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20 Jahre Magazin

20 Jahre Berlin vis-à-vis

Für uns Berliner und alle, die es geworden sind, hat sich die Stadt in den letzten 20 Jahren stark verändert. Berlin boomt. Nie waren die Besucherströme so groß wie in diesem Jahr. Schillernd, laut, bunt, lebendig, weltoffen: Die deutsche Hauptstadt ist beliebt, ihre Bewohner nörgeln weniger als früher, sind besser angezogen. Berlin ist aber nicht nur Touristenhotspot und Hochglanzmetropole. Bekanntlich hat jede Großstadt viele Gesichter.

Seismograf der Sinne

Er zählt zu den bekanntesten und begehrtesten Fotokalendern der Welt: The Cal, der Pirelli Kalender. Anfangs als originelles Geschenk für ausgesuchte Kunden und VIPs kreiert, entwickelte er sich schnell zum Kultobjekt. Die Idee war einfach: Die britische Tochter des italienischen Reifenherstellers Pirelli suchte nach einem Weg, sich von Konkurrenten abzusetzen und erfand den Kalender. 1964 wurde er erstmals an Kunden verteilt – umsonst.

Daran hat sich nichts geändert, der Kalender ist nicht käuflich und wird nach wie vor nur an ausgewählte Freunde des Unternehmens verschenkt. Inzwischen hat sich der Kalender zum begehrten Kultobjekt entwickelt, ist zum Inbegriff erotischer Fotografie geworden. Dabei scheiterte der erste Versuch der Produktion. Das Konzept des Fotografen Terence Donovan, Fotos von Models aus den zwölf Weltregionen, in die Pirelli exportierte, in einem Kalender 1963 erscheinen zu lassen, arrangiert mit den jeweils meistverkauften Produkten, wurde erst einmal nicht veröffentlicht. Denn die schönen Frauen wirkten ein wenig verloren vor den Gokarts, Rollern und Landmaschinen. Daher wurde der Mythos, wie wir ihn kennen, erst ein Jahr später geboren: Fotograf Robert Freeman verzichtete einfach auf jeglichen Produktbezug. Er setzte auf klassische Pin-up-Motive: Frau in weißem Bikini am Strand oder Frau mit treuherzigem Blick, eine Hand in der weit geöffneten Jeansbluse. 2014 feierte der Reifenhersteller ein rundes Jubiläum, inzwischen reflektiert The Cal den aktuellen Zeitgeist, die Mode und gesellschaftliche Strömungen seit 52 Jahren. Im Laufe seiner Geschichte präsentierte er die schönsten Models, darunter Alessandra Ambrosio, Gisele Bündchen, Naomi Campbell, Laetitia Casta, Cindy Crawford, Penélope Cruz, Milla Jovovich, Heidi Klum, Angela Lindvall, Sophia Loren und Kate Moss. Zu verdanken ist der Erfolg aber nicht nur den gutaussehenden Models und den exotischen Orten, an denen sie fotografiert wurden. Die kluge Auswahl an Fotografen spielt eine weitere große Rolle. Der Taschen-Verlag hat nun einen 576 Seiten starken Bildband herausgebracht, der Nachdrucke sämtlicher Kalender von 1964 bis 2014 enthält, fotografiert u. a. von Robert Freeman, Helmut Newton, Richard Avedon, Peter Beard, Patrick Demarchelier, Nick Knight, Karl Lagerfeld, Inez van Lamsweerde und Vinoodh Matadin, Annie Leibovitz, Peter Lindbergh, Sarah Moon, Terry Richardson, Herb Ritts, Mario Sorrenti, Bert Stern, Mario Testino und Bruce Weber.

Als Bonus bieten sich dem Leser nie zuvor gezeigte Bilder, die während der Fotosessions entstanden, der unveröffentlichte Kalender von 1963 sowie eine Auswahl zensierter Bilder, die den Redakteuren zur damaligen Zeit zu gewagt erschienen. Der Band „Pirelli – Der Kalender. 50 Jahre und mehr“ wird so zu einer Zeitreise durch Epochen, Moden und Entwicklungen in der Fotografie. Und natürlich: Viele der Fotos sind so, wie man es sich vorstellt. Erotische Fotografie nach Schema F – Strand, mehr oder vorzugsweise weniger bekleidete Frauen. Dennoch ist diese Herausgabe ein Glücksfall. Denn einige Jahre bestechen durch Ästhetik oder kluge Konzepte.

