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20 Jahre Magazin

20 Jahre Berlin vis-à-vis

Für uns Berliner und alle, die es geworden sind, hat sich die Stadt in den letzten 20 Jahren stark verändert. Berlin boomt. Nie waren die Besucherströme so groß wie in diesem Jahr. Schillernd, laut, bunt, lebendig, weltoffen: Die deutsche Hauptstadt ist beliebt, ihre Bewohner nörgeln weniger als früher, sind besser angezogen. Berlin ist aber nicht nur Touristenhotspot und Hochglanzmetropole. Bekanntlich hat jede Großstadt viele Gesichter.

Traumziel erreicht

Mit der neuen Wohnung im Szenebezirk Prenzlauer Berg nahe am Kollwitzplatz ist ein großes Problem gelöst. „Berlin ist so eine Traumstadt, da kündigen sich immer wieder Freunde, Verwandte, die Eltern oder Geschwister an, um mal zu kommen. Jetzt haben wir ein großes Zimmer mehr – da ist das Übernachten kein Problem mehr“, schildert Frida Tegstedt mit Blick auf das schöne Altbau-Zuhause in einer Gegend mit ungezählten Gaststätten, Kneipen und Cafés.

Und die Bekannten der beiden Füchse-Profis sind zahlreich. „Meine Eltern waren schon zu mehreren Spielen hier, meine Schwester auch“, fügt ihr Freund Jesper Nielsen hinzu. Seine Schwester hat früher genauso Handball gespielt wie Bruder und Schwester von Frida. Auch gegenseitig besuchen die beiden ihre Auftritte in den verschiedenen Berliner Hallen. Dabei ist es für Frida leichter, ihren zwei Meter großen Freund im überschaubaren Publikum der Füchse-Frauen zu sehen. „Bei den Männern ist das schwierig, aber Jesper muss immer wissen, wo ich sitze. Einmal hat er das nicht gleich mitgekriegt und im Spiel immer suchend auf die Ränge geschaut“, verrät Frida, die wie ihr Freund auf der Position in der Kreismitte spielt.

Ein Pärchen sind die 28 Jahre alte Göteborgerin und der zwei Jahre jüngere Hüne aus Norrköping schon seit acht Jahren. „Es hat gleich gefunkt“, erinnert sich Frida an das erste Treffen der beiden Nordländer mit den leuchtend blauen Augen bei den Junioren-Meisterschaften, als Jesper noch für HP Warta spielte und sie für IK Sävehof auflief, zu dem er danach wechselte. Das passierte aber nicht nur der Liebe wegen, der Göteborger Verein ist im schwedischen Handball das Maß aller Dinge, und Jesper Nielsen war mittlerweile ein begehrter Mann am Kreis. „Dabei war das früher gar nicht meine Position. Aber für den Rückraum war ich auf Dauer wohl zu langsam“, gibt der Blondschopf zu.

Nach vier erfolgreichen Jahren in Göteborg erreichte Nielsen der Lockruf von den Füchsen. „Das war ein Traum. Ich habe schon als kleiner Junge zu meinem Vater gesagt, dass ich einmal in der Bundesliga spielen werde.“ Damals allerdings noch unter anderen Voraussetzungen. Denn Jesper gehörte als Jugendlicher zu den besten Tischtennisspielern seines Landes und war in allen Altersklassen unter den Top 12. „Ja, das stimmt. Und da war Düsseldorf die Mannschaft, von der ich träumte. Aber dann bin ich für Tischtennis zu groß und zu schwer geworden. Der Traum von der Bundesliga blieb, nur ging er in Handball über.“

