 

64 - Herbst 2015

„Weissensee“ geht weiter

Die bei Publikum und Kritik gleichermaßen beliebte, hoch geschätzte und auch international erfolgreiche ARD-Serie „Weissensee“ ist noch lange nicht auserzählt. Das sagt die Produzentin Regina Ziegler, und die Zuschauer freut die Botschaft, denn hier handelt es sich um Qualitätsfernsehen, wie wir es uns leider oft vergeblich wünschen. 

Der spannende Stoff rund um die deutsche Teilung und die lang ersehnte Wiedervereinigung wird dank stimmiger, atmosphärisch überzeugender Drehbücher hochspannend erzählt, hervorragend ins Bild gesetzt und von einer Elitetruppe deutscher Schauspieler aus Ost und West ebenso überzeugend wie ergreifend dargestellt. Regina Ziegler und die MDR-Intendantin Prof. Dr. Karola Wille präsentierten im Kino der „Kulturbrauerei“ die 3. Staffel in Anwesenheit der Schauspieler Florian Lukas, Uwe Kockisch, Ruth Reinecke, Jörg Hartmann, Anna Loos, Katrin Sass, Lisa Wagner u. a. Sie wurde vom 29. September bis zum 1. Oktober in drei Doppelfolgen ausgestrahlt. Aber Regina Ziegler verriet, dass sich die Zuschauer zumindest auf eine 4. Staffel freuen können, da sie sich bereits in Vorbereitung befindet.

Die Erfolgsproduzentin ist durch das vierjährige Krebsleiden ihres Gatten, des Regisseurs, Autors und Produzenten Wolf Gremm, und seinen Tod am 14. Juli deutlich gezeichnet. Sie hat stark abgenommen. Dennoch steckt sie voller Tatendrang. Sie freut sich auf die weitere Zusammenarbeit mit der Drehbuchautorin Annette Hess und dem Regisseur Friedemann Fromm, für die Volker Herres (Programmdirektor Erstes Deutsches Fernsehen) bereits grünes Licht erteilt hat. 

Wie Regina Ziegler sagt, gibt es für sie nur eine einzige Kraftquelle nach dem Tod ihres Mannes: „Arbeit, Arbeit, Arbeit!“ Am Tag nach der Präsentation der 3. Staffel „Weissensee“ in der „Kulturbrauerei“ flog sie mit einem kleinen Kreis enger Freunde nach Mallorca, um die Asche Wolf Gremms dort dem Meer zu übergeben. Sie hatte die ganze Zeremonie vor dem Tod ihres Mannes mit ihm abgesprochen und ein Segelschiff dafür gemietet. „Es wird alles so sein, wie Wolf es sich gewünscht hat“, sagt sie.

Danach wird sie erneut ans Werk gehen, um die Geschichte der deutschen Wiedervereinigung mit all den ergreifenden Schicksalen von Menschen, die wie auch sie selbst durch tiefes Leid gehen mussten, um irgendwann wieder Licht zu sehen, in wahrhaftiger Weise weiterzuerzählen. 

Gudrun Gloth

 

64 - Herbst 2015
Magazin

Architektur der lebendigen Stadt

Berühmt geworden vor allem durch das filigrane Zeltdach des Münchner Olympiastadions verlieh man dem Architekten Frei Otto posthum den Pritzker-Preis, den Nobelpreis der Architekten. Auch in Berlin hat er Spuren hinterlassen. In Tiergarten wurden im Rahmen der Internationalen Bauausstellung 1987 Maisonette-Wohnhäuser errichtet, die jeweils Einzelbauherren und ihre Architekten individuell geplant haben: die Ökohäuser vom Landwehrkanal. Wie lebt es sich heute dort?

Hinter dem grauen Eisentor, das sich summend öffnet, führt ein Pfad zu den Mülltonnen. Ein anderer verläuft geschwungen unter dem Blätterdach hoher Bäume entlang und bringt die Bewohner und Besucher der Corneliusstraße 11 und 12 in Berlin-Tiergarten tiefer in den exklusiven Großstadtdschungel. Die Ökohäuser stehen hier, von Efeu umrankt und von 38 Menschen bewohnt.