Information:

Pirelli – Der Kalender. 50 Jahre und mehr, Philippe Daverio, Hardcover, 30 x 30 cm, 576 Seiten, € 49,99, ISBN 978-3-8365-5175-5, Mehrsprachige Ausgabe: Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch 
Erhältlich ab September 2015 
www.taschen.com

64 - Herbst 2015

Heilung aus dem Nichts

Sie ist eine Placebo-Geschichte, wie sie im Buche steht: Lessings Ring-Parabel. Welches ist der echte Ring von dreien? Der weise Richter urteilt: „Es eifre jeder seiner unbestochnen/ Von Vorurteilen freien Liebe nach!/ Es strebe von euch jeder um die Wette,/ Die Kraft des Steins in seinem Ring‘ an Tag/ Zu legen!“   

In der Quintessenz heißt das: Glaube an den Ring und handle danach, dann wird er seine wundersame Wirkung ganz von selbst entfalten. Ganz ähnlich  verhält es sich mit einem Scheinmedikament, einem Placebo. Übersetzt heißt der lateinische Begriff nichts anderes als „ich werde gefallen“.  Demzufolge geht es auch beim medizinischen Placebo-Effekt um  Glauben, Vorstellung und innere Überzeugung.  Professor Stefan Willich, Direktor des Instituts für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie an der Berliner Charité formuliert es so: „Der Placebo-Effekt wird als unspezifischer therapeutischer Effekt angesehen. Er lässt sich nicht auf bestimmte Substanzen und konkrete therapeutische Verfahren zurückführen, sondern umfasst Wirkungen, zu denen sowohl der Arzt selbst als auch der Patient beitragen, durch ihre jeweilige Einstellung, Empathie, Erwartungshaltung und weitere psychosoziale Faktoren.“

Placebos werden heute vor allem in pharmakologischen Kontrollverfahren eingesetzt. Doppelblindstudien sollen feststellen, wie wirkungsvoll ein Medikament ist. Dabei hat sich herausgestellt, dass der Placebo-Effekt überaus wirkmächtig ist, die inneren Heilkräfte des Menschen zu stimulieren. Denn die Medikamentenstudien zeigen oft erstaunliche Ergebnisse. Die Schein-Medikamente haben oft eine ähnliche Wirkung wie die tatsächlichen Arznei-Stoffe. Eine britische Studie zu Antidepressiva etwa hat gezeigt, dass sich die Wirksamkeit des wirklichen Arzneimittels bei leichten und mittelschweren Depressionen nicht signifikant vom Placebo-Niveau unterscheidet. Nur bei schweren Depressionen ist das tatsächliche Medikament dem Placebo überlegen. Eine andere Studie, veröffentlicht im Fachmagazin „Lancet“, kommt aus Australien. Darin wurde nachgewiesen, das Schmerzmittel Paracetamol hilft bei akuten Rückenschmerzen nicht besser als Placebo-Medikamente. Ergebnisse, die Schulmediziner lange zweifeln ließen. Mittlerweile ist unumstritten: Psychische und körperliche Veränderungen treten ein „aufgrund einer symbolischen Bedeutung, die man einem Ereignis oder einem Objekt in einem heilenden Kontext zuschreibt“, so formulierten es die US-amerikanischen Placebo-Forscher Howard und Daralyn Brody. 

Am besten untersucht ist die Wirkung von Placebos tatsächlich bei Schmerzpatienten. Neurologen konnten bestätigen, dass der Schmerzreiz auf dem Weg zum Gehirn im Rückenmark gestoppt wird. Dabei zeigte sich, Placebos wirken umso besser, je mehr therapeutischer Aufwand an den Tag gelegt wird. Das Verblüffendste, sogar Scheinoperationen können wirksam sein. Eine bekannte Studie zu diesem Thema ist die des amerikanischen Chirurgen Bruce Moseley. Er hatte zahlreiche ältere Menschen mit Knie-Arthrose durch Arthroskopien behandelt. Irgendwann ließ er es darauf ankommen. Er inszenierte die Operationen nur. Der Hälfte der Patienten ritzte er nur die Haut ein, anstatt sie wirklich zu operieren. Das erstaunliche Ergebnis, die zum Schein operierten Menschen waren mit dem Behandlungserfolg im Anschluss genauso zufrieden wie die tatsächlich Operierten. Ein klassischer Placebo-Effekt. Viele Kniegelenks-Operationen sind nicht wirklich notwendig, das konnte hierdurch auch gezeigt werden.  Manchmal heilen schon weniger invasive Therapien oder die Zeit. 