Das ist nicht verwunderlich, denn anfangs konnte sich Nielsen in der Heimat nicht vom Handball ernähren. Was auch an der Medienpräsenz liegt. „Da kommt erst Zlatan Ibrahimovic, dann Fußball, dann wieder Zlatan, dann Eishockey und dann nach dem Wintersport auch der Handball“, klagt Jesper. „Ich habe deshalb zu hundert Prozent gearbeitet, und erst nach Feierabend trainiert“, erinnert er sich an die Anfänge, als er in einer Reinigungsfirma angestellt war und zusätzlich noch ein Jahr als Betreuer in einer Kindereinrichtung jobbte. „Ich mag Kinder und kann gut mit ihnen“, sagt er und erntet einen Seitenblick seiner Freundin. „Nein, nein, nicht falsch vestehen. Wir haben damit noch Zeit. Jetzt steht der Handball an. Hochzeit, ja vielleicht, aber für die Kinder haben wir dann noch ein ganzes Leben Zeit“, wiegelt Frida ab. Während Jesper neben dem Handball rackerte, hat sie alle möglichen Sportarten ausprobiert. „Fußball, Tennis, Golf – ich habe mich in allem versucht. Doch seit ich 15 bin, spiele ich nur noch Handball. Anfangs im Tor, das wundert mich heute noch.“ Nebenbei hat Frida ihr Studium der Architektur abgeschlossen und ein Fernstudium der Literatur begonnen. Man muss ja auch an die Zeit nach dem Sport denken, wobei die Schwedin ihr erstes Jahr als Profi in Deutschland genoss. „Berlin ist so eine tolle Stadt, da habe ich immer was zu tun. Nicht nur Shoppen oder in eines der vielen Cafés gehen, auch die Stadt kennenlernen, Museen anschauen – das mag ich sehr.“

Und so genießen die beiden ihre Zweisamkeit in Deutschland, an der Jesper seit seinem Wechsel zu den Füchsen feilte. „Wir haben geschaut, wo Frida spielen könnte. Es kam aber nur erste Liga infrage wegen der Nationalmannschaft. Frankfurt hatte sich gerade finanziell abgemeldet, Leipzig war zu weit. Zum Glück sind die Füchsinnen aufgestiegen, das passte wunderbar“, schwärmt Jesper und nimmt seine Freundin in den Arm. Mit der deutschen Sprache freundeten sich beide schnell an. „Ich hatte das ja schon in der Schule, du ja auch“, nickt er Frida zu. „Aber ich glaube, ich war darin der Schlechteste an der ganzen Schule.“

Als sehr passend empfinden die beiden, dass in ihren Mannschaften weitere Schweden spielen. „Wir quatschen viel“, umschreibt Frida ihr Verhältnis zu Daniela Gustin, was im Verein finanziell folgenlos ist. Jesper hat hier so seine Probleme im Umgang mit den Landsleuten Fredrik Petersen und Mattias Zachrisson. „Es kommt vor, dass ich in die Kabine komme und einen der beiden als ers-
ten sehe. Da fange ich natürlich an, was auf Schwedisch zu sagen.“ Das aber ist bei der strengen Hierarchie im Team verboten – Amtssprache ist Deutsch. Und weil Kassenwart Silvio Heinevetter überall lauert, ist Jesper mehr Zehn-Euro-Scheine für diese Vergehen los, als ihm lieb ist.

Doch nicht nur mit den Landsleuten, mit der ganzen Mannschaft finden die Schweden guten Draht. „Man trifft sich ja als Sportler immer mal wieder“, wissen beide. So hat Jesper Nielsen schon in Sävehof ein Jahr mit Kent Robin Tönnesen das Göteborger Trikot getragen. Und weil er mit dem Norweger dort eine Fahrgemeinschaft bildete, setzt man das in Berlin fort. „Wir haben früher schon mal 50 Meter entfernt gewohnt, jetzt ist es nicht viel mehr. Das hat den Vorteil, dass Frida mit unserem Auto zum Training fahren kann. Ich habe dafür ja Taxi-Tönnesen, was der aber gar nicht gerne hört“, lacht Nielsen und räumt eine Sache aus der Welt, die sich für Schweden so hartnäckig hält wie die Symbiose zwischen Holländern und Campingwagen. „Dass ich manchmal zu IKEA gehe, nur um Köttbullar zu essen, ist Quatsch. Bei uns gibt es das manchmal, weil es schnell geht und trotzdem schmeckt. Aber süchtig nach diesen kleinen Hackfleischbällchen bin ich nun wirklich nicht.“ 

