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Golfen auf der Bananeninsel

Früher war, touristisch betrachtet, am Drago Millenario final en los terrenos: Ende im Gelände. Der älteste und berühmteste Drachenbaum Teneriffas und zugleich der ganzen Welt, der zwar nicht, wie sein Name besagt, tausend, aber immerhin an die 600 Jahresringe zählt, dieses Prachtexemplar eines Drago, am Rande der romantischen Altstadt von Icod de los Vinos, zählte immer schon zu den „must see“-Attraktionen auf Teneriffa. 

Aber das war‘s dann auch. Noch weiter in den abgelegenen Nordwesten der Insel, die sogenannte Isla Baja, verirrte sich nur selten ein Touristenbus. Allenfalls ein paar Wanderer, Backpacker der anspruchsvolleren Art, wagten sich gar bis Buenavista del Norte, den westlichsten Ort Teneriffas, um von dort aus den Parque Rural de Teno im zerklüfteten, geologisch ältesten Gebirge der Insel zu erkunden. Buenavista – schöne Aussicht, aber touristisch nahezu ein „No-Go“. 

Bis Severiano Ballesteros kam. Im Auftrag privater Inves-toren schuf Spaniens Golf-Heroe – knapp zehn Jahre vor seinem viel zu frühen Tod 2011 – hier, im strukturschwächsten, entlegensten Zipfel der Insel sein Meisterstück als Golfplatz-Designer, auf einer ehemaligen Bananenplantage direkt oberhalb der Felsküste. Dem Namen und der spektakulären Lage des Platzes ist es geschuldet, dass Buenavista Golf seit Eröffnung im Herbst 2003 zu den besten Golfplätzen ganz Spaniens gezählt und sogar mit dem berühmten Pebble Beach an Kaliforniens Küste ver-glichen wird. Vier Bahnen führen unmittelbar zum Klippenrand, und wie auf keinem anderen Platz der Insel spürt man unbändige Naturgewalt, wenn die Brandung gegen die schwarzen Felsen trifft und die Gischt nicht selten die Konzentration beim Putten durch eine erfrischende Dusche unterbricht. 

Trotz aller herausragenden Qualitäten ist Buenavista Golf bis dato von den acht 18-Loch-Golfplätzen Teneriffas derjenige, auf dem es – wegen der Abgeschiedenheit und der großen Entfernung zu den touristischen Ballungszentren im Süden der Insel – am leichtesten ist, auch kurzfristig nahezu jede gewünschte Startzeit zu buchen. Das wird sich vermutlich bald ändern, wenn endlich die seit Langem im Bau befindliche, tunnelreiche Schnellstraße fertig wird, die künftig die abenteuerliche gebirgige Serpentinenstrecke zwischen Icod de los Vinos und der Südwestküste bei Guia de Isora ablösen soll. 

Dort, im Ritz-Carlton Abama, dem führenden Luxus-Golfresort Teneriffas, haben Golfdirektor Victor Saez und sein Team ganz andere Sorgen. In den gut zehn Jahren seit der Eröffnung im Herbst 2005 schreibt das vom in Marbella lebenden bolivianischen Star-Architekten Melvin Villaroel entworfene Abama eine solche Erfolgsgeschichte, dass man der stetig wachsenden Golfer-Klientel kaum noch Herr wird. Der extrem hohe Promifaktor – unzählige Sport-, Show- und Polit-Stars von Franz Beckenbauer über Heiner Lauterbach bis Ex-US-Präsident Bill Clinton haben neben dem in bester Panorama-Lage hoch über der Küste gelegenen Clubhaus schon genüsslich abgeschlagen – tut ein Übriges, um die magnetische Wirkung des Edel-Resorts zu verstärken. Obwohl Hotelgäste, je nach Saison, für eine Golfrunde – inklusive obligatorischem GPS-Buggy – zwischen 95 und 135 Euro berappen müssen und für Externe ein Abschreckungs-Greenfee von 200 Euro aufgerufen wird, sind Startzeiten oft nur mit langfristiger Voranmeldung zu bekommen. Ginge es nach den Eigentümern des Abama, hätte das Luxusresort spätes-tens in zwei, drei Jahren einen zweiten Championship-Golfplatz. Und was die spanische Polanco-Familie will, das bekommt sie in aller Regel auch. Ihr gehört neben etlichen Luxushotels der größte Medienkonzern des Landes, zu dem unter anderem die Tageszeitung El Pais, die Sportzeitung Diario As sowie etliche Radiosender zählen. 70 Hektar an den bestehenden Golfplatz angrenzendes Gelände zu erwerben, ist für den Branchenriesen eigentlich ein Kinderspiel.

