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Langsamer Neustart

So offensichtlich wie in den Filmen  „Matrix Reloaded“, „Bad Boys II“ „Burn Notice“ (Fernsehserie), in denen ein Cadillac CTS jeweils seinen großen Auftritt hat, ist die Oberklasse-Limousine auf deutschen Straßen kaum auszumachen. In Deutschland wurden beispielsweise 2009 kaum mehr als fünfzig Exemplare verkauft, obwohl General Motors seit 2005 versucht, mit neuen Modellen, wie dem BLS, Escalade oder XRL, wieder langsam Marktanteile zu gewinnen. Seit 2010 lagen die Stückzahlen zumindest im dreistelligen Bereich.

Mit dem neuen CTS-V soll nun der Durchbruch auf dem europäischen Markt gelingen. Mit einer Luxuslimousine für knapp 100 000 Euro, die mit Modellen wie dem Audi RS6 oder BMW M5 konkurrieren will. Dass sie das auch kann, versprechen der 6,2-Liter-Kompressormotor und das Automatikgetriebe 8L90, die beide aus der Corvette Z06 stammen. Damit sind Geschwindigkeiten um 280 Kilometer pro Stunde kein Problem. Die Ausstattung ist umfänglich und exquisit, was bei einem solchen Schwergewicht erwartet werden darf. Die neuen V-Limousinen sind für Cadillac so etwas wie die Ankündigung einer weiterreichenden Strategie, im Segment der Oberklasse und Luxuslimousinen auf dem europäischen Markt Fuß zu fassen. Daher ist bald mit neuen Modellen zu rechnen.

 

Schminkspiegel mit Sportwagen


Schön, schnell und extrovertiert gebaut. Der 570S ist der erste McLaren mit Handschuhfach und Schminkspiegel [Fotos: © Copyright McLaren Automotive Limited]

McLaren steht für Supersportwagen in Kleinserie. Bis 1997 heißen die Modelle F1, bis 2009 Mercedes-Benz SLR McLaren, seit 2013 P1 und seit 2014 650 S. Mit dem Modell 570S präsentiert McLaren nun eine neue Baureihe, die beispielsweise für den Porsche Turbo S eine Alternative sein könnte. Sicher nicht in puncto Stärke und Aggressivität. Seine Attraktivität speise sich aus seiner Ausstrahlung, seiner Gefälligkeit, heißt es unter Fachleuten. Daher wird ihm eine extrovertierte Formensprache bescheinigt, als sei ein gänzlich neues Modell, ein Exot, vom Himmel gefallen. Die nach oben aufschwingenden Schmetterlingstüren könnten freilich ein Indiz dafür sein. Allerdings arbeitet unter seiner Karosserie ein 3,8-Liter-V8-Mittelmotor mit doppelter Aufladung, der den Sportwagen in 3,2 Sekunden auf Tempo 100 bringt und keinen Zweifel daran lässt, total irdisch zu sein. Doch der McLaren 570S ist nicht nur schön und schnell, auch seine Fahreigenschaften, auf freier Strecke oder in Kurven, könnten nicht überzeugender sein: Die verschiedenen Modi für Handling und Antrieb lassen sich dabei spielerisch und frei miteinander kombinieren. Zudem ist der 570S dank Carbon-Chassis ein relativ leichter Sportwagen, vergleicht man ihn mit einem Porsche 911 Turbo. 

Dass er alles in allem für spezielle Sportwagen-Puristen nicht brachial genug ist, gar als „Daily-Driver“ oder Frauenauto durchgeht, erweist sich schluss-endlich als Vorteil.

Mit dem neuen McLaren-Einstiegsmodell will die englische Sportwagenschmiede nicht nur eine sehr attraktive Alternative zu den Platzhirschen aus Deutschland anbieten, sondern vor allem neue Käuferschichten generieren.

 

MEHRMINI


Foto: BMW AG

In fast allen EU-Ländern wurden im vergangenen Jahr mehr Autos verkauft als im Jahr davor. Für die deutschen Marken war das ein Plus von rund neun Prozent. Dabei legte Daimler am meisten zu, aber auch BMW konnte sich nicht beklagen. Das hat der Münchner Autobauer nicht zuletzt den drei Mini-Generationen zu verdanken, die inzwischen eine ansehnliche Fan-Gemeinde entstehen ließen. Jetzt kommt pünktlich zum Frühjahr nicht nur das neue Mini Cabrio auf den Markt, sondern BMW punktet weiter mit dem neuen Top-Modell, dem Mini John Cooper Works. Mit gleicher Designphilosophie wie beim Cooper S, aber 39 PS mehr Leistung, beschleunigt dieser Mini-Sportler von Null auf Tempo 100 in 6,6 Sekunden und erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von 242 Kilometer pro Stunde. Aber auch das neue Mini Cooper Cabrio kommt attraktiver daher. Sein Dach lässt sich erstmals vollelektrisch öffnen. Das dauert 18 Sekunden lang und funktioniert bei einer Geschwindigkeit bis maximal Tempo 30. Der vordere Teil des Stoffverdecks ist als Schiebedach gestaltet. Im Vergleich zum Vorgänger-Modell ist das Mini Cabrio größer und daher geräumiger. Das betrifft auch das Ladevolumen. Das Cabrio kommt mit drei Motorvarianten auf den Markt: 116 PS für das Basismodell, 136 PS und 192 PS für den Mini Cooper S. Die Preise bewegen sich zwischen 24 000 und 28 000 Euro. Immerhin beschleunigt der Cooper S von Null auf Tempo 100 in 7,2 Sekunden und erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von 230 Kilometer pro Stunde. Damit ist er fast im Leistungsbereich des Mini John Cooper Works Cabrio, das allerdings auch serienmäßig mit Sportfahrwerk und Zweiliter-Reihenvierzylinder-Turbo ausgestattet ist und daher den größten Fahrspaß bietet. Dessen Preis beginnt ab rund 33 000 Euro. Mit der Wahl zwischen manueller Sechsgang-Handschaltung und sechsstufiger Sechsgangautomatik bei allen neuen Modellen kommt BMW seiner speziellen Mini-Käuferschicht sehr entgegen.

 

Isabella, die praktische


62 Jahre liegen zwischen den Geburtsjahren dieser beiden Fahrzeuge der Marke Borgward: Isabella TS und Borgward BX7. [Foto: © 2015 BORGWARD GROUP AG]

Wer kennt schon noch die Traditionsmarke „Borgward“. In den 1950ern war das elegante Borgward Coupé Kult.  Getauft auf den Namen Isabella, die ewig Schöne, begeisterte der Wagen die Autowelt und setzte technische  Maßstäbe.