Hans-Christian Moritz

 

64 - Herbst 2015
Sport

Die Entdeckung der Langsamkeit

Die Maaßenstraße in Schöneberg ist Berlins erste Begegnungszone. Und sie ist ein Experiment. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt hat mit Unterstützung des Bezirks Tempelhof-Schöneberg die Straße zwischen Nollendorfplatz und Winterfeldtplatz so umgebaut, dass die Fußgänger mehr Raum haben. Damit setzt der Senat ein Pilotprojekt seiner 2011 beschlossenen Fußverkehrsstrategie um – eine Strategie, die das Zufußgehen in der Stadt befördern soll. Schon jetzt sind Fußgänger mit 31 Prozent am Modal Split (2013) das stärkste Verkehrsmittel in Berlin. 

Was bedeutet und wie funktioniert eine Begegnungszone?

Eine Begegnungszone ist ein Begriff, der in Deutschland nicht amtlich ist. Vergeblich sucht man ihn in der Straßenverkehrsordnung. Großes Vorbild der Idee: die Schweiz. Und dort heißt sie auch so. Auch in Frankreich gibt es sie, dort mit entsprechendem Verkehrszeichen. Aber in Deutschland weigere sich der Verkehrsminister, ein eigenes Schild einzuführen, sagt Horst Wohlfahrt von Alm, Referatsleiter für Straßen- und Platzgestaltung in der Senatsverwaltung. Berlin improvisiert daher und setzt an die Eingänge der Maaßenstraße grünfarbige (nichtamtliche) Eingangsportale. Sie signalisieren dem Autofahrer den Beginn der Begegnungszone und haben einen Wiedererkennungswert. Denn Begegnungszonen soll es in Berlin bald viele geben: in der Bergmannstraße und am Checkpoint Charlie. „Wir lassen uns vom Verkehrsminister nichts vorschreiben“, sagt Wohlfahrt von Alm. 

Innerhalb der Maaßenstraße sieht es jetzt so aus: Eine Fahrgasse für Autos und Radfahrer schlängelt sich durch den Straßenraum. Sie kann in beide Richtungen befahren werden. Aber sie ist so schmal, dass die Autos bei Gegenverkehr nur sehr langsam aneinander vorbei- können. Maximal dürfen sie ohnehin nur 20 km/h fahren. Auf der einen Seite der Fahrgasse liegt der herkömmliche Bürgersteig, auf der anderen Seite erstreckt sich der neu geschaffene Raum für die Fußgänger mit Bänken, er umfasst die Hälfte der früheren Autostraße. Parkende Fahrzeuge gibt es nicht mehr. Nur Lieferwagen bekommen Platz, um die Geschäfte und Restaurants zu versorgen. Querungsstreifen ermöglichen den Fußgängern an mehreren Stellen, auf die andere Straßenseite zu gelangen. Ziel der Begegnungszone ist es, den Verkehrsraum gerechter aufzuteilen und das Miteinander der Verkehrsarten zu verbessern.

Anwohner skeptisch bis überzeugt

Die Anwohner sehen das Projekt eher skeptisch. Einer befürchtet, es kämen keine Besucher mehr in die Maaßenstraße, weil es keine Parkplätze mehr gibt. Der Wegfall der insgesamt 45 Parkplätze scheint überhaupt das Hauptärgernis im Nollendorfkiez zu sein. Doch der ruhende Verkehr ist eine echte Barriere. Wohlfahrt von Alm erklärt, die Begegnungszone solle auch die Verkehrssicherheit erhöhen. Um die Fußgänger-Querungen sicherer zu machen, müsse man Sichtkontakt zwischen den Autofahrern und Fußgängern schaffen. „Bisher stand da Blech dazwischen“, sagt er. 

