abonnieren

Reinickendorf hebt seine Schätze

Während in den letzten Jahren, nein, inzwischen schon Jahrzehnten, die Innenstadtbezirke reihum hip waren und sich vor Zuzug kaum retten konnten, standen die Randbezirke weniger im Mittelpunkt des Interesses. Reinickendorf hat nun begonnen, mit einer Imagekampagne auf sich aufmerksam zu machen. Dabei könnte man meinen, hat dieser Bezirk, der zu 33 Prozent aus Wasser und Wald besteht, nicht unbedingt nötig, um Beachtung zu buhlen. Aber die Bezirksväter sind bemüht, ihren Bewohnern das Leben noch angenehmer zu gestalten. Und wollen ihnen und potenziell neuen Mitbewohnern aufzeigen, was der Bezirk neben Bekanntem noch alles zu bieten hat.

Zum Beispiel schließt Reinickendorf Lübars, das älteste Dorf Berlins, ein, und auch die dicke Marie, ein eingetragenes Naturdenkmal, wurzelt in Tegel. Doch von wegen „schlafender Riese“. Reinickendorf ist hellwach, Wirtschafts-, Arbeits- und Wohnstandort: Die crossmediale Standortkampagne „Reinickendorf.Ganz.Schön.Begehrt“ hebt seine kulturellen Vorzüge, die Lebensqualität und wirtschaftlichen Stärken hervor und blickt auf die zukünftige Entwicklung.

Ihren Namen soll „die dicke Marie“, eine rund 900 Jahre alte Stiel-Eiche, den Brüdern Alexander und Wilhelm von Humboldt zu verdanken haben. Sie hätten den vermutlich ältesten Baum der Stadt nach der hauseigenen Köchin benannt. Die Humboldts lebten nämlich in dem 1558 errichteten Renaissance-Schloss, das auf Geheiß von Wilhelm von Humboldt durch Karl Friedrich Schinkel in klassizistischem Stil erweitert worden ist. Das Schloss Tegel, auch Humboldt-Schloss genannt, ist bis heute in Privatbesitz der Nachfahren und neben dem Borsig-Turm, Tegeler Hafen oder der Großsiedlung „Weiße Stadt“ (seit 2008 UNESCO-Weltkulturerbe) eine der vielen Sehenswürdigkeiten des nicht bloß grünen Bezirks. 

Denn „Reinickendorf, Berlins vielfältiger Bezirk im grünen Norden, besticht durch eine ausgewogene Mischung aus Kultur, Wirtschaft und herausragender Lebensqualität“, so Bürgermeister Michael Müllers Grußworte im Bezirksporträt, dem Herzstück der zweijährigen Standortkampagne „Reinickendorf.Ganz.Schön.Begehrt“. Dieses liegt in Bürgerämtern aus und wird an Neubürger, Investoren und Multiplikatoren aus Wirtschaft und Politik versendet. „Wir wollen nicht nur die Reinickendorfer, die ihren Bezirk lieben, erreichen“, erklärt Bezirksbürgermeister Frank Balzer. Neben dem Magazin werden Merchandising-Produkte verschenkt, und die Webseite „made-in-reinickendorf.com“ informiert regelmäßig über Geschehnisse im Bezirk. „Mehr Aufmerksamkeit auf Reinickendorf zu lenken“, lautet das Ziel der Kampagne, die von einigen der insgesamt rund 9 000 Reinickendorfer Unternehmen finanziert wird. „Ohne das Engagement der vielen beteiligten Firmen wäre dieser in Berlin einmalige Auftritt, mit dem sich Reinickendorf weit über die Bezirksgrenzen hinaus als starker wirtschaftlicher Standort positionieren wird, nicht möglich gewesen“, sagt Balzer. 

Über 250 000 Menschen leben in den elf unterschiedlichen Ortsteilen. Ein Drittel der Bezirksfläche mit den Tegeler Forsten und dem Tegeler See besteht aus Wasser und Wald. Die idyllischen und wohlhabenden Stadtrandgebiete mit Einfamilienhäusern im Norden und Westen wie Frohnau (mit Berlins zweithöchster Haushaltskaufkraft von bis zu 4 451 Euro), Hermsdorf, Heiligensee und Konradshöhe liegen fernab der Stadtmitte. Laut Wohnmarktreport 2015 liegen die Angebotsmieten dort bei rund 8,40 Euro pro Quadratmeter, während sie in den großen Hochhausvierteln im Nordosten, im Märkischen Viertel oder in Waidmannslust nur bei durchschnittlich sechs Euro pro Quadratmeter liegen. Insgesamt 13 500 der 51 Jahre alten Wohnungen im Märkischen Viertel wurden von der GESOBAU AG in den vergangenen sieben Jahren modernisiert und sozialverträglich energetisch saniert. 

Ganz Reinickendorf weist ein relativ moderates Mietniveau auf. Auffällig aber ist ein zu verzeichnender Anstieg der Angebotsmieten in den stadtnahen Gebieten. Laut Wohnmarktreport sind diese in den Gebieten Kurt-Schumacher-Damm, Eichborndamm und in der Residenzstraße relativ stark gestiegen und liegen im Schnitt bei 7 Euro. „Die Mieten in den stadtnahen Gebieten Reinickendorfs haben sich stärker entwickelt als in anderen Bezirken“, weiß auch Roman Heidrich, Leiter der Wohnimmobilienbewertung Berlin bei Jones Lang LaSalle. Wohnungssuchende finden in den stadtnahen Gebieten im Vergleich zu Innenstadt-Lagen aber immer noch recht günstige Mietangebote vor. 

Das nordöstlich gelegene Lübars ist mit knapp 5 000 Einwohnern Reinickendorfs kleinster Ortsteil und ältestes Dorf Berlins. Während dort Pferde auf den rund um das ehemalige Bauerndorf mit Dorfaue, Teich und Kirche befindlichen Wiesen grasen, fressen sich 15 Wasserbüffel durch das Tegeler Fließtal und tragen dadurch zum Umweltschutz bei. 

