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Langsamer Neustart

So offensichtlich wie in den Filmen  „Matrix Reloaded“, „Bad Boys II“ „Burn Notice“ (Fernsehserie), in denen ein Cadillac CTS jeweils seinen großen Auftritt hat, ist die Oberklasse-Limousine auf deutschen Straßen kaum auszumachen. In Deutschland wurden beispielsweise 2009 kaum mehr als fünfzig Exemplare verkauft, obwohl General Motors seit 2005 versucht, mit neuen Modellen, wie dem BLS, Escalade oder XRL, wieder langsam Marktanteile zu gewinnen. Seit 2010 lagen die Stückzahlen zumindest im dreistelligen Bereich.

Mit dem neuen CTS-V soll nun der Durchbruch auf dem europäischen Markt gelingen. Mit einer Luxuslimousine für knapp 100 000 Euro, die mit Modellen wie dem Audi RS6 oder BMW M5 konkurrieren will. Dass sie das auch kann, versprechen der 6,2-Liter-Kompressormotor und das Automatikgetriebe 8L90, die beide aus der Corvette Z06 stammen. Damit sind Geschwindigkeiten um 280 Kilometer pro Stunde kein Problem. Die Ausstattung ist umfänglich und exquisit, was bei einem solchen Schwergewicht erwartet werden darf. Die neuen V-Limousinen sind für Cadillac so etwas wie die Ankündigung einer weiterreichenden Strategie, im Segment der Oberklasse und Luxuslimousinen auf dem europäischen Markt Fuß zu fassen. Daher ist bald mit neuen Modellen zu rechnen.

 

Schminkspiegel mit Sportwagen


Schön, schnell und extrovertiert gebaut. Der 570S ist der erste McLaren mit Handschuhfach und Schminkspiegel [Fotos: © Copyright McLaren Automotive Limited]

McLaren steht für Supersportwagen in Kleinserie. Bis 1997 heißen die Modelle F1, bis 2009 Mercedes-Benz SLR McLaren, seit 2013 P1 und seit 2014 650 S. Mit dem Modell 570S präsentiert McLaren nun eine neue Baureihe, die beispielsweise für den Porsche Turbo S eine Alternative sein könnte. Sicher nicht in puncto Stärke und Aggressivität. Seine Attraktivität speise sich aus seiner Ausstrahlung, seiner Gefälligkeit, heißt es unter Fachleuten. Daher wird ihm eine extrovertierte Formensprache bescheinigt, als sei ein gänzlich neues Modell, ein Exot, vom Himmel gefallen. Die nach oben aufschwingenden Schmetterlingstüren könnten freilich ein Indiz dafür sein. Allerdings arbeitet unter seiner Karosserie ein 3,8-Liter-V8-Mittelmotor mit doppelter Aufladung, der den Sportwagen in 3,2 Sekunden auf Tempo 100 bringt und keinen Zweifel daran lässt, total irdisch zu sein. Doch der McLaren 570S ist nicht nur schön und schnell, auch seine Fahreigenschaften, auf freier Strecke oder in Kurven, könnten nicht überzeugender sein: Die verschiedenen Modi für Handling und Antrieb lassen sich dabei spielerisch und frei miteinander kombinieren. Zudem ist der 570S dank Carbon-Chassis ein relativ leichter Sportwagen, vergleicht man ihn mit einem Porsche 911 Turbo. 

Dass er alles in allem für spezielle Sportwagen-Puristen nicht brachial genug ist, gar als „Daily-Driver“ oder Frauenauto durchgeht, erweist sich schluss-endlich als Vorteil.

Mit dem neuen McLaren-Einstiegsmodell will die englische Sportwagenschmiede nicht nur eine sehr attraktive Alternative zu den Platzhirschen aus Deutschland anbieten, sondern vor allem neue Käuferschichten generieren.

 

MEHRMINI


Foto: BMW AG

In fast allen EU-Ländern wurden im vergangenen Jahr mehr Autos verkauft als im Jahr davor. Für die deutschen Marken war das ein Plus von rund neun Prozent. Dabei legte Daimler am meisten zu, aber auch BMW konnte sich nicht beklagen. Das hat der Münchner Autobauer nicht zuletzt den drei Mini-Generationen zu verdanken, die inzwischen eine ansehnliche Fan-Gemeinde entstehen ließen. Jetzt kommt pünktlich zum Frühjahr nicht nur das neue Mini Cabrio auf den Markt, sondern BMW punktet weiter mit dem neuen Top-Modell, dem Mini John Cooper Works. Mit gleicher Designphilosophie wie beim Cooper S, aber 39 PS mehr Leistung, beschleunigt dieser Mini-Sportler von Null auf Tempo 100 in 6,6 Sekunden und erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von 242 Kilometer pro Stunde. Aber auch das neue Mini Cooper Cabrio kommt attraktiver daher. Sein Dach lässt sich erstmals vollelektrisch öffnen. Das dauert 18 Sekunden lang und funktioniert bei einer Geschwindigkeit bis maximal Tempo 30. Der vordere Teil des Stoffverdecks ist als Schiebedach gestaltet. Im Vergleich zum Vorgänger-Modell ist das Mini Cabrio größer und daher geräumiger. Das betrifft auch das Ladevolumen. Das Cabrio kommt mit drei Motorvarianten auf den Markt: 116 PS für das Basismodell, 136 PS und 192 PS für den Mini Cooper S. Die Preise bewegen sich zwischen 24 000 und 28 000 Euro. Immerhin beschleunigt der Cooper S von Null auf Tempo 100 in 7,2 Sekunden und erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von 230 Kilometer pro Stunde. Damit ist er fast im Leistungsbereich des Mini John Cooper Works Cabrio, das allerdings auch serienmäßig mit Sportfahrwerk und Zweiliter-Reihenvierzylinder-Turbo ausgestattet ist und daher den größten Fahrspaß bietet. Dessen Preis beginnt ab rund 33 000 Euro. Mit der Wahl zwischen manueller Sechsgang-Handschaltung und sechsstufiger Sechsgangautomatik bei allen neuen Modellen kommt BMW seiner speziellen Mini-Käuferschicht sehr entgegen.