Auch haben die Bauarbeiter den Menschen in der Maaßenstraße einen attraktiven Zebrastreifen genommen. Zum Winterfeldtplatz führt jetzt nur noch ein „Querungsstreifen“. Auf ihm haben die Fußgänger aber keinen rechtlichen Vortritt. Für sie bedeutet das erstmal einen Rückschritt. 

Reaktivierung nicht ausgeschlossen

Hier zeigt sich der Experimentiercharakter des Projekts. Der Zebrastreifen ist unter der neuen grünschwarzen Pflasterung verschwunden, aber das außer Kraft gesetzte Beleuchtungsschild hängt noch oben am Bogenmast. Es bleibt für den Fall der Reaktivierung und wird nicht abgebaut, wie Daniel Krüger vom Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg erklärt. Der Blog „Nollendorfkiez“ wundert sich in einem Beitrag, warum aus dem nutzlos gewordenen Mast keine Kinderschaukel gemacht werde. Die Begegnungszone sei eben erstmal „ein Pilot“, sagt Krüger. Und: „Die eigentliche Arbeit beginnt, wenn die Straße steht.“

Manche reagieren dagegen positiv. In der Nollendorfstraße gleich nebenan hatte das Künstlerpaar Sofia Camargo und Thomas E. J. Klasen ein offenes Atelier aufgeschlagen. Hier bemalten sie zusammen mit Passanten kniehohe Quadersteine – ein Kunstprojekt, für das im Rahmen der Begegnungszone ein Wettbewerb ausgelobt wurde. Heute grenzen die Quader die Fahrgasse vom erweiterten Bürgersteig ab, visuell und baulich. Sofia Camargo nennt das: „Eine Landschaft bauen in der Mitte der Straße.“ Es ist das auffälligste Element in der neuen Begegnungszone. Ihre Gestaltung soll eben auch selbst erklärend sein. Mehr als das ist sie in der Maaßenstraße durch die Straßenkunst auch identitätsstiftend.

Das Kiezatelier entpuppte sich während der Bauarbeiten als echter Kommunikationsraum. Die Schöneberger Graffity Crew „One Love“ gestaltete etwa die Hälfte der 66 Quader mit Wassermotiven, nennt sie den „Walk of Freedom“. Und ein Gitarrist, der öfter zum Atelier kam, hat über die Quader sogar ein Lied geschrieben. Die Künstler hätten so bei Teilen der Kiezbevölkerung mit dem Quaderprojekt einen Sinneswandel herbeigeführt, sagt Camargo. Manche, die da kamen und nicht malen konnten oder mochten, hinterließen auf den Steinen farbige Fuß- und Handabdrücke. Die Anmeldeliste für die Bemalung der letzten 22 Steine war schon vor ihrer Anlieferung voll. „Es ist offensichtlich, dass die Leute in den öffentlichen Raum zurückkommen“, sagt Künstler Klasen. Sie wollten jetzt sogar die Nollendorfstraße verschönern. 

Folgeprojekt Bergmannstraße

Anfang Oktober wurde die Begegnungszone in der Maaßenstraße schon mal offiziell eröffnet. Dabei ist sie noch nicht ganz fertig. Die Restarbeiten, schätzt Daniel Krüger, dauern bis Jahresende. Dann wird man in der Bergmannstraße in Kreuzberg mitten in der Bürgerbeteiligung sein. Die Straße wird Berlins zweite Begegnungszone. Mit einem halben Kilometer ist die Bergmannstraße allerdings etwa doppelt so lang wie die Maaßenstraße. Sieht aus, als würden bald wieder Quader gebraucht.