„Stadt der Zukunft“

„Die Welt fliegt auf Reinickendorf“, sagt Ralf Zürn, Initiator der Standortkampagne von der Werbeagentur unit Zürn, und meint damit den Flughafen TXL. Staatsbesuche und Berlin-Besuche starten zumeist in Reinickendorf. Am Kurt-Schumacher-Platz in Tegel soll ab Mitte 2018 die „Stadt der Zukunft“, ein Wohn- und Stadtquartier in unmittelbarer Nähe zu Charlottenburg-Wilmersdorf und Mitte, entstehen. Wenn der Flughafen Tegel geschlossen werden wird, sollen 5 000 Wohnungen mit entsprechender Infrastruktur gebaut werden. Pläne für das „Berlin TXL-The Urban Tech Republic“ rund um das Flughafenterminal liegen bereit: Ein Arbeits- und Produktionsstandort für Unternehmen und Forschungseinrichtungen, die urbane Zukunftstechnologien entwickeln, soll es werden. „Wie Adlershof, nur dass man in 15 Minuten im Regierungszentrum oder am Kurfürstendamm ist.“ Ein Standortvorteil, meint Frank Balzer. 

Reinickendorfer Know-how international gefragt 

Einige der Reinickendorfer Unternehmen genießen internationalen Bekanntheitsgrad. Im Burj Khalifa, dem höchs-ten Gebäude der Welt in Dubai, steckt beispielsweise die Technologie des über 160-jährigen Aufzugs- und Fahrtreppen-Unternehmens Otis. Auch das Zoofenster des Bikini Berlin Ensembles nutzt die Technologie des Reinickendorfer Werkes mit Produktions- und Entwicklungsstandort in der Otisstraße. 

Die weltweit tätige Firma GERB sorgt mit Schwingungstilgern für die Reduzierung von Gebäude-Schwingungen und dafür, dass das Segel des Luxushotels Burj al Arab in Dubai keine Eigendynamik entwickelt. Auch die 150-jährige Berliner Seilfabrik ist Exportschlager. Der Hersteller produziert Seile für Klettergerüste und exportiert seine Produkt-Designs in alle Welt. Die „Seilschaften“ des Reinickendorfer Unternehmens zieren einige von New Yorks Spielplätzen, und der 97 Kubikmeter umfassende, dreidimensionale Seil-Kletterraum in den Österreichischen Kristallwelten von Swarovski ist ebenfalls das Werk dieser Spezialisten.

Michaela Bavandi

 

Information

» Einwohnerzahl: circa 254 000 

» Bei der Anzahl von 200 Beschäftigten und mehr in
einem Unternehmen steht Reinickendorf an der Spitze 

» Fünf Reinickendorfer Kieze zählt der Berliner Sozialatlas
zur Schicht der besten Berliner Ballungsräume 

» Ansässige Unternehmen: ca. 9 000

» Kindergartenplätze: 9 637

» Hortplätze: 5 201

» Schulen: 31 Grundschulen, elf Integrierte Sekundarschulen,
acht Gymnasien und acht private Schulen

» Jugendeinrichtungen: 22

» Turnhallen: 80

» Sportanlagen: 22

» Krankenhäuser: Vivantes Humboldt-Klinikum, Dominicus-Krankenhaus,
Vitanas Senioren Centrum & Krankenhaus für Geriatrie, Medical Park 

» Kulturelle Einrichtungen: fünf Bibliotheken, zwei mobile Bibliotheken,
Musik- und Volkshochschule, Museum Reinickendorf, Graphothek, Kunstamt, Jugendkunstschule, Landesarchiv, Feuerwehrmuseum, sechs Galerien, Centre Bagatelle, Fontane-Haus, Ernst-Reuter-Saal

 

65 - Winter 2016

Tänzerin der Ekstase

Sie steht für ungewöhnliche Expressivität und Radikalität im Ausdruckstanz, aber auch exemplarisch für das hedonistische Lebensgefühl in den Zwanzigerjahren, das sie am Ende zerstörte: Anita Berber.  

Wenn auch im heutigen Berlin mitunter die Zwanzigerjahre beschworen oder gar Parallelen bemüht werden, so bietet unsere Zeit wenig Vergleichbares. Denn das Berlin der sogenannten Goldenen Zwanziger erzeugte zwar einerseits ein Lebensgefühl, das dem Tempo der wachsenden Großstadt entsprang, andererseits aber war es zum Zentrum der Avantgarde auf allen Gebieten der Kunst avanciert. Eine unbändige Energie und Kreativität erfasste die Künstler in der Stadt und diejenigen, die es nach dem Ersten Weltkrieg in die alles verheißende neue Kunst- und Amüsiermetropole Berlin gezogen hatte. So, neben vielen Literaten, Malern und Schauspielern, auch junge Tänzerinnen wie Josephine Baker oder Anita Berber, die in den einschlägigen Theatern, Varietés und Tanzlokalen mit spektakulären Choreografien für Aufsehen sorgten. Während Josephine Baker, das erste schwarze Sexsymbol, noch heute in unserem kollektiven Bewusstsein präsent ist und als die „Mutter aller Tänzerinnen“ betitelt wird, muss der Name Anita Berber erst nachgeschlagen werden. Dabei war sie es, die als erste Tänzerin den Exhibitionismus des Tingeltangels aufbrach, und den Ausdruckstanz, wenn es ihn bis dahin überhaupt gegeben hat, in radikaler Weise geradezu revolutionierte. Für die damaligen Besucher des „Wintergartens“, „Wiener Apollo-Theaters“ oder „Metropol-Varietés“, wo sie ab 1920 auftrat, war sie allerdings in erster Linie die angesagte Nackttänzerin. Ihre Choreographien faszinierten und erregten die Zuschauer derart, dass sie schnell in aller Munde war und zu einer Art Symbolfigur wurde. Für eine Zeit, in der die Krisen der Weimarer Republik ein hedonistisches Lebensgefühl aufkommen ließen und der „Tanz auf dem Vulkan“ Zügellosigkeit und Vergnügungssucht gebar. Im Tanz der Berber schien dies den adäquaten künstlerischen Ausdruck gefunden zu haben: betörend-zügellos, lasziv-erotisch, bis hin zur hemmungslosen Ekstase. Das faszinierte auch Künstler wie Otto Dix, der Anita Berber 1925 porträtierte. Zu diesem Zeitpunkt war die einst schöne Frau mit knabenhaft-schlankem Körper allerdings bereits äußerlich durch Alkohol, Drogen und ein ungezügeltes Liebesleben gezeichnet und ihr Gesicht zur Maske erstarrt. Unter anderen hatte sie der Tänzer, Choreograph und Dichter Sebastian Droste, mit dem sie ab 1920 eine Zeit lang auftrat, auf einen unheilvollen Weg geführt. Drogen bestimmten ihr Leben und ihre Auftritte von da an mit. 