In genau diese Richtung gehen auch randomisierte kontrollierte Studien, die vor einiger Zeit am Institut für Sozialmedizin der Berliner Charité zum Thema Akupunktur bei Schmerzpatienten durchgeführt wurden. Prof. Stefan Willich berichtet von den überraschenden Ergebnissen: „Wir haben verschiedene Gruppen gebildet, eine Gruppe wurde mit ‚richtiger‘ Akupunktur behandelt, eine andere nur mit Scheinakupunktur an den ‚falschen‘ Akupunktur-Punkten. Dabei war erstaunlich, wie groß die unspezifischen Effekte waren. Beide Akupunkturgruppen haben fast genauso gut abgeschnitten“. Deutlich schlechtere Ergebnisse zeigten sich allerdings bei einer Kontrollgruppe, die nur mit Medikamenten versorgt wurde. Für die gesetzlichen Krankenkassen setzte damit ein Umdenken im Bereich Naturheilverfahren ein. Menschliche Zuwendung trägt dabei ganz entscheidend zur Heilung bei. Das haben auch Studien zur Homöopathie bestätigt. Ein großer Teil des Heilungserfolgs kommt durch die zeitaufwendigen Vorgespräche zustande. Der Mensch fühlt sich als ganzer gesehen und wahrgenommen. Ein tiefes Vertrauen in die Behandlung stellt sich ein. Genauso ist aus der Psychotherapie bekannt, welchen Einfluss die Beziehung zum Therapeuten auf den Behandlungserfolg hat, ganz unabhängig von der jeweils angewandten Methode. Empathiefähigkeit, vielfach sogar Humor kann in diesem Zusammenhang Heilung befördern.

Wie die Beispiele zeigen, muss man vom Placebo-Effekt in der Mehrzahl sprechen, denn es gibt verschiedene Placebo-Effekte. Die Untergruppen wären der Placebo-Effekt in Bezug auf die biomedizinische Behandlung, daneben gibt es Effekte auf die psychotherapeutische Behandlung und die Selbstheilung, etwa durch Meditation. Eine in den letzten Jahren viel größere Offenheit der Mediziner diesem Ansatz gegenüber konstatiert auch Prof. Stefan Willich: „Wir sind mittlerweile so weit, dass wir in der Ärzteschaft überlegen, wie wir den Placebo-Effekt zugunsten der Patienten gezielter nutzen und in der Praxis einsetzen können.“   

Karen Schröder

 

64 - Herbst 2015

„Weissensee“ geht weiter

Die bei Publikum und Kritik gleichermaßen beliebte, hoch geschätzte und auch international erfolgreiche ARD-Serie „Weissensee“ ist noch lange nicht auserzählt. Das sagt die Produzentin Regina Ziegler, und die Zuschauer freut die Botschaft, denn hier handelt es sich um Qualitätsfernsehen, wie wir es uns leider oft vergeblich wünschen. 

Der spannende Stoff rund um die deutsche Teilung und die lang ersehnte Wiedervereinigung wird dank stimmiger, atmosphärisch überzeugender Drehbücher hochspannend erzählt, hervorragend ins Bild gesetzt und von einer Elitetruppe deutscher Schauspieler aus Ost und West ebenso überzeugend wie ergreifend dargestellt. Regina Ziegler und die MDR-Intendantin Prof. Dr. Karola Wille präsentierten im Kino der „Kulturbrauerei“ die 3. Staffel in Anwesenheit der Schauspieler Florian Lukas, Uwe Kockisch, Ruth Reinecke, Jörg Hartmann, Anna Loos, Katrin Sass, Lisa Wagner u. a. Sie wurde vom 29. September bis zum 1. Oktober in drei Doppelfolgen ausgestrahlt. Aber Regina Ziegler verriet, dass sich die Zuschauer zumindest auf eine 4. Staffel freuen können, da sie sich bereits in Vorbereitung befindet.

Die Erfolgsproduzentin ist durch das vierjährige Krebsleiden ihres Gatten, des Regisseurs, Autors und Produzenten Wolf Gremm, und seinen Tod am 14. Juli deutlich gezeichnet. Sie hat stark abgenommen. Dennoch steckt sie voller Tatendrang. Sie freut sich auf die weitere Zusammenarbeit mit der Drehbuchautorin Annette Hess und dem Regisseur Friedemann Fromm, für die Volker Herres (Programmdirektor Erstes Deutsches Fernsehen) bereits grünes Licht erteilt hat. 