Carl Borgward hatte 1954 mit der Produktion des Modells „Isabella TS“, als Nachfolger des „Hansa 1500“, dem ersten Pkw der Firma, begonnen. Das Coupé sollte dann 1957 den bis dahin mageren Absatz ankurbeln. Doch auch nach weiteren vier Jahren stieg weder die Nachfrage, noch reagierte der Firmengründer mit rettenden Maßnahmen. Die Firma geriet in finanzielle Schwierigkeiten und Carl Borgward musste schließlich ein Konkursverfahren einleiten. Das war das endgültige Aus für eine vielversprechende Autoschmiede.

Vor zehn Jahren hat sein Enkel Christian Borgward das Wagnis begonnen, die Traditionsfirma seines Großvaters wieder zum Leben zu erwecken. Und das, obwohl die Wiedergeburt von Kultmarken keineswegs mit einer Erfolgsgarantie verbunden ist, wie das Beispiel Maybach zeigt. Mit der Gründung der Borgward Group AG in Stuttgart ist ihm allerdings im vergangenen Jahr tatsächlich der Neustart gelungen. Dabei scheint das Konstrukt des neuen Unternehmens aufzugehen: Die finanziellen Mittel kommen vom chinesischen Lkw-Bauer Beiqi Foton, technisches Know-how, Design und Zulieferfirmen aus Deutschland. Produziert wird selbstverständlich in China, in erster Linie für den chinesischen Markt. Dabei zielt Beiqi Foton auf die immer noch wachsende Nachfrage nach sportlichen Geländewagen. Deshalb ist auch das erste Modell, der Borgward BX7, mit Plug-in-Hybridantrieb, ein SUV. In diesem Jahr kommt er in China auf den Markt, wohl erst 2017 in Deutschland. Gerechnet wird mit einer Jahresproduktion von etwas mehr als 200 000 Einheiten, soviel, wie einst die Gesamtstückzahl des Borgward Isabella TS in den Jahren von 1954 bis 1961. Ähnlichkeiten zwischen den beiden sind freilich ausgeschlossen, nur das alte Borgward-Logo prangt ebenso auf dem Kühlergrill des neuen BX7 wie einst an der legendären Isabella.

 

Motorenwechsel beim 911er


Feierte Weltpremiere auf der IAA: der neue Porsche 911 Carrera. [Foto: © F. Porsche AG]

Die zahlreichen Modellbezeichnungen des „Neunelfer“ waren von jeher verwirrend, aber stets mit kontinuierlichen Weiterentwicklungen des „Klassikers“ verbunden. Ende der 1980er-Jahre allerdings stand der 911er sogar wegen rückläufiger Verkaufszahlen zur Disposition. Doch dann vermarktete Porsche kurzerhand den 964 als neuen 911er. Für dessen Ablöse sorgte 1993 der Porsche 993, der unter den 911-Modellen als besonders ausgereift und zuverlässig galt und die Porsche-Puristen bis heute begeistert. Der 993 schaffte denn auch 1997 den Sprung vom luft- zum modernen, wassergekühlten Modell. Mit diesem Wechsel vergleicht Porsche nun den Schritt vom bislang aktuellen zum überarbeiteten 911er, der, zur IAA im September vorgestellt, seit Ende des vergangenen Jahres ausgeliefert wird. Von einer Erneuerung ist die Rede. Was sich dahinter verbirgt, verrät zuallererst der neue Turbomotor. Kein Saugmotor mehr treibt den neuen 911er Carrera an; ein kleinerer, sparsamerer Dreiliter-Turbo soll dagegen noch leistungsfähiger als sein Vorgänger sein – bis 450 PS in der Carrera S-Variante – und zudem mehr Fahrdynamik entwickeln. Das klingt übertrieben, ist aber tatsächlich allein der fein abgestimmten, neuen Motorentechnik geschuldet. Beispielsweise kann der Fahrer das Ansprechverhalten des neuen Turbomotors mittels Sports   Response Button (SRB) in den Stufen 0, S, S1, und I extrem beeinflussen. Neben den beiden Sport-Modi S und S1 erlaubt der SRB selbstverständlich auch eine individuelle Fahrweise. Dafür muss der I-Modus gewählt werden. Im S1-Modus beschleunigt der Carrera in 4,3 Sekunden von Null auf Tempo 100 und erreicht als Carrera S Höchstgeschwindigkeiten wie sein Vorgänger. Gleichzeitig wird die Karosserie um 20 Millimeter abgesenkt. 

Neben veränderten Stoßfängern, Schürzen und Leuchten umfasst das „Facelifting“ der neuen Carrera-Generation zahlreiche Sicherheits- und Komfortfunktionen, beispielsweise eine hydraulische Hebeeinrichtung an der Vorderachse, um den Spoiler vor Beschädigung in Tiefgaragen zu schützen, eine Multikollisionsbremse, um weiteren Schaden nach einem Aufprall zu verhindern, sowie einen Spurwechselassistenten. Mit dem neuen Motor sollte natürlich auch der Durchschnittsverbrauch gesenkt werden. Mindestens ein Liter weniger gegenüber dem Vorgänger war das erklärte Ziel. So kommt der 911er nun mit nur etwa sieben Litern aus.

 

A-Klasse für Youngster


Nach dem Facelifting lockt die A-Klasse neue Käuferschichten an. [Foto: © 2016. Daimler AG]

Seit die neue A-Klasse auf dem Markt ist, stimmen nicht nur die Stückzahlen, auch die Käuferschicht hat sich verschoben zugunsten einer jüngeren Klientel. Kompaktere Formen treffen offenbar mehr den Nerv auch jüngerer Fahrer. Für Mercedes war das Anlass für ein Facelifting. Die Limousine kommt jetzt noch frischer, sportlicher daher, die AMG-Variante mit 381 PS lässt auch keinen Zweifel an ihrer sportlichen Attitüde. Entsprechende Details unterstreichen die neue Optik. Um auch iPhone und Smartphone im Auto nutzen zu können, für anspruchsvolle Youngster ein Muss, sind in der neuen A-Klasse nun die Techniken Apple Carplay und Mirrorlink integriert, ebenso der Sprachassistent Siri. So ist Telefonieren, SMS, E-Mail, Navigieren und Musikunterhaltung im Auto kein Problem mehr. Zudem können nicht nur die AMG-Modelle ihre Fahrprogramme auf Knopfdruck ändern, auch alle anderen Varianten der A-Klasse verfügen über vier Fahrprogramme: „Comfort“, „Sport“, „Eco“ und „Individual“. Das Modellprogramm der A-Klasse umfasst mittlerweile siebzehn Modellvarianten.   