Doch hier geht es um Bananen. Die 160 Hektar Land, auf denen heute das terrakottafarbene, im maurisch anmutenden Stil erbaute Traumhotel inmitten einer weitläufigen subtropischen Gartenanlage steht und wo sich der Golfplatz mit Höhenunterschieden von stolzen 235 Metern bergauf und bergab windet, waren früher Teil einer riesigen Bananenplantage. Der spätestens durch den Verkauf mehr als wohlhabend gewordene Plantagenbesitzer weiß sehr genau, dass seit Jahren die Zahl der Golftouristen auf den Kanaren um gut zehn Prozent per anno wächst und das Abama Resort dringend expandieren muss. Auf wundersame Weise verteuert sich die Platano Canario, von der auf ganz Teneriffa auf riesigen Anbauflächen rund 130 000 Tonnen jährlich produziert werden, an den Hängen von Guia de Isora daher in letzter Zeit deutlich stärker als irgendwo sonst auf Teneriffa. 

Wann im Tauziehen um den Kaufpreis für die 70 Hektar Bananenterrassen endlich „alles Banane“ ist, mag Victor Saez nicht vorherzusagen. Immerhin hat er die Hoffnung, dass die Bagger in knapp zwei Jahren anrollen und die ers-ten Golfer auf dem Abama 2 im Jahr 2020 abschlagen können. Ein paar Jahre später als ursprünglich geplant. Auch, wer der Designer des neuen Kurses sein wird, bleibt noch ein Geheimnis. „Aber der neue Platz“, verrät der Golfdirektor, „wird sicher dem von Dave Thomas geschaffenen bestehenden Kurs ähneln, weil das Terrain, auf dem er gebaut wird, die gleiche Hanglage hat.“ Schon das ist ein Versprechen großer Sinnesfreude – von allen Spielbahnen genießt man einen berauschenden Blick über grüne Hänge voller Bananen und Palmen auf den Atlantik und hinüber zur fast immer von einem schneeweißen Wolkenkranz gezierten Nachbarinsel La Gomera. 

Auf die zweitkleinste der sieben Kanarischen Inseln kommt man praktisch nur mit dem Fred Olsen Express. Das Tragflächenboot braucht 35 Minuten für die Überfahrt von Los Cristianos de Tenerife zur kleinen Inselhauptstadt San Sebastian de la Gomera. Noch einmal so viel Zeit sollte man einplanen für die serpentinenreiche Fahrtstrecke zum Tecina Golf Resort, tief im Süden der gebirgigen Insel, die sich ganz dem sanften Tourismus verschrieben hat. 

Das Resort: ein 4-Sterne-Hoteldorf inmitten eines zauberhaften botanischen Gartens direkt am Rand der 80 Meter senkrecht aus dem Meer aufragenden Steilküste. Kein Abama im Kleinformat, aber urgemütlich und mit allem nötigen Komfort, vor allem aber eine wahre Oase der Ruhe und Abgeschiedenheit. Der Golfplatz, geschaffen vom Amerikaner Donald Steel: ein weltweites Unikat. Mit dem Golfbuggy geht es gut zwei Kilometer und stolze 175 Höhenmeter nach oben zum ersten Abschlag – und dann nahezu 18 Bahnen lang im Zickzack-Kurs nach unten, den Terrassen der ehemaligen Bananenplantage (was sonst?) folgend, pausenlos mit einem geradezu surrealen Panoramablick auf die dunkelblaue Weite des Ozeans und, gen Osten, auf den über 3 700 Meter hohen, fast pyramidenartig aus dem Dunst aufragenden schneebedeckten Gipfel des Vulkans Pico del Teide auf Teneriffa. 

Nur zweimal wird das faszinierende, weltweit vermutlich einmalige Serpentinen-Spiel unterbrochen: Bei Loch 4 zielt der Drive steil bergab Richtung Meer, als solle der Ball direkt in der Brandung landen; und an der 10, einem spektakulären Par 3, visiert man wie von einer hohen Kanzel herab ein 50 Meter tiefer gelegenes Grün an – da kann das Eisen kaum kurz genug sein! Und Vorsicht auch bei den unterschiedlich breiten ehemaligen Bananen-Terrassen an dem stark geneigten Hang: vor allzu sorglosen Griffen zum Driver oder langen Fairway-Hölzern sei ausdrücklich gewarnt! 

Wer auf Teneriffa früh aus den Federn kommt und gegen 9 Uhr früh in Los Cristianos die erste Fähre nimmt, kann, rein zeitlich gesehen, den Golftrip nach La Gomera als Tagesausflug schaffen. Aber er wird es bereuen, nicht für mehrere Tage und Golfrunden geblieben zu sein.

Tecina auf La Gomera ist, so man die Kanaren als Teil oder Vorposten des Alten Kontinents ansehen mag, der südwestlichste Golfplatz Europas. Und die meisten, die ihn gespielt haben, belegen ihn mit weiteren ehrenvollen Superlativen. Unvergesslich ist er allemal.