Wie Regina Ziegler sagt, gibt es für sie nur eine einzige Kraftquelle nach dem Tod ihres Mannes: „Arbeit, Arbeit, Arbeit!“ Am Tag nach der Präsentation der 3. Staffel „Weissensee“ in der „Kulturbrauerei“ flog sie mit einem kleinen Kreis enger Freunde nach Mallorca, um die Asche Wolf Gremms dort dem Meer zu übergeben. Sie hatte die ganze Zeremonie vor dem Tod ihres Mannes mit ihm abgesprochen und ein Segelschiff dafür gemietet. „Es wird alles so sein, wie Wolf es sich gewünscht hat“, sagt sie.

Danach wird sie erneut ans Werk gehen, um die Geschichte der deutschen Wiedervereinigung mit all den ergreifenden Schicksalen von Menschen, die wie auch sie selbst durch tiefes Leid gehen mussten, um irgendwann wieder Licht zu sehen, in wahrhaftiger Weise weiterzuerzählen. 

Gudrun Gloth

 

64 - Herbst 2015
Magazin

Der Mann, der für die Frauen steht

Bernd Schröder ist seit 1971 Trainer der Fußballerinnen von Turbine Potsdam. Nach 45 Jahren verlässt er im nächsten Sommer den Verein.

Der Mann will zum Abschied keinen Blumenstrauß. „Und auch nicht so einen silbernen Teller oder so was Ähnliches. Das habe ich dem Niersbach ganz deutlich gesagt“, legt Bernd Schröder kategorisch fest. Und wenn er das vom mächtigen Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes fordert, dann muss das eingehalten werden.

Dabei ist Bernd Schröder einer, dem selbst die strengen britischen Hüter des Guinness-Buchs der Rekorde einen Eintrag nicht verweigern könnten. Kein Fußballtrainer auf der ganzen Welt hat einen Verein mehr und länger geprägt als der Mann, von dem alle Welt mittlerweile annimmt, dass er ein Ur-Potsdamer sei. Nach der Geburt in Travemünde, der frühen Jugend in Sachsen-Anhalt, dem Studium in Freiberg, der sportlichen Aktivität in Leipzig und dem Berufsbeginn in Potsdam übernahm er hier gleich das Traineramt einer noch nicht einmal existierenden Fußballmannschaft.

Um diesen Zeitabschnitt gibt es so viele Histörchen und Anekdoten, dass Schröder lieber selbst erzählt. „1971, ich war in leitender Position beim VEB Energieversorgung in Potsdam angestellt, hing ein Zettel an der Betriebswandzeitung. 40 Mädchen hatten eine Sektion Frauen-Fußball gegründet und suchten einen Trainer“, erinnert er sich. Den Rest muss der einstige Torwart von Lok Leipzig nicht hinzufügen. Seitdem ist der heute 73-Jährige für das Wohl und Wehe der Potsdamer Fußballerinnen verantwortlich.

Nun hat der gelernte Schlosser und studierte Diplomingenieur seinen Rücktritt nach der gerade beginnenden Saison angekündigt. Das empfinden viele so, als wenn Fidel Castro aus Kuba in die USA emigriert oder Elizabeth II. gemeinsam mit dem Papst zum Islam übergetreten wäre. Unmöglich! „Doch“, versichert Schröder und unterstreicht das mit einer eindeutigen Geste: „Ich hatte 45 Jahre Zeit und werde im nächsten Sommer ein bestelltes Feld hinterlassen.“ Deswegen wurde vor dieser Saison das Funktionsteam von Turbine Potsdam ebenso umgekrempelt wie der Stab der Trainer-Assistenten, die ab Juli 2016 allein klarkommen müssen. „Ich ziehe mich zurück. Wenn, dann richtig. Ich bin nicht mal sicher, ob ich noch viele Spiele der Mannschaft im Stadion anschauen werde.“