Das hielt indes kaum einen Veranstalter davon ab, sie zu engagieren. Denn die verrucht-berüchtigte Nackttänzerin war sicherer Garant für ausverkaufte Amüsierclubs, Kabaretts, Theater und Vergnügungsetablissements jeglicher Art, nicht nur in Berlin. Auch die Filmindustrie entdeckte früh das Potenzial der außergewöhnlichen Tänzerin und machte sie zum Stummfilmstar. Sie spielte und tanzte in zahlreichen Filmen, wie dem „Dreimäderlhaus“, „Die Prostitution“ oder „Das Tagebuch einer Verlorenen“, ebenso in Fritz Langs „Dr. Mabuse, der Spieler“. Auf Dauer hielt ihr ausschweifend-freizügiger, in jeder Hinsicht grenzüberschreitender und extravaganter Lebensstil mit ihrem künstlerischen Anspruch, ihren radikalen Choreographien, ihrem Spiel mit der Erotik nicht Schritt. An Tuberkulose erkrankt, brach sie auf einer Tournee zusammen und wurde zurück nach Berlin gebracht. Am 10. November 1928 starb sie im Bethanien-Krankenhaus. 

Mit ihrer Familie 1914 nach Berlin gekommen, war das Leben dieser hoch talentierten Tänzerin von kurzer Dauer. Dass sie als „Stil-Ikone eine ganze Ära inspirierte“ lässt sich heute leicht behaupten, marginal wiederentdeckt wurde sie freilich erst in den 1980er-Jahren. Zu lange hatte ein Zerrbild dieser unkonventionellen Künstlerin Bestand. Autor und Kenner Lothar Fischer gehört zu denen, die die Bedeutung Anita Berbers als Künstlerin erkannt haben, mit dem Anspruch, sie angemessen zu würdigen: „Mehr als 85 Jahre nach ihrem Tod erregt diese Frau immer noch viele Gemüter. Anita Berber war mehr als nur eine zeittypische Figur. Sie war eine Rebellin, die den Mut hatte, Tänze nach der Musik von Beethoven, Chopin, Liszt und Brahms mit einer seriösen Choreographie in der Unterwelt des Tanzes aufzuführen.“

Reinhard Wahren

 

Information

Lothar Fischer: „Anita Berber – Ein getanztes Leben“. 
Hendrik Bäßler Verlag, Berlin 2014.
ISBN 978-3-930388-85-1

 

 

 

 

 

65 - Winter 2016

Ai Weiwei – Künstler und Aktivist

Während seiner Inhaftierung in China habe ihm Einsteins Gedanke, dass die Phantasie über dem Wissen stehe, Hoffnung gegeben, sagt Ai Weiwei in Berlin anlässlich seiner Gastprofessur an der UdK.

Er sammelt Legosteine, twittert, bloggt, inszeniert seine Werke und fordert Meinungsfreiheit in sozialen Netzwerken. Ai Weiwei ist Chinas bekanntester Regimekritiker, was ihn seine persönliche Freiheit gekostet hat. Nach seinem mehrjährigen Ausreiseverbot durch die chinesischen Behörden ist er im Juli letzten Jahres dem Ruf einer Lehrtätigkeit nach Berlin gefolgt und erarbeitet nun mit 16 Studentinnen und Studenten Kunstprojekte.

Finanziert wird Ai Weiweis Lehrtätigkeit an der Kunsthochschule von der Einstein Stiftung Berlin. „Mit dieser Einstein-Gastprofessur binden wir einen herausragenden Künstler an unsere Stadt. Ai Weiweis künstlerische Arbeit als Bildhauer, Performance-Künstler, Filmemacher und Architekt schafft Perspektiven, die eine Vielzahl von Denk- und Handlungsräumen eröffnen“, betonte Günter Stock, Vorstandsvorsitzender der Stiftung. Den Studenten soll durch die Arbeit mit dem Aktivisten auch die Möglichkeit gegeben werden, eigene künstlerische Positionen zu erweitern und zu hinterfragen. 

Bereits im Dezember 2010 wurde das Verfahren zur Berufung Ai Weiweis an die UdK Berlin aufgenommen. Doch im April 2011 wurde der als Regimekritiker von der chinesischen Regierung inhaftiert. Die Einstein Stiftung stimmte kurze Zeit später dem Antrag der UdK Berlin zur Etablierung der Ai Weiwei-Professur zu. Erste und  konkrete Gespräche zwischen Ai Weiwei und dem UdK-Präsidenten Martin Rennert zur Einrichtung einer solchen Stelle wurden bereits im Jahr zuvor geführt. „Es gab gute Gründe, ihn vor Jahren an die UdK Berlin holen zu wollen. Nun war es endlich möglich“, sagte Rennert. 