Reinhard Wahren

 

65 - Winter 2016

Berlin-Macher

Dass Berlin dazu verdammt ist, immerfort zu werden und niemals zu sein, wusste schon im Jahr 1910 der Publizist und Kunstkritiker Karl Scheffler. Ein oft zitierter Satz, der noch heute gilt. Umso mehr sind Menschen gefragt, die vor oder hinter den Kulissen etwas bewegen und die Stadt ein Stück voranbringen. Wir stellen sie in jeder Ausgabe vor, die Berlin-Macher. Diesmal Jenny de la Torre.

Sie ist die Ärztin der Ärmsten der Armen in Berlin, und das schon viele Jahre lang. Seit 1994 versorgt Jenny de la Torre Obdachlose medizinisch. Erst am Ostbahnhof, jetzt im Gesundheitszentrum in der Pflugstraße in Mitte. Mit ihrer Arbeit setzt sie Maßstäbe in der Obdachlosenbetreuung für ganz Deutschland. Die Liste der Preise und Auszeichnungen, die sie erhalten hat, ist lang. Und dennoch: Am liebsten würde sie sich abschaffen. Das wird ihr allerdings nicht gelingen. Im Gegenteil, ihr Engagement ist wichtiger denn je. Und so wird sie wohl bleiben, was sie für ihre Patienten ist: der Engel von Berlin.

Die Geschichte beginnt 1954 in Peru, wo Jenny de la Torre in Nazca im Februar das Licht der Welt erblickt. Sie wächst in dem kleinen Dorf Puquio auf und erfährt bereits als Kind, was Armut bedeutet: „Ich habe in meinem Land einiges gesehen“, erinnert sie sich an die Menschen, die keine Krankenversicherung haben und sich keinen Arzt leisten können. „Da ist bei mir der Wunsch entstanden, Ärztin zu werden.“ 1973 beginnt de la Torre ihr Medizinstudium an der Universität San Luis Gonzaga de Ica. Ab 1977 studiert sie mit einem Stipendium an der Karl-Marx-Universität in Leipzig und legt dort 1982 ihr Examen ab. Kurz darauf kehrt sie nach Peru zurück, um dort als Ärztin zu arbeiten. Doch ihr Abschluss wird in ihrer Heimat nicht anerkannt: „Die Bürokratie in Peru ist noch schlimmer als in Deutschland“, so ihre Worte.

So beendet die Peruanerin nach der Geburt ihres Sohnes 1986 in Deutschland ihre Ausbildung und promoviert 1990 als Dr. med. mit summa cum laude. Zwischenzeitlich beendet sie auch ihre Facharztausbildung als Kinderchirurgin. Ein neuerlicher Versuch, in Peru als Ärztin zu arbeiten, scheitert erneut an bürokratischen Hürden, so dass sie sich entschließt, in Deutschland zu bleiben. Zunächst geht sie 1991 einer Beratungstätigkeit für „Schwangere und Mütter in Not“ nach, bevor 1994 ihre beispiellose Karriere als Ärztin für Obdachlose am Ostbahnhof beginnt. „Der Raum war zwölf Quadratmeter groß, ohne Fenster, im Keller“, erinnert sie sich, „vier Jahre habe ich dort gearbeitet.“ Schon bald ist de la Torre in ganz Berlin und darüber hinaus bekannt. Und die ersten Auszeichnungen und Preise lassen auch nicht lange auf sich warten. 1997 erhält sie das Bundesverdienstkreuz und wird Ehrenbürgerin ihrer Geburtsstadt. 1998 ergeht ein Lehrauftrag als Gastdozentin am Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie an der Charité. 2002 wird ihr die Goldene Henne verliehen. 2011 bekommt sie den Charity-Award, 2013 die Louise-Schroeder-Medaille. Und 2015 hat sie den Deutschen Stifterpreis des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen und den Carola-Gold-Preis für gesundheitliche Chancengleichheit erhalten.

Trotz ihres Erfolges muss die Armenärztin auch Rückschläge einstecken. Die MUT Gesellschaft für Gesundheit mbH, Trägerin der Obdachlosenversorgung am Ostbahnhof, kürzt 2003 mit einer Änderungskündigung ihre Vollzeitstelle auf 25 Stunden. Dadurch sieht sie ihre Patienten gefährdet und akzeptiert die Kündigung nicht – und geht. Ihre eigene Stiftung, die sie mit dem Preisgeld der Goldenen Henne in Höhe von 25 000 Euro und einer Ausnahmegenehmigung 2002 gegründet hat, soll fortan die Basis für ihre Arbeit sein.

„Manchmal geschehen auch Zeichen und Wunder“, bemerkt die heute 61-Jährige und blickt zurück auf das Jahr 2004, in dem ihr der Bezirk Mitte ein Haus in der Pflugstraße anbietet und erst einmal mietfrei überlässt. Der Ausbau zum Gesundheitszentrum beginnt, mit der Unterstützung vieler ehrenamtlicher Helfer, wie sie betont. Vier Jahre später kann die De la Torre-Stiftung das Haus kaufen und tut es auch. „Damit ist das Haus unabhängig und kann nicht zum Spielball von Sparzwängen einer Verwaltung werden“, begründet sie den Schritt, der mit eigenen Mitteln und Spenden finanziert wird.

Seitdem ist das Haus zu einer festen Einrichtung für Obdachlose geworden. „Wir haben jährlich im Schnitt 500 Neupatienten, die die Angebote unseres Hauses nutzen“, berichtet de la Torre. Neben den Allgemeinmedizinern gibt es Internisten, Zahn- und Augenärzte, Hautärzte, Orthopäden, eine Psychologin, zwei Sozialarbeiterinnen, vier Rechtsanwälte und eine Friseurin. „Wir versuchen, so viel wie möglich anzubieten“, sagt sie stolz, um aber gleich das eigentliche Ziel ihrer Arbeit zu beschreiben: „Wir wollen jeden Patienten so schnell wie möglich wieder loswerden. Das bedeutet, dass er weg von der Straße kommt.“

Die Ärztin sieht ihre Aufgabe nämlich darin, ihren Patienten mittel- und langfristig zu helfen und eine Perspektive zu bieten. „Man darf niemanden aufgeben, muss aber manchmal auch hart und konsequent sein“, weiß sie aus langjähriger Erfahrung. Und: „Es ist anders geworden“, sagt de la Torre. Mittlerweile gebe es viele „normale“ Menschen, die keine Krankenversicherung mehr hätten: „Professoren, Ärzte, Architekten, Rechtsanwälte. Wir hatten auch einen Piloten.“ Außerdem habe der Anteil der Jüngeren und Älteren zugenommen, die zu ihr kämen. Auch immer mehr psychisch Kranke gebe es.