Wolfgang Weber

 

65 - Winter 2016

eat! mit Berliner Energie

Es den Feinschmeckern oder denen, die es werden wollen, mit einem Festival recht zu machen, ist in Berlin nicht einfach. Scheinbar gibt es hier schon alles, von der Gourmetcurrywurstbude bis hin zum Sternerestaurant, vom rent a cook bis hin zur gelieferten vegetarischen Kochbox. Und doch hat ein Festival Jahr für Jahr nicht nur überzeugt, sondern immer noch etwas obendrauf gesetzt – die eat! berlin.

Newcomer und Kultwirte

Das diesjährige Programm zeigt wieder einmal, was Berlin als Gourmetstadt ausmacht. Es gibt Veranstaltungen an ungewöhnlichen und spannenden Orten. Newcomer und Kultwirte, Topwinzer, Sterne- und Fernsehköche zeigen ihr Können und werden Statements setzen. Es gibt Seminare und den Nachwuchsköche-Preis, eine Gourmet-Kiez-Sause, eine Neueröffnung und einen echten Männerabend. Events zum Thema Süße und Kräuter, der Ball der Gastronomen und der Abend mit „5 Filmen und 5 Gängen“ runden das Programm ab. 

Zu den Programmhöhepunkten 2016 gehört ohne Zweifel das Vorhaben Sebastian Franks. Der Österreicher, der erst 2010 nach Berlin kam, ist mittlerweile Inhaber des Restaurants Horváth, Zwei-Sterne-Koch und Koch des Jahres. Anlässlich der aktuellen Entwicklungen auf der Welt nimmt er Horváths Roman „Jugend ohne Gott“ zum Anlass für einen literatur-kulinarischen Abend. Unterstützt wird er dabei durch Roman Steger und Martin Wall vom Restaurant Speisekammer aus Wien. Die in diesem Kriminalroman behandelten Themen Ausgrenzung, Rassismus, Denunziantentum und Heuchelei sind nach wie vor top-aktuell. Die Landschaften im Buch inspirierten Sebastian Müller zum Menü des Abends (2. März).

Zu den spannenden Locations des   Festivals zählt neben den Floralen Welten das Schmelzwerk. In dem Herzstück der ehemaligen Schokoladenfabrik Sarotti findet, neben einem Genuss-Abend und einem vegetarischen Abend mit der Schauspielerin Marion Kracht, das dreitägige Kochevent „Kreuzberg kocht“ statt. Hier werden wahre Stars der Berliner Szene zu treffen sein. Markus Herbicht, Herbert Beltle und Thomas Kurt zum Beispiel. Diese erstklassige Besetzung an den verschiedensten Essstationen wird die Auswahl des Genusses sicher schwer machen (4.–6. März).

Die meisten Köche, die man aus dem Fernsehen kennt, trifft man in diesem Jahr auf dem Fernsehturm. Den Willkommensgruß dazu bereitet Kolja Kleeberg höchstpersönlich am Fuße des Turms in seinem Foodtruck zu (3. März).

Felicitas Then wird in der Weinschule Berlin zu sehen sein. Die Siegerin der „Taste-Show“ widmet dort jeden Gang einem aktuellen Kochtrend (5. März)

Den einzigen Backkurs des eat! berlin Festivals gibt die amerikanische Back-Queen Cynthia Barcomi. Sie ist die berühmteste Cheesecake-Bäckerin und erstmalig dabei (29. Februar)

Als Gegenpart dazu ist sicherlich der echte Männerabend „Meat The Chef“ interessant, den Wolfgang Müller im „Cooks Connection“ veranstaltet. Seit 2009 gibt er dem Thema Fleisch seine ganze Aufmerksamkeit und züchtet sogar eigene Sattelschafe und Yaks. Beim Braten in der Pfanne wird sicherlich die eine oder andere Geschichte rund um die Männerwelt auf den Tisch kommen (4. März).

Geschichten erzählen kann auch Hans-Peter Wodarz. Seit mehr als 40 Jahren widmet er sein Leben und Können der Ente und ist schlechthin der „Ententainer“. Deshalb wird er im „Café des Artistes“ nicht nur mit prominenter Unterstützung kochen, sondern auch legendäre Anekdoten zum Besten geben (29. Februar).

