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20 Jahre Magazin

20 Jahre Berlin vis-à-vis

Für uns Berliner und alle, die es geworden sind, hat sich die Stadt in den letzten 20 Jahren stark verändert. Berlin boomt. Nie waren die Besucherströme so groß wie in diesem Jahr. Schillernd, laut, bunt, lebendig, weltoffen: Die deutsche Hauptstadt ist beliebt, ihre Bewohner nörgeln weniger als früher, sind besser angezogen. Berlin ist aber nicht nur Touristenhotspot und Hochglanzmetropole. Bekanntlich hat jede Großstadt viele Gesichter.

Newton and Guests

In einer Dreierkonstellation mit Frank Horvat und Szymon Brodziak zeigt die Helmut Newton Stiftung in ihrer neuesten Ausstellung neben Originalabzügen aus der Dauerleihgabe von Helmut Newton zwei
thematisch verwandte Monographien.

Wer annimmt, von Helmut Newton mittlerweile alle wichtigen Aufnahmen gesehen zu haben, wird überrascht sein. In der aktuellen Ausstellung „Newton. Horvat. Brodziak“ sind zirka siebzig Originalabzüge aus dem zweiten Teil der Dauerleihgabe von Helmut Newton zu sehen, von denen im „Museum für Fotografie“ die meisten noch nicht gezeigt worden sind. Es sind wiederum Mode- und Aktbilder, Porträts und Selbstporträts, überwiegend sogenannte Vintage Prints, also Abzüge, die Helmut Newton unmittelbar nach der Entstehung der Negative selbst hergestellt hat. 

Während in der einstigen Eröffnungsausstellung der Helmut Newton Stiftung „Sex and Landscapes“ vor allem das Inszenierungsgenie dieses Ausnahmefotografen deutlich wird, Akt, Mode, Stillleben und Landschaften miteinander zu verschmelzen, um letztlich eine bestimmte Erotik zu sublimieren, zeigt er sich in der aktuellen Ausstellung „Newton. Horvat. Brodziak“ auch als ein Porträtfotograf mit einer Art konzeptionellen Ansatz. Denn neben Bildnissen von Jeanne Moreau, Brigitte Nielsen und Karl Lagerfeld hat er in einer Farbbildserie aus den 1980er-Jahren berühmte Künstler in einem besonders intimen Privatbereich, dem Schlafzimmer, fotografiert. Zu sehen sind Künstler wie Charlotte Rampling, David Bowie oder David Hockney, auf der Bettkante sitzend sowie beim Öffnen einer Schublade des Nachttischschrankes. Prominente mit Einblick in deren Privatsphäre derart zu porträtieren, ist bislang einmalig, wirkt wie ein Gegenentwurf zu „Sex and Landscapes“ und macht die Vielschichtigkeit im Gesamtwerk Helmut Newtons deutlich.

Dass er sich selbst aber durchaus neben und nicht über andere Fotografen stellte, kommt in seinem Vermächtnis anlässlich der Gründung seiner Stiftung zum Ausdruck. Danach sollten Monographien bedeutender Kollegen von Zeit zu Zeit im Ausstellungskonzept Berücksichtigung finden. Aktuell sind es Frank Horvat und Szymon Brodziak. Beide Mode- und Porträtfotografen, thematisch Helmut Newton verwandt, doch jeweils mit sehr eigenständiger Bildsprache.

Der Bedeutendere ist zweifellos der 1928 im italienischen Abbazia, heute kroatisch Opatija, geborene Frank Horvat. Er gehört zu der berühmten Photographen-Generation, die eine perfekte Bildkomposition anstrebten, wie der legendäre Henri Cartier-Bresson, und Menschen auf der Straße in Szene setzten. Bressons Rat war es im Jahr 1950 auch, als Photojournalist eine Reise durch Asien anzutreten. Horvats Aufnahmen aus dieser Zeit, aus Ländern wie Indien oder China, konnte er in verschiedenen Magazinen veröffentlichen. Mitte der 1950er-Jahre in Paris, begann dann seine Karriere als Modephotograph. 