Manche, die ins Gesundheitszentrum kommen, haben sich seit Wochen und Monaten nicht mehr gewaschen, ihre Kleidung ewig nicht ausgezogen, so dass die Strümpfe schon angewachsen sind, und beherbergen Maden, Kopf- und Filzläuse. Da stellt sich einem zwangsläufig die Frage: Wie hält man das aus – Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr?

„An manchen Tagen kann ich glücklich nach Hause gehen“, resümiert de la Torre. Denn manchmal kämen ehemalige Patienten vorbei und sagten: „Ich habe es geschafft.“ Das heißt, sie sind nicht mehr obdachlos und wieder in die Gesellschaft integriert. „Das sind die schönsten Momente.“ In diesem Sinne würde sie sich das für jeden ihrer Patienten wünschen. Aber sie ist Realistin genug zu wissen, dass sie das wohl nicht mehr erleben wird.

So hofft die Armenärztin, dass sie noch lange die Kraft und Zeit hat, sich um ihre Patienten zu kümmern, und vor allem, dass sie auch weiterhin ausreichend Spenden bekommt: „Eigentlich darf es in einer reichen Gesellschaft dieses Problem gar nicht geben.“ Eigentlich.

Detlef Untermann

65 - Winter 2016

eat! mit Berliner Energie

Es den Feinschmeckern oder denen, die es werden wollen, mit einem Festival recht zu machen, ist in Berlin nicht einfach. Scheinbar gibt es hier schon alles, von der Gourmetcurrywurstbude bis hin zum Sternerestaurant, vom rent a cook bis hin zur gelieferten vegetarischen Kochbox. Und doch hat ein Festival Jahr für Jahr nicht nur überzeugt, sondern immer noch etwas obendrauf gesetzt – die eat! berlin.

Newcomer und Kultwirte

Das diesjährige Programm zeigt wieder einmal, was Berlin als Gourmetstadt ausmacht. Es gibt Veranstaltungen an ungewöhnlichen und spannenden Orten. Newcomer und Kultwirte, Topwinzer, Sterne- und Fernsehköche zeigen ihr Können und werden Statements setzen. Es gibt Seminare und den Nachwuchsköche-Preis, eine Gourmet-Kiez-Sause, eine Neueröffnung und einen echten Männerabend. Events zum Thema Süße und Kräuter, der Ball der Gastronomen und der Abend mit „5 Filmen und 5 Gängen“ runden das Programm ab. 

Zu den Programmhöhepunkten 2016 gehört ohne Zweifel das Vorhaben Sebastian Franks. Der Österreicher, der erst 2010 nach Berlin kam, ist mittlerweile Inhaber des Restaurants Horváth, Zwei-Sterne-Koch und Koch des Jahres. Anlässlich der aktuellen Entwicklungen auf der Welt nimmt er Horváths Roman „Jugend ohne Gott“ zum Anlass für einen literatur-kulinarischen Abend. Unterstützt wird er dabei durch Roman Steger und Martin Wall vom Restaurant Speisekammer aus Wien. Die in diesem Kriminalroman behandelten Themen Ausgrenzung, Rassismus, Denunziantentum und Heuchelei sind nach wie vor top-aktuell. Die Landschaften im Buch inspirierten Sebastian Müller zum Menü des Abends (2. März).

Zu den spannenden Locations des   Festivals zählt neben den Floralen Welten das Schmelzwerk. In dem Herzstück der ehemaligen Schokoladenfabrik Sarotti findet, neben einem Genuss-Abend und einem vegetarischen Abend mit der Schauspielerin Marion Kracht, das dreitägige Kochevent „Kreuzberg kocht“ statt. Hier werden wahre Stars der Berliner Szene zu treffen sein. Markus Herbicht, Herbert Beltle und Thomas Kurt zum Beispiel. Diese erstklassige Besetzung an den verschiedensten Essstationen wird die Auswahl des Genusses sicher schwer machen (4.–6. März).

Die meisten Köche, die man aus dem Fernsehen kennt, trifft man in diesem Jahr auf dem Fernsehturm. Den Willkommensgruß dazu bereitet Kolja Kleeberg höchstpersönlich am Fuße des Turms in seinem Foodtruck zu (3. März).

Felicitas Then wird in der Weinschule Berlin zu sehen sein. Die Siegerin der „Taste-Show“ widmet dort jeden Gang einem aktuellen Kochtrend (5. März)

Den einzigen Backkurs des eat! berlin Festivals gibt die amerikanische Back-Queen Cynthia Barcomi. Sie ist die berühmteste Cheesecake-Bäckerin und erstmalig dabei (29. Februar)

Als Gegenpart dazu ist sicherlich der echte Männerabend „Meat The Chef“ interessant, den Wolfgang Müller im „Cooks Connection“ veranstaltet. Seit 2009 gibt er dem Thema Fleisch seine ganze Aufmerksamkeit und züchtet sogar eigene Sattelschafe und Yaks. Beim Braten in der Pfanne wird sicherlich die eine oder andere Geschichte rund um die Männerwelt auf den Tisch kommen (4. März).

Geschichten erzählen kann auch Hans-Peter Wodarz. Seit mehr als 40 Jahren widmet er sein Leben und Können der Ente und ist schlechthin der „Ententainer“. Deshalb wird er im „Café des Artistes“ nicht nur mit prominenter Unterstützung kochen, sondern auch legendäre Anekdoten zum Besten geben (29. Februar).

Natürlich ist das nur eine kleine feine Auswahl der Events, die bei der eat! berlin stattfinden. Und trotz der Vielfalt ein Tipp vorweg: Da die Anzahl der Plätze für die einzelnen Veranstaltungen begrenzt ist, ist es ratsam, sich schnell die Tickets über die Webseite des Festivals zu sichern. Aber es gibt auch Veranstaltungen, bei denen es einfacher ist und die vor Ort bezahlt werden können. Bei den „Berliner Käsetagen“ in der Arminiusmarkthalle in Moabit zum Beispiel (27./28. Februar)

Man kann jetzt schon sagen, dass es Bernhard Moser und seinem Team wieder gelungen ist, einzigartige Events für Berlin zu kreieren. Darüber hinaus ist ihm wichtig, im Sinne der Nachhaltigkeit Verantwortung zu übernehmen. So sind in diesem Jahr mit Unterstützung der Gasag Fahrzeuge im Einsatz, die mit Bio-Erdgas betrieben werden. Damit fahren diese kostengünstig und CO2-neutral. Die Gasag, die übrigens nicht nur Gas-, sondern auch ein Stromlieferant ist, will Energie geben. Und das ist ganz wörtlich gemeint. Unternehmenschefin Vera Gäde-Butzlaff: „Deshalb engagiert sich das Traditionsunternehmen Berlins da, wo es um Kreativität und Vielfalt in der Stadt geht.“