André Franke

64 - Herbst 2015
Stadt

Hauch von Las Vegas - "Stars in Concert" wird 18

Seit September 1997 treten in der Show „Stars in Concert“ Doppelgänger von Musikidolen wie Madonna, Marilyn Monroe, Amy Winehouse, Elvis Presley, Michael Jackson, Robbie Williams und vielen weiteren Showgrößen auf. Das Angebot, „das einen Hauch von Las Vegas nach Berlin bringt“, kommt gut an: Allein in diesem Jahr sahen bisher über 300 000 Besucher eine Show, seit 1997 sind es mehr als fünf Millionen Zuschauer. Das Konzept ist einmalig in Deutschland: Bis ins letzte Detail authentisch bringen die „Stars in Concert“-Künstler ihre Idole auf die Bühne, sodass es selbst Denjenigen, die die Echten kennen, manchmal schwerfällt, Original und Kopie zu unterscheiden.

Passend zum 18. Geburtstag schenkt Produzent Bernhard Kurz seinem Publikum, seinen Künstlern, Musikern und Tänzern eine neue Showbühne. Eine imposante Showtreppe bildet nun das Zentrum der großen und eleganten Bühne; alle Stage-Elemente sind zukünftig rollbar und ermöglichen so ein noch flexibleres Bühnenbild. Seit Oktober erwartet die Zuschauer außerdem ein neuer Act: Erstmals steht mit Helene Fischer ein deutschsprachiger Star auf der Showbühne. Verkörpert wird die Pop-Schlager-Queen von der Australierin Bridie June Davies, die der echten Helene Fischer nicht nur unglaublich ähnlich sieht, sondern auch ihre Hits stimmgewaltig und mit einer mitreißenden Bühnenpräsenz präsentiert.   

Information:

„Stars in Concert“: 9. September bis 30. Dezember im Estrel Festival Center
Mi, Do, Fr und Sa 20.30 Uhr, So 17 Uhr
www.stars-in-concert.de

64 - Herbst 2015

40 Jahre Spielbank Berlin

Am 12. September kamen nicht wenige illustre Gäste zusammen, um diesen runden Geburtstag mit einer großen Gala zu feiern. Viele von ihnen begleiten die Spielbank Berlin, die ihren Hauptsitz seit 1998 am Potsdamer Platz hat, schon seit vielen Jahren. Die Besucherzahlen steigen stetig, derzeit werden die insgesamt fünf Standorte in der Hauptstadt von 2 000 Spielern täglich besucht. Hausherr und geschäftsführender Gesellschafter Günter Münstermann konnte den Abend dann auch mit prominenten Gästen wie Formel-1-Legende Niki Lauda, Schwimmerin Britta Steffen, Diskusikone Robert Harting, Turmspringer Patrick Hausding, Musiker Frank Zander und Innensenator Frank Henkel verbringen.

Dass sich die Spielbank viele Freunde gemacht hat, ist nachvollziehbar. Günter Münstermann engagiert sich seit vielen Jahren intensiv für den Sport, unterstützt große Veranstaltungen, Vereine und Einzelsportler. Und die Stadt Berlin kann auch sehr zufrieden sein: Mehr als zwei Milliarden Euro Steuern hat sie bisher eingenommen, der größte Teil des Bruttospielertrags geht an das Land Berlin. Daneben lockt die Spielbank Touristen in die Stadt. Vom 8. bis 24. Oktober kämpften aber erst einmal 3 000 Gäste aus der ganzen Welt um einen Sieg beim Pokern. Der Ableger der wichtigsten Pokerturnierserie der Welt, die WSOP Europe, kam im Oktober 2015 zum ersten Mal nach Deutschland, genauer gesagt, nach Berlin, also natürlich in die Spielbank.

 

 

64 - Herbst 2015

Berlin soll Hightech-Metropole werden

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller sprach mit Berlin vis-à-vis über Wohnungsbau, Kultur, Flüchtlinge und die Startup-Szene.