Mit Modeshootings für das Magazin „Jardin des Modes“ und später Aufnahmen für „Elle“ in Paris, „Vogue“ in London und „Harper´s Bazaar“ in New York machte er sich einen Namen und beeinflusste, ähnlich wie Helmut Newton oder Richard Avedon, den Zeitgeist. Seine berühmtesten Modefotos „Givenchy Hat“ und „Shoe and Eiffel Tower“ stehen exemplarisch für seine ganz eigene Kunst der Bildkomposition. Zwischen 1958 und 1961 war er Mitglied der legendären, von Henri Cartier-Bresson mitbegründeten Mag-
num-Agentur, und wiederum reiste er, wie all seine Kollegen der Photographenkooperative, um die Welt. Es war die große Zeit der Bildreportagen aus aller Welt und Horvat einer ihrer Protagonisten. In der Ausstellung der Helmut Newton Stiftung sind auch einige dieser Aufnahmen Teil seines Photoprojekts „House with Fifteen Keys“, das in fünfzehn Kapiteln sein Gesamtwerk zeigt und Ausdruck seines Vermächtnisse ist: „Ein gutes Foto entsteht, wenn etwas Bleibendes festgehalten wird.“

Die Dreierkonstellation der Ausstellung vervollständigt mit dreißig großformatigen Schwarz-Weiß-Aufnahmen der polnische Photograph Szymon Brodziak, Jahrgang 1976. Unverkennbar ist dessen thematische Nähe zum Werk Helmut Newtons, das für Brodziak wohl eine wichtige Inspirationsquelle ist. Seine Aktbilder folgen einer Inszenierung aus Übertreibung, subtiler Erotik und weiblicher Eleganz und entfalten so ihre emotionale Wirkung. Gleichzeitig will Brodziak aber auch die gängigen Klischees und Schönheitsideale hinterfragen. Die Aufnahmen sind Bestandteil seiner Monographie „One“. Es ist seine erste institutionelle Ausstellung in Deutschland. Vor zwei Jahren eröffnete er eine eigene Fotogalerie in Posen.

Information:

Newton. Horvat. Brodziak
Bis 15. November 2015,
Helmut Newton Foundation im Museum für Fotografie,
Jebensstraße 2, 10623 Berlin

Reinhard Wahren

 

 

64 - Herbst 2015

Berlin soll Hightech-Metropole werden

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller sprach mit Berlin vis-à-vis über Wohnungsbau, Kultur, Flüchtlinge und die Startup-Szene.

Berlins Attraktivität ist ungebrochen. Immer mehr Menschen ziehen in die Stadt, die Mieten steigen. Sind die Zeiten endgültig vorbei, als das Wohnen in der Hauptstadt noch für alle bezahlbar war? 

Mit der wachsenden Wirtschaft in Berlin wird das Leben in der Stadt auch teurer. Solange es damit einhergeht, dass mehr Menschen Arbeit haben und besser verdienen, ist das für eine Hauptstadt eine normale Entwicklung. Trotzdem unternehmen wir viel, um den Preisanstieg zu dämpfen und zu regulieren, damit Berlin weiter bezahlbar bleibt. Sei es über die Mietpreisbremse oder das Zweckentfremdungsverbot und vor allem den Wohnungsneubau. Berlin wird dadurch seine Attraktivität als Stadt der bezahlbaren Mieten gegenüber anderen europäischen Städten noch lange erhalten können. 

Mit der Hälfte des 2014 erzielten Haushaltsüberschusses soll in defizitäre Bereiche investiert werden, sowohl in den Wohnungsbau als auch in die Personalaufstockung in den Behörden. Wo ist derzeit der Bedarf am dringendsten? 

Wir nehmen knapp 500 Millionen Euro zusätzlich zu den anderen Inves-titionsmitteln in die Hand, um die Infrastruktur im Rahmen der wachsenden Stadt zu verbessern. Dazu gehören der Straßenausbau, die Schulsanierungen, Personalaufstockung in der Verwaltung und vor allem der Wohnungsbau. Dieser ist ganz eindeutig im Rahmen der Investition ein Schwerpunkt.  Berlins Einwohnerzahl ist im vierten Jahr in Folge um 40 000 Menschen gestiegen. 

Die vernachlässigte Wohnungsbaupolitik in der Vergangenheit stellt Sie vor große Herausforderungen: Es fehlen 22 000 neue Wohnungen, in den kommenden Jahren sollen bis zu 43 000 neue Wohnungen entstehen. Gleichzeitig erschweren immer wieder Bürgerproteste neues Bauen. Wird die Realisierung dabei immer wieder zum Balanceakt?

