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Das Phänomen Menzel

Anlässlich seines 200. Geburtstages konzentriert sich das Märkische Museum in seiner Jubiläumsausstellung auf das Frühwerk Adolph Menzels, der sich vom ausgewiesenen Kunsthandwerker und passionierten Zeichner zum Berliner Jahrhundertmaler emanzipierte. 

Wegen seiner geringen Größe, laut seinem Reisepass noch unter einem Meter fünfzig, bezeichnete ihn Theodor Fontane als „ganz grandiosen kleinen Knopp“. Sogar „Gnomenhaftigkeit“ wurde ihm bescheinigt, weswegen ihm zwar Militärdienst erspart blieb, er aber von Beginn seines Lebens an eine Art Außenseiterrolle spielte. So war Adolph Menzel, der Zwergwüchsige, gezwungen, sich auf andere Weise zu emanzipieren. 

Sein besonderes Zeichentalent wurde früh entdeckt und bereits als Jugendlicher arbeitete er in der Lithografiewerkstatt seines Vaters mit. Nach dem Umzug der Familie von Breslau nach Berlin und dem Tod des Vaters führte der junge Menzel die Werkstatt selbstständig weiter und entwickelte im Laufe der Jahre jene außergewöhnlich feine Druckgrafik, die thematisch seine späteren berühmten Ölgemälde vorwegnahm. Fünfunddreißigjährig avancierte er schließlich sehr zielstrebig zum gefragten Historienmaler. Darstellungen der Hohenzollern brachten ihm  die Anerkennung des preußischen Hofes, seine fantasievollen, hintersinnigen und humorvollen Lithografien, atmosphärischen Landschaftsgemälde, Städtebilder und Porträts die Zuneigung und Treue seiner Freunde, Malerkollegen, Förderer und Kunstsammler. Menzel entwickelte sich zu einem der bedeutendsten deutschen Realisten des 19. Jahrhunderts und zu einem universellen Maler, der weniger ideologisch dachte. Eher viele Seiten bediente, je nachdem, welchen Auftraggebern er gerecht werden wollte oder welche Anforderungen er an sich selbst stellte. Dabei agierte er stets mit dem Blick des Künstlers, des genauen Beobachters. Und zu beobachten gab es im 19. Jahrhundert zuhauf: von der Verherrlichung der preußischen Könige, der Darstellung der biedermeierlichen Idylle bis hin zur Industrialisierung und Modernisierung Berlins. „Sich aus allem eine künstlerische Aufgabe machen“ lautete denn auch sein Lebensmotto. Oftmals unter Zuhilfenahme eines Podests, Stuhls oder einer Leiter, denn aufgrund seiner geringen Körpergröße konnte er manchen Objekten seiner künstlerischen Begierde nur in dieser Weise auf Augenhöhe nahekommen. Dass er auch so zum Malerstar und Jahrhundertkünstler werden konnte, gehörte mit zu seinem persönlichen Lebensentwurf. Das war er nicht zuletzt seiner Größe schuldig. Am Ende wollte er sich gar sein eigenes Denkmal setzen mit Selbstdarstellungen der besonderen Art, indem er sich in den verschiedensten Posen und Aufmachungen fotografieren ließ. Überaus selbstbewusst betitelte er seine Autobiografie mit „Ich“. Für das Märkische Museum Anlass, die sehr persönlich gehaltene Ausstellung „Ich. Menzel“ anlässlich seines 200. Geburtstages einzurichten. Sie zeigt vor allem das Frühwerk Menzels und zeichnet in eindrucksvoller Weise den Werdegang des Künstlers vom exzellenten Lithografen zum Historienmaler nach. Gezeigt werden rund zweihundert Objekte, wobei die Menzel-Bestände des Märkischen Museums und des ehemaligen Berlin Museum erstmals vereint sind. Während der Besucher die berühmten Gemälde Menzels, beispielsweise das „Flötenkonzert Friedrichs des Großen“ oder das „Eisenwalzwerk“ vor seinem inneren Auge hat, kann er nun in der Ausstellung des Märkischen Museums dem „Phänomen Menzel“ näherkommen: wie das Ursprüngliche seiner künstlerischen Handschrift durch das lithografische Druckverfahren wiedergegeben wird. Die Ausstellung führt auch in sein letztes Atelier in der Sigismundstraße 3 im Tiergarten. Dort trafen gelegentliche Besucher und Gäste auf einen mürrisch gewordenen Alten, skurril-sperrigen Außenseiter, der allerdings in Berlin längst Kult war. Vor seiner Ateliertür warteten manchmal alte Männer und Frauen, die sich als Modelle anboten, berichtete ein Malerkollege. Das selten beheizte Atelier selbst war übersät mit Papieren, Totenmasken, Gipsabgüssen und kleineren Bildern. Auf historischen Fotos ist auch sein legendärer Barockstuhl zu sehen, der im Atelier an exponierter Stelle steht und der für Menzel offensichtlich eine besondere Bedeutung hatte: Symbol für ein Jahrhundert, oder als Fetisch, der zur Selbstinszenierung des Künstlergenies gehörte – und vielleicht den Nachgeborenen Rätsel aufgeben sollte. Erfreulicherweise ist der Stuhl im Original in der Ausstellung zu sehen.