 

Information

eat! Berlin vom 26. Februar bis zum 6. März 2016
Alle Informationen, Veranstaltungstermine
und Tickets unter www.eat-berlin-festival.de

 

65 - Winter 2016

Reinickendorf hebt seine Schätze

Während in den letzten Jahren, nein, inzwischen schon Jahrzehnten, die Innenstadtbezirke reihum hip waren und sich vor Zuzug kaum retten konnten, standen die Randbezirke weniger im Mittelpunkt des Interesses. Reinickendorf hat nun begonnen, mit einer Imagekampagne auf sich aufmerksam zu machen. Dabei könnte man meinen, hat dieser Bezirk, der zu 33 Prozent aus Wasser und Wald besteht, nicht unbedingt nötig, um Beachtung zu buhlen. Aber die Bezirksväter sind bemüht, ihren Bewohnern das Leben noch angenehmer zu gestalten. Und wollen ihnen und potenziell neuen Mitbewohnern aufzeigen, was der Bezirk neben Bekanntem noch alles zu bieten hat.

Zum Beispiel schließt Reinickendorf Lübars, das älteste Dorf Berlins, ein, und auch die dicke Marie, ein eingetragenes Naturdenkmal, wurzelt in Tegel. Doch von wegen „schlafender Riese“. Reinickendorf ist hellwach, Wirtschafts-, Arbeits- und Wohnstandort: Die crossmediale Standortkampagne „Reinickendorf.Ganz.Schön.Begehrt“ hebt seine kulturellen Vorzüge, die Lebensqualität und wirtschaftlichen Stärken hervor und blickt auf die zukünftige Entwicklung.

Ihren Namen soll „die dicke Marie“, eine rund 900 Jahre alte Stiel-Eiche, den Brüdern Alexander und Wilhelm von Humboldt zu verdanken haben. Sie hätten den vermutlich ältesten Baum der Stadt nach der hauseigenen Köchin benannt. Die Humboldts lebten nämlich in dem 1558 errichteten Renaissance-Schloss, das auf Geheiß von Wilhelm von Humboldt durch Karl Friedrich Schinkel in klassizistischem Stil erweitert worden ist. Das Schloss Tegel, auch Humboldt-Schloss genannt, ist bis heute in Privatbesitz der Nachfahren und neben dem Borsig-Turm, Tegeler Hafen oder der Großsiedlung „Weiße Stadt“ (seit 2008 UNESCO-Weltkulturerbe) eine der vielen Sehenswürdigkeiten des nicht bloß grünen Bezirks. 

Denn „Reinickendorf, Berlins vielfältiger Bezirk im grünen Norden, besticht durch eine ausgewogene Mischung aus Kultur, Wirtschaft und herausragender Lebensqualität“, so Bürgermeister Michael Müllers Grußworte im Bezirksporträt, dem Herzstück der zweijährigen Standortkampagne „Reinickendorf.Ganz.Schön.Begehrt“. Dieses liegt in Bürgerämtern aus und wird an Neubürger, Investoren und Multiplikatoren aus Wirtschaft und Politik versendet. „Wir wollen nicht nur die Reinickendorfer, die ihren Bezirk lieben, erreichen“, erklärt Bezirksbürgermeister Frank Balzer. Neben dem Magazin werden Merchandising-Produkte verschenkt, und die Webseite „made-in-reinickendorf.com“ informiert regelmäßig über Geschehnisse im Bezirk. „Mehr Aufmerksamkeit auf Reinickendorf zu lenken“, lautet das Ziel der Kampagne, die von einigen der insgesamt rund 9 000 Reinickendorfer Unternehmen finanziert wird. „Ohne das Engagement der vielen beteiligten Firmen wäre dieser in Berlin einmalige Auftritt, mit dem sich Reinickendorf weit über die Bezirksgrenzen hinaus als starker wirtschaftlicher Standort positionieren wird, nicht möglich gewesen“, sagt Balzer. 

Über 250 000 Menschen leben in den elf unterschiedlichen Ortsteilen. Ein Drittel der Bezirksfläche mit den Tegeler Forsten und dem Tegeler See besteht aus Wasser und Wald. Die idyllischen und wohlhabenden Stadtrandgebiete mit Einfamilienhäusern im Norden und Westen wie Frohnau (mit Berlins zweithöchster Haushaltskaufkraft von bis zu 4 451 Euro), Hermsdorf, Heiligensee und Konradshöhe liegen fernab der Stadtmitte. Laut Wohnmarktreport 2015 liegen die Angebotsmieten dort bei rund 8,40 Euro pro Quadratmeter, während sie in den großen Hochhausvierteln im Nordosten, im Märkischen Viertel oder in Waidmannslust nur bei durchschnittlich sechs Euro pro Quadratmeter liegen. Insgesamt 13 500 der 51 Jahre alten Wohnungen im Märkischen Viertel wurden von der GESOBAU AG in den vergangenen sieben Jahren modernisiert und sozialverträglich energetisch saniert. 

Ganz Reinickendorf weist ein relativ moderates Mietniveau auf. Auffällig aber ist ein zu verzeichnender Anstieg der Angebotsmieten in den stadtnahen Gebieten. Laut Wohnmarktreport sind diese in den Gebieten Kurt-Schumacher-Damm, Eichborndamm und in der Residenzstraße relativ stark gestiegen und liegen im Schnitt bei 7 Euro. „Die Mieten in den stadtnahen Gebieten Reinickendorfs haben sich stärker entwickelt als in anderen Bezirken“, weiß auch Roman Heidrich, Leiter der Wohnimmobilienbewertung Berlin bei Jones Lang LaSalle. Wohnungssuchende finden in den stadtnahen Gebieten im Vergleich zu Innenstadt-Lagen aber immer noch recht günstige Mietangebote vor. 

Das nordöstlich gelegene Lübars ist mit knapp 5 000 Einwohnern Reinickendorfs kleinster Ortsteil und ältestes Dorf Berlins. Während dort Pferde auf den rund um das ehemalige Bauerndorf mit Dorfaue, Teich und Kirche befindlichen Wiesen grasen, fressen sich 15 Wasserbüffel durch das Tegeler Fließtal und tragen dadurch zum Umweltschutz bei. 