Bis 2010/11 standen viele Wohnungen leer. Dies ist nun nicht mehr der Fall. Wir müssen ungefähr 10 000 Wohnungen pro Jahr bauen, um dem Bevölkerungsanstieg gerecht zu werden. Und ja, es gibt auf den Flächen,  auf denen Wohnungen entstehen könnten, riesige Nutzungskonflikte mit Auseinandersetzungen bis hin zu Bürgerprotesten. Das muss die Politik akzeptieren. Umgekehrt muss die Stadtgesellschaft akzeptieren, dass die Politik aus einem gesamtstädtischen Interesse heraus entscheidet, Wohnungen zu bauen, weil sie gebraucht werden. 

Einen Teil von Berlins Charme machen die vielen Freiflächen aus.  

Das stimmt. 

Will man das aufgeben? 

Nein, das kann man nicht aufgeben. Das grüne Berlin mit seinem hohen Freizeitwert ist Teil der Attraktivität der Stadt. Es ist eine Gratwanderung. Einerseits wollen wir unsere schönen Freiflächen erhalten, andererseits müssen wir verdichten. Um in der Innenstadt mehr Wohnungen schaffen zu können, müssen wir eben teilweise auch Brachflächen nutzen. 

Gerade ist wieder verstärkt Thema, in die Höhe zu bauen, wie schätzen Sie die realistische Umsetzung der Hochhausidee ein? Zum Beispiel das Projekt für den Hardenbergplatz. 

Oder auch am Alexanderplatz. Es wurden in den 90er-Jahren 20 Hochhäuser geplant, aber über Jahre ist nichts passiert. Jetzt tut sich endlich etwas. Ich finde das richtig, aber auch hier muss man sensibel sein und hinschauen, wo es passt. In City West und Ost, da, wo pulsierendes städtisches Leben herrscht, passen Hochhäuser. Sie gehören zur besseren Flächennutzung dazu. 

Der Fokus der Hauptstadt war immer stark auf die Kunst und Kultur gerichtet. Ihr Berlin soll auch Wirtschaftsstadt sein. War Ihnen die Wahrnehmung der Stadt als Kultur-Hotspot in den letzten Jahren zu einseitig? 

Nein, zu einseitig war es nicht, weil wir auch in den letzten Jahren ganz bewusst auf die Wirtschaftsstärke der Stadt gesetzt haben und ein europaweiter Anziehungspunkt geworden sind. Tatsächlich ist es mir wichtig, Berlins Kunst und Kultur weiter zu fördern, aber auch ganz bewusst darauf zu setzen, Investitionen in die Stadt zu holen, um die momentan hervorragende wirtschaftliche Entwicklung weiter voranzutreiben, ganz besonders im Bereich der Startup-Szene. 

Wird das Zugpferd Kultur nicht zurückgefahren? 

Nein, im Gegenteil. Der Senat hat dem Parlament einen Haushalt vorgelegt, in dem wir den Kulturetat um 10 Prozent aufstocken.

Es bestehen dennoch Bedenken von Kulturmachern hinsichtlich der Verteilung der Subventionen. 

Es werden nicht nur unsere Opernhäuser, also die großen Dampfer der Kultur, profitieren. Es werden auch tatsächlich die kleineren Häuser wie das Maxim Gorki Theater oder das HAU (Hebbel am Ufer), Atelierprogramme sowie die freie Szene bei der Verteilung bedacht. 

Und welche Bestrebungen gibt es, auch kleinere Startup-Unternehmen und Manufakturen zu unterstützen? 

Für die Startups ist es beinahe genauso wichtig, an Kapital zu kommen wie an Flächen, auf denen man sich nicht langfristig binden muss und auch mal etwas ausprobieren kann. Uns kommt zugute, dass wir die Gründerzentren rund um die TU haben, bei der GSG (die Gewerbehöfe und Gewerbeparks in Berlin, Anm. d. Red.) oder in Adlershof. Es ist ein echter Standortvorteil von Berlin, dass wir im Stadtbereich Raum für die Gründerszene haben, den wir fördern. Wir setzen vor allem auf Digitalisierung. Wir erarbeiten mit allen relevanten Stellen gerade eine Agenda mit konkreten Vorschlägen wie zum Beispiel auch mehr Professuren in dem Themenfeld. So wollen wir zu einer echten Hightech-Metropole werden.