Neben dem Atelier befand sich noch ein kleinerer Raum, den Menzel sein „Aller-Heiligstes“ nannte. Umsichtig verwahrte er dort seine Zeichnungen, Skizzenbücher, wichtige Schriftstücke und Briefe. Ein geordneter Nachlass war dem Berliner Malerstar des 19. Jahrhunderts genauso wichtig wie die künstlerische Anerkennung weit über seinen Tod hinaus. 

„Altmeister Adolph Menzel ragt noch heute wie ein Jüngling über alle Strömungen hinweg, die sich seit einem halben Jahrhundert in der Malerei geltend gemacht haben“, heißt es bereits zu Lebzeiten in der ersten Ausgabe von „Berliner Leben. Zeitschrift für Schönheit und Kunst“ aus dem Jahr 1898. Dass die Nachwelt ihn allerdings ausschließlich unter „Ausschluss des Anekdotischen“ sehen sollte, war ein frommer Wunsch von ihm.

Reinhard Wahren

 

Information

Ich. Menzel
Bis 28. März 2016
Märkisches Museum, 
Am Köllnischen Park 5, 10179 Berlin
Begleitprogramm unter: 
www.stadtmuseum.de

 

65 - Winter 2016
Kultur

Aktivitätszone, Ankerplatz, Lieblingsmöbel

Das Sofa lädt zum Lesen ein, zum Träumen, Lümmeln und Plaudern in fröhlicher Runde und ermöglicht sogar ein Herumtoben. Erwachsene verbringen durchschnittlich vier Stunden pro Tag darauf, Kinder benutzen es vorzugsweise als Trampolin. Das Sofa ist ein Sowohlalsauch-Ding und verfügt über Charme und Weisheit; manche Exemplare überzeugen wahlweise durch Sachlichkeit, Grandezza oder auch Ironie wie das Edelstahlsofa (Foto) des englischen Stahl-Künstlers Ron Arad.

Auch wenn es längst schon eine enorme Produktvielfalt gibt und Sofas wahlweise auch Couch genannt werden und sich aus Bänken und Sesseln oder parallel dazu entwickelt haben, um mindestens zwei, besser drei und bald vier bis sieben Menschen auf einmal einen angenehmen Aufenthalt zu ermöglichen, wird die Frage jährlich neu gestellt: Wie will und vor allem wie kann der Mensch auf einem Sofa sitzen oder liegen? Wie kann er liegesitzen und die Beine über die Armlehne baumeln lassen oder weit von sich strecken? Wie Haltung zeigen, aufrecht oder hingehaucht? Das Dasein auf dem Sofa scheint eine philosophische Frage. Auf jeden Fall ist es eine soziokulturelle, die den Benutzerwandel nachzeichnet: Vom Müßiggang des Adels zur gepflegten Unterhaltung des Bürgertums über das Familiensofa des 20. bis zu den Relaxlandschaften des 21. Jahrhunderts. Der Begriff Sofa stammt vom arabischen Suffa, was Ruhebank bedeutet. Er hat im Sprachalltag das französische Canapé hinter sich gelassen und duldet die Couch als Synonym. Der englische Begriff, unschwer zu erkennen, hat wiederum französische Wurzeln. Die Sprache folgt der Gemütlichkeit über die Grenzen.