Natürlich ist das nur eine kleine feine Auswahl der Events, die bei der eat! berlin stattfinden. Und trotz der Vielfalt ein Tipp vorweg: Da die Anzahl der Plätze für die einzelnen Veranstaltungen begrenzt ist, ist es ratsam, sich schnell die Tickets über die Webseite des Festivals zu sichern. Aber es gibt auch Veranstaltungen, bei denen es einfacher ist und die vor Ort bezahlt werden können. Bei den „Berliner Käsetagen“ in der Arminiusmarkthalle in Moabit zum Beispiel (27./28. Februar)

Man kann jetzt schon sagen, dass es Bernhard Moser und seinem Team wieder gelungen ist, einzigartige Events für Berlin zu kreieren. Darüber hinaus ist ihm wichtig, im Sinne der Nachhaltigkeit Verantwortung zu übernehmen. So sind in diesem Jahr mit Unterstützung der Gasag Fahrzeuge im Einsatz, die mit Bio-Erdgas betrieben werden. Damit fahren diese kostengünstig und CO2-neutral. Die Gasag, die übrigens nicht nur Gas-, sondern auch ein Stromlieferant ist, will Energie geben. Und das ist ganz wörtlich gemeint. Unternehmenschefin Vera Gäde-Butzlaff: „Deshalb engagiert sich das Traditionsunternehmen Berlins da, wo es um Kreativität und Vielfalt in der Stadt geht.“

 

Information

eat! Berlin vom 26. Februar bis zum 6. März 2016
Alle Informationen, Veranstaltungstermine
und Tickets unter www.eat-berlin-festival.de

 

65 - Winter 2016

Ai Weiwei – Künstler und Aktivist

Während seiner Inhaftierung in China habe ihm Einsteins Gedanke, dass die Phantasie über dem Wissen stehe, Hoffnung gegeben, sagt Ai Weiwei in Berlin anlässlich seiner Gastprofessur an der UdK.

Er sammelt Legosteine, twittert, bloggt, inszeniert seine Werke und fordert Meinungsfreiheit in sozialen Netzwerken. Ai Weiwei ist Chinas bekanntester Regimekritiker, was ihn seine persönliche Freiheit gekostet hat. Nach seinem mehrjährigen Ausreiseverbot durch die chinesischen Behörden ist er im Juli letzten Jahres dem Ruf einer Lehrtätigkeit nach Berlin gefolgt und erarbeitet nun mit 16 Studentinnen und Studenten Kunstprojekte.

Finanziert wird Ai Weiweis Lehrtätigkeit an der Kunsthochschule von der Einstein Stiftung Berlin. „Mit dieser Einstein-Gastprofessur binden wir einen herausragenden Künstler an unsere Stadt. Ai Weiweis künstlerische Arbeit als Bildhauer, Performance-Künstler, Filmemacher und Architekt schafft Perspektiven, die eine Vielzahl von Denk- und Handlungsräumen eröffnen“, betonte Günter Stock, Vorstandsvorsitzender der Stiftung. Den Studenten soll durch die Arbeit mit dem Aktivisten auch die Möglichkeit gegeben werden, eigene künstlerische Positionen zu erweitern und zu hinterfragen. 

Bereits im Dezember 2010 wurde das Verfahren zur Berufung Ai Weiweis an die UdK Berlin aufgenommen. Doch im April 2011 wurde der als Regimekritiker von der chinesischen Regierung inhaftiert. Die Einstein Stiftung stimmte kurze Zeit später dem Antrag der UdK Berlin zur Etablierung der Ai Weiwei-Professur zu. Erste und  konkrete Gespräche zwischen Ai Weiwei und dem UdK-Präsidenten Martin Rennert zur Einrichtung einer solchen Stelle wurden bereits im Jahr zuvor geführt. „Es gab gute Gründe, ihn vor Jahren an die UdK Berlin holen zu wollen. Nun war es endlich möglich“, sagte Rennert. 

Als man ihm seinen Pass zurückgab   und das Ausreiseverbot aufhob, konnte Ai Weiwei nach Berlin reisen.  Diese Chance bedeute ihm eine besondere Verantwortung und eine große Ehre. Während seiner 80-tägigen Inhaftierung in China habe ihm Einsteins Gedanke, dass die Phantasie über dem Wissen stehe, Hoffnung gegeben. In den ersten Wochen nach seiner Ankunft in Berlin war der 58-Jährige vor allem damit beschäftigt, geeignete Studenten für seine Klasse in persönlichen Gesprächen auszuwählen. Mehr als 100 aus allen UdK-Fakultäten haben sich für die Ai Weiwei-Klasse beworben, doch nur 16 haben es geschafft.  Ein gelungener Austausch könne nur in einer kleinen Gruppe funktionieren. Auf die Frage, was denn das Geheimnis seines Erfolges sei, erfolgt die Gegenfrage: „Bin ich erfolgreich?“ Studenten, die die Kunst als das Ziel betrachten, sind bei ihm durchgefallen. „Kunst kann niemals Ziel, sondern immer nur Mittel sein“, sagt der in Peking geborene Polit-Aktivist. Auf seinem Lehrprogramm in den kommenden drei Jahren stehen die Medien, Fotografie, Philosophie, Ästhetik, das Internet, das mit seinen vielen Möglichkeiten für den Künstler als Ausdrucksmittel und Informationskanal unverzichtbar ist sowie das Thema Flüchtlinge. 