Die Berliner schätzen Ihr unprätentiöses Auftreten und das Bodenständige, das Sie verkörpern. Überrascht Sie Ihr guter Stand selbst ein wenig? 

Es freut mich, dass ich von den Berlinerinnen und Berlinern angenommen werde und auch viel Unterstützung erfahre, sowohl aus Wirtschaft und Wissenschaft als auch aus der Kultur.  

Von Ramona Pop gibt es den Satz „Michael Müller kommt so gut an, weil er nicht Klaus Wowereit ist“.  Was denken Sie, wie lange Sie noch mit Ihrem Vorgänger verglichen werden?

Die Regierenden Bürgermeister werden immer miteinander verglichen, Eberhard Diepgen und Walter Momper bis heute. Mich stört es nicht. Ich bin mit Klaus Wowereit befreundet. Ihn zu kopieren, wäre furchtbar geworden, für uns beide und für alle anderen. Mir war von Anfang an wichtig, dass ich meinen eigenen Weg finde. Das scheint mir gelungen zu sein. Die Leute merken offensichtlich, der ist bei sich und versucht nicht irgendetwas zu spielen. 

Ihre bisherige Amtszeit von nicht einmal einem Jahr ist mit wichtigen und nicht leicht zu bewältigenden Aufgaben ausgefüllt: Haben Sie sich Ihr Amt so vorgestellt? 

Ich habe es mir so vorgestellt.  Und es macht mir sehr viel Spaß. Das Schöne an meinem Amt ist vor allem das große Themenspektrum. Als Stadtentwicklungssenator waren die Aufgaben auch vielfältig, aber viel mehr fokussiert. Dank der guten Mannschaft im Roten Rathaus, die mich kompetent unterstützt, konnte und kann ich mich mit allen Themen schnell vertraut machen. 

Sie haben von Anfang an die Fraktionschefs zusammengerufen, um die Versorgung der Flüchtlinge zu organisieren. Das hat man Ihnen hoch angerechnet. Wird schnelles Handeln weiterhin ein Stil Ihrer Politik sein? 

Bei diesem Thema kann man nicht lange hin und her diskutieren, man muss schnell organisieren. Die Menschen sind da und wir müssen ihnen helfen. Gleichzeitig muss darauf geachtet werden,  dass das Zusammenleben gut funktioniert und nicht alles lahmgelegt wird. Deswegen war es mir wichtig, diesen Koordinierungsstab schnell einzurichten und personell zu verstärken. Es sind 25 000 Menschen in unsere Stadt gekommen, und bis zum Jahresende können es noch mal so viele werden. 

Wie gestaltet sich die weitere Aufnahme von Flüchtlingen in Berlin?  

Wir benötigen Unterbringungsmöglichkeit mit entsprechender Infrastruktur. Es gibt zwar viele Flächenangebote und leer stehende Lagerhallen, aber dann mangelt es an Toiletten, Duschen, Schulangeboten etc . Wir müssen Hilfsangebote gewährleisten und Standorte finden, an denen Integration möglich ist.

Welche Standorte kommen infrage?

Die Erstaufnahme in der Turmstraße soll entlastet werden durch eine weitere Immobilie der Landesbank an der Bundesallee. Im Gespräch sind dezentrale kleine Standorte, aber auch innerstädtische wie der ehemalige Flugplatz Tempelhof, auf dem  ein oder zwei Hangars genutzt werden könnten. Eine Teilnutzung des ICC steht auch zur Debatte, ebenso wie übergangsweise eine Messehalle. Es muss gemischt werden: kleine Unterkünfte, Kasernen wie in Spandau oder Hallen in der Stadt, die gut erschlossen sind.

Ist zu befürchten, dass die „Willkommenskultur“ in Berlin kippen könnte? 

Das A und O ist Information. Man muss sich mit dem Problem sensibel auseinandersetzen und die Menschen ernst nehmen, deren Sorge sich auf das Zusammenleben in der Stadt bezieht. Wie wird beispielsweise der Schulalltag aussehen, wenn Turnhallen beschlagnahmt sind. Die Akzeptanz der Berlinerinnen und Berliner  ist hoch,  und ohne die zahlreichen freiwilligen Helfer würde es gar nicht funktionieren. Dafür bin ich sehr dankbar. Die Bundesebene muss auch ihrer Verpflichtung nachkommen und das Thema Flüchtlinge muss international gelöst werden. Es geht nicht, dass  in Europa fünf Staaten 50 Prozent der Last tragen und die anderen europäischen Staaten sich raushalten. Wir wollen internationale Lösungen und nationale Verantwortung. 