„Stadt der Zukunft“

„Die Welt fliegt auf Reinickendorf“, sagt Ralf Zürn, Initiator der Standortkampagne von der Werbeagentur unit Zürn, und meint damit den Flughafen TXL. Staatsbesuche und Berlin-Besuche starten zumeist in Reinickendorf. Am Kurt-Schumacher-Platz in Tegel soll ab Mitte 2018 die „Stadt der Zukunft“, ein Wohn- und Stadtquartier in unmittelbarer Nähe zu Charlottenburg-Wilmersdorf und Mitte, entstehen. Wenn der Flughafen Tegel geschlossen werden wird, sollen 5 000 Wohnungen mit entsprechender Infrastruktur gebaut werden. Pläne für das „Berlin TXL-The Urban Tech Republic“ rund um das Flughafenterminal liegen bereit: Ein Arbeits- und Produktionsstandort für Unternehmen und Forschungseinrichtungen, die urbane Zukunftstechnologien entwickeln, soll es werden. „Wie Adlershof, nur dass man in 15 Minuten im Regierungszentrum oder am Kurfürstendamm ist.“ Ein Standortvorteil, meint Frank Balzer. 

Reinickendorfer Know-how international gefragt 

Einige der Reinickendorfer Unternehmen genießen internationalen Bekanntheitsgrad. Im Burj Khalifa, dem höchs-ten Gebäude der Welt in Dubai, steckt beispielsweise die Technologie des über 160-jährigen Aufzugs- und Fahrtreppen-Unternehmens Otis. Auch das Zoofenster des Bikini Berlin Ensembles nutzt die Technologie des Reinickendorfer Werkes mit Produktions- und Entwicklungsstandort in der Otisstraße. 

Die weltweit tätige Firma GERB sorgt mit Schwingungstilgern für die Reduzierung von Gebäude-Schwingungen und dafür, dass das Segel des Luxushotels Burj al Arab in Dubai keine Eigendynamik entwickelt. Auch die 150-jährige Berliner Seilfabrik ist Exportschlager. Der Hersteller produziert Seile für Klettergerüste und exportiert seine Produkt-Designs in alle Welt. Die „Seilschaften“ des Reinickendorfer Unternehmens zieren einige von New Yorks Spielplätzen, und der 97 Kubikmeter umfassende, dreidimensionale Seil-Kletterraum in den Österreichischen Kristallwelten von Swarovski ist ebenfalls das Werk dieser Spezialisten.

Michaela Bavandi

 

Information

» Einwohnerzahl: circa 254 000 

» Bei der Anzahl von 200 Beschäftigten und mehr in
einem Unternehmen steht Reinickendorf an der Spitze 

» Fünf Reinickendorfer Kieze zählt der Berliner Sozialatlas
zur Schicht der besten Berliner Ballungsräume 

» Ansässige Unternehmen: ca. 9 000

» Kindergartenplätze: 9 637

» Hortplätze: 5 201

» Schulen: 31 Grundschulen, elf Integrierte Sekundarschulen,
acht Gymnasien und acht private Schulen

» Jugendeinrichtungen: 22

» Turnhallen: 80

» Sportanlagen: 22

» Krankenhäuser: Vivantes Humboldt-Klinikum, Dominicus-Krankenhaus,
Vitanas Senioren Centrum & Krankenhaus für Geriatrie, Medical Park 

» Kulturelle Einrichtungen: fünf Bibliotheken, zwei mobile Bibliotheken,
Musik- und Volkshochschule, Museum Reinickendorf, Graphothek, Kunstamt, Jugendkunstschule, Landesarchiv, Feuerwehrmuseum, sechs Galerien, Centre Bagatelle, Fontane-Haus, Ernst-Reuter-Saal

 

65 - Winter 2016

Das Phänomen Menzel

Anlässlich seines 200. Geburtstages konzentriert sich das Märkische Museum in seiner Jubiläumsausstellung auf das Frühwerk Adolph Menzels, der sich vom ausgewiesenen Kunsthandwerker und passionierten Zeichner zum Berliner Jahrhundertmaler emanzipierte. 

Wegen seiner geringen Größe, laut seinem Reisepass noch unter einem Meter fünfzig, bezeichnete ihn Theodor Fontane als „ganz grandiosen kleinen Knopp“. Sogar „Gnomenhaftigkeit“ wurde ihm bescheinigt, weswegen ihm zwar Militärdienst erspart blieb, er aber von Beginn seines Lebens an eine Art Außenseiterrolle spielte. So war Adolph Menzel, der Zwergwüchsige, gezwungen, sich auf andere Weise zu emanzipieren. 