Das Internet ist die moderne Kirche

Das Internet sei eng mit unserem Leben verflochten, ein Wissensmultiplikator und für den Allround-Künstler ein unentbehrliches künstlerisches Ausdrucksmittel, erklärt Ai Weiwei, der das Internet auch als moderne Kirche beschreibt.  Man klage einem Priester sein Leid, und alle in der Gemeinde nehmen Anteil, um eine Lösung zu finden. So war es auch, als ihm die Firma Lego eine Lieferung von Spielsteinen für seine Ausstellung „Andy Warhol/Ai Weiwei“ in Melbourne verweigerte mit der Begründung, keine politische Kunst unterstützen zu wollen. Nachdem er sein Vorhaben in den sozialen Netzwerken verbreitete, spendeten so viele Fans Legosteine, dass er sein Projekt mühelos realisieren konnte.

Michaela Bavandi

 

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Kultur

Beste Aussichten an der Rudower Chaussee

Lebensqualität trifft Hochtechnologie: Die neuen Ansiedlungen entlang der Rudower Chaussee zeigen beeindruckend, wie sich Adlershof im Berliner Südosten kontinuierlich weiterentwickelt.

Alle Projekte, die an diesem Standort entwickelt wurden beziehungsweise sich noch in der Entwicklung befinden, erhöhen die Attraktivität der Straße, schaffen Synergien und steigern so die urbane Lebensquali-tät vor Ort. Nur eins von vielen Beispielen – das neue Europa-Center-Projekt, ein Büro- und Geschäftshaus am Forum, im Herzen von Adlershof. Schon bald wird das historische Gebäudeensemble durch elegante Architektur ergänzt, die den Bedürfnissen anspruchsvoller Mieter von Büro- und Serviceflächen gerecht wird. Hier lebt der Fortschritt: Berlin-Adlershof im Bezirk Treptow-Köpenick hat als einer der wichtigsten Standorte für Hochtechnologie von sich reden gemacht. Adlershof genießt den Ruf, Deutschlands modernstes Gründer- und Technologiezentrum sowie  Berlins wichtigster Wissenschafts-, Wirtschafts- und Medienstandort zu sein. Die Entfaltung eines solchen Stadtteils ist ein ständiger Prozess des Wandels und des Wachsens. Und es tut sich viel am wirtschaftlich prosperierenden Standort -Adlershof. Neue Projekte, teils bereits fertig, teils in Ausführung oder Planung, lassen immer mehr Stadtqualität entstehen, speziell entlang der Rudower Chaussee. Die Magistrale ist ein bedeutender Teil der historischen Straßenverbindung vom westlichen Rudow zur Adlershofer Dörpfeldstraße im Nordosten.

Wer die Entwicklung unserer Städte und Stadtteile als fortwährenden Ausdruck gesellschaftlichen Wandels begreift, wird an der aktuellen Entfaltung der Rudower Chaussee seine Freude haben. Arbeiten, Wohnen und Leben bestehen idealerweise in guter Balance neben-einander. Darauf haben die Adlers-hof Projekt GmbH als städtebaulicher Entwicklungsträger und Treuhänder des Landes Berlin sowie die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt auch an der Rudower Chaussee stets Wert gelegt. So beleben Restaurants und Geschäfte die Erdgeschosszonen der Bürohäuser. Dazu gibt es in unmittelbarer Nähe Wohnraum für die unterschiedlichsten Zielgruppen. Zum Beispiel entstehen im Projekt „Medienfenster“ 153 Mikroapartments, die schon mit Beginn des Wintersemesters 2016/2017 von Studenten bezogen werden. 

Ganz aktuell haben sich zwei große Namen für die Ansiedlung an jeweils einem Ende der langen Chaussee entschieden: Die Zusammenlegung der Dienstorte des Landeslabors Berlin- Brandenburg (LLBB) bündelt die hohe Analytik-Kompetenz beider Bundesländer nun an einem Platz. Und der Versicherungskonzern Allianz verlegt seinen Berliner Unternehmenssitz nach Adlers-hof. 2019 wird der Konzern in einen modernen Neubau in die Stadt für Wissenschaft, Wirtschaft und Medien einziehen. Und es gibt weitere Neuigkeiten: Die Haupteinkaufsquelle am Standort, das durch zeitlose Architektur gekennzeichnete „Adlershofer Tor“, ein Büro- und Geschäftshaus mit Handelsflächen, bekommt in diesem Jahr mit einer neuen Fassade ein attraktives Facelifting. Schräg gegenüber, hinter dem Eichenwäldchen am S-Bahnhof gelegen, entsteht der Bürokomplex „Nubis“. Auf einer Gesamtmietfläche von 17 400 Quadratmetern soll Büroraum individuell und flexibel gestaltet werden. Erstbezug ist voraussichtlich im dritten Quartal 2017. Auch das Büro- und Geschäftshaus „Air Campus Adlershof“ ist im ersten Bauabschnitt bereits fertiggestellt und erfolgreich vermietet. Jetzt folgen der zweite und dritte Bauabschnitt mit weiteren hochwertigen und flexiblen Angeboten für Unternehmen.