Als man ihm seinen Pass zurückgab   und das Ausreiseverbot aufhob, konnte Ai Weiwei nach Berlin reisen.  Diese Chance bedeute ihm eine besondere Verantwortung und eine große Ehre. Während seiner 80-tägigen Inhaftierung in China habe ihm Einsteins Gedanke, dass die Phantasie über dem Wissen stehe, Hoffnung gegeben. In den ersten Wochen nach seiner Ankunft in Berlin war der 58-Jährige vor allem damit beschäftigt, geeignete Studenten für seine Klasse in persönlichen Gesprächen auszuwählen. Mehr als 100 aus allen UdK-Fakultäten haben sich für die Ai Weiwei-Klasse beworben, doch nur 16 haben es geschafft.  Ein gelungener Austausch könne nur in einer kleinen Gruppe funktionieren. Auf die Frage, was denn das Geheimnis seines Erfolges sei, erfolgt die Gegenfrage: „Bin ich erfolgreich?“ Studenten, die die Kunst als das Ziel betrachten, sind bei ihm durchgefallen. „Kunst kann niemals Ziel, sondern immer nur Mittel sein“, sagt der in Peking geborene Polit-Aktivist. Auf seinem Lehrprogramm in den kommenden drei Jahren stehen die Medien, Fotografie, Philosophie, Ästhetik, das Internet, das mit seinen vielen Möglichkeiten für den Künstler als Ausdrucksmittel und Informationskanal unverzichtbar ist sowie das Thema Flüchtlinge. 

Das Internet ist die moderne Kirche

Das Internet sei eng mit unserem Leben verflochten, ein Wissensmultiplikator und für den Allround-Künstler ein unentbehrliches künstlerisches Ausdrucksmittel, erklärt Ai Weiwei, der das Internet auch als moderne Kirche beschreibt.  Man klage einem Priester sein Leid, und alle in der Gemeinde nehmen Anteil, um eine Lösung zu finden. So war es auch, als ihm die Firma Lego eine Lieferung von Spielsteinen für seine Ausstellung „Andy Warhol/Ai Weiwei“ in Melbourne verweigerte mit der Begründung, keine politische Kunst unterstützen zu wollen. Nachdem er sein Vorhaben in den sozialen Netzwerken verbreitete, spendeten so viele Fans Legosteine, dass er sein Projekt mühelos realisieren konnte.

Michaela Bavandi

 

65 - Winter 2016
Kultur

Das Phänomen Menzel

Anlässlich seines 200. Geburtstages konzentriert sich das Märkische Museum in seiner Jubiläumsausstellung auf das Frühwerk Adolph Menzels, der sich vom ausgewiesenen Kunsthandwerker und passionierten Zeichner zum Berliner Jahrhundertmaler emanzipierte. 

Wegen seiner geringen Größe, laut seinem Reisepass noch unter einem Meter fünfzig, bezeichnete ihn Theodor Fontane als „ganz grandiosen kleinen Knopp“. Sogar „Gnomenhaftigkeit“ wurde ihm bescheinigt, weswegen ihm zwar Militärdienst erspart blieb, er aber von Beginn seines Lebens an eine Art Außenseiterrolle spielte. So war Adolph Menzel, der Zwergwüchsige, gezwungen, sich auf andere Weise zu emanzipieren. 

Sein besonderes Zeichentalent wurde früh entdeckt und bereits als Jugendlicher arbeitete er in der Lithografiewerkstatt seines Vaters mit. Nach dem Umzug der Familie von Breslau nach Berlin und dem Tod des Vaters führte der junge Menzel die Werkstatt selbstständig weiter und entwickelte im Laufe der Jahre jene außergewöhnlich feine Druckgrafik, die thematisch seine späteren berühmten Ölgemälde vorwegnahm. Fünfunddreißigjährig avancierte er schließlich sehr zielstrebig zum gefragten Historienmaler. Darstellungen der Hohenzollern brachten ihm  die Anerkennung des preußischen Hofes, seine fantasievollen, hintersinnigen und humorvollen Lithografien, atmosphärischen Landschaftsgemälde, Städtebilder und Porträts die Zuneigung und Treue seiner Freunde, Malerkollegen, Förderer und Kunstsammler. Menzel entwickelte sich zu einem der bedeutendsten deutschen Realisten des 19. Jahrhunderts und zu einem universellen Maler, der weniger ideologisch dachte. Eher viele Seiten bediente, je nachdem, welchen Auftraggebern er gerecht werden wollte oder welche Anforderungen er an sich selbst stellte. Dabei agierte er stets mit dem Blick des Künstlers, des genauen Beobachters. Und zu beobachten gab es im 19. Jahrhundert zuhauf: von der Verherrlichung der preußischen Könige, der Darstellung der biedermeierlichen Idylle bis hin zur Industrialisierung und Modernisierung Berlins. „Sich aus allem eine künstlerische Aufgabe machen“ lautete denn auch sein Lebensmotto. Oftmals unter Zuhilfenahme eines Podests, Stuhls oder einer Leiter, denn aufgrund seiner geringen Körpergröße konnte er manchen Objekten seiner künstlerischen Begierde nur in dieser Weise auf Augenhöhe nahekommen. Dass er auch so zum Malerstar und Jahrhundertkünstler werden konnte, gehörte mit zu seinem persönlichen Lebensentwurf. Das war er nicht zuletzt seiner Größe schuldig. Am Ende wollte er sich gar sein eigenes Denkmal setzen mit Selbstdarstellungen der besonderen Art, indem er sich in den verschiedensten Posen und Aufmachungen fotografieren ließ. Überaus selbstbewusst betitelte er seine Autobiografie mit „Ich“. Für das Märkische Museum Anlass, die sehr persönlich gehaltene Ausstellung „Ich. Menzel“ anlässlich seines 200. Geburtstages einzurichten. Sie zeigt vor allem das Frühwerk Menzels und zeichnet in eindrucksvoller Weise den Werdegang des Künstlers vom exzellenten Lithografen zum Historienmaler nach. Gezeigt werden rund zweihundert Objekte, wobei die Menzel-Bestände des Märkischen Museums und des ehemaligen Berlin Museum erstmals vereint sind. Während der Besucher die berühmten Gemälde Menzels, beispielsweise das „Flötenkonzert Friedrichs des Großen“ oder das „Eisenwalzwerk“ vor seinem inneren Auge hat, kann er nun in der Ausstellung des Märkischen Museums dem „Phänomen Menzel“ näherkommen: wie das Ursprüngliche seiner künstlerischen Handschrift durch das lithografische Druckverfahren wiedergegeben wird. Die Ausstellung führt auch in sein letztes Atelier in der Sigismundstraße 3 im Tiergarten. Dort trafen gelegentliche Besucher und Gäste auf einen mürrisch gewordenen Alten, skurril-sperrigen Außenseiter, der allerdings in Berlin längst Kult war. Vor seiner Ateliertür warteten manchmal alte Männer und Frauen, die sich als Modelle anboten, berichtete ein Malerkollege. Das selten beheizte Atelier selbst war übersät mit Papieren, Totenmasken, Gipsabgüssen und kleineren Bildern. Auf historischen Fotos ist auch sein legendärer Barockstuhl zu sehen, der im Atelier an exponierter Stelle steht und der für Menzel offensichtlich eine besondere Bedeutung hatte: Symbol für ein Jahrhundert, oder als Fetisch, der zur Selbstinszenierung des Künstlergenies gehörte – und vielleicht den Nachgeborenen Rätsel aufgeben sollte. Erfreulicherweise ist der Stuhl im Original in der Ausstellung zu sehen.