Der Designer Hans Hopfer hatte schon 1970 alle Konventionen des anständigen Sitzens bzw. die Fokussierung auf westliches Sitzverhalten über Bord geworfen und mit seinem Sofa „Mah Jong“ einer postachtundsechziger Lässigkeit die Spielwiese kreiert. Das von der Pariser Firma Roche Bobois bis heute als Bestseller verkaufte, mannigfach wandelbare bodennahe Loungemöbel ist ein west-östlicher Diwan, der aus der Kombination dreier Grundelemente variiert werden kann. Genügend Raum ist allerdings nicht allein nur eine Voraussetzung, um die ausladenden Dimensionen gut positionieren zu können, sondern auch den meist überaus farbenfrohen Mustermix in Schwingung zu versetzen. Und wer obendrein beim Update von Budget und Preis Schwindelgefühle erlebt, kann sich als Selfmade-Avantgardist versuchen. Vermutlich ist selten ein Sofa häufiger kopiert worden. Wahlverwandt ist das ebenfalls aus den Siebzigern herrührende Sofa „Togo“ von Michel Ducaroy, das sich als Statement am           liebsten in Knallrot im Zimmer präsentiert. Ein regelrecht disziplinierender Gegenpol zu diesen bodennahen und raumgreifenden Laissez-faire-Positionen sind neben puristischen Möbeln in pudrigen Farbtönen mit betont niedrigem Rückenteil, schmalen linearen Sitzflächen und exakten geradlinigen Füßen auch Alkovensofas. Allein durch ihre hohen Rückenlehnen und aufrechten Armseiten definieren sie das Raumgefühl. Im wahrsten Sinne des Wortes wird hier nicht gestanden, sondern gesessen, mit dem Rücken zur Wand und dem Gesprächspartner die volle Aufmerksamkeit schenkend, denn eine rückwärtige Geräuschkulisse ist nicht mehr von Interesse. Die Designerin Inga Sempé hat für Ligne Rosé mit „Beau Fixe“ ein elegantes Sofa entwickelt, das wie aus zwei Ohrensesseln zusammengefügt erscheint. Von ihr stammt auch der schöne hybride Entwurf „Ruché“. Ein hölzernes Untergestell, einer schlichten Sitzbank abgeguckt, und ein gesteppter Überwurf verschmelzen zu einem charmanten Möbel, in dem es sich eher sitzt als liegt. Neben der kantigen oder fließenden Eleganz  zeigen sich aber auch zunehmend organische, rundliche, objekthafte Formen. Die Designbrüder Ronan & Erwan Bouroullec haben mit „Ploum“ eine ovale Kuschelzone designt, die haptisch und ergonomisch hält, was die Lautbildung des Namens verspricht. Es ist eine Melange aus Pop-Design und Chesterfield.

Wie sieht politisch korrektes Sitzen oder eben symbolisch im Sinne eines Statements aus? Klaus Wowereit hat die Talkrunde „Bei Klaus zuhaus“ ins Leben gerufen und sitzt auf einem englischen Clubsofa, einem Zweisitzer, halb lässig, halb aufrecht, irgendwie zwischen akkurat und entspannt und lädt Gäste zum Gespräch in einen renommierten Berliner Club. Eine andere Position vermittelte das Doppelporträt Gysi-Wowereit, das der Fotograf Stefan Maria Rother 2001 schoss. Nichts ist hier Zufall. Er hat die beiden Politiker bildmächtig auf ein opulentes rotes Sofa platziert. Im Hintergrund wächst gerade das neue Berlin. 