 

Isabella, die praktische


62 Jahre liegen zwischen den Geburtsjahren dieser beiden Fahrzeuge der Marke Borgward: Isabella TS und Borgward BX7. [Foto: © 2015 BORGWARD GROUP AG]

Wer kennt schon noch die Traditionsmarke „Borgward“. In den 1950ern war das elegante Borgward Coupé Kult.  Getauft auf den Namen Isabella, die ewig Schöne, begeisterte der Wagen die Autowelt und setzte technische  Maßstäbe.

Carl Borgward hatte 1954 mit der Produktion des Modells „Isabella TS“, als Nachfolger des „Hansa 1500“, dem ersten Pkw der Firma, begonnen. Das Coupé sollte dann 1957 den bis dahin mageren Absatz ankurbeln. Doch auch nach weiteren vier Jahren stieg weder die Nachfrage, noch reagierte der Firmengründer mit rettenden Maßnahmen. Die Firma geriet in finanzielle Schwierigkeiten und Carl Borgward musste schließlich ein Konkursverfahren einleiten. Das war das endgültige Aus für eine vielversprechende Autoschmiede.

Vor zehn Jahren hat sein Enkel Christian Borgward das Wagnis begonnen, die Traditionsfirma seines Großvaters wieder zum Leben zu erwecken. Und das, obwohl die Wiedergeburt von Kultmarken keineswegs mit einer Erfolgsgarantie verbunden ist, wie das Beispiel Maybach zeigt. Mit der Gründung der Borgward Group AG in Stuttgart ist ihm allerdings im vergangenen Jahr tatsächlich der Neustart gelungen. Dabei scheint das Konstrukt des neuen Unternehmens aufzugehen: Die finanziellen Mittel kommen vom chinesischen Lkw-Bauer Beiqi Foton, technisches Know-how, Design und Zulieferfirmen aus Deutschland. Produziert wird selbstverständlich in China, in erster Linie für den chinesischen Markt. Dabei zielt Beiqi Foton auf die immer noch wachsende Nachfrage nach sportlichen Geländewagen. Deshalb ist auch das erste Modell, der Borgward BX7, mit Plug-in-Hybridantrieb, ein SUV. In diesem Jahr kommt er in China auf den Markt, wohl erst 2017 in Deutschland. Gerechnet wird mit einer Jahresproduktion von etwas mehr als 200 000 Einheiten, soviel, wie einst die Gesamtstückzahl des Borgward Isabella TS in den Jahren von 1954 bis 1961. Ähnlichkeiten zwischen den beiden sind freilich ausgeschlossen, nur das alte Borgward-Logo prangt ebenso auf dem Kühlergrill des neuen BX7 wie einst an der legendären Isabella.

 

Motorenwechsel beim 911er


Feierte Weltpremiere auf der IAA: der neue Porsche 911 Carrera. [Foto: © F. Porsche AG]

Die zahlreichen Modellbezeichnungen des „Neunelfer“ waren von jeher verwirrend, aber stets mit kontinuierlichen Weiterentwicklungen des „Klassikers“ verbunden. Ende der 1980er-Jahre allerdings stand der 911er sogar wegen rückläufiger Verkaufszahlen zur Disposition. Doch dann vermarktete Porsche kurzerhand den 964 als neuen 911er. Für dessen Ablöse sorgte 1993 der Porsche 993, der unter den 911-Modellen als besonders ausgereift und zuverlässig galt und die Porsche-Puristen bis heute begeistert. Der 993 schaffte denn auch 1997 den Sprung vom luft- zum modernen, wassergekühlten Modell. Mit diesem Wechsel vergleicht Porsche nun den Schritt vom bislang aktuellen zum überarbeiteten 911er, der, zur IAA im September vorgestellt, seit Ende des vergangenen Jahres ausgeliefert wird. Von einer Erneuerung ist die Rede. Was sich dahinter verbirgt, verrät zuallererst der neue Turbomotor. Kein Saugmotor mehr treibt den neuen 911er Carrera an; ein kleinerer, sparsamerer Dreiliter-Turbo soll dagegen noch leistungsfähiger als sein Vorgänger sein – bis 450 PS in der Carrera S-Variante – und zudem mehr Fahrdynamik entwickeln. Das klingt übertrieben, ist aber tatsächlich allein der fein abgestimmten, neuen Motorentechnik geschuldet. Beispielsweise kann der Fahrer das Ansprechverhalten des neuen Turbomotors mittels Sports   Response Button (SRB) in den Stufen 0, S, S1, und I extrem beeinflussen. Neben den beiden Sport-Modi S und S1 erlaubt der SRB selbstverständlich auch eine individuelle Fahrweise. Dafür muss der I-Modus gewählt werden. Im S1-Modus beschleunigt der Carrera in 4,3 Sekunden von Null auf Tempo 100 und erreicht als Carrera S Höchstgeschwindigkeiten wie sein Vorgänger. Gleichzeitig wird die Karosserie um 20 Millimeter abgesenkt. 