Bernd Schröder ist in seiner ewig währenden Amtszeit mehr als ein Übervater des Vereins geworden. Seine Anwesenheit, so fürchtet er, würde deshalb nach dem Rücktritt stets Spekulationen auslösen in der Art: „Schau mal, der Alte ist wieder da. Bald wird er das Ruder wieder übernehmen.“ Außerdem seien die Nachfolger dann womöglich beunruhigt und würden sich beobachtet fühlen. Das will Bernd Schröder nicht.„Man soll sich nicht so wichtig nehmen“, bemerkt er wie beiläufig, weiß aber, dass Turbine Potsdam in dieser Meisterschaft vor allem wegen seiner Rücktritts-Ankündigung unter besonderer Beobachtung steht. „Wir können mit Mannschaften wie dem VfL Wolfsburg und Bayern München nicht mithalten, sowohl was die individuelle Stärke der Spielerinnen als auch den finanziellen Hintergrund angeht. Die beiden Vereine haben sich richtig vollgesaugt“, beobachtet der Altmeister das Kräfteverhältnis. Aber klein beigeben wird Turbine nicht. „Wir setzen auf mannschaftliche Geschlossenheit und unsere familiäre Atmosphäre. Eine Spielerin, die zu uns kommt, muss für den Verein brennen, nicht nur für die Sache“, impft Schröder all seinen Kickerinnen, die seine Enkelinnen sein könnten, von Beginn an das Wir-Gefühl ein.

Nur so war Turbine Potsdam auch nach dem Ende des DDR-Fußballs eine Macht. Nach sechs Meistertiteln im Arbeiter- und Bauernstaat gewannen die Torbinen, wie sie sich selbst liebevoll nennen, auch sechs gesamtdeutsche Titel, wurden dreimal Pokalsieger und 2010 erster Gewinner der Champions League sowie fünf Jahre zuvor Triumphator im Vorläufer UEFA-Cup. Mit den Trophäen im renommierten DFB-Hallenpokal holte die Schröder-Mannschaft im vergangenen Jahrzehnt 19 große Titel.

Wenn alljährlich in den Medien steht, dass die Vereine des Ostens den Anschluss im Fußball verpasst hätten, verweist Bernd Schröder auf Turbine Potsdam. „Die Handballer des SC Magdeburg und wir sind die einzigen verbliebenen Leuchttürme aus der Ära der großen DDR-Mannschaften“, ist er ebenso traurig wie stolz. Besonders freut er sich dann, dass es trotz vieler Versuche von außerhalb gelungen ist, den Namen Turbine – in DDR-Zeiten Hinweis auf den Trägerbetrieb aus der Energiewirtschaft – beizubehalten. „Tradition wird in unserem Verein richtig großgeschrieben. Wir verleugnen unsere Vergangenheit nicht. Das kriegen die Mädchen sehr schnell mit“, sagt er und verweist darauf, dass Turbine mittlerweile der älteste Name der Welt für einen Frauen-Fußballverein ist.

Im Gegensatz zu den emporgekommenen Geld-Mannschaften bei den Frauen wie VfL Wolfsburg und Bayern München, die Schröder Jahr für Jahr die besten Spielerinnen weglocken, übt sich Turbine in Bescheidenheit und pflegt die Nähe zu den Fans. Mit Erfolg, denn der DFB weist die Potsdamerinnen nach jeder Saison als Zuschauer-Krösus der Bundesliga aus. Zu den stets mehr als 2 000 Besuchern im traditionsreichen Karl-Liebknecht-Stadion von Babelsberg zählen oft auch der ehemalige Brandenburger Ministerpräsident Matthias Platzeck, ein enger Freund Bernd Schröders, und der frühere DFB-Boss Theo Zwanziger, die beide Vereinsmitglied sind.

Mit Bernd Schröder verliert im nächsten Sommer nicht nur Turbine sein jahrzehntelanges Aushängeschild, sondern auch die Bundesliga ihr markantestes Gesicht. Der aktuelle DFB-Chef Wolfgang Niersbach sagt: „Mit Bernd Schröder geht ein ständiger Mahner vom Schiff, dem immer das Wohl des Frauenfußballs am Herzen lag.“ Und lachend zum Altmeister ergänzt er: „Du hättest auch ruhig mal was Positives über den DFB sagen können.“

Auch das zeichnet Schröder aus. Er war und ist ein Mann mit Ecken und Kanten, der seine Meinung immer klar formulierte. Legendär sind seine Zwistigkeiten mit der ebenfalls scheidenden Bundestrainerin Silvia Neid, die den Potsdamer zu einer Art moralischer Instanz des Fußballs werden ließen. Wobei von der Neid-Seite gestreut wurde, dass Schröder nach ihrem Job schiele. „So ein Blödsinn. Ich hatte in der DDR beruflich alle Freiheiten, um mich um den Sport zu kümmern. Jetzt habe ich das als Vorruheständler und später Pensionär weitergemacht und nie einen Pfennig Geld dafür bekommen.“ Schon deswegen sei die Annahme irrig, er schiele auf den Posten des Bundestrainers. „Ich werde mir doch mein eigenes Denkmal nicht zerstören“, lacht Bernd Schröder.