Berlins Attraktivität ist ungebrochen. Immer mehr Menschen ziehen in die Stadt, die Mieten steigen. Sind die Zeiten endgültig vorbei, als das Wohnen in der Hauptstadt noch für alle bezahlbar war? 

Mit der wachsenden Wirtschaft in Berlin wird das Leben in der Stadt auch teurer. Solange es damit einhergeht, dass mehr Menschen Arbeit haben und besser verdienen, ist das für eine Hauptstadt eine normale Entwicklung. Trotzdem unternehmen wir viel, um den Preisanstieg zu dämpfen und zu regulieren, damit Berlin weiter bezahlbar bleibt. Sei es über die Mietpreisbremse oder das Zweckentfremdungsverbot und vor allem den Wohnungsneubau. Berlin wird dadurch seine Attraktivität als Stadt der bezahlbaren Mieten gegenüber anderen europäischen Städten noch lange erhalten können. 

Mit der Hälfte des 2014 erzielten Haushaltsüberschusses soll in defizitäre Bereiche investiert werden, sowohl in den Wohnungsbau als auch in die Personalaufstockung in den Behörden. Wo ist derzeit der Bedarf am dringendsten? 

Wir nehmen knapp 500 Millionen Euro zusätzlich zu den anderen Inves-titionsmitteln in die Hand, um die Infrastruktur im Rahmen der wachsenden Stadt zu verbessern. Dazu gehören der Straßenausbau, die Schulsanierungen, Personalaufstockung in der Verwaltung und vor allem der Wohnungsbau. Dieser ist ganz eindeutig im Rahmen der Investition ein Schwerpunkt.  Berlins Einwohnerzahl ist im vierten Jahr in Folge um 40 000 Menschen gestiegen. 

Die vernachlässigte Wohnungsbaupolitik in der Vergangenheit stellt Sie vor große Herausforderungen: Es fehlen 22 000 neue Wohnungen, in den kommenden Jahren sollen bis zu 43 000 neue Wohnungen entstehen. Gleichzeitig erschweren immer wieder Bürgerproteste neues Bauen. Wird die Realisierung dabei immer wieder zum Balanceakt?

Bis 2010/11 standen viele Wohnungen leer. Dies ist nun nicht mehr der Fall. Wir müssen ungefähr 10 000 Wohnungen pro Jahr bauen, um dem Bevölkerungsanstieg gerecht zu werden. Und ja, es gibt auf den Flächen,  auf denen Wohnungen entstehen könnten, riesige Nutzungskonflikte mit Auseinandersetzungen bis hin zu Bürgerprotesten. Das muss die Politik akzeptieren. Umgekehrt muss die Stadtgesellschaft akzeptieren, dass die Politik aus einem gesamtstädtischen Interesse heraus entscheidet, Wohnungen zu bauen, weil sie gebraucht werden. 

Einen Teil von Berlins Charme machen die vielen Freiflächen aus.  

Das stimmt. 

Will man das aufgeben? 

Nein, das kann man nicht aufgeben. Das grüne Berlin mit seinem hohen Freizeitwert ist Teil der Attraktivität der Stadt. Es ist eine Gratwanderung. Einerseits wollen wir unsere schönen Freiflächen erhalten, andererseits müssen wir verdichten. Um in der Innenstadt mehr Wohnungen schaffen zu können, müssen wir eben teilweise auch Brachflächen nutzen. 

Gerade ist wieder verstärkt Thema, in die Höhe zu bauen, wie schätzen Sie die realistische Umsetzung der Hochhausidee ein? Zum Beispiel das Projekt für den Hardenbergplatz. 

Oder auch am Alexanderplatz. Es wurden in den 90er-Jahren 20 Hochhäuser geplant, aber über Jahre ist nichts passiert. Jetzt tut sich endlich etwas. Ich finde das richtig, aber auch hier muss man sensibel sein und hinschauen, wo es passt. In City West und Ost, da, wo pulsierendes städtisches Leben herrscht, passen Hochhäuser. Sie gehören zur besseren Flächennutzung dazu. 