Statt großer Visionen versprechen Sie beispielsweise, die schlimmen Zustände auf  Berliner Schultoiletten zu verbessern. 

Eins schließt das andere nicht aus. Wenn wir darüber reden, eine High-tech-Metropole werden zu wollen, können wir uns trotzdem um Alltagssorgen kümmern. Viele Eltern und Lehrer sind genervt von den Zuständen an manchen Schulen. Wir wollen uns darum kümmern, sie zu verbessern. Ein großes Leitbild und Alltagssorgen kann man gemeinsam verfolgen. 

Danke für das Gespräch. 

Ina Hegenberger

 

64 - Herbst 2015

Modernes Wohnen hinter historischer Fassade

Die Profi Partner AG feiert in diesem Jahr ihr 20-jähriges Bestehen und hat aus diesem Anlass ein Jubiläums-Buch herausgegeben. Darin gratulieren viele Weggefährten, unter ihnen Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel und Volker Hassemer, Stadtentwicklungssenator a. D. und Vorsitzender der Stiftung Zukunft Berlin, zum runden Geburtstag. Wie sehr das Unternehmen in zwei Jahrzehnten das Gesicht der Stadt Berlin mitgeprägt hat, macht ein Blick auf die vielen bislang umgesetzten Projekte deutlich. Mit Objekten wie dem Hohenzollern Campus und vielen weiteren Projekten in Mitte und Prenzlauer Berg hat die Profi Partner AG Maßstäbe bei der Umwandlung von ungenutzten Industriegebäuden in begehrte Wohndenkmäler gesetzt. Für die Sanierung der ehemaligen Haftanstalt als Berlin Campus in der Rummelsburger Bucht erhielt das Team 2009 sogar den „immobilienawardberlin“. Besonders mit der Sanierung des unter Denkmalschutz stehenden Haus Cumberland am Kurfürstendamm machte sich das Unternehmen einen Namen, schließlich waren an diesem Projekt zuvor zahlreiche Investoren gescheitert. Wie aktuell das Geschäftsmodell „Modernes Wohnen hinter historischer Fassade“ auch 20 Jahre nach Firmengründung ist, beweisen die laufenden Projekte: Nur wenige hundert Meter von dem mittlerweile voll bewohnten Haus Cumberland entfernt, entsteht derzeit in bester City-West-Lage mit dem Ottilie-von-Hansemann-Haus die „kleine Schwester“ des Cumberland. Das unter Denkmalschutz stehende ehemalige Studentinnenwohnheim wird zurzeit denkmalgerecht saniert und durch zwei hofseitige Neubauten zu einem modernen Wohnensemble ergänzt. Gleichzeitig wurde der Hohenzollern Campus, ein 24 000 Quadratmeter großes, denkmalgeschütztes Gewerbeobjekt am Hohenzollerndamm revitalisiert, rundum saniert und komplett vermietet. Mit der anstehenden Umwandlung eines ehemaligen Möbelhauses in Mitte zu einem Wohnhaus und der Ergänzung um ein Neubauprojekt steht ein weiteres großes Projekt mit einem Gesamtvolumen von 60 Mio. Euro an.  

 

64 - Herbst 2015
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Neubau für mehr Wohnqualität

Neukölln hat sich mittlerweile vom traditionellen Arbeiterviertel zum begehrten Wohnbezirk entwickelt. Allein in den vergangenen fünf Jahren sind die Mietpreise stark gestiegen. Bei Neubauprojekten sind daher Widerstände von Bürgerinitiativen und die Angst einer Gentrifizierung oft vorprogrammiert. Berlin vis-à-vis sprach mit Uwe Springer, Vorstand des WBV Neukölln, und dem Architekten Sven Blumers. Gemeinsam entwickeln sie in Neukölln ein Neubauprojekt für verschiedene Generationen.

Herr Springer, die Heidelberger Straße in Neukölln ist für Ihre Genossenschaft ein wichtiger Standort. Sie wollen dort zwei Wohnhäuser abreißen, um dann neu zu bauen. Warum modernisieren Sie nicht, wie es einige Nutzer Ihrer Genossenschaft fordern?