Mit dem „CrossmediaCenter“ an der Franz-Ehrlich-Straße entsteht ein interdisziplinäres Dienstleistungszentrum für die verschiedensten Print- und Onlinemedien. Sein Nachbar ist das Berliner Unternehmen „System 180“, das Ende letzten Jahres nach Adlershof gezogen ist. Das Unternehmen erdenkt und produziert ein markantes Stahlrohrsystem, das in den Bereichen Messe- und Ausstellungsbau sowie Design und Möbelbau eingesetzt wird.

Am westlichen Ende der Rudower Chaussee, in der Nähe des künftigen Landeslabors Berlin-Brandenburg, gibt es sichtbaren Fortschritt im „Oktogon“, dem Campus für Gewerbe und Technologie. Das erste Gebäude ist bereits komplett bezogen, das zweite ist im Bau, und der Startschuss für den Bau des dritten Gebäudes erfolgt im Frühjahr. Der weit über die A 113 hinaus sichtbare, markante Auslieferungsturm des 2012 eröffneten „Audi Zentrums Berlin Adlershof“ in der Nähe der Autobahn-Ausfahrt ist ein bekannter Blickfang. Nun hat sich mit dem „Porsche Vertriebszentrum“ eine weitere renommierte Marke für den Standort entschieden: An der Kreuzung zur Herrmann-Dorner-Allee ist bereits ein 25 Meter hoher Solarpylon zu sehen, der Strom für eine Elektro-Tankstelle liefert. Die Eröffnung des Vertriebszentrums ist im Frühjahr 2017 geplant.

In der weiteren westlichen Verlängerung der Rudower Chaussee, dem Eisenhutweg, entsteht direkt am Landschaftspark das soziale Quartier „VivaCity Adlershof“. Diverse Dienstleistungen und Kooperationen begleiten die Arbeit des Johanniter-Pflegeheims. Direkte Nachbarn im Projekt sind ein Kindergarten sowie 120 Wohnungen einer Wohnungsbaugenossenschaft und ein Geschäftshaus mit Supermarkt. Die Fertigstellung der „VivaCity Adlershof“ wird 2018 erwartet.

Zurück zum östlichen Ende der Rudower Chaussee: An der Kreuzung Dörp-feldstraße und Adlergestell vollzieht sich ein Brückenschlag zwischen Alt- und Neu-Adlershof. Der Komplex „Dörp-feld Eins“ bietet rund 170 Wohnungen und einen Bio-Supermarkt.

Die beste Nachricht kommt zum Schluss: Ein besonders attraktives Baufeld in prominenter Lage, direkt am S-Bahnhof Adlershof, kommt in diesem Jahr an den Markt. Es ist ideal für einen repräsentativen Firmensitz oder eine Konzernzentrale. Städtebaulich markant, mit einer punktuellen Bebauungshöhe von bis zu 54 Metern, soll hier ein imposantes Eingangstor zur Wissenschaftsstadt entstehen. 

Edith Döhring

 

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Stadt

Tänzerin der Ekstase

Sie steht für ungewöhnliche Expressivität und Radikalität im Ausdruckstanz, aber auch exemplarisch für das hedonistische Lebensgefühl in den Zwanzigerjahren, das sie am Ende zerstörte: Anita Berber.  