Der Fokus der Hauptstadt war immer stark auf die Kunst und Kultur gerichtet. Ihr Berlin soll auch Wirtschaftsstadt sein. War Ihnen die Wahrnehmung der Stadt als Kultur-Hotspot in den letzten Jahren zu einseitig? 

Nein, zu einseitig war es nicht, weil wir auch in den letzten Jahren ganz bewusst auf die Wirtschaftsstärke der Stadt gesetzt haben und ein europaweiter Anziehungspunkt geworden sind. Tatsächlich ist es mir wichtig, Berlins Kunst und Kultur weiter zu fördern, aber auch ganz bewusst darauf zu setzen, Investitionen in die Stadt zu holen, um die momentan hervorragende wirtschaftliche Entwicklung weiter voranzutreiben, ganz besonders im Bereich der Startup-Szene. 

Wird das Zugpferd Kultur nicht zurückgefahren? 

Nein, im Gegenteil. Der Senat hat dem Parlament einen Haushalt vorgelegt, in dem wir den Kulturetat um 10 Prozent aufstocken.

Es bestehen dennoch Bedenken von Kulturmachern hinsichtlich der Verteilung der Subventionen. 

Es werden nicht nur unsere Opernhäuser, also die großen Dampfer der Kultur, profitieren. Es werden auch tatsächlich die kleineren Häuser wie das Maxim Gorki Theater oder das HAU (Hebbel am Ufer), Atelierprogramme sowie die freie Szene bei der Verteilung bedacht. 

Und welche Bestrebungen gibt es, auch kleinere Startup-Unternehmen und Manufakturen zu unterstützen? 

Für die Startups ist es beinahe genauso wichtig, an Kapital zu kommen wie an Flächen, auf denen man sich nicht langfristig binden muss und auch mal etwas ausprobieren kann. Uns kommt zugute, dass wir die Gründerzentren rund um die TU haben, bei der GSG (die Gewerbehöfe und Gewerbeparks in Berlin, Anm. d. Red.) oder in Adlershof. Es ist ein echter Standortvorteil von Berlin, dass wir im Stadtbereich Raum für die Gründerszene haben, den wir fördern. Wir setzen vor allem auf Digitalisierung. Wir erarbeiten mit allen relevanten Stellen gerade eine Agenda mit konkreten Vorschlägen wie zum Beispiel auch mehr Professuren in dem Themenfeld. So wollen wir zu einer echten Hightech-Metropole werden.

Die Berliner schätzen Ihr unprätentiöses Auftreten und das Bodenständige, das Sie verkörpern. Überrascht Sie Ihr guter Stand selbst ein wenig? 

Es freut mich, dass ich von den Berlinerinnen und Berlinern angenommen werde und auch viel Unterstützung erfahre, sowohl aus Wirtschaft und Wissenschaft als auch aus der Kultur.  

Von Ramona Pop gibt es den Satz „Michael Müller kommt so gut an, weil er nicht Klaus Wowereit ist“.  Was denken Sie, wie lange Sie noch mit Ihrem Vorgänger verglichen werden?

Die Regierenden Bürgermeister werden immer miteinander verglichen, Eberhard Diepgen und Walter Momper bis heute. Mich stört es nicht. Ich bin mit Klaus Wowereit befreundet. Ihn zu kopieren, wäre furchtbar geworden, für uns beide und für alle anderen. Mir war von Anfang an wichtig, dass ich meinen eigenen Weg finde. Das scheint mir gelungen zu sein. Die Leute merken offensichtlich, der ist bei sich und versucht nicht irgendetwas zu spielen. 

Ihre bisherige Amtszeit von nicht einmal einem Jahr ist mit wichtigen und nicht leicht zu bewältigenden Aufgaben ausgefüllt: Haben Sie sich Ihr Amt so vorgestellt? 