Dass er sich in zwölf Monaten langweilen wird, streitet der Trainer ab. „Ich habe so viele andere Interessen“, sagt er. „Und ich werde mal ein Buch schreiben. Keine Biografie, das wird nie passieren. Aber ich kenne so viele Geschichten aus dem Frauenfußball, die würde ich anderen gern mitteilen.“ Zu Hause wird ihm die Decke nicht auf den Kopf fallen. Für seine Frau, mit der er 47 Jahre verheiratet ist, wird es aber wohl eine Umstellung. „Vielleicht“, sinniert Bernd Schröder, „ist Ulrike nicht so begeistert, wenn ich hier aufhöre.“ 

Hans-Christian Moritz

 

64 - Herbst 2015
Sport

Traumziel erreicht

Mit der neuen Wohnung im Szenebezirk Prenzlauer Berg nahe am Kollwitzplatz ist ein großes Problem gelöst. „Berlin ist so eine Traumstadt, da kündigen sich immer wieder Freunde, Verwandte, die Eltern oder Geschwister an, um mal zu kommen. Jetzt haben wir ein großes Zimmer mehr – da ist das Übernachten kein Problem mehr“, schildert Frida Tegstedt mit Blick auf das schöne Altbau-Zuhause in einer Gegend mit ungezählten Gaststätten, Kneipen und Cafés.

Und die Bekannten der beiden Füchse-Profis sind zahlreich. „Meine Eltern waren schon zu mehreren Spielen hier, meine Schwester auch“, fügt ihr Freund Jesper Nielsen hinzu. Seine Schwester hat früher genauso Handball gespielt wie Bruder und Schwester von Frida. Auch gegenseitig besuchen die beiden ihre Auftritte in den verschiedenen Berliner Hallen. Dabei ist es für Frida leichter, ihren zwei Meter großen Freund im überschaubaren Publikum der Füchse-Frauen zu sehen. „Bei den Männern ist das schwierig, aber Jesper muss immer wissen, wo ich sitze. Einmal hat er das nicht gleich mitgekriegt und im Spiel immer suchend auf die Ränge geschaut“, verrät Frida, die wie ihr Freund auf der Position in der Kreismitte spielt.

Ein Pärchen sind die 28 Jahre alte Göteborgerin und der zwei Jahre jüngere Hüne aus Norrköping schon seit acht Jahren. „Es hat gleich gefunkt“, erinnert sich Frida an das erste Treffen der beiden Nordländer mit den leuchtend blauen Augen bei den Junioren-Meisterschaften, als Jesper noch für HP Warta spielte und sie für IK Sävehof auflief, zu dem er danach wechselte. Das passierte aber nicht nur der Liebe wegen, der Göteborger Verein ist im schwedischen Handball das Maß aller Dinge, und Jesper Nielsen war mittlerweile ein begehrter Mann am Kreis. „Dabei war das früher gar nicht meine Position. Aber für den Rückraum war ich auf Dauer wohl zu langsam“, gibt der Blondschopf zu.

Nach vier erfolgreichen Jahren in Göteborg erreichte Nielsen der Lockruf von den Füchsen. „Das war ein Traum. Ich habe schon als kleiner Junge zu meinem Vater gesagt, dass ich einmal in der Bundesliga spielen werde.“ Damals allerdings noch unter anderen Voraussetzungen. Denn Jesper gehörte als Jugendlicher zu den besten Tischtennisspielern seines Landes und war in allen Altersklassen unter den Top 12. „Ja, das stimmt. Und da war Düsseldorf die Mannschaft, von der ich träumte. Aber dann bin ich für Tischtennis zu groß und zu schwer geworden. Der Traum von der Bundesliga blieb, nur ging er in Handball über.“