Sein besonderes Zeichentalent wurde früh entdeckt und bereits als Jugendlicher arbeitete er in der Lithografiewerkstatt seines Vaters mit. Nach dem Umzug der Familie von Breslau nach Berlin und dem Tod des Vaters führte der junge Menzel die Werkstatt selbstständig weiter und entwickelte im Laufe der Jahre jene außergewöhnlich feine Druckgrafik, die thematisch seine späteren berühmten Ölgemälde vorwegnahm. Fünfunddreißigjährig avancierte er schließlich sehr zielstrebig zum gefragten Historienmaler. Darstellungen der Hohenzollern brachten ihm  die Anerkennung des preußischen Hofes, seine fantasievollen, hintersinnigen und humorvollen Lithografien, atmosphärischen Landschaftsgemälde, Städtebilder und Porträts die Zuneigung und Treue seiner Freunde, Malerkollegen, Förderer und Kunstsammler. Menzel entwickelte sich zu einem der bedeutendsten deutschen Realisten des 19. Jahrhunderts und zu einem universellen Maler, der weniger ideologisch dachte. Eher viele Seiten bediente, je nachdem, welchen Auftraggebern er gerecht werden wollte oder welche Anforderungen er an sich selbst stellte. Dabei agierte er stets mit dem Blick des Künstlers, des genauen Beobachters. Und zu beobachten gab es im 19. Jahrhundert zuhauf: von der Verherrlichung der preußischen Könige, der Darstellung der biedermeierlichen Idylle bis hin zur Industrialisierung und Modernisierung Berlins. „Sich aus allem eine künstlerische Aufgabe machen“ lautete denn auch sein Lebensmotto. Oftmals unter Zuhilfenahme eines Podests, Stuhls oder einer Leiter, denn aufgrund seiner geringen Körpergröße konnte er manchen Objekten seiner künstlerischen Begierde nur in dieser Weise auf Augenhöhe nahekommen. Dass er auch so zum Malerstar und Jahrhundertkünstler werden konnte, gehörte mit zu seinem persönlichen Lebensentwurf. Das war er nicht zuletzt seiner Größe schuldig. Am Ende wollte er sich gar sein eigenes Denkmal setzen mit Selbstdarstellungen der besonderen Art, indem er sich in den verschiedensten Posen und Aufmachungen fotografieren ließ. Überaus selbstbewusst betitelte er seine Autobiografie mit „Ich“. Für das Märkische Museum Anlass, die sehr persönlich gehaltene Ausstellung „Ich. Menzel“ anlässlich seines 200. Geburtstages einzurichten. Sie zeigt vor allem das Frühwerk Menzels und zeichnet in eindrucksvoller Weise den Werdegang des Künstlers vom exzellenten Lithografen zum Historienmaler nach. Gezeigt werden rund zweihundert Objekte, wobei die Menzel-Bestände des Märkischen Museums und des ehemaligen Berlin Museum erstmals vereint sind. Während der Besucher die berühmten Gemälde Menzels, beispielsweise das „Flötenkonzert Friedrichs des Großen“ oder das „Eisenwalzwerk“ vor seinem inneren Auge hat, kann er nun in der Ausstellung des Märkischen Museums dem „Phänomen Menzel“ näherkommen: wie das Ursprüngliche seiner künstlerischen Handschrift durch das lithografische Druckverfahren wiedergegeben wird. Die Ausstellung führt auch in sein letztes Atelier in der Sigismundstraße 3 im Tiergarten. Dort trafen gelegentliche Besucher und Gäste auf einen mürrisch gewordenen Alten, skurril-sperrigen Außenseiter, der allerdings in Berlin längst Kult war. Vor seiner Ateliertür warteten manchmal alte Männer und Frauen, die sich als Modelle anboten, berichtete ein Malerkollege. Das selten beheizte Atelier selbst war übersät mit Papieren, Totenmasken, Gipsabgüssen und kleineren Bildern. Auf historischen Fotos ist auch sein legendärer Barockstuhl zu sehen, der im Atelier an exponierter Stelle steht und der für Menzel offensichtlich eine besondere Bedeutung hatte: Symbol für ein Jahrhundert, oder als Fetisch, der zur Selbstinszenierung des Künstlergenies gehörte – und vielleicht den Nachgeborenen Rätsel aufgeben sollte. Erfreulicherweise ist der Stuhl im Original in der Ausstellung zu sehen.

Neben dem Atelier befand sich noch ein kleinerer Raum, den Menzel sein „Aller-Heiligstes“ nannte. Umsichtig verwahrte er dort seine Zeichnungen, Skizzenbücher, wichtige Schriftstücke und Briefe. Ein geordneter Nachlass war dem Berliner Malerstar des 19. Jahrhunderts genauso wichtig wie die künstlerische Anerkennung weit über seinen Tod hinaus. 

„Altmeister Adolph Menzel ragt noch heute wie ein Jüngling über alle Strömungen hinweg, die sich seit einem halben Jahrhundert in der Malerei geltend gemacht haben“, heißt es bereits zu Lebzeiten in der ersten Ausgabe von „Berliner Leben. Zeitschrift für Schönheit und Kunst“ aus dem Jahr 1898. Dass die Nachwelt ihn allerdings ausschließlich unter „Ausschluss des Anekdotischen“ sehen sollte, war ein frommer Wunsch von ihm.

Reinhard Wahren

 

Information

Ich. Menzel
Bis 28. März 2016
Märkisches Museum, 
Am Köllnischen Park 5, 10179 Berlin
Begleitprogramm unter: 
www.stadtmuseum.de

 

65 - Winter 2016
Kultur

Golfen auf der Bananeninsel

Früher war, touristisch betrachtet, am Drago Millenario final en los terrenos: Ende im Gelände. Der älteste und berühmteste Drachenbaum Teneriffas und zugleich der ganzen Welt, der zwar nicht, wie sein Name besagt, tausend, aber immerhin an die 600 Jahresringe zählt, dieses Prachtexemplar eines Drago, am Rande der romantischen Altstadt von Icod de los Vinos, zählte immer schon zu den „must see“-Attraktionen auf Teneriffa. 

Aber das war‘s dann auch. Noch weiter in den abgelegenen Nordwesten der Insel, die sogenannte Isla Baja, verirrte sich nur selten ein Touristenbus. Allenfalls ein paar Wanderer, Backpacker der anspruchsvolleren Art, wagten sich gar bis Buenavista del Norte, den westlichsten Ort Teneriffas, um von dort aus den Parque Rural de Teno im zerklüfteten, geologisch ältesten Gebirge der Insel zu erkunden. Buenavista – schöne Aussicht, aber touristisch nahezu ein „No-Go“. 

Bis Severiano Ballesteros kam. Im Auftrag privater Inves-toren schuf Spaniens Golf-Heroe – knapp zehn Jahre vor seinem viel zu frühen Tod 2011 – hier, im strukturschwächsten, entlegensten Zipfel der Insel sein Meisterstück als Golfplatz-Designer, auf einer ehemaligen Bananenplantage direkt oberhalb der Felsküste. Dem Namen und der spektakulären Lage des Platzes ist es geschuldet, dass Buenavista Golf seit Eröffnung im Herbst 2003 zu den besten Golfplätzen ganz Spaniens gezählt und sogar mit dem berühmten Pebble Beach an Kaliforniens Küste ver-glichen wird. Vier Bahnen führen unmittelbar zum Klippenrand, und wie auf keinem anderen Platz der Insel spürt man unbändige Naturgewalt, wenn die Brandung gegen die schwarzen Felsen trifft und die Gischt nicht selten die Konzentration beim Putten durch eine erfrischende Dusche unterbricht. 

Trotz aller herausragenden Qualitäten ist Buenavista Golf bis dato von den acht 18-Loch-Golfplätzen Teneriffas derjenige, auf dem es – wegen der Abgeschiedenheit und der großen Entfernung zu den touristischen Ballungszentren im Süden der Insel – am leichtesten ist, auch kurzfristig nahezu jede gewünschte Startzeit zu buchen. Das wird sich vermutlich bald ändern, wenn endlich die seit Langem im Bau befindliche, tunnelreiche Schnellstraße fertig wird, die künftig die abenteuerliche gebirgige Serpentinenstrecke zwischen Icod de los Vinos und der Südwestküste bei Guia de Isora ablösen soll. 