Neben veränderten Stoßfängern, Schürzen und Leuchten umfasst das „Facelifting“ der neuen Carrera-Generation zahlreiche Sicherheits- und Komfortfunktionen, beispielsweise eine hydraulische Hebeeinrichtung an der Vorderachse, um den Spoiler vor Beschädigung in Tiefgaragen zu schützen, eine Multikollisionsbremse, um weiteren Schaden nach einem Aufprall zu verhindern, sowie einen Spurwechselassistenten. Mit dem neuen Motor sollte natürlich auch der Durchschnittsverbrauch gesenkt werden. Mindestens ein Liter weniger gegenüber dem Vorgänger war das erklärte Ziel. So kommt der 911er nun mit nur etwa sieben Litern aus.

 

A-Klasse für Youngster


Nach dem Facelifting lockt die A-Klasse neue Käuferschichten an. [Foto: © 2016. Daimler AG]

Seit die neue A-Klasse auf dem Markt ist, stimmen nicht nur die Stückzahlen, auch die Käuferschicht hat sich verschoben zugunsten einer jüngeren Klientel. Kompaktere Formen treffen offenbar mehr den Nerv auch jüngerer Fahrer. Für Mercedes war das Anlass für ein Facelifting. Die Limousine kommt jetzt noch frischer, sportlicher daher, die AMG-Variante mit 381 PS lässt auch keinen Zweifel an ihrer sportlichen Attitüde. Entsprechende Details unterstreichen die neue Optik. Um auch iPhone und Smartphone im Auto nutzen zu können, für anspruchsvolle Youngster ein Muss, sind in der neuen A-Klasse nun die Techniken Apple Carplay und Mirrorlink integriert, ebenso der Sprachassistent Siri. So ist Telefonieren, SMS, E-Mail, Navigieren und Musikunterhaltung im Auto kein Problem mehr. Zudem können nicht nur die AMG-Modelle ihre Fahrprogramme auf Knopfdruck ändern, auch alle anderen Varianten der A-Klasse verfügen über vier Fahrprogramme: „Comfort“, „Sport“, „Eco“ und „Individual“. Das Modellprogramm der A-Klasse umfasst mittlerweile siebzehn Modellvarianten.   

Reinhard Wahren

 

65 - Winter 2016

Stars im Wettbewerb

Bei der 66. Berlinale werden vom 11. bis 21. Februar mehr als 400 Filme gezeigt. Berühmte Namen versprechen die Wettbewerbsfilme. Wann gibt es im Kino schon Beifall, gar Szenenapplaus und eine popcornfreie Zone? Die Stimmung bei der Berlinale ist immer eine ganz besondere. Fast jeder Film ist eine Premiere, zu sehen auf riesigen  Leinwänden im Berlinale Palast, in der Urania, im Friedrichstadtpalast; die Schauspieler sind mit ihren eigenen Stimmen zu hören. George Clooney spricht wirklich und nicht seine Synchronstimme. Und wo kommt man so schnell mit wildfremden Leuten ins Gespräch? Das sind scheinbare Nebensächlichkeiten, aber sie machen dieses Festival für jeden Besucher auf gewisse Weise sinnlich. Also auf – zu den 66. Internationalen Filmfestspielen. Den Vorsitz des Gremiums, das über Bärengewinner entscheidet, hat Meryl Streep. Sie als Jury-Vorsitzende gewonnen zu haben, darauf sind die Veranstalter  stolz. Für welche Gewinner werden sich die Filmexperten entscheiden? Für den Eröffnungsfilm der Brüder Coen „Hail, Caesar!“ schon mal nicht. Diese Geschichte über das goldene Zeitalter Hollywoods läuft außer Konkurrenz, bringt aber vermutlich ein gewaltiges Staraufkommen auf den roten Teppich. Es spielen unter anderem George Clooney, Ralph Fiennes, Scarlett Johansson und Tilda Swinton. Der Film kommt übrigens noch während der Berlinale ins reguläre Kino (18.2.).