„Bitte auf die Couch!“, so lud Sigmund Freud seine Patienten in der Wiener Bergstraße zur Selbstfindung. Das Unterbewusstsein breitet sich offenbar auf einer Couch, niemand sprach in diesem Zusammenhang vom Sofa, entspannter aus, es dringt an die Oberfläche und vermag alles Bedrängende leichter wegzuschieben, so als wäre es nichts weiter als eine zu tief hängende Wolke. Aber was hat das wiederum mit „Couch-Potatoes“ zu tun? Das Wort nebst Illustrationen ließ sich Anfang der Siebziger der Amerikaner Robert D. Armstrong patentieren. Es ist ein ironischer Kommentar, der mit einer Verweigerungshaltung assoziiert wird. Schlabberlook und Schlabberhaltung kommen in den Sinn, schlapp vorm Fernseher baumeln und Herumzappen bis die Kartoffelchips weggeputzt sind. So weit das Klischee moderner Trägheit, die den Katholiken als Acedia, die siebente, das Selbst zerstörende, Todsünde gilt. Aber kann es denn Sünde sein, sich mal eine Auszeit und etwas Ruhe zu gönnen? Das eine ist eben nicht das andere! Und überhaupt ist das moderne Sofa keine Ruheinsel per se, sondern eher eine Aktivitätszone: Hier trifft sich die Familie zum Zusammensein, was heute einschließt, dass jeder macht, was ihm beliebt. Die Nähe zählt. Wie schön ist es etwa, mit dem Komponisten Eric Satie einer unendlich langsam verlaufenden Zeit zu lauschen.

Die Bauhaus-Generation hatte das ultraweiche Einsinksofa ebenso überwunden wie die Zierlichkeiten in Samt und Seide.  Eher gab es eine Art Day-Bett, hart genug, um flugs wieder in die Senkrechte zu kommen. Le Corbusier entwickelte seine stahlrohrgebogenen Quadratformen LC 2 und LC 5 fürs bequeme und klar dimensionierte Sitzen. Überbreite Fläzsofas, standardisierte Sofaecken in beigebraun und auch die familienfreundlichen hellen skandinavischen Sitzbereiche mit Weichholzgestellen waren die Vorläufer der entfesselten Bequemlichkeitskultur, für die namhafte Designer und Firmen in jedem Jahr neue technologische Innovationen bereithalten. Es geht nicht nur um Höhe, Breite, Tiefe, um organisch, rundlich oder eckig, um Bein oder Kufe, nicht allein um die ergonomischen Grundprämissen und daraus folgende Basislooks. Es geht um Inhaltstoffe wie Daunen, Rosshaar, Kaltschaumverbindungen, um Verarbeitungsqualitäten bei Sandwich-Verleimung weicherer und mittelweicher Schaumstoffe oder Kassetten, um handwerkliches Know-how für Gurtunterfederung, handgesteppte Falten und Koffernähte und schließlich im Avantgardebereich um komplexe Formungstechnologien und Adaptionen. Auch um distinktionsfähige Zentimeter, die hinzugefügt oder weggespart werden. Ein Standardmodell kann heute in 300 Varianten geliefert und so zum „Unikat“ werden. Überhaupt sind „modular“ und „multifunktional“ die Trendwörter von De-   signern und Inneneinrichtern und natürlich auch der Sofahersteller, die den mannigfaltigen individuellen und interkulturellen Bedürfnissen gerecht werden wollen. Chesterfield-Sofas mit ihren geknüpften Rauten erlauben Zigarre und Gespräch. Die Franzosen sitzen lieber auf weichem Grund, und die deutschen Hersteller geben Halt, derweil Italiener von Minotti bis B&B Italia Klassik stilisieren und maßgenau schneidern, als ginge es um edle Anzüge. Die Dänen haben ein Sofa in Rosé, das es ob seiner Länge von 51,4 Metern mit 104 Sitzplätzen ins Guinness-Buch der Rekorde geschafft hat. Es hat nicht jeder einen Benz zu Hause. Aber die Firma Rolf Benz, die deutsche Luxusmarke der Sofaproduzenten, feiert ihren 50. Geburtstag mit dem Jubiläumssofa RB 50; „das Einzel-, Anreih- oder Ecksofa“, wie es in der Fachsprache heißt, wurde 2015 für den German Design Award nominiert. Sitzen oder liegen? Die Frage wurde seinerzeit mit der Erfindung der Chaiselongue beantwortet. Zweifelsohne sieht ein solches Möbel im Raum charmant aus. Aber der Benutzer fühlt sich wie abgelegte Garderobe oder wie ein ewig rutschender Rock. Es muss auch anderen so gegangen sein, denn die Chaiselongue, auch als Ottomane bekannt, wurde zu Schlafsofas und Multifunktionsteilen mit allerhand Hebeln und Knöpfen transformiert. Sie verfügt inzwischen über smarte Funktionen, mit denen es  sich mühelos nach hinten klappen und die Beine in die Höhe schnellen lässt wie Peterchen auf seiner Mondfahrt. Wer so viel Technik mag, dem fehlen womöglich nur noch Schleudersitz und Airbag. Manchmal genügt ja auch ein Kissen im Rücken. 