Einer von ihnen ist Manfred Ruprecht. Als er 1970 in die Corneliusstraße an den Landwehrkanal kam, war das Grundstück voller Trümmer. Sie stammten von der Nuntiatur, die 1943 von Bomben zerstört wurde. Doch Ruprecht, der Student, kam wegen des Kanals. Er wusch hier seinen Fiat Spider. Eine Treppe führte hinab zum Wasser. Heute halten an der Stelle Fahrgastschiffe, oft fahren sie auch vorbei, weil niemand ein- oder aussteigen will. Dann hört Ruprecht die Live-Moderatoren durchs Mikro sprechen, dies seien die Ökohäuser von Architekt Frei Otto. Das stimme nicht so ganz, sagt Ruprecht. Die 18 Wohnungen in den zwei Ökohäusern seien von neun Architekten gebaut worden. Einer war er selbst. Sogar zum Koordinator haben sie ihn auf der Chaosbaustelle gemacht, wo er zwischen Architekten, Bewohnern und Baufirmen vermittelte. Das Bauprojekt der Internationalen Bauausstellung 1984/87 (IBA) ist eine Kollektivleistung. Von Frei Otto stammt die Idee dazu.

Sich selbst behausen

Frei Otto, der 89-jährig im März dieses Jahres verstarb, antwortete mit den Ökohäusern auf Fragen, die ihn tief bewegten: Wie sieht die lebendige Stadt aus? Wie sieht eine Stadt aus, die nicht durch ihr Material und/oder ihre Planung daran gehindert wird, vernünftig zu sein? Und: Wie kann man als armer Erdenbürger dahin kommen, sich selbst zu behausen?

Architekt Ruprecht hat seine Ökohauswohnung im Urlaub in der Toskana entworfen. Wie alle Mitglieder der Baugemeinschaft war er bereit, finanzielle Risiken einzugehen. Niemand konnte anfangs sagen, wann die IBA-Häuser fertig wären. Mit Bauarbeitern aus Polen und der DDR hat er gearbeitet, hat mitunter draufgezahlt, weil mancher ihn im Stich ließ. Und Manfred Ruprecht hat selbst Hand angelegt, die Fensterfront des Wintergartens gebaut, die Fußbodensteine verfugt. Die letzte Tür hat er vor zwei Jahren eingebaut. Sich selbst behausen, das ist ein Lebensprojekt. 

Dafür braucht man Ausdauer. Erst vor Kurzem, sagt er, habe er draußen vorm Wintergarten den Holzsteig erneuert, über den man in den Garten geht. Das Fichtenholz war durchge-fault. Fertig werden Selbstbauer nie.

Seine Wohnung hat das Flair eines Ferienhauses. Viel Holz, Lehm, braune Balken, viel Fensterfläche. Ruprecht sagt, 70 Quadratmeter kämen zusammen. Er putzt sie nicht mehr selbst. Die langen Fenster des Wintergartens ziehen sich bis in den zweiten Stock hoch. Ihre Konstruktion ist – im Wortsinn – schräg, versetzt, die Fensterfront in sich verdreht, ähnlich wie die Fassade der Mexikanischen Botschaft in der Klingelhöferstraße gleich um die Ecke. „Das kann man nicht bauen“, sagte der Fensterbauer, als ihm Ruprecht den Auftrag erteilte. „Doch, hier ist die Zeichnung“, erwiderte der Architekt. Er hat dann die Fensterwand selbst gebaut. Dann kam der Glaser. Und wieder: „Das kann man nicht bauen.“ Am Ende ging es doch. Es musste ja, denn nach der Architekturphilosophie Ottos gilt: „Es gibt keine vorgegebene Form.“

Nester im Baum

Es waren aber nicht nur die Handwerker, die Ruprecht mit seiner Kreativität herausforderte. Die Bauaufsicht fragte ihn einmal, ob er in die Steinzeit zurückkehren wolle, als es um die luftgetrockneten Lehmziegel ging. Der Spott drückte nur die Unsicherheit im Umgang mit unkonventionellen Baumethoden aus. Aber diese waren im Projekt der Ökohäuser einfach zentral. So bauten die Bewohner die Häuser nicht von unten nach oben. Es war möglich, nach dem Errichten des Grundgebäudes aus Stahlbeton erst die oberen Etagen mit Wohnungen zu befüllen und erst später die „Nester“ unten einzurichten. Diese Trägerstruktur, der Gebäudekern, soll Jahrhunderte überdauern. Die einzelnen Wohnungen aber sollen variabel sein, je nach Mensch und Lebensabschnitt veränderbar, so Ottos Idee.

Dahinter steckt die Erfahrung, die Frei Otto mit dem Bombenkrieg in Augsburg erlebt hat. Er sah die steinerne Stadt von einem Tag auf den anderen in Staub aufgelöst. Warum also länger in Stein bauen? Warum Häuser bauen, die länger existieren als die Menschen, die in ihnen wohnen? Wer nie im Bombenregen war und die Zerstörung der Stadt gesehen hat, so sagte Otto einmal, hat ein Semester Städtebau versäumt. Ruprechts Eigentumswohnung ist also ein temporäres, selbst gebautes Nest in Frei Ottos ewigem Betonbaumhaus. 