Wenn auch im heutigen Berlin mitunter die Zwanzigerjahre beschworen oder gar Parallelen bemüht werden, so bietet unsere Zeit wenig Vergleichbares. Denn das Berlin der sogenannten Goldenen Zwanziger erzeugte zwar einerseits ein Lebensgefühl, das dem Tempo der wachsenden Großstadt entsprang, andererseits aber war es zum Zentrum der Avantgarde auf allen Gebieten der Kunst avanciert. Eine unbändige Energie und Kreativität erfasste die Künstler in der Stadt und diejenigen, die es nach dem Ersten Weltkrieg in die alles verheißende neue Kunst- und Amüsiermetropole Berlin gezogen hatte. So, neben vielen Literaten, Malern und Schauspielern, auch junge Tänzerinnen wie Josephine Baker oder Anita Berber, die in den einschlägigen Theatern, Varietés und Tanzlokalen mit spektakulären Choreografien für Aufsehen sorgten. Während Josephine Baker, das erste schwarze Sexsymbol, noch heute in unserem kollektiven Bewusstsein präsent ist und als die „Mutter aller Tänzerinnen“ betitelt wird, muss der Name Anita Berber erst nachgeschlagen werden. Dabei war sie es, die als erste Tänzerin den Exhibitionismus des Tingeltangels aufbrach, und den Ausdruckstanz, wenn es ihn bis dahin überhaupt gegeben hat, in radikaler Weise geradezu revolutionierte. Für die damaligen Besucher des „Wintergartens“, „Wiener Apollo-Theaters“ oder „Metropol-Varietés“, wo sie ab 1920 auftrat, war sie allerdings in erster Linie die angesagte Nackttänzerin. Ihre Choreographien faszinierten und erregten die Zuschauer derart, dass sie schnell in aller Munde war und zu einer Art Symbolfigur wurde. Für eine Zeit, in der die Krisen der Weimarer Republik ein hedonistisches Lebensgefühl aufkommen ließen und der „Tanz auf dem Vulkan“ Zügellosigkeit und Vergnügungssucht gebar. Im Tanz der Berber schien dies den adäquaten künstlerischen Ausdruck gefunden zu haben: betörend-zügellos, lasziv-erotisch, bis hin zur hemmungslosen Ekstase. Das faszinierte auch Künstler wie Otto Dix, der Anita Berber 1925 porträtierte. Zu diesem Zeitpunkt war die einst schöne Frau mit knabenhaft-schlankem Körper allerdings bereits äußerlich durch Alkohol, Drogen und ein ungezügeltes Liebesleben gezeichnet und ihr Gesicht zur Maske erstarrt. Unter anderen hatte sie der Tänzer, Choreograph und Dichter Sebastian Droste, mit dem sie ab 1920 eine Zeit lang auftrat, auf einen unheilvollen Weg geführt. Drogen bestimmten ihr Leben und ihre Auftritte von da an mit. 

Das hielt indes kaum einen Veranstalter davon ab, sie zu engagieren. Denn die verrucht-berüchtigte Nackttänzerin war sicherer Garant für ausverkaufte Amüsierclubs, Kabaretts, Theater und Vergnügungsetablissements jeglicher Art, nicht nur in Berlin. Auch die Filmindustrie entdeckte früh das Potenzial der außergewöhnlichen Tänzerin und machte sie zum Stummfilmstar. Sie spielte und tanzte in zahlreichen Filmen, wie dem „Dreimäderlhaus“, „Die Prostitution“ oder „Das Tagebuch einer Verlorenen“, ebenso in Fritz Langs „Dr. Mabuse, der Spieler“. Auf Dauer hielt ihr ausschweifend-freizügiger, in jeder Hinsicht grenzüberschreitender und extravaganter Lebensstil mit ihrem künstlerischen Anspruch, ihren radikalen Choreographien, ihrem Spiel mit der Erotik nicht Schritt. An Tuberkulose erkrankt, brach sie auf einer Tournee zusammen und wurde zurück nach Berlin gebracht. Am 10. November 1928 starb sie im Bethanien-Krankenhaus. 

Mit ihrer Familie 1914 nach Berlin gekommen, war das Leben dieser hoch talentierten Tänzerin von kurzer Dauer. Dass sie als „Stil-Ikone eine ganze Ära inspirierte“ lässt sich heute leicht behaupten, marginal wiederentdeckt wurde sie freilich erst in den 1980er-Jahren. Zu lange hatte ein Zerrbild dieser unkonventionellen Künstlerin Bestand. Autor und Kenner Lothar Fischer gehört zu denen, die die Bedeutung Anita Berbers als Künstlerin erkannt haben, mit dem Anspruch, sie angemessen zu würdigen: „Mehr als 85 Jahre nach ihrem Tod erregt diese Frau immer noch viele Gemüter. Anita Berber war mehr als nur eine zeittypische Figur. Sie war eine Rebellin, die den Mut hatte, Tänze nach der Musik von Beethoven, Chopin, Liszt und Brahms mit einer seriösen Choreographie in der Unterwelt des Tanzes aufzuführen.“

Reinhard Wahren

 

Information

Lothar Fischer: „Anita Berber – Ein getanztes Leben“. 
Hendrik Bäßler Verlag, Berlin 2014.
ISBN 978-3-930388-85-1

 

 

 

 

 

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Lust auf Garten

Der Lustgarten in Potsdam ist die älteste Gartenanlage der Stadt. Nur liegt sie in einem Transitraum. Der Neubau des Landtags lässt ahnen, wie er einst in das Areal mit Stadtschloss und Marstall eingebunden war. In einem Werkstattverfahren soll der barocke Garten nun wiederhergestellt werden. Allerdings steht dem Vorhaben ein umstrittener DDR-Bau im Weg. 