Von den ca. 5 800 Wohnungen, die wir haben, befindet sich jede dritte in Neukölln. Die Gebäude in der Heidelberger Straße, um die es sich hier handelt, gehören zu unserer größten Siedlung und wurden ursprünglich in den Jahren 1927 bis 1930 errichtet. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Häuser zerstört und in den 60er-Jahren durch Neubauten mit weniger hochwertigen Materialien ersetzt. Um die Gebäude und die Bausubstanz für die nächsten Nutzergenerationen in einen zeitgemäßen Zustand zu bringen, gab es für uns zwei Alternativen: Eine vollständige Sanierung oder der Abriss mit anschließender Neubebauung des Grundstückes. Nach Abwägung der Vor- und Nachteile, insbesondere auch der Kosten und wirtschaftlich vertretbarer Lösungen für Nutzer und Eigentümer, haben wir uns für den kompletten Neubau entschieden.

Herr Blumers, können Sie diese Vor- und Nachteile etwas ausführlicher erläutern?

Bei unseren Analysen stellte sich heraus, dass eine Sanierung der Gebäude nur mit sehr hohen Kosten möglich gewesen wäre. Gründe dafür sind zum einen die staatlichen Energieeinsparauflagen, zum anderen aber auch die heutigen Erwartungen von Mietern hinsichtlich des Wohnstandards. So wären beispielsweise Schallschutzmaßnahmen, eine Erneuerung der Haustechnik und Heizungsanlage, des Daches, der Wände, Fenster sowie Elektro- und Wasserleitungen notwendig gewesen. Um auch zukünftig ein generationsübergreifendes Wohnen zu ermöglichen, wäre die nachträgliche aufwendige Installation von Aufzügen notwendig gewesen. Von daher war schnell klar, dass der zu erwartende finanzielle Aufwand in keinem Verhältnis zu der damit erreichbaren Verbesserung der Gebäudequalität sowie zeitgemäßer altersgerechter Wohnungen gestanden hätte. Und zudem hätten die Kosten durch eine Modernisierungsumlage nicht angemessen abgefedert beziehungsweise auf die Mieter umgelegt werden können.  

Mit dem Neubauvorhaben ist der WBV Neukölln bei einigen seiner Nutzer auch auf Widerstand gestoßen. Wie gehen Sie damit um, Herr Springer?

Die Philosophie unserer Genossenschaft ist unter anderem, dass die Mitglieder langfristig in einem gemeinsamen Wohnumfeld leben und einen sicheren Zugang zu bezahlbarem Wohnraum erhalten. Unsere Nutzungsentgelte – so nennt man die „Mieten“ bei den Genossenschaften – liegen dabei zehn bis 25 Prozent unter dem Mittelwert des Berliner Mietspiegels. Bei dem Neubauprojekt in der Heidelberger Straße ist es so, dass wir über ausreichend alternativen bezahlbaren Wohnraum in der Nachbarschaft und in der näheren Umgebung verfügen. Wir können den Nutzern Ersatzwohnungen zur Verfügung stellen, ohne dass sie ihre gewohnte Umgebung verlassen müssen. Für mehr als drei Viertel der betroffenen Mieter haben wir bereits Wohnlösungen im nachbarschaftlichen Umfeld gefunden. Und alle Mieter sind zufriedener als vorher. Denn die Ersatzwohnungen sind im Gegensatz zu den Wohnungen in der Heidelberger Straße 15 bis 18 renoviert und bieten darüber hinaus einen höheren Wohnkomfort bei geringeren Nebenkosten. Zudem übernehmen wir Umzugskosten sowie Kosten für kleinere Anpassungs- und Umbaumaßnahmen. Fakt ist, dass wir für jeden unserer Nutzer eine individuelle Lösung finden.

Das Architekturbüro Blumers Architekten konnte sich in einem Ideenwettbewerb zur Gestaltung der neuen Gebäude und Außenflächen mit einem Konzeptentwurf durchsetzen, der Wohnformen für verschiedene Generationen vorsieht.