Das ist nicht verwunderlich, denn anfangs konnte sich Nielsen in der Heimat nicht vom Handball ernähren. Was auch an der Medienpräsenz liegt. „Da kommt erst Zlatan Ibrahimovic, dann Fußball, dann wieder Zlatan, dann Eishockey und dann nach dem Wintersport auch der Handball“, klagt Jesper. „Ich habe deshalb zu hundert Prozent gearbeitet, und erst nach Feierabend trainiert“, erinnert er sich an die Anfänge, als er in einer Reinigungsfirma angestellt war und zusätzlich noch ein Jahr als Betreuer in einer Kindereinrichtung jobbte. „Ich mag Kinder und kann gut mit ihnen“, sagt er und erntet einen Seitenblick seiner Freundin. „Nein, nein, nicht falsch vestehen. Wir haben damit noch Zeit. Jetzt steht der Handball an. Hochzeit, ja vielleicht, aber für die Kinder haben wir dann noch ein ganzes Leben Zeit“, wiegelt Frida ab. Während Jesper neben dem Handball rackerte, hat sie alle möglichen Sportarten ausprobiert. „Fußball, Tennis, Golf – ich habe mich in allem versucht. Doch seit ich 15 bin, spiele ich nur noch Handball. Anfangs im Tor, das wundert mich heute noch.“ Nebenbei hat Frida ihr Studium der Architektur abgeschlossen und ein Fernstudium der Literatur begonnen. Man muss ja auch an die Zeit nach dem Sport denken, wobei die Schwedin ihr erstes Jahr als Profi in Deutschland genoss. „Berlin ist so eine tolle Stadt, da habe ich immer was zu tun. Nicht nur Shoppen oder in eines der vielen Cafés gehen, auch die Stadt kennenlernen, Museen anschauen – das mag ich sehr.“

Und so genießen die beiden ihre Zweisamkeit in Deutschland, an der Jesper seit seinem Wechsel zu den Füchsen feilte. „Wir haben geschaut, wo Frida spielen könnte. Es kam aber nur erste Liga infrage wegen der Nationalmannschaft. Frankfurt hatte sich gerade finanziell abgemeldet, Leipzig war zu weit. Zum Glück sind die Füchsinnen aufgestiegen, das passte wunderbar“, schwärmt Jesper und nimmt seine Freundin in den Arm. Mit der deutschen Sprache freundeten sich beide schnell an. „Ich hatte das ja schon in der Schule, du ja auch“, nickt er Frida zu. „Aber ich glaube, ich war darin der Schlechteste an der ganzen Schule.“

Als sehr passend empfinden die beiden, dass in ihren Mannschaften weitere Schweden spielen. „Wir quatschen viel“, umschreibt Frida ihr Verhältnis zu Daniela Gustin, was im Verein finanziell folgenlos ist. Jesper hat hier so seine Probleme im Umgang mit den Landsleuten Fredrik Petersen und Mattias Zachrisson. „Es kommt vor, dass ich in die Kabine komme und einen der beiden als ers-
ten sehe. Da fange ich natürlich an, was auf Schwedisch zu sagen.“ Das aber ist bei der strengen Hierarchie im Team verboten – Amtssprache ist Deutsch. Und weil Kassenwart Silvio Heinevetter überall lauert, ist Jesper mehr Zehn-Euro-Scheine für diese Vergehen los, als ihm lieb ist.

Doch nicht nur mit den Landsleuten, mit der ganzen Mannschaft finden die Schweden guten Draht. „Man trifft sich ja als Sportler immer mal wieder“, wissen beide. So hat Jesper Nielsen schon in Sävehof ein Jahr mit Kent Robin Tönnesen das Göteborger Trikot getragen. Und weil er mit dem Norweger dort eine Fahrgemeinschaft bildete, setzt man das in Berlin fort. „Wir haben früher schon mal 50 Meter entfernt gewohnt, jetzt ist es nicht viel mehr. Das hat den Vorteil, dass Frida mit unserem Auto zum Training fahren kann. Ich habe dafür ja Taxi-Tönnesen, was der aber gar nicht gerne hört“, lacht Nielsen und räumt eine Sache aus der Welt, die sich für Schweden so hartnäckig hält wie die Symbiose zwischen Holländern und Campingwagen. „Dass ich manchmal zu IKEA gehe, nur um Köttbullar zu essen, ist Quatsch. Bei uns gibt es das manchmal, weil es schnell geht und trotzdem schmeckt. Aber süchtig nach diesen kleinen Hackfleischbällchen bin ich nun wirklich nicht.“ 

Hans-Christian Moritz

 

64 - Herbst 2015
Sport