Anita Wünschmann

 

65 - Winter 2016

Das Glück in der Garage

Edel, verspielt, teuer und sinnlich: echte Oldtimer wie dieser Borgward mit Vase am Armaturenbrett. [Fotos: Berlin vis-à-vis]

Ein Grund, sich auf den Sommer zu freuen, ist auch die steigende Wahrscheinlichkeit, im Stadtbild oder auf den Landstraßen rund um Berlin wieder den einen oder anderen Oldtimer bestaunen zu können. Und dabei für einen Augenblick eine kleine Zeitreise zu machen, wenn diese selten gewordenen Pferdestärken, meist gut erhalten und blitzeblank, von ihren Besitzern ausgeführt werden.

Lust auf Garten

Der Lustgarten in Potsdam ist die älteste Gartenanlage der Stadt. Nur liegt sie in einem Transitraum. Der Neubau des Landtags lässt ahnen, wie er einst in das Areal mit Stadtschloss und Marstall eingebunden war. In einem Werkstattverfahren soll der barocke Garten nun wiederhergestellt werden. Allerdings steht dem Vorhaben ein umstrittener DDR-Bau im Weg. 

Potsdam erobert seinen historischen Stadtgrundriss zurück, das ist seit 1990 erklärtes politisches Ziel. Die Mitte an der Breiten Straße hat sich im Laufe der Nachwendezeit stark verändert. Im Vorfeld der Bundesgartenschau 2001 und der in diesem Zusammenhang geplanten Neugestaltung des Lustgartens wurde das Thälmannstadion nach 50 Jahren ersatzlos abgerissen. Der 2013 neu gebaute Landtag im Mantel des barocken Stadtschlosses erforderte die Verschwenkung der Breiten Straße.  Jetzt  könnte die Rückgewinnung ins Stocken geraten. Zwar soll die Ringerkolonnade an den historischen Standort zurück und die  nachgezüchtete Bittschriftenlinde steht wieder an ihrem angestammten Platz am Stadtschloss. Aber verglichen mit den zwei städtebaulichen Großformaten, die sich seit der Schlossrekonstruktion wie Türme auf einem Schachbrett gegenüberstehen, sind Kolonnaden und Linde nur gestalterisches Beiwerk.  Das Landtagsgebäude und das zur DDR-Zeit entstandene Hotel Mercure bilden den Konflikt, wobei Letzteres in den Siegerentwürfen eines landschaftsplanerischen Ideenwettbewerbs für die Neugestaltung des Lustgartens nicht mehr vorkommt. An seiner Stelle erschafft das Planungsteam Machleidt/Loidl einen neuen „Potsdamer Blick“. Von einer südlich gelegenen Tribüne aus ist aus großer Entfernung die barocke Gartenfassade des Landtags zu sehen, darüber die Kuppel der Nikolaikirche. Das Ganze natürlich potenziell im Sonnenschein. Dazwischen: das Neptunbassin und die „Wiese des Volkes“, die offene Grünfläche, die das Hotelhochhaus ersetzen soll. Auch das Team WES Landschaftsarchitekten mit H.H. Krafft und Scheuvens+Wachten ziehen mit ihrem Entwurf den 17-geschossigen Hotelturm zurück – zugunsten der Sichtachse auf das Landtagsgebäude – und plädieren für den Abriss des Hotels. Alle eingeladenen sieben Planungsteams tun das und zwar „unabhängig voneinander“, wie Sigrun Rabbe vom Sanierungsträger ProPotsdam betont, die die Planungswerkstatt Lustgarten im Sanierungsgebiet Potsdamer Mitte begleitet hat. Dennoch findet der DDR-Hochbau in der Bevölkerung und bei Fachleuten auch Zuspruch. Reiner Nagel, Vorstandschef der Bundesstiftung Baukultur, bezeichnet das Gegenüber von Landtag und Turm als ein „spannungsreiches