Blumers: Insgesamt werden wir rund 90 barrierefreie Wohnungen mit ca. 6 600 Quadratmeter Wohnfläche bauen. Das ist fast doppelt so viel Wohnfläche, wie derzeit in den beiden Altbauten vorhanden ist. Bis Ende 2017 entstehen Wohnungen für Familien, Senioren, Singles und Paare im etablierten Alter. Generell wird bei dem Projekt eine Mischung aus jungen und älteren Bewohnern angestrebt. Bei der Gestaltung der Wohnungsgrundrisse wurde daher auch viel Wert auf hohe Flexibilität und Variabilität bezüglich Größe und Inhalt gelegt. Die Planung ermöglicht so, je nach Bedarf die Anzahl von Ein-, Zwei- und Dreizimmerwohnungen zu variieren. Neben der Installation von Aufzügen wird es Gemeinschafts- und Gewerbeflächen, einen Concierge sowie eine Tiefgarage geben. Der gesamte Innenhofbereich wird autofrei sein. Die Außenflächen werden wir so gestalten, dass sie durch einen großzügig angelegten Quartiersplatz zum Ort der Begegnung werden. 

Springer: Darüber hinaus steht im Fokus des Neubaus eine umweltbewusste und energieeffiziente Bauweise. Wir planen ressourcenschonende Techniken wie Photovoltaik und Regenwassernutzung sowie eine Stromtankstelle. Das Nutzungsentgelt wird mit rund 8,50 Euro pro Quadratmeter unter dem Berliner und Neuköllner Durchschnitt für Neubauwohnungen liegen.

Wie erleben Sie als Architekturbüro generell das Thema Gentrifizierung bei Neubauprojekten?

Blumers: Die Widerstände haben in den vergangenen Jahren zugenommen. Meine Erfahrung zeigt aber, dass es wichtig ist, die betroffenen Mieter und auch Anwohner früh in die Planungen mit einzubeziehen und regelmäßig zu informieren. So kann man vielen Betroffenen schon im Vorfeld ihre Bedenken nehmen und die Vorteile aufzeigen. Berlin braucht mehr bezahlbaren Wohnraum. Erste Weichen hat der Senat dafür bereits gestellt. Aber es ist in einer Weltmetropole nicht flächendeckend machbar, dass man für sechs Euro in den bes-
ten zentralen Lagen wohnen kann. Hier sind meiner Meinung nach Politik und Öffentlichkeit noch stärker gefordert, sachlich und wirtschaftlich besser aufzuklären.

Vielen Dank für das Gespräch.

64 - Herbst 2015

Hotelgeschichte am Alexanderplatz

Das Park Inn Hotel Berlin Alexanderplatz feiert seinen 45. Geburtstag. Das am 7. Oktober 1970 als „Interhotel Hotel Stadt Berlin“ eröffnete Vorzeigehotel der DDR blickt auf eine bewegte Erfolgsgeschichte und heute von seiner Panorama-Terrasse im 40. Stockwerk auf eine nach der Wende grenzenlos wachsende Stadt.

Mit 1012 Zimmern und Suiten, wovon täglich rund 900 Zimmer belegt sind, auf insgesamt 37 Etagen und einer Gebäudehöhe von ca. 150 Metern ist das Park Inn am Alexanderplatz das zweitgrößte Hotel der Bundesrepublik Deutschland. „In unserem Hotel übernachten pro Jahr cirka eine halbe Million Menschen“, sagt General Manager Jürgen Gangl. Nach Schätzungen der Übernachtungszahlen vor der Wende sei von ungefähr 24 Millionen Übernachtungen in 45 Jahren Hotelgeschichte auszugehen. Das höchste Berliner Hotel wurde am 7. Oktober 1970, dem 21. Jahrestag der DDR-Gründung, als „Interhotel Hotel Stadt Berlin“ eröffnet.

Das Prestigehotel der DDR konnte bereits zur Eröffnung mit 1006 Zimmern, flotten Aufzügen, unterschiedlichen Restaurants, Bars und dem Panorama Restaurant in der 37. Etage punkten. „Es war das beste Restaurant, das es in Berlin gab, und ein beliebter Treffpunkt für die alliierten Soldaten, die mit Bussen angekarrt und wieder abgeholt wurden“, erinnert sich Sous-Chef Klaus Wendland.

