abonnieren

Golfen auf der Bananeninsel

Früher war, touristisch betrachtet, am Drago Millenario final en los terrenos: Ende im Gelände. Der älteste und berühmteste Drachenbaum Teneriffas und zugleich der ganzen Welt, der zwar nicht, wie sein Name besagt, tausend, aber immerhin an die 600 Jahresringe zählt, dieses Prachtexemplar eines Drago, am Rande der romantischen Altstadt von Icod de los Vinos, zählte immer schon zu den „must see“-Attraktionen auf Teneriffa. 

Aber das war‘s dann auch. Noch weiter in den abgelegenen Nordwesten der Insel, die sogenannte Isla Baja, verirrte sich nur selten ein Touristenbus. Allenfalls ein paar Wanderer, Backpacker der anspruchsvolleren Art, wagten sich gar bis Buenavista del Norte, den westlichsten Ort Teneriffas, um von dort aus den Parque Rural de Teno im zerklüfteten, geologisch ältesten Gebirge der Insel zu erkunden. Buenavista – schöne Aussicht, aber touristisch nahezu ein „No-Go“. 

Bis Severiano Ballesteros kam. Im Auftrag privater Inves-toren schuf Spaniens Golf-Heroe – knapp zehn Jahre vor seinem viel zu frühen Tod 2011 – hier, im strukturschwächsten, entlegensten Zipfel der Insel sein Meisterstück als Golfplatz-