städtebauliches Ensemble“. Auch sei bei der Abrissfrage zu berücksichtigen, dass das Hotel die Potsdamer Innenstadt belebe, sagt er in einem Zeitungsinterview. Im Werkstattverfahren Lustgarten sprach sich eine Mehrheit der Bürger (17,3 Prozent) für den Erhalt des Mercure aus (9 Prozent wollten das Hotel abreißen), und in einer Online-Umfrage der Märkischen Allgemeinen Zeitung bekannten sich 86 Prozent als Mercure-Fans. Vor Jahren war bereits Hasso Plattner mit Abrissabsichten erfolglos geblieben. Der Unternehmer und Mäzen wollte statt des  Hotelgebäudes ein Kunstmuseum errichten. Potsdams Stadtverordnete nutzten den Vorstoß, keine öffentlichen Gelder für den Ankauf und Abriss des Hotels auszugeben. Und der Wettbewerb sei auch kein Umsetzungswettbewerb gewesen, sagt Rabbe. „Es ging um die Entwicklung von Ideen, auf deren Grundlage die Sanierungsziele konkretisiert werden können.“ Der neue Potsdamer Blick ist dabei nicht die einzige Idee. Die Architekten schlagen weitere interessante Eingriffe vor. Bei Machleidt/Loidl säumen Gartenhäuser die Breite Straße am heutigen Festplatz, um den Verkehrslärm aus dem Lustgarten herauszuhalten. Ein Biergarten und Platanenhaine entstehen auf der Gartenseite. WES/Scheuvens erweitern den Lustgarten nach Norden dagegen ohne Bebauung. Sie wollen ihn wieder an den historischen Marstall, der heute das Filmmuseum beherbergt, anbinden. Im Süden, am Bahndamm, sehen die Planer Gartenterrassen vor. Vom Marstall aus sollen sie zu sehen sein, damit die Besucher ein Motiv haben, von der Breiten Straße in den Lustgarten zu gehen.

Dies sind die Favoriten aus dem Wettbewerb. Die Stadt hat auf dieser Grundlage jetzt einen Masterplan erarbeitet. 

André Franke

 

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Sechsmal sechs Tage

Allein die Vorstellung des hochkarätigen Teilnehmerfeldes für das 105. Sechstagerennen in Berlin hatte schon etwas Prophetisches. Super-Sprinter Robert Förstemann und der neue Veranstaltungs-Chef Mark Darbon kletterten für die Fotografen eigens auf einen riesigen Eichentisch. Das symbolisierte nicht mehr und nicht weniger als: Wir wollen weiterhin hoch hinaus mit dieser sportlichen Legende der deutschen Hauptstadt.

Das scheint nach der Winter-Auflage 2016 der dienstältesten deutschen Sixdays gewährleistet, und die kurzzeitige Skepsis, die nach dem Verkauf des Rennens durch Alleingesellschafter Reiner Schnorfeil an die britische Madison Sport Group aufkam, ist völlig gewichen. Hatten die neuen Veranstalter schon mit der Wiederbelebung des Londoner Sechstagerennens nach 35 Jahren Pause im vergangenen Herbst ihre Eignung demonstriert, stellten sie das mit der Fortführung des Berliner Konzepts noch eindeutiger unter Beweis. „Hier ist das Publikum noch mehr auf den Sport fixiert. Da ist das Rahmenprgramm zwar wichtig, wird aber von den meis-ten Besuchern wirklich nur als Auffüllung der Pausen wahrgenommen“, stellte Mark Darbon nach den sechs Nächten im Velodrom fest. Die meis-ten Radsport-Enthusiasten hätten zu seiner großen Verwunderung gar nicht mitbekommen, dass es für Schauvorführungen künstlerischer Art eine eigene Halle im großen Komplex gibt.