Gebautes Biotop

Hier sitzt Ruprecht im Wintergarten und schaut durch das Fensterglas in den Garten. Eine starke Baumlilie wächst außen an den zweigeschossigen Fenstern hinauf. Eine Kletterrose hat sich um ihren Stamm gewickelt. Schön. Efeu bedeckt den Boden, bis auf die Stelle, wo der Bauherr einen quadratischen Kantenstein in die Erde gesetzt hat, der mit Wasser gefüllt ist. Hier sieht er den Igel trinken und den Rotfuchs, erzählt Ruprecht. Für die badenden Amseln, damit sie nicht zu tief in den Pool fallen, hat er ein paar kleine Steine hineingelegt. Und an der Gartenmauer steht ein besonderer Strauch. Gertrud Hollm, seine Nachbarin, hat ihn ausgegraben, bevor die Baustelle kam. Später hat sie den Strauch wieder an Ruprecht zurückgegeben. Denn sie hatte ihn ja ausgegraben, wo heute sein Wohnzimmer steht. Auch der Grundstein des Hauses liegt hier 22 Zentimeter unter dem Fußboden.

Der Kantenstein lag auf dem Trümmergrundstück. Und auch das Eisentor ist zur Hälfte das Original der alten Nuntiatur. Die Ökohäuser wurden in den vorhandenen Vegetationsbestand hineingebaut und alte Hinterlassenschaften der Vertretung des Vatikans in die Gestaltung einbezogen. Selbst einen Bunker gibt es, von Flieder bedeckt. 

Manfred Ruprecht schätzt das Kleinklima, das durch diese üppige Pflanzenwelt entsteht. Er sagt, der Efeu blühe erst nach acht Jahren. Diese ästhetische Durststrecke hat er längst hinter sich gebracht. Im Sommer 1990 war er eingezogen, wie die meisten der ursprünglich 55 Bewohner. Seitdem verkauften oder wechselten viele Eigentümer ihre Wohnungen, Kinder sind auzgezogen, auch Scheidungen und Todesfälle machten das winzige Dschungeldorf über die Zeit ruhiger und kleiner. Oben fehlt seinem Wintergarten noch das Außengeländer. Es wird immer fehlen, weil Ruprecht es nicht braucht. Er sagt, er werde es anbauen, falls er sein Haus einmal verkauft. 

Die niederländische Filmemacherin Beate Lendt hat 2011 über die Ökohäuser und ihre Bewohner einen Dokumentarfilm gedreht („Der Traum vom Baumhaus – Das Ökohausprojekt von Frei Otto in Berlin“).

Frei Otto starb am 9. März 2015. Einen Tag nach seinem Tod wurde ihm der Pritzker-Architekturpreis verliehen. Otto war über die Entscheidung der Jury aber vorher informiert worden. 

André Franke

 

64 - Herbst 2015

Bei uns geht es um mehr als nur um Steuern

Seit 40 Jahren betreibt Lothar Ebert seine Steuerkanzlei in Berlin-Westend. Annette Kraß traf ihn in seiner Steuerkanzlei, die er seit 2003 mit seinem Partner Andreas Linow führt.

Zuerst einmal Gratulation zu 40 Jahren Steuerkanzlei. Macht es immer noch Spaß?

Unbedingt, der Beruf macht mir viel Spaß, die Kanzlei ist mein Lebenswerk.

Das klingt nach Leidenschaft für Ihren Beruf.

Ja, ich musste mich mit 15 1/2 Jahren für einen Beruf entscheiden, wusste damals noch gar nichts mit Steuern anzufangen, aber von der ers-ten Minute an hat es Spaß gemacht: meine Ausbildung, die kurze Angestelltenzeit. Danach folgte dann ja sofort die Selbstständigkeit.

Sie haben diese Kanzlei also gegründet? 

Ja, ich habe mich einfach in ein Büro gesetzt, gesagt, da bin ich, und dann ging es los. Anfangs waren es die Freunde, die kamen, schnell hat sich die Zufriedenheit mit meiner Arbeit aber herumgesprochen, sodass auch die Mitarbeiterzahl entsprechend wuchs. Wir haben im Durchschnitt 15 bis 20 Mitarbeiter, und eine Kanzlei in dieser Größenordnung ist auch genau das, was ich wollte: Klein, aber fein, sehr individuell und nur mit Spezialisten ausgestattet. Aus diesem Team ist auch mein Partner hervorgegangen. Er hat bei uns gelernt und es ist so, dass wir sehr viel gemeinsames Gedankengut haben ...

... was Ihnen im Hinblick auf die Weiterführung Ihrer Kanzlei sicher wichtig ist ...

Natürlich, es hat viel mit der persönlichen Wertschätzung zu tun. Es ist ja nicht nur die fachliche Kompetenz wichtig, entscheidend ist, dass man das Herz am rechten Fleck hat. Darauf lässt sich nicht verzichten, wenn man diesen Job gut machen will. 