Einer, der es gleich mit seinem Debütfilm in den Wettbewerb geschafft hat, ist Michael Grandage mit „Genius“. Colin Firth spielt an der Seite von Jude Law und Nicole Kidman. Der Film erzählt von dem genialen Herausgeber Max Perkins, der Hemingway und F. Scott Fitzgerald den Weg in die Berühmtheit ebnete. Nun will er dieses auch für den Schriftsteller Thomas Wolfe tun, doch das gestaltet sich schwierig.

Ein internationales Team hat sich an Falladas „Jeder stirbt für sich allein“ versucht, unter anderem mit Daniel Brühl und Emma Thompson. Ebenfalls Bezug zu einer literarischen Vorlage weist Danis Tanovics „Death in Sarajevo“ auf. Grundlage ist der Text des französischen Philosophen Henry Levy anlässlich des 100. Jahrestages des Attentats von Sarajevo. Dies verspricht ein ebenso interessantes wie auch andersartiges Experiment zu werden. Der Film „Aus dem Leben eines Schrottsammlers“, für den der Regisseur 2013 einen Silbernen Bären bekam, zeichnete das Leben einer bosnischen Familie, die vom Schrottsammeln lebt, dokumentarisch auf. Der Protagonist Nazif Mujic bekam einen Bären als bester Hauptdarsteller, beantragte mit seiner Familie Asyl in Deutschland, wurde aber abgelehnt und abgeschoben.

Sicher ist der Wettbewerb das Kernstück des Festivals, aber eine wunderbare Besonderheit der Berlinale ist auch, dass sie Überblicksreihen bietet. Zum Beispiel von Michael Ballhaus: 2016 erhält er den Goldenen Ehrenbären für sein Lebenswerk und als Hommage gibt es zehn Filme von ihm am Stück.

Das Jahr 1966 stellt für die DDR und die Bundesrepublik einen filmischen Wendepunkt dar. Im Westen traten die Autorenfilmer auf den Plan, die entgegen dem „Heile-Welt-Kino“ Widersprüche in der Gesellschaft thematisierten. Im Osten wollten dies einige Regisseure auch tun. Das wusste die Zensur zu verhindern,  die die Hälfte einer Filmjahresproduktion in den Giftschrank verbannte. Eine Retrospektive bringt die Filme dieses spannenden Kinojahres nach einem halben Jahrhundert nun auf die Leinwand. Und schließlich wären da noch die vielen Filme aus den diversen Sektionen wie dem Panorama, Forum oder den Berlinale Shorts, die es  wirklich nur auf der Berlinale zu sehen gibt.                       

Martina Krüger

 

65 - Winter 2016
Magazin

Golfen auf der Bananeninsel

Früher war, touristisch betrachtet, am Drago Millenario final en los terrenos: Ende im Gelände. Der älteste und berühmteste Drachenbaum Teneriffas und zugleich der ganzen Welt, der zwar nicht, wie sein Name besagt, tausend, aber immerhin an die 600 Jahresringe zählt, dieses Prachtexemplar eines Drago, am Rande der romantischen Altstadt von Icod de los Vinos, zählte immer schon zu den „must see“-Attraktionen auf Teneriffa. 

Aber das war‘s dann auch. Noch weiter in den abgelegenen Nordwesten der Insel, die sogenannte Isla Baja, verirrte sich nur selten ein Touristenbus. Allenfalls ein paar Wanderer, Backpacker der anspruchsvolleren Art, wagten sich gar bis Buenavista del Norte, den westlichsten Ort Teneriffas, um von dort aus den Parque Rural de Teno im zerklüfteten, geologisch ältesten Gebirge der Insel zu erkunden. Buenavista – schöne Aussicht, aber touristisch nahezu ein „No-Go“. 

Bis Severiano Ballesteros kam. Im Auftrag privater Inves-toren schuf Spaniens Golf-Heroe – knapp zehn Jahre vor seinem viel zu frühen Tod 2011 – hier, im strukturschwächsten, entlegensten Zipfel der Insel sein Meisterstück als Golfplatz-Designer, auf einer ehemaligen Bananenplantage direkt oberhalb der Felsküste. Dem Namen und der spektakulären Lage des Platzes ist es geschuldet, dass Buenavista Golf seit Eröffnung im Herbst 2003 zu den besten Golfplätzen ganz Spaniens gezählt und sogar mit dem berühmten Pebble Beach an Kaliforniens Küste ver-glichen wird. Vier Bahnen führen unmittelbar zum Klippenrand, und wie auf keinem anderen Platz der Insel spürt man unbändige Naturgewalt, wenn die Brandung gegen die schwarzen Felsen trifft und die Gischt nicht selten die Konzentration beim Putten durch eine erfrischende Dusche unterbricht. 

Trotz aller herausragenden Qualitäten ist Buenavista Golf bis dato von den acht 18-Loch-Golfplätzen Teneriffas derjenige, auf dem es – wegen der Abgeschiedenheit und der großen Entfernung zu den touristischen Ballungszentren im Süden der Insel – am leichtesten ist, auch kurzfristig nahezu jede gewünschte Startzeit zu buchen. Das wird sich vermutlich bald ändern, wenn endlich die seit Langem im Bau befindliche, tunnelreiche Schnellstraße fertig wird, die künftig die abenteuerliche gebirgige Serpentinenstrecke zwischen Icod de los Vinos und der Südwestküste bei Guia de Isora ablösen soll. 