Die Madison Sport Group hat höherfliegende Pläne, was nicht nur durch das Klettern auf Tische, sondern auch durch richtige Taten untermauert werden muss. Mark Darbon will London und Berlin in den nächsten Jahren in eine Art Grand Prix der Sechstagerennen einbetten. Dabei schwebt dem Briten eine Serie von sechs Rennen vor, in die auf alle Fälle New York eingebunden werden soll. Schließlich stammt der heute noch verwendete Name für die typischen Zweier-Mannschaftsrennen der Sixdays aus der Metropole am Hudson-River: Madison. Im Madison Square Garden wurde die Art des Radfahrens populär und soll nach London auch dort wiederbelebt werden. „Deswegen wollen wir von Berlin lernen, vor allem was die sportliche Ausrichtung betrifft. Wir heben die Sechstagerennen auf eine höhere sportliche Stufe“, verspricht Darbon. In Berlin mit dem Velodrom ist das kaum noch zu toppen, aber als Serie hätten die Sixdays weltweit einen viel lauteren Ruf.    

Hans-Christian Moritz

 

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Magazin

Heilanstalt aus Baumwipfelperspektive

Dass man über einem „Alpenhaus“ spazieren kann und dazu noch im flachen Brandenburg – wer hätte das gedacht. Nun ja, die Alpen sind hier kleine Hügelchen, aufgeschüttet mit dem Aushub für das Fundament des Hauses – spektakulärer ist der Spazierweg. In 23 Metern Höhe wandelt man zwischen Bäumen und blickt, wären sie noch da, direkt in Zimmer der Patientinnen der Lungenheilanstalt oder später in Unterkünfte der Verletzten der beiden Weltkriege und noch später in die der sowjetischen Offiziere und Soldaten, die von 1945 bis 1993 hier behandelt wurden. 