Ich habe es mir so vorgestellt.  Und es macht mir sehr viel Spaß. Das Schöne an meinem Amt ist vor allem das große Themenspektrum. Als Stadtentwicklungssenator waren die Aufgaben auch vielfältig, aber viel mehr fokussiert. Dank der guten Mannschaft im Roten Rathaus, die mich kompetent unterstützt, konnte und kann ich mich mit allen Themen schnell vertraut machen. 

Sie haben von Anfang an die Fraktionschefs zusammengerufen, um die Versorgung der Flüchtlinge zu organisieren. Das hat man Ihnen hoch angerechnet. Wird schnelles Handeln weiterhin ein Stil Ihrer Politik sein? 

Bei diesem Thema kann man nicht lange hin und her diskutieren, man muss schnell organisieren. Die Menschen sind da und wir müssen ihnen helfen. Gleichzeitig muss darauf geachtet werden,  dass das Zusammenleben gut funktioniert und nicht alles lahmgelegt wird. Deswegen war es mir wichtig, diesen Koordinierungsstab schnell einzurichten und personell zu verstärken. Es sind 25 000 Menschen in unsere Stadt gekommen, und bis zum Jahresende können es noch mal so viele werden. 

Wie gestaltet sich die weitere Aufnahme von Flüchtlingen in Berlin?  

Wir benötigen Unterbringungsmöglichkeit mit entsprechender Infrastruktur. Es gibt zwar viele Flächenangebote und leer stehende Lagerhallen, aber dann mangelt es an Toiletten, Duschen, Schulangeboten etc . Wir müssen Hilfsangebote gewährleisten und Standorte finden, an denen Integration möglich ist.

Welche Standorte kommen infrage?

Die Erstaufnahme in der Turmstraße soll entlastet werden durch eine weitere Immobilie der Landesbank an der Bundesallee. Im Gespräch sind dezentrale kleine Standorte, aber auch innerstädtische wie der ehemalige Flugplatz Tempelhof, auf dem  ein oder zwei Hangars genutzt werden könnten. Eine Teilnutzung des ICC steht auch zur Debatte, ebenso wie übergangsweise eine Messehalle. Es muss gemischt werden: kleine Unterkünfte, Kasernen wie in Spandau oder Hallen in der Stadt, die gut erschlossen sind.

Ist zu befürchten, dass die „Willkommenskultur“ in Berlin kippen könnte? 

Das A und O ist Information. Man muss sich mit dem Problem sensibel auseinandersetzen und die Menschen ernst nehmen, deren Sorge sich auf das Zusammenleben in der Stadt bezieht. Wie wird beispielsweise der Schulalltag aussehen, wenn Turnhallen beschlagnahmt sind. Die Akzeptanz der Berlinerinnen und Berliner  ist hoch,  und ohne die zahlreichen freiwilligen Helfer würde es gar nicht funktionieren. Dafür bin ich sehr dankbar. Die Bundesebene muss auch ihrer Verpflichtung nachkommen und das Thema Flüchtlinge muss international gelöst werden. Es geht nicht, dass  in Europa fünf Staaten 50 Prozent der Last tragen und die anderen europäischen Staaten sich raushalten. Wir wollen internationale Lösungen und nationale Verantwortung. 

Statt großer Visionen versprechen Sie beispielsweise, die schlimmen Zustände auf  Berliner Schultoiletten zu verbessern. 

Eins schließt das andere nicht aus. Wenn wir darüber reden, eine High-tech-Metropole werden zu wollen, können wir uns trotzdem um Alltagssorgen kümmern. Viele Eltern und Lehrer sind genervt von den Zuständen an manchen Schulen. Wir wollen uns darum kümmern, sie zu verbessern. Ein großes Leitbild und Alltagssorgen kann man gemeinsam verfolgen. 

Danke für das Gespräch. 

Ina Hegenberger

 

64 - Herbst 2015