Neben dem Atelier befand sich noch ein kleinerer Raum, den Menzel sein „Aller-Heiligstes“ nannte. Umsichtig verwahrte er dort seine Zeichnungen, Skizzenbücher, wichtige Schriftstücke und Briefe. Ein geordneter Nachlass war dem Berliner Malerstar des 19. Jahrhunderts genauso wichtig wie die künstlerische Anerkennung weit über seinen Tod hinaus. 

„Altmeister Adolph Menzel ragt noch heute wie ein Jüngling über alle Strömungen hinweg, die sich seit einem halben Jahrhundert in der Malerei geltend gemacht haben“, heißt es bereits zu Lebzeiten in der ersten Ausgabe von „Berliner Leben. Zeitschrift für Schönheit und Kunst“ aus dem Jahr 1898. Dass die Nachwelt ihn allerdings ausschließlich unter „Ausschluss des Anekdotischen“ sehen sollte, war ein frommer Wunsch von ihm.

Reinhard Wahren

 

Information

Ich. Menzel
Bis 28. März 2016
Märkisches Museum, 
Am Köllnischen Park 5, 10179 Berlin
Begleitprogramm unter: 
www.stadtmuseum.de

 

65 - Winter 2016
Kultur

Langsamer Neustart

So offensichtlich wie in den Filmen  „Matrix Reloaded“, „Bad Boys II“ „Burn Notice“ (Fernsehserie), in denen ein Cadillac CTS jeweils seinen großen Auftritt hat, ist die Oberklasse-Limousine auf deutschen Straßen kaum auszumachen. In Deutschland wurden beispielsweise 2009 kaum mehr als fünfzig Exemplare verkauft, obwohl General Motors seit 2005 versucht, mit neuen Modellen, wie dem BLS, Escalade oder XRL, wieder langsam Marktanteile zu gewinnen. Seit 2010 lagen die Stückzahlen zumindest im dreistelligen Bereich.

Mit dem neuen CTS-V soll nun der Durchbruch auf dem europäischen Markt gelingen. Mit einer Luxuslimousine für knapp 100 000 Euro, die mit Modellen wie dem Audi RS6 oder BMW M5 konkurrieren will. Dass sie das auch kann, versprechen der 6,2-Liter-Kompressormotor und das Automatikgetriebe 8L90, die beide aus der Corvette Z06 stammen. Damit sind Geschwindigkeiten um 280 Kilometer pro Stunde kein Problem. Die Ausstattung ist umfänglich und exquisit, was bei einem solchen Schwergewicht erwartet werden darf. Die neuen V-Limousinen sind für Cadillac so etwas wie die Ankündigung einer weiterreichenden Strategie, im Segment der Oberklasse und Luxuslimousinen auf dem europäischen Markt Fuß zu fassen. Daher ist bald mit neuen Modellen zu rechnen.

 

Schminkspiegel mit Sportwagen


Schön, schnell und extrovertiert gebaut. Der 570S ist der erste McLaren mit Handschuhfach und Schminkspiegel [Fotos: © Copyright McLaren Automotive Limited]

McLaren steht für Supersportwagen in Kleinserie. Bis 1997 heißen die Modelle F1, bis 2009 Mercedes-Benz SLR McLaren, seit 2013 P1 und seit 2014 650 S. Mit dem Modell 570S präsentiert McLaren nun eine neue Baureihe, die beispielsweise für den Porsche Turbo S eine Alternative sein könnte. Sicher nicht in puncto Stärke und Aggressivität. Seine Attraktivität speise sich aus seiner Ausstrahlung, seiner Gefälligkeit, heißt es unter Fachleuten. Daher wird ihm eine extrovertierte Formensprache bescheinigt, als sei ein gänzlich neues Modell, ein Exot, vom Himmel gefallen. Die nach oben aufschwingenden Schmetterlingstüren könnten freilich ein Indiz dafür sein. Allerdings arbeitet unter seiner Karosserie ein 3,8-Liter-V8-Mittelmotor mit doppelter Aufladung, der den Sportwagen in 3,2 Sekunden auf Tempo 100 bringt und keinen Zweifel daran lässt, total irdisch zu sein. Doch der McLaren 570S ist nicht nur schön und schnell, auch seine Fahreigenschaften, auf freier Strecke oder in Kurven, könnten nicht überzeugender sein: Die verschiedenen Modi für Handling und Antrieb lassen sich dabei spielerisch und frei miteinander kombinieren. Zudem ist der 570S dank Carbon-Chassis ein relativ leichter Sportwagen, vergleicht man ihn mit einem Porsche 911 Turbo. 