Dort, im Ritz-Carlton Abama, dem führenden Luxus-Golfresort Teneriffas, haben Golfdirektor Victor Saez und sein Team ganz andere Sorgen. In den gut zehn Jahren seit der Eröffnung im Herbst 2005 schreibt das vom in Marbella lebenden bolivianischen Star-Architekten Melvin Villaroel entworfene Abama eine solche Erfolgsgeschichte, dass man der stetig wachsenden Golfer-Klientel kaum noch Herr wird. Der extrem hohe Promifaktor – unzählige Sport-, Show- und Polit-Stars von Franz Beckenbauer über Heiner Lauterbach bis Ex-US-Präsident Bill Clinton haben neben dem in bester Panorama-Lage hoch über der Küste gelegenen Clubhaus schon genüsslich abgeschlagen – tut ein Übriges, um die magnetische Wirkung des Edel-Resorts zu verstärken. Obwohl Hotelgäste, je nach Saison, für eine Golfrunde – inklusive obligatorischem GPS-Buggy – zwischen 95 und 135 Euro berappen müssen und für Externe ein Abschreckungs-Greenfee von 200 Euro aufgerufen wird, sind Startzeiten oft nur mit langfristiger Voranmeldung zu bekommen. Ginge es nach den Eigentümern des Abama, hätte das Luxusresort spätes-tens in zwei, drei Jahren einen zweiten Championship-Golfplatz. Und was die spanische Polanco-Familie will, das bekommt sie in aller Regel auch. Ihr gehört neben etlichen Luxushotels der größte Medienkonzern des Landes, zu dem unter anderem die Tageszeitung El Pais, die Sportzeitung Diario As sowie etliche Radiosender zählen. 70 Hektar an den bestehenden Golfplatz angrenzendes Gelände zu erwerben, ist für den Branchenriesen eigentlich ein Kinderspiel.

Doch hier geht es um Bananen. Die 160 Hektar Land, auf denen heute das terrakottafarbene, im maurisch anmutenden Stil erbaute Traumhotel inmitten einer weitläufigen subtropischen Gartenanlage steht und wo sich der Golfplatz mit Höhenunterschieden von stolzen 235 Metern bergauf und bergab windet, waren früher Teil einer riesigen Bananenplantage. Der spätestens durch den Verkauf mehr als wohlhabend gewordene Plantagenbesitzer weiß sehr genau, dass seit Jahren die Zahl der Golftouristen auf den Kanaren um gut zehn Prozent per anno wächst und das Abama Resort dringend expandieren muss. Auf wundersame Weise verteuert sich die Platano Canario, von der auf ganz Teneriffa auf riesigen Anbauflächen rund 130 000 Tonnen jährlich produziert werden, an den Hängen von Guia de Isora daher in letzter Zeit deutlich stärker als irgendwo sonst auf Teneriffa. 

Wann im Tauziehen um den Kaufpreis für die 70 Hektar Bananenterrassen endlich „alles Banane“ ist, mag Victor Saez nicht vorherzusagen. Immerhin hat er die Hoffnung, dass die Bagger in knapp zwei Jahren anrollen und die ers-ten Golfer auf dem Abama 2 im Jahr 2020 abschlagen können. Ein paar Jahre später als ursprünglich geplant. Auch, wer der Designer des neuen Kurses sein wird, bleibt noch ein Geheimnis. „Aber der neue Platz“, verrät der Golfdirektor, „wird sicher dem von Dave Thomas geschaffenen bestehenden Kurs ähneln, weil das Terrain, auf dem er gebaut wird, die gleiche Hanglage hat.“ Schon das ist ein Versprechen großer Sinnesfreude – von allen Spielbahnen genießt man einen berauschenden Blick über grüne Hänge voller Bananen und Palmen auf den Atlantik und hinüber zur fast immer von einem schneeweißen Wolkenkranz gezierten Nachbarinsel La Gomera. 

Auf die zweitkleinste der sieben Kanarischen Inseln kommt man praktisch nur mit dem Fred Olsen Express. Das Tragflächenboot braucht 35 Minuten für die Überfahrt von Los Cristianos de Tenerife zur kleinen Inselhauptstadt San Sebastian de la Gomera. Noch einmal so viel Zeit sollte man einplanen für die serpentinenreiche Fahrtstrecke zum Tecina Golf Resort, tief im Süden der gebirgigen Insel, die sich ganz dem sanften Tourismus verschrieben hat. 

Das Resort: ein 4-Sterne-Hoteldorf inmitten eines zauberhaften botanischen Gartens direkt am Rand der 80 Meter senkrecht aus dem Meer aufragenden Steilküste. Kein Abama im Kleinformat, aber urgemütlich und mit allem nötigen Komfort, vor allem aber eine wahre Oase der Ruhe und Abgeschiedenheit. Der Golfplatz, geschaffen vom Amerikaner Donald Steel: ein weltweites Unikat. Mit dem Golfbuggy geht es gut zwei Kilometer und stolze 175 Höhenmeter nach oben zum ersten Abschlag – und dann nahezu 18 Bahnen lang im Zickzack-Kurs nach unten, den Terrassen der ehemaligen Bananenplantage (was sonst?) folgend, pausenlos mit einem geradezu surrealen Panoramablick auf die dunkelblaue Weite des Ozeans und, gen Osten, auf den über 3 700 Meter hohen, fast pyramidenartig aus dem Dunst aufragenden schneebedeckten Gipfel des Vulkans Pico del Teide auf Teneriffa. 

Nur zweimal wird das faszinierende, weltweit vermutlich einmalige Serpentinen-Spiel unterbrochen: Bei Loch 4 zielt der Drive steil bergab Richtung Meer, als solle der Ball direkt in der Brandung landen; und an der 10, einem spektakulären Par 3, visiert man wie von einer hohen Kanzel herab ein 50 Meter tiefer gelegenes Grün an – da kann das Eisen kaum kurz genug sein! Und Vorsicht auch bei den unterschiedlich breiten ehemaligen Bananen-Terrassen an dem stark geneigten Hang: vor allzu sorglosen Griffen zum Driver oder langen Fairway-Hölzern sei ausdrücklich gewarnt! 

Wer auf Teneriffa früh aus den Federn kommt und gegen 9 Uhr früh in Los Cristianos die erste Fähre nimmt, kann, rein zeitlich gesehen, den Golftrip nach La Gomera als Tagesausflug schaffen. Aber er wird es bereuen, nicht für mehrere Tage und Golfrunden geblieben zu sein.

Tecina auf La Gomera ist, so man die Kanaren als Teil oder Vorposten des Alten Kontinents ansehen mag, der südwestlichste Golfplatz Europas. Und die meisten, die ihn gespielt haben, belegen ihn mit weiteren ehrenvollen Superlativen. Unvergesslich ist er allemal.

Wolfgang Weber

 

65 - Winter 2016