Warum?

Beim Thema Steuerberatung geht es nicht nur um Steuern, wir sind unseren Klienten Vertraute in vielen Bereichen. Dies wollen wir so fortführen. Auch wenn es nicht einfacher wird.

Was meinen Sie damit: das deutsche Steuerrecht?

Dies ist ein schwieriges, komplexes Thema und ich werde mich hüten, diesbezüglich irgendwelche Empfehlungen auszusprechen, auch wenn viele unsinnige Dinge darunter sind. Aber ich möchte herausstellen, dass ich den Weg der Wiedervereinigung, auch was das Steuerrecht angeht, beeindruckend fand. Da haben die daran Beteiligten schon großartige Arbeit geleistet.

Inzwischen gibt es ja viele Programme, die bei der Steuererklärung behilflich sind. Was spricht dafür, die Steuererklärung einem Experten anzuvertrauen?

Ich glaube, das kann man so leicht nicht beantworten. Man sollte eine Affinität dafür haben, die Programme zu nutzen. Einfach nur ein paar Zahlen einzusetzen, wird nicht reichen. Wir merken, dass trotz vieler Buchhaltungsprogramme unsere Beratung immer wieder gefragt ist. Steuern bleiben eben ein Spezialgebiet.

Mit der Leitung der Kanzlei sind Sie sicher sehr gefordert. Wie entspannen Sie?

An erster Stelle steht hier das Ver-trauen in die Mitarbeiter. Und das Ziel, mit ihnen möglichst lange zusammenzuarbeiten; wir haben hier nur eine sehr geringe Fluktuation. Unser Team harmoniert gut und arbeitet sehr selbstständig, sodass wir nicht jeden Arbeitsvorgang überprüfen müssen. Dies alles macht es uns möglich, Freizeiten zu schaffen.

Wie überzeugen Sie jemanden für den Beruf des Steuerberaters?

Früher haben wir sehr viel ausgebildet, dann wurde es etwas ruhiger. Auszubildenden gegenüber ist unser Vorsatz, immer zu sagen, du musst nichts können, du musst nur wollen. Und wir empfehlen, sich unser Büro ein paar Tage anzuschauen, um festzustellen, ob es passt. Denn wie gesagt: In diesem Beruf geht es nicht nur um Zahlen. 

Jeder Auszubildende sollte vor dem Hintergrund des Umgangs mit Kollegen und Mandanten also auch seine Persönlichkeit einbringen ...

Sie merken, dass ich über Steuern gar nicht reden möchte. Wir setzen voraus, dass sich die fachlichen Fertigkeiten entwickeln, bei dem Einen schneller, beim Nächsten langsamer. Dass wir eine gute fachliche Qualität liefern, ist selbstverständlich, unsere Mandanten erwarten dies. Aber für ein gutes Ergebnis sind auch kompetente persönliche Gespräche unumgänglich, man sollte Freude und Liebe für diesen Beruf mitbringen. Für uns ist jeder Mitarbeiter unseres Büros ein wichtiger Mitarbeiter.

Sie engagieren sich auch für soziale Themen?

Wir haben unsere Mandanten immer schon zu Spenden ermutigt; inzwischen sind mein Partner und ich Mitglieder verschiedener Lions Clubs und diesbezüglich aktiv. Wir unterstützen verschiedene Kinderprojekte. Uns ist wichtig, den Leuten klar zu machen, etwas von ihrem verdienten Geld abzugeben, wenn sie es sich leisten können. 

Herr Linow, Sie sind wohlüberlegt ins Boot geholt worden, dieser Vertrauensbeweis freut Sie sicherlich ...

A. Linow: Auf jeden Fall, ich habe ja schon meine Ausbildung hier abgeschlossen und denke, dass sich unsere Zusammenarbeit bisher sehr positiv ausgewirkt hat.

Wie lange werden Sie denn noch Seite an Seite arbeiten?

A. Linow: Ich hoffe, mein Leben lang, wir haben unterschiedliche Arbeitsweisen, was sicher auch unserer Altersdifferenz geschuldet ist. Herr Ebert urteilt, bewertet, gewichtet die Dinge anders als ich, wir können da beide voneinander lernen und ich profitiere viel von seiner Erfahrung. Wir ergänzen uns einfach sehr gut. 

L. Ebert: Wir stellen immer wieder fest, dass wir mit unterschiedlichen Herangehensweisen oft doch zum gleichen Ergebnis kommen. Die fachliche Kompetenz ist selbstverständlich. Die persönliche Komponente ist der entscheidende Mehrwert. Dies ist unser Erfolgsrezept.

 

 

64 - Herbst 2015