Dass er alles in allem für spezielle Sportwagen-Puristen nicht brachial genug ist, gar als „Daily-Driver“ oder Frauenauto durchgeht, erweist sich schluss-endlich als Vorteil.

Mit dem neuen McLaren-Einstiegsmodell will die englische Sportwagenschmiede nicht nur eine sehr attraktive Alternative zu den Platzhirschen aus Deutschland anbieten, sondern vor allem neue Käuferschichten generieren.

 

MEHRMINI


Foto: BMW AG

In fast allen EU-Ländern wurden im vergangenen Jahr mehr Autos verkauft als im Jahr davor. Für die deutschen Marken war das ein Plus von rund neun Prozent. Dabei legte Daimler am meisten zu, aber auch BMW konnte sich nicht beklagen. Das hat der Münchner Autobauer nicht zuletzt den drei Mini-Generationen zu verdanken, die inzwischen eine ansehnliche Fan-Gemeinde entstehen ließen. Jetzt kommt pünktlich zum Frühjahr nicht nur das neue Mini Cabrio auf den Markt, sondern BMW punktet weiter mit dem neuen Top-Modell, dem Mini John Cooper Works. Mit gleicher Designphilosophie wie beim Cooper S, aber 39 PS mehr Leistung, beschleunigt dieser Mini-Sportler von Null auf Tempo 100 in 6,6 Sekunden und erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von 242 Kilometer pro Stunde. Aber auch das neue Mini Cooper Cabrio kommt attraktiver daher. Sein Dach lässt sich erstmals vollelektrisch öffnen. Das dauert 18 Sekunden lang und funktioniert bei einer Geschwindigkeit bis maximal Tempo 30. Der vordere Teil des Stoffverdecks ist als Schiebedach gestaltet. Im Vergleich zum Vorgänger-Modell ist das Mini Cabrio größer und daher geräumiger. Das betrifft auch das Ladevolumen. Das Cabrio kommt mit drei Motorvarianten auf den Markt: 116 PS für das Basismodell, 136 PS und 192 PS für den Mini Cooper S. Die Preise bewegen sich zwischen 24 000 und 28 000 Euro. Immerhin beschleunigt der Cooper S von Null auf Tempo 100 in 7,2 Sekunden und erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von 230 Kilometer pro Stunde. Damit ist er fast im Leistungsbereich des Mini John Cooper Works Cabrio, das allerdings auch serienmäßig mit Sportfahrwerk und Zweiliter-Reihenvierzylinder-Turbo ausgestattet ist und daher den größten Fahrspaß bietet. Dessen Preis beginnt ab rund 33 000 Euro. Mit der Wahl zwischen manueller Sechsgang-Handschaltung und sechsstufiger Sechsgangautomatik bei allen neuen Modellen kommt BMW seiner speziellen Mini-Käuferschicht sehr entgegen.

 

Isabella, die praktische


62 Jahre liegen zwischen den Geburtsjahren dieser beiden Fahrzeuge der Marke Borgward: Isabella TS und Borgward BX7. [Foto: © 2015 BORGWARD GROUP AG]

Wer kennt schon noch die Traditionsmarke „Borgward“. In den 1950ern war das elegante Borgward Coupé Kult.  Getauft auf den Namen Isabella, die ewig Schöne, begeisterte der Wagen die Autowelt und setzte technische  Maßstäbe.

Carl Borgward hatte 1954 mit der Produktion des Modells „Isabella TS“, als Nachfolger des „Hansa 1500“, dem ersten Pkw der Firma, begonnen. Das Coupé sollte dann 1957 den bis dahin mageren Absatz ankurbeln. Doch auch nach weiteren vier Jahren stieg weder die Nachfrage, noch reagierte der Firmengründer mit rettenden Maßnahmen. Die Firma geriet in finanzielle Schwierigkeiten und Carl Borgward musste schließlich ein Konkursverfahren einleiten. Das war das endgültige Aus für eine vielversprechende Autoschmiede.

Vor zehn Jahren hat sein Enkel Christian Borgward das Wagnis begonnen, die Traditionsfirma seines Großvaters wieder zum Leben zu erwecken. Und das, obwohl die Wiedergeburt von Kultmarken keineswegs mit einer Erfolgsgarantie verbunden ist, wie das Beispiel Maybach zeigt. Mit der Gründung der Borgward Group AG in Stuttgart ist ihm allerdings im vergangenen Jahr tatsächlich der Neustart gelungen. Dabei scheint das Konstrukt des neuen Unternehmens aufzugehen: Die finanziellen Mittel kommen vom chinesischen Lkw-Bauer Beiqi Foton, technisches Know-how, Design und Zulieferfirmen aus Deutschland. Produziert wird selbstverständlich in China, in erster Linie für den chinesischen Markt. Dabei zielt Beiqi Foton auf die immer noch wachsende Nachfrage nach sportlichen Geländewagen. Deshalb ist auch das erste Modell, der Borgward BX7, mit Plug-in-Hybridantrieb, ein SUV. In diesem Jahr kommt er in China auf den Markt, wohl erst 2017 in Deutschland. Gerechnet wird mit einer Jahresproduktion von etwas mehr als 200 000 Einheiten, soviel, wie einst die Gesamtstückzahl des Borgward Isabella TS in den Jahren von 1954 bis 1961. Ähnlichkeiten zwischen den beiden sind freilich ausgeschlossen, nur das alte Borgward-Logo prangt ebenso auf dem Kühlergrill des neuen BX7 wie einst an der legendären Isabella.