Dort, im Ritz-Carlton Abama, dem führenden Luxus-Golfresort Teneriffas, haben Golfdirektor Victor Saez und sein Team ganz andere Sorgen. In den gut zehn Jahren seit der Eröffnung im Herbst 2005 schreibt das vom in Marbella lebenden bolivianischen Star-Architekten Melvin Villaroel entworfene Abama eine solche Erfolgsgeschichte, dass man der stetig wachsenden Golfer-Klientel kaum noch Herr wird. Der extrem hohe Promifaktor – unzählige Sport-, Show- und Polit-Stars von Franz Beckenbauer über Heiner Lauterbach bis Ex-US-Präsident Bill Clinton haben neben dem in bester Panorama-Lage hoch über der Küste gelegenen Clubhaus schon genüsslich abgeschlagen – tut ein Übriges, um die magnetische Wirkung des Edel-Resorts zu verstärken. Obwohl Hotelgäste, je nach Saison, für eine Golfrunde – inklusive obligatorischem GPS-Buggy – zwischen 95 und 135 Euro berappen müssen und für Externe ein Abschreckungs-Greenfee von 200 Euro aufgerufen wird, sind Startzeiten oft nur mit langfristiger Voranmeldung zu bekommen. Ginge es nach den Eigentümern des Abama, hätte das Luxusresort spätes-tens in zwei, drei Jahren einen zweiten Championship-Golfplatz. Und was die spanische Polanco-Familie will, das bekommt sie in aller Regel auch. Ihr gehört neben etlichen Luxushotels der größte Medienkonzern des Landes, zu dem unter anderem die Tageszeitung El Pais, die Sportzeitung Diario As sowie etliche Radiosender zählen. 70 Hektar an den bestehenden Golfplatz angrenzendes Gelände zu erwerben, ist für den Branchenriesen eigentlich ein Kinderspiel.

Doch hier geht es um Bananen. Die 160 Hektar Land, auf denen heute das terrakottafarbene, im maurisch anmutenden Stil erbaute Traumhotel inmitten einer weitläufigen subtropischen Gartenanlage steht und wo sich der Golfplatz mit Höhenunterschieden von stolzen 235 Metern bergauf und bergab windet, waren früher Teil einer riesigen Bananenplantage. Der spätestens durch den Verkauf mehr als wohlhabend gewordene Plantagenbesitzer weiß sehr genau, dass seit Jahren die Zahl der Golftouristen auf den Kanaren um gut zehn Prozent per anno wächst und das Abama Resort dringend expandieren muss. Auf wundersame Weise verteuert sich die Platano Canario, von der auf ganz Teneriffa auf riesigen Anbauflächen rund 130 000 Tonnen jährlich produziert werden, an den Hängen von Guia de Isora daher in letzter Zeit deutlich stärker als irgendwo sonst auf Teneriffa. 

Wann im Tauziehen um den Kaufpreis für die 70 Hektar Bananenterrassen endlich „alles Banane“ ist, mag Victor Saez nicht vorherzusagen. Immerhin hat er die Hoffnung, dass die Bagger in knapp zwei Jahren anrollen und die ers-ten Golfer auf dem Abama 2 im Jahr 2020 abschlagen können. Ein paar Jahre später als ursprünglich geplant. Auch, wer der Designer des neuen Kurses sein wird, bleibt noch ein Geheimnis. „Aber der neue Platz“, verrät der Golfdirektor, „wird sicher dem von Dave Thomas geschaffenen bestehenden Kurs ähneln, weil das Terrain, auf dem er gebaut wird, die gleiche Hanglage hat.“ Schon das ist ein Versprechen großer Sinnesfreude – von allen Spielbahnen genießt man einen berauschenden Blick über grüne Hänge voller Bananen und Palmen auf den Atlantik und hinüber zur fast immer von einem schneeweißen Wolkenkranz gezierten Nachbarinsel La Gomera. 

Auf die zweitkleinste der sieben Kanarischen Inseln kommt man praktisch nur mit dem Fred Olsen Express. Das Tragflächenboot braucht 35 Minuten für die Überfahrt von Los Cristianos de Tenerife zur kleinen Inselhauptstadt San Sebastian de la Gomera. Noch einmal so viel Zeit sollte man einplanen für die serpentinenreiche Fahrtstrecke zum Tecina Golf Resort, tief im Süden der gebirgigen Insel, die sich ganz dem sanften Tourismus verschrieben hat. 

Das Resort: ein 4-Sterne-Hoteldorf inmitten eines zauberhaften botanischen Gartens direkt am Rand der 80 Meter senkrecht aus dem Meer aufragenden Steilküste. Kein Abama im Kleinformat, aber urgemütlich und mit allem nötigen Komfort, vor allem aber eine wahre Oase der Ruhe und Abgeschiedenheit. Der Golfplatz, geschaffen vom Amerikaner Donald Steel: ein weltweites Unikat. Mit dem Golfbuggy geht es gut zwei Kilometer und stolze 175 Höhenmeter nach oben zum ersten Abschlag – und dann nahezu 18 Bahnen lang im Zickzack-Kurs nach unten, den Terrassen der ehemaligen Bananenplantage (was sonst?) folgend, pausenlos mit einem geradezu surrealen Panoramablick auf die dunkelblaue Weite des Ozeans und, gen Osten, auf den über 3 700 Meter hohen, fast pyramidenartig aus dem Dunst aufragenden schneebedeckten Gipfel des Vulkans Pico del Teide auf Teneriffa. 

Nur zweimal wird das faszinierende, weltweit vermutlich einmalige Serpentinen-Spiel unterbrochen: Bei Loch 4 zielt der Drive steil bergab Richtung Meer, als solle der Ball direkt in der Brandung landen; und an der 10, einem spektakulären Par 3, visiert man wie von einer hohen Kanzel herab ein 50 Meter tiefer gelegenes Grün an – da kann das Eisen kaum kurz genug sein! Und Vorsicht auch bei den unterschiedlich breiten ehemaligen Bananen-Terrassen an dem stark geneigten Hang: vor allzu sorglosen Griffen zum Driver oder langen Fairway-Hölzern sei ausdrücklich gewarnt! 

Wer auf Teneriffa früh aus den Federn kommt und gegen 9 Uhr früh in Los Cristianos die erste Fähre nimmt, kann, rein zeitlich gesehen, den Golftrip nach La Gomera als Tagesausflug schaffen. Aber er wird es bereuen, nicht für mehrere Tage und Golfrunden geblieben zu sein.

Tecina auf La Gomera ist, so man die Kanaren als Teil oder Vorposten des Alten Kontinents ansehen mag, der südwestlichste Golfplatz Europas. Und die meisten, die ihn gespielt haben, belegen ihn mit weiteren ehrenvollen Superlativen. Unvergesslich ist er allemal.

Wolfgang Weber

 

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eat! mit Berliner Energie

Es den Feinschmeckern oder denen, die es werden wollen, mit einem Festival recht zu machen, ist in Berlin nicht einfach. Scheinbar gibt es hier schon alles, von der Gourmetcurrywurstbude bis hin zum Sternerestaurant, vom rent a cook bis hin zur gelieferten vegetarischen Kochbox. Und doch hat ein Festival Jahr für Jahr nicht nur überzeugt, sondern immer noch etwas obendrauf gesetzt – die eat! berlin.

Newcomer und Kultwirte

Das diesjährige Programm zeigt wieder einmal, was Berlin als Gourmetstadt ausmacht. Es gibt Veranstaltungen an ungewöhnlichen und spannenden Orten. Newcomer und Kultwirte, Topwinzer, Sterne- und Fernsehköche zeigen ihr Können und werden Statements setzen. Es gibt Seminare und den Nachwuchsköche-Preis, eine Gourmet-Kiez-Sause, eine Neueröffnung und einen echten Männerabend. Events zum Thema Süße und Kräuter, der Ball der Gastronomen und der Abend mit „5 Filmen und 5 Gängen“ runden das Programm ab. 

Zu den Programmhöhepunkten 2016 gehört ohne Zweifel das Vorhaben Sebastian Franks. Der Österreicher, der erst 2010 nach Berlin kam, ist mittlerweile Inhaber des Restaurants Horváth, Zwei-Sterne-Koch und Koch des Jahres. Anlässlich der aktuellen Entwicklungen auf der Welt nimmt er Horváths Roman „Jugend ohne Gott“ zum Anlass für einen literatur-kulinarischen Abend. Unterstützt wird er dabei durch Roman Steger und Martin Wall vom Restaurant Speisekammer aus Wien. Die in diesem Kriminalroman behandelten Themen Ausgrenzung, Rassismus, Denunziantentum und Heuchelei sind nach wie vor top-aktuell. Die Landschaften im Buch inspirierten Sebastian Müller zum Menü des Abends (2. März).

Zu den spannenden Locations des   Festivals zählt neben den Floralen Welten das Schmelzwerk. In dem Herzstück der ehemaligen Schokoladenfabrik Sarotti findet, neben einem Genuss-Abend und einem vegetarischen Abend mit der Schauspielerin Marion Kracht, das dreitägige Kochevent „Kreuzberg kocht“ statt. Hier werden wahre Stars der Berliner Szene zu treffen sein. Markus Herbicht, Herbert Beltle und Thomas Kurt zum Beispiel. Diese erstklassige Besetzung an den verschiedensten Essstationen wird die Auswahl des Genusses sicher schwer machen (4.–6. März).

Die meisten Köche, die man aus dem Fernsehen kennt, trifft man in diesem Jahr auf dem Fernsehturm. Den Willkommensgruß dazu bereitet Kolja Kleeberg höchstpersönlich am Fuße des Turms in seinem Foodtruck zu (3. März).

Felicitas Then wird in der Weinschule Berlin zu sehen sein. Die Siegerin der „Taste-Show“ widmet dort jeden Gang einem aktuellen Kochtrend (5. März)

Den einzigen Backkurs des eat! berlin Festivals gibt die amerikanische Back-Queen Cynthia Barcomi. Sie ist die berühmteste Cheesecake-Bäckerin und erstmalig dabei (29. Februar)

Als Gegenpart dazu ist sicherlich der echte Männerabend „Meat The Chef“ interessant, den Wolfgang Müller im „Cooks Connection“ veranstaltet. Seit 2009 gibt er dem Thema Fleisch seine ganze Aufmerksamkeit und züchtet sogar eigene Sattelschafe und Yaks. Beim Braten in der Pfanne wird sicherlich die eine oder andere Geschichte rund um die Männerwelt auf den Tisch kommen (4. März).

Geschichten erzählen kann auch Hans-Peter Wodarz. Seit mehr als 40 Jahren widmet er sein Leben und Können der Ente und ist schlechthin der „Ententainer“. Deshalb wird er im „Café des Artistes“ nicht nur mit prominenter Unterstützung kochen, sondern auch legendäre Anekdoten zum Besten geben (29. Februar).

Natürlich ist das nur eine kleine feine Auswahl der Events, die bei der eat! berlin stattfinden. Und trotz der Vielfalt ein Tipp vorweg: Da die Anzahl der Plätze für die einzelnen Veranstaltungen begrenzt ist, ist es ratsam, sich schnell die Tickets über die Webseite des Festivals zu sichern. Aber es gibt auch Veranstaltungen, bei denen es einfacher ist und die vor Ort bezahlt werden können. Bei den „Berliner Käsetagen“ in der Arminiusmarkthalle in Moabit zum Beispiel (27./28. Februar)

Man kann jetzt schon sagen, dass es Bernhard Moser und seinem Team wieder gelungen ist, einzigartige Events für Berlin zu kreieren. Darüber hinaus ist ihm wichtig, im Sinne der Nachhaltigkeit Verantwortung zu übernehmen. So sind in diesem Jahr mit Unterstützung der Gasag Fahrzeuge im Einsatz, die mit Bio-Erdgas betrieben werden. Damit fahren diese kostengünstig und CO2-neutral. Die Gasag, die übrigens nicht nur Gas-, sondern auch ein Stromlieferant ist, will Energie geben. Und das ist ganz wörtlich gemeint. Unternehmenschefin Vera Gäde-Butzlaff: „Deshalb engagiert sich das Traditionsunternehmen Berlins da, wo es um Kreativität und Vielfalt in der Stadt geht.“

 

Information

eat! Berlin vom 26. Februar bis zum 6. März 2016
Alle Informationen, Veranstaltungstermine
und Tickets unter www.eat-berlin-festival.de

 

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Sechsmal sechs Tage

Allein die Vorstellung des hochkarätigen Teilnehmerfeldes für das 105. Sechstagerennen in Berlin hatte schon etwas Prophetisches. Super-Sprinter Robert Förstemann und der neue Veranstaltungs-Chef Mark Darbon kletterten für die Fotografen eigens auf einen riesigen Eichentisch. Das symbolisierte nicht mehr und nicht weniger als: Wir wollen weiterhin hoch hinaus mit dieser sportlichen Legende der deutschen Hauptstadt.

Das scheint nach der Winter-Auflage 2016 der dienstältesten deutschen Sixdays gewährleistet, und die kurzzeitige Skepsis, die nach dem Verkauf des Rennens durch Alleingesellschafter Reiner Schnorfeil an die britische Madison Sport Group aufkam, ist völlig gewichen. Hatten die neuen Veranstalter schon mit der Wiederbelebung des Londoner Sechstagerennens nach 35 Jahren Pause im vergangenen Herbst ihre Eignung demonstriert, stellten sie das mit der Fortführung des Berliner Konzepts noch eindeutiger unter Beweis. „Hier ist das Publikum noch mehr auf den Sport fixiert. Da ist das Rahmenprgramm zwar wichtig, wird aber von den meis-ten Besuchern wirklich nur als Auffüllung der Pausen wahrgenommen“, stellte Mark Darbon nach den sechs Nächten im Velodrom fest. Die meis-ten Radsport-Enthusiasten hätten zu seiner großen Verwunderung gar nicht mitbekommen, dass es für Schauvorführungen künstlerischer Art eine eigene Halle im großen Komplex gibt.

Die Madison Sport Group hat höherfliegende Pläne, was nicht nur durch das Klettern auf Tische, sondern auch durch richtige Taten untermauert werden muss. Mark Darbon will London und Berlin in den nächsten Jahren in eine Art Grand Prix der Sechstagerennen einbetten. Dabei schwebt dem Briten eine Serie von sechs Rennen vor, in die auf alle Fälle New York eingebunden werden soll. Schließlich stammt der heute noch verwendete Name für die typischen Zweier-Mannschaftsrennen der Sixdays aus der Metropole am Hudson-River: Madison. Im Madison Square Garden wurde die Art des Radfahrens populär und soll nach London auch dort wiederbelebt werden. „Deswegen wollen wir von Berlin lernen, vor allem was die sportliche Ausrichtung betrifft. Wir heben die Sechstagerennen auf eine höhere sportliche Stufe“, verspricht Darbon. In Berlin mit dem Velodrom ist das kaum noch zu toppen, aber als Serie hätten die Sixdays weltweit einen viel lauteren Ruf.    

Hans-Christian Moritz

 

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Magazin

Ai Weiwei – Künstler und Aktivist

Während seiner Inhaftierung in China habe ihm Einsteins Gedanke, dass die Phantasie über dem Wissen stehe, Hoffnung gegeben, sagt Ai Weiwei in Berlin anlässlich seiner Gastprofessur an der UdK.

Er sammelt Legosteine, twittert, bloggt, inszeniert seine Werke und fordert Meinungsfreiheit in sozialen Netzwerken. Ai Weiwei ist Chinas bekanntester Regimekritiker, was ihn seine persönliche Freiheit gekostet hat. Nach seinem mehrjährigen Ausreiseverbot durch die chinesischen Behörden ist er im Juli letzten Jahres dem Ruf einer Lehrtätigkeit nach Berlin gefolgt und erarbeitet nun mit 16 Studentinnen und Studenten Kunstprojekte.

Finanziert wird Ai Weiweis Lehrtätigkeit an der Kunsthochschule von der Einstein Stiftung Berlin. „Mit dieser Einstein-Gastprofessur binden wir einen herausragenden Künstler an unsere Stadt. Ai Weiweis künstlerische Arbeit als Bildhauer, Performance-Künstler, Filmemacher und Architekt schafft Perspektiven, die eine Vielzahl von Denk- und Handlungsräumen eröffnen“, betonte Günter Stock, Vorstandsvorsitzender der Stiftung. Den Studenten soll durch die Arbeit mit dem Aktivisten auch die Möglichkeit gegeben werden, eigene künstlerische Positionen zu erweitern und zu hinterfragen. 

Bereits im Dezember 2010 wurde das Verfahren zur Berufung Ai Weiweis an die UdK Berlin aufgenommen. Doch im April 2011 wurde der als Regimekritiker von der chinesischen Regierung inhaftiert. Die Einstein Stiftung stimmte kurze Zeit später dem Antrag der UdK Berlin zur Etablierung der Ai Weiwei-Professur zu. Erste und  konkrete Gespräche zwischen Ai Weiwei und dem UdK-Präsidenten Martin Rennert zur Einrichtung einer solchen Stelle wurden bereits im Jahr zuvor geführt. „Es gab gute Gründe, ihn vor Jahren an die UdK Berlin holen zu wollen. Nun war es endlich möglich“, sagte Rennert. 

Als man ihm seinen Pass zurückgab   und das Ausreiseverbot aufhob, konnte Ai Weiwei nach Berlin reisen.  Diese Chance bedeute ihm eine besondere Verantwortung und eine große Ehre. Während seiner 80-tägigen Inhaftierung in China habe ihm Einsteins Gedanke, dass die Phantasie über dem Wissen stehe, Hoffnung gegeben. In den ersten Wochen nach seiner Ankunft in Berlin war der 58-Jährige vor allem damit beschäftigt, geeignete Studenten für seine Klasse in persönlichen Gesprächen auszuwählen. Mehr als 100 aus allen UdK-Fakultäten haben sich für die Ai Weiwei-Klasse beworben, doch nur 16 haben es geschafft.  Ein gelungener Austausch könne nur in einer kleinen Gruppe funktionieren. Auf die Frage, was denn das Geheimnis seines Erfolges sei, erfolgt die Gegenfrage: „Bin ich erfolgreich?“ Studenten, die die Kunst als das Ziel betrachten, sind bei ihm durchgefallen. „Kunst kann niemals Ziel, sondern immer nur Mittel sein“, sagt der in Peking geborene Polit-Aktivist. Auf seinem Lehrprogramm in den kommenden drei Jahren stehen die Medien, Fotografie, Philosophie, Ästhetik, das Internet, das mit seinen vielen Möglichkeiten für den Künstler als Ausdrucksmittel und Informationskanal unverzichtbar ist sowie das Thema Flüchtlinge. 

Das Internet ist die moderne Kirche

Das Internet sei eng mit unserem Leben verflochten, ein Wissensmultiplikator und für den Allround-Künstler ein unentbehrliches künstlerisches Ausdrucksmittel, erklärt Ai Weiwei, der das Internet auch als moderne Kirche beschreibt.  Man klage einem Priester sein Leid, und alle in der Gemeinde nehmen Anteil, um eine Lösung zu finden. So war es auch, als ihm die Firma Lego eine Lieferung von Spielsteinen für seine Ausstellung „Andy Warhol/Ai Weiwei“ in Melbourne verweigerte mit der Begründung, keine politische Kunst unterstützen zu wollen. Nachdem er sein Vorhaben in den sozialen Netzwerken verbreitete, spendeten so viele Fans Legosteine, dass er sein Projekt mühelos realisieren konnte.

Michaela Bavandi

 

65 - Winter 2016
Kultur