Potsdam erobert seinen historischen Stadtgrundriss zurück, das ist seit 1990 erklärtes politisches Ziel. Die Mitte an der Breiten Straße hat sich im Laufe der Nachwendezeit stark verändert. Im Vorfeld der Bundesgartenschau 2001 und der in diesem Zusammenhang geplanten Neugestaltung des Lustgartens wurde das Thälmannstadion nach 50 Jahren ersatzlos abgerissen. Der 2013 neu gebaute Landtag im Mantel des barocken Stadtschlosses erforderte die Verschwenkung der Breiten Straße.  Jetzt  könnte die Rückgewinnung ins Stocken geraten. Zwar soll die Ringerkolonnade an den historischen Standort zurück und die  nachgezüchtete Bittschriftenlinde steht wieder an ihrem angestammten Platz am Stadtschloss. Aber verglichen mit den zwei städtebaulichen Großformaten, die sich seit der Schlossrekonstruktion wie Türme auf einem Schachbrett gegenüberstehen, sind Kolonnaden und Linde nur gestalterisches Beiwerk.  Das Landtagsgebäude und das zur DDR-Zeit entstandene Hotel Mercure bilden den Konflikt, wobei Letzteres in den Siegerentwürfen eines landschaftsplanerischen Ideenwettbewerbs für die Neugestaltung des Lustgartens nicht mehr vorkommt. An seiner Stelle erschafft das Planungsteam Machleidt/Loidl einen neuen „Potsdamer Blick“. Von einer südlich gelegenen Tribüne aus ist aus großer Entfernung die barocke Gartenfassade des Landtags zu sehen, darüber die Kuppel der Nikolaikirche. Das Ganze natürlich potenziell im Sonnenschein. Dazwischen: das Neptunbassin und die „Wiese des Volkes“, die offene Grünfläche, die das Hotelhochhaus ersetzen soll. Auch das Team WES Landschaftsarchitekten mit H.H. Krafft und Scheuvens+Wachten ziehen mit ihrem Entwurf den 17-geschossigen Hotelturm zurück – zugunsten der Sichtachse auf das Landtagsgebäude – und plädieren für den Abriss des Hotels. Alle eingeladenen sieben Planungsteams tun das und zwar „unabhängig voneinander“, wie Sigrun Rabbe vom Sanierungsträger ProPotsdam betont, die die Planungswerkstatt Lustgarten im Sanierungsgebiet Potsdamer Mitte begleitet hat. Dennoch findet der DDR-Hochbau in der Bevölkerung und bei Fachleuten auch Zuspruch. Reiner Nagel, Vorstandschef der Bundesstiftung Baukultur, bezeichnet das Gegenüber von Landtag und Turm als ein „spannungsreiches städtebauliches Ensemble“. Auch sei bei der Abrissfrage zu berücksichtigen, dass das Hotel die Potsdamer Innenstadt belebe, sagt er in einem Zeitungsinterview. Im Werkstattverfahren Lustgarten sprach sich eine Mehrheit der Bürger (17,3 Prozent) für den Erhalt des Mercure aus (9 Prozent wollten das Hotel abreißen), und in einer Online-Umfrage der Märkischen Allgemeinen Zeitung bekannten sich 86 Prozent als Mercure-Fans. Vor Jahren war bereits Hasso Plattner mit Abrissabsichten erfolglos geblieben. Der Unternehmer und Mäzen wollte statt des  Hotelgebäudes ein Kunstmuseum errichten. Potsdams Stadtverordnete nutzten den Vorstoß, keine öffentlichen Gelder für den Ankauf und Abriss des Hotels auszugeben. Und der Wettbewerb sei auch kein Umsetzungswettbewerb gewesen, sagt Rabbe. „Es ging um die Entwicklung von Ideen, auf deren Grundlage die Sanierungsziele konkretisiert werden können.“ Der neue Potsdamer Blick ist dabei nicht die einzige Idee. Die Architekten schlagen weitere interessante Eingriffe vor. Bei Machleidt/Loidl säumen Gartenhäuser die Breite Straße am heutigen Festplatz, um den Verkehrslärm aus dem Lustgarten herauszuhalten. Ein Biergarten und Platanenhaine entstehen auf der Gartenseite. WES/Scheuvens erweitern den Lustgarten nach Norden dagegen ohne Bebauung. Sie wollen ihn wieder an den historischen Marstall, der heute das Filmmuseum beherbergt, anbinden. Im Süden, am Bahndamm, sehen die Planer Gartenterrassen vor. Vom Marstall aus sollen sie zu sehen sein, damit die Besucher ein Motiv haben, von der Breiten Straße in den Lustgarten zu gehen.

Dies sind die Favoriten aus dem Wettbewerb. Die Stadt hat auf dieser Grundlage jetzt einen Masterplan erarbeitet. 

André Franke

 

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