 

Motorenwechsel beim 911er


Feierte Weltpremiere auf der IAA: der neue Porsche 911 Carrera. [Foto: © F. Porsche AG]

Die zahlreichen Modellbezeichnungen des „Neunelfer“ waren von jeher verwirrend, aber stets mit kontinuierlichen Weiterentwicklungen des „Klassikers“ verbunden. Ende der 1980er-Jahre allerdings stand der 911er sogar wegen rückläufiger Verkaufszahlen zur Disposition. Doch dann vermarktete Porsche kurzerhand den 964 als neuen 911er. Für dessen Ablöse sorgte 1993 der Porsche 993, der unter den 911-Modellen als besonders ausgereift und zuverlässig galt und die Porsche-Puristen bis heute begeistert. Der 993 schaffte denn auch 1997 den Sprung vom luft- zum modernen, wassergekühlten Modell. Mit diesem Wechsel vergleicht Porsche nun den Schritt vom bislang aktuellen zum überarbeiteten 911er, der, zur IAA im September vorgestellt, seit Ende des vergangenen Jahres ausgeliefert wird. Von einer Erneuerung ist die Rede. Was sich dahinter verbirgt, verrät zuallererst der neue Turbomotor. Kein Saugmotor mehr treibt den neuen 911er Carrera an; ein kleinerer, sparsamerer Dreiliter-Turbo soll dagegen noch leistungsfähiger als sein Vorgänger sein – bis 450 PS in der Carrera S-Variante – und zudem mehr Fahrdynamik entwickeln. Das klingt übertrieben, ist aber tatsächlich allein der fein abgestimmten, neuen Motorentechnik geschuldet. Beispielsweise kann der Fahrer das Ansprechverhalten des neuen Turbomotors mittels Sports   Response Button (SRB) in den Stufen 0, S, S1, und I extrem beeinflussen. Neben den beiden Sport-Modi S und S1 erlaubt der SRB selbstverständlich auch eine individuelle Fahrweise. Dafür muss der I-Modus gewählt werden. Im S1-Modus beschleunigt der Carrera in 4,3 Sekunden von Null auf Tempo 100 und erreicht als Carrera S Höchstgeschwindigkeiten wie sein Vorgänger. Gleichzeitig wird die Karosserie um 20 Millimeter abgesenkt. 

Neben veränderten Stoßfängern, Schürzen und Leuchten umfasst das „Facelifting“ der neuen Carrera-Generation zahlreiche Sicherheits- und Komfortfunktionen, beispielsweise eine hydraulische Hebeeinrichtung an der Vorderachse, um den Spoiler vor Beschädigung in Tiefgaragen zu schützen, eine Multikollisionsbremse, um weiteren Schaden nach einem Aufprall zu verhindern, sowie einen Spurwechselassistenten. Mit dem neuen Motor sollte natürlich auch der Durchschnittsverbrauch gesenkt werden. Mindestens ein Liter weniger gegenüber dem Vorgänger war das erklärte Ziel. So kommt der 911er nun mit nur etwa sieben Litern aus.

 

A-Klasse für Youngster


Nach dem Facelifting lockt die A-Klasse neue Käuferschichten an. [Foto: © 2016. Daimler AG]

Seit die neue A-Klasse auf dem Markt ist, stimmen nicht nur die Stückzahlen, auch die Käuferschicht hat sich verschoben zugunsten einer jüngeren Klientel. Kompaktere Formen treffen offenbar mehr den Nerv auch jüngerer Fahrer. Für Mercedes war das Anlass für ein Facelifting. Die Limousine kommt jetzt noch frischer, sportlicher daher, die AMG-Variante mit 381 PS lässt auch keinen Zweifel an ihrer sportlichen Attitüde. Entsprechende Details unterstreichen die neue Optik. Um auch iPhone und Smartphone im Auto nutzen zu können, für anspruchsvolle Youngster ein Muss, sind in der neuen A-Klasse nun die Techniken Apple Carplay und Mirrorlink integriert, ebenso der Sprachassistent Siri. So ist Telefonieren, SMS, E-Mail, Navigieren und Musikunterhaltung im Auto kein Problem mehr. Zudem können nicht nur die AMG-Modelle ihre Fahrprogramme auf Knopfdruck ändern, auch alle anderen Varianten der A-Klasse verfügen über vier Fahrprogramme: „Comfort“, „Sport“, „Eco“ und „Individual“. Das Modellprogramm der A-Klasse umfasst mittlerweile siebzehn Modellvarianten.   

Reinhard Wahren

 

65 - Winter 2016

Heilanstalt aus Baumwipfelperspektive

Dass man über einem „Alpenhaus“ spazieren kann und dazu noch im flachen Brandenburg – wer hätte das gedacht. Nun ja, die Alpen sind hier kleine Hügelchen, aufgeschüttet mit dem Aushub für das Fundament des Hauses – spektakulärer ist der Spazierweg. In 23 Metern Höhe wandelt man zwischen Bäumen und blickt, wären sie noch da, direkt in Zimmer der Patientinnen der Lungenheilanstalt oder später in Unterkünfte der Verletzten der beiden Weltkriege und noch später in die der sowjetischen Offiziere und Soldaten, die von 1945 bis 1993 hier behandelt wurden. 