Vor genau 45 Jahren hat die Karriere des heutigen Sous-Chefs als ausgebildeter Koch im Park Inn begonnen. „Ich habe das Geschirr in das Lager geräumt, den Einzug und die Eröffnung miterlebt“, erinnert sich der dreifache Vater und resümiert:

„Ich bin hier gerne groß geworden. Besonders spannend war es nach der Wende, denn es ist eine ,neue Stadt‘ hinzugekommen.“ Wendland zeichnete als einer von 200 Köchen von insgesamt 1200 Mitarbeitern in drei Küchen für Speis und Trank an 1900 Plätzen in der Rotisserie, Hallenbar, Cafeteria, Milch-Eis-Mokka-Bar oder der heute noch existenten Zille-Stube verantwortlich. Zirka 600 Liter pikante Soljanka-Suppe und bis zu 700 Mahlzeiten pro Tag wurden im „Alex-Grill“ zu moderaten Preisen in Ostmark verkauft. „Den für Telly Savalas in unserer Patisserie gefertigten Lollipop durfte ich persönlich überreichen“, schildert der Sous-Chef seine kurze Begegnung mit „Kojak“. 

Das Vier-Sterne-Superior Hotel am Alex beschäftigt zurzeit 350 Mitarbeiter. Die Bettenanzahl ist im Wandel der Zeit nahezu ident geblieben. „Nur dass heute keine Betten mehr in L-Form existieren, die sowohl als Einzel- als auch Doppelzimmer zu buchen gewesen sind“, erwähnt Carola Zinke, die seit 40 Jahren als Mitarbeiterin der Gruppenreservierung im Park Inn tätig ist. Sie brachte James Brown die erwünschte Trockenhaube auf das Zimmer, traf Bruce Springsteen und Bryan Adams und begegnete zahlreichen Polit-Größen wie Josip Broz Tito im Jahre 1976. 

Die Arbeit im Park Inn erlaubte einen Blick in die Freiheit. „Wir hatten mit Menschen zu tun, die uns das Leben hinter der Grenze vorstellen ließen, hatten Zugriff auf harte Auslandswährung und gute Beziehungen zu Taxi-Fahrern“, blickt die Hotelfachfrau zurück. Carola Zinke war selbst an der Demonstration am 4. November 1989 am Alexanderplatz dabei, „doch um 14 Uhr musste ich zur Arbeit und bin pflichtbewusst hingegangen“. 

General Manager Jürgen Gangl lenkt die Geschicke des Hauses. Der Erfolg des Hauses sei natürlich mit der Lage am Alexanderplatz mit Blick auf den Fernsehturm verbunden. Doch betriebliche Erfolge könne man nur mit Menschen erzielen, „die hinter der Arbeit stehen und diese große Maschinerie Tag für Tag mit viel Menschlichkeit bewegen“, ist er überzeugt. Wenn Mitarbeiter wie Klaus Wendland oder Carola Zinke sich mit dem Hotel identifizieren und langjährige Erfahrungen einbringen, sorgen sie für Kontinuität, Vertrauen und auch Spaß bei der Arbeit. „Wir alle profitieren von dem guten Betriebsklima. Das spiegelt sich auch an der großen Anzahl unserer Stammgäste wider“, stellt Jürgen Gangl fest. 

Die Gästezimmer wurden bereits Anfang der 90er-Jahre generalsaniert, die Bäder durch bauliche Veränderungen geöffnet, die Fassade wurde im Jahr 2004 mit Spiegelglas-Fenstern neu gestaltet. „Auch in den vergangenen zehn Jahren haben wir laufend und insgesamt alle Zimmer renoviert. In einem Haus dieser Größenordnung ist man nie fertig“, weiß Jürgen Gangl. Insgesamt 100 Millionen Euro sind in dieser Zeit in die Sanierung des Gesamtobjektes geflossen. 

Im kommenden Jahr sollen 16 neue Suiten in der 37. Etage entstehen. Die 25 Jahre alte Lobby, ein beliebter Treffpunkt für Städtereisende, soll luftiger und moderner, der Haupteingang in der Passage vergrößert werden. Auch die Entwicklung mit neu entstehenden Hotels am Alex schreitet voran. „Entweder man liebt den Alex oder man hasst ihn. Für mich ist das Haus an dieser Stelle nach wie vor faszinierend. Die Menschen und die Atmosphäre am Alex, der immer eine Baustelle und in Bewegung sein wird“, beschreibt Jürgen Gangl seine Arbeit in einer 45-jährigen Hotel-Institution im vereinten Berlin. 

Michaela Bavandi

 

64 - Herbst 2015