Heute zieren Graffiti die Zimmer der Ruine, einige der Künstler haben gar ihre Sprayflaschen auf den Fenstersimsen entsorgt. Auf einem Nebengebäude ist schon ein kräftiger Wald entstanden – in 70 Jahren wächst so einiges heran. Der Baumwipfelpfad in Beelitz bietet neben dem Kick, in ungewohnter Höhe zu wandeln, quasi einen direkten Blick in die Vergangenheit der Beelitzer Lungenheilstätten. Deshalb trägt der Baumkronenpfad auch den Zusatztitel „Baum & Zeit“. Schön, dass man  die heutigen Ruinen nicht geputzt hat, dass man die Inschriften auf Russisch – wie „Eingang“ , „Ausgang“ – noch lesen kann, auch neuere Hinterlassenschaften wie der Gruß der Antifa Wittenberge oder der Hinweis, dass hier guter Ort für Sex sei, sind noch nicht übertüncht. Sicher wird das im Laufe des Ausbaus des Baumwipfelpfades noch kommen. Noch ist es diese eigenwillige Mischung von 115 Jahren Geschichte, die den Reiz dieses besonderen Spazierweges ausmacht, der wahrlich nur Sinn ergibt, wenn man die ganze Anlage im Blick hat. Schauen wir noch einmal ins „Alpenhaus“, so um 1900 herum. Tuberkulose war eine der schlimmsten Krankheiten jener Zeit, hochansteckend, es gab keine Medikamente. Die Therapie: Ruhe, Licht, Luft, gutes Essen und Sauberkeit. Die Zimmer, mit zwei bis sechs Patientinnen belegt, waren groß. Über einen Frischluftschacht wurde permanent die gute Beelitzer Waldluft zugeführt, überdies gehörten sechs Stunden Liegen im Freien zur Therapie. Und eine beispielhafte Reinlichkeit herrschte. Die Ecken der Scheuerleisten waren abgerundet, damit auch jedes Fitzelchen Staub beim Wischen erwischt werden konnte. Sogar die Heizkörper waren von den Wänden abklappbar. Es herrschte überdies eiserne Disziplin. Gegessen wurde gemeinsam unter Aufsicht von mindestens zwei Krankenschwestern. Was auf den Teller kam, wurde aufgegessen und nicht etwa heimlich in die Tasche gesteckt. Damit man den Verwandten, die zu Besuch kamen, nichts von dem Guten mitgeben konnte. Sechs Wochen bis zu einem halben Jahr blieben die Patientinnen. Doch bei den oft katastrophalen Bedingungen zu Hause kriegten sie oft nach kurzer Zeit schon wieder die Motten, wie es salopp heißt und das klang immerhin besser als Schwindsucht. Das Alpenhaus, hier im ehemaligen Frauentrakt der Heilstätten als Ruine, ist übrigens im ehemaligen Männertrakt, der heute zum Klinikkonzern gehört, baugleich wiederhergestellt. Auch die Lüftungsschächte kann man noch sehen. Eine wohl einmalige Situation – Ruine und intaktes Gebäude auf einen Blick. Und vom Baumwipfelpfad hat man die gesamte Anlage vor Augen, erkennt ihre Dimensionen, die ausgeklügelte Architektur. Die damaligen Architekten und Planer haben Pionierarbeit geleistet. Zu ihnen gehörte auch Heino Schmieden, der mit Walter Gropius eine der größten Architektenfirmen in Berlin bildete. Beide bauten das Kunstgewerbemuseum Berlin, heute als Martin-Gropius-Bau bekannt. Aber Krankenhäuser waren wohl Schmiedens Leidenschaft, so zeichnet er architektonisch für das Krankenhaus Friedrichshain, die Frauenklink der Charité und das Rudolf-Virchow-Kinderkrankenhaus verantwortlich. Eines der Kennzeichen seiner Arbeiten ist, dass er zwischen den einzelnen Gebäudeteilen Raum für kleine Spaziergänge ließ. Und so ist es auch in Beelitz, wo er neben einem Klinikgebäude die Wäscherei und das technologisch perfekte Kochhaus entworfen hat. Letzteres soll, wie kann es anders sein, zum Restaurant ausgebaut werden. Noch ist der Baumwipfelpfad nur 320 Meter lang und man muss hinabsteigen, um das Klinikgelände zu erkunden, doch es ist geplant, zukünftig mehr Gebäude aus luftiger Höhe betrachten zu können. Was im wahrsten Sinne des Wortes noch einmal eine andere Perspektive bietet. Beginnen soll der hölzerne Höhenweg später einmal an der Chirurgie, einem spektakulären Gebäude. Um 1925 war die Röntgendiagnostik ein wichtigen Helfer und man konnte der Tbc mit Skalpell den Kampf ansagen. Auch bei diesem OP-Trakt legte man auf funktionale und schöne Architektur Wert. In den OP-Sälen konnte bei Tageslicht operiert werden und die Balkone für die frisch Operierten waren ausgesprochen großzügig mit Blick auf den Beelitzer Wald. Dass es mit der Rekonstruktion ein schweres Unterfangen wird, ist zu ahnen, wenn man in das Gebäude blickt. Nach dem Abzug der sowjetischen Armee stand es leer und ungeschützt und wurde beliebter Treffpunkt für sogenannte Horror-Partys, die oft auch mit Zerstörungswut einhergingen und man schon mal versuchte, mit einen Bagger in die Location zu fahren. 2010 stürzte gar ein junger Mann vom Dach. 

Aber die neuen Besitzer des Areals sind zuversichtlich, dass sie auch dieses Gebäude wieder in einen vernünftigen Zustand versetzen können, wobei sie versprochen haben, dass der Hauch des morbiden Charmes bleiben wird.  Ganz abgesehen vom Blick in die Historie unter einem bietet sich vom 36 Meter hohen Aussichtspunkt ein atemberaubendes Panorama der Weiten des Waldes um Beelitz.

Martina Krüger 

 

Information

Baum & Zeit
Straße nach Fichtenwalde 15
14547 Beelitz-Heilstätten
www.baumundzeit.de

Öffnungszeiten: 
Mai bis September: 9 – 19 Uhr
April und Oktober: 9 – 17:30 Uhr
November bis März: 10 – 16 Uhr

 

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