Heute zieren Graffiti die Zimmer der Ruine, einige der Künstler haben gar ihre Sprayflaschen auf den Fenstersimsen entsorgt. Auf einem Nebengebäude ist schon ein kräftiger Wald entstanden – in 70 Jahren wächst so einiges heran. Der Baumwipfelpfad in Beelitz bietet neben dem Kick, in ungewohnter Höhe zu wandeln, quasi einen direkten Blick in die Vergangenheit der Beelitzer Lungenheilstätten. Deshalb trägt der Baumkronenpfad auch den Zusatztitel „Baum & Zeit“. Schön, dass man  die heutigen Ruinen nicht geputzt hat, dass man die Inschriften auf Russisch – wie „Eingang“ , „Ausgang“ – noch lesen kann, auch neuere Hinterlassenschaften wie der Gruß der Antifa Wittenberge oder der Hinweis, dass hier guter Ort für Sex sei, sind noch nicht übertüncht. Sicher wird das im Laufe des Ausbaus des Baumwipfelpfades noch kommen. Noch ist es diese eigenwillige Mischung von 115 Jahren Geschichte, die den Reiz dieses besonderen Spazierweges ausmacht, der wahrlich nur Sinn ergibt, wenn man die ganze Anlage im Blick hat. Schauen wir noch einmal ins „Alpenhaus“, so um 1900 herum. Tuberkulose war eine der schlimmsten Krankheiten jener Zeit, hochansteckend, es gab keine Medikamente. Die Therapie: Ruhe, Licht, Luft, gutes Essen und Sauberkeit. Die Zimmer, mit zwei bis sechs Patientinnen belegt, waren groß. Über einen Frischluftschacht wurde permanent die gute Beelitzer Waldluft zugeführt, überdies gehörten sechs Stunden Liegen im Freien zur Therapie. Und eine beispielhafte Reinlichkeit herrschte. Die Ecken der Scheuerleisten waren abgerundet, damit auch jedes Fitzelchen Staub beim Wischen erwischt werden konnte. Sogar die Heizkörper waren von den Wänden abklappbar. Es herrschte überdies eiserne Disziplin. Gegessen wurde gemeinsam unter Aufsicht von mindestens zwei Krankenschwestern. Was auf den Teller kam, wurde aufgegessen und nicht etwa heimlich in die Tasche gesteckt. Damit man den Verwandten, die zu Besuch kamen, nichts von dem Guten mitgeben konnte. Sechs Wochen bis zu einem halben Jahr blieben die Patientinnen. Doch bei den oft katastrophalen Bedingungen zu Hause kriegten sie oft nach kurzer Zeit schon wieder die Motten, wie es salopp heißt und das klang immerhin besser als Schwindsucht. Das Alpenhaus, hier im ehemaligen Frauentrakt der Heilstätten als Ruine, ist übrigens im ehemaligen Männertrakt, der heute zum Klinikkonzern gehört, baugleich wiederhergestellt. Auch die Lüftungsschächte kann man noch sehen. Eine wohl einmalige Situation – Ruine und intaktes Gebäude auf einen Blick. Und vom Baumwipfelpfad hat man die gesamte Anlage vor Augen, erkennt ihre Dimensionen, die ausgeklügelte Architektur. Die damaligen Architekten und Planer haben Pionierarbeit geleistet. Zu ihnen gehörte auch Heino Schmieden, der mit Walter Gropius eine der größten Architektenfirmen in Berlin bildete. Beide bauten das Kunstgewerbemuseum Berlin, heute als Martin-Gropius-Bau bekannt. Aber Krankenhäuser waren wohl Schmiedens Leidenschaft, so zeichnet er architektonisch für das Krankenhaus Friedrichshain, die Frauenklink der Charité und das Rudolf-Virchow-Kinderkrankenhaus verantwortlich. Eines der Kennzeichen seiner Arbeiten ist, dass er zwischen den einzelnen Gebäudeteilen Raum für kleine Spaziergänge ließ. Und so ist es auch in Beelitz, wo er neben einem Klinikgebäude die Wäscherei und das technologisch perfekte Kochhaus entworfen hat. Letzteres soll, wie kann es anders sein, zum Restaurant ausgebaut werden. Noch ist der Baumwipfelpfad nur 320 Meter lang und man muss hinabsteigen, um das Klinikgelände zu erkunden, doch es ist geplant, zukünftig mehr Gebäude aus luftiger Höhe betrachten zu können. Was im wahrsten Sinne des Wortes noch einmal eine andere Perspektive bietet. Beginnen soll der hölzerne Höhenweg später einmal an der Chirurgie, einem spektakulären Gebäude. Um 1925 war die Röntgendiagnostik ein wichtigen Helfer und man konnte der Tbc mit Skalpell den Kampf ansagen. Auch bei diesem OP-Trakt legte man auf funktionale und schöne Architektur Wert. In den OP-Sälen konnte bei Tageslicht operiert werden und die Balkone für die frisch Operierten waren ausgesprochen großzügig mit Blick auf den Beelitzer Wald. Dass es mit der Rekonstruktion ein schweres Unterfangen wird, ist zu ahnen, wenn man in das Gebäude blickt. Nach dem Abzug der sowjetischen Armee stand es leer und ungeschützt und wurde beliebter Treffpunkt für sogenannte Horror-Partys, die oft auch mit Zerstörungswut einhergingen und man schon mal versuchte, mit einen Bagger in die Location zu fahren. 2010 stürzte gar ein junger Mann vom Dach. 

Aber die neuen Besitzer des Areals sind zuversichtlich, dass sie auch dieses Gebäude wieder in einen vernünftigen Zustand versetzen können, wobei sie versprochen haben, dass der Hauch des morbiden Charmes bleiben wird.  Ganz abgesehen vom Blick in die Historie unter einem bietet sich vom 36 Meter hohen Aussichtspunkt ein atemberaubendes Panorama der Weiten des Waldes um Beelitz.

Martina Krüger 

 

Information

Baum & Zeit
Straße nach Fichtenwalde 15
14547 Beelitz-Heilstätten
www.baumundzeit.de

Öffnungszeiten: 
Mai bis September: 9 – 19 Uhr
April und Oktober: 9 – 17:30 Uhr
November bis März: 10 – 16 Uhr

 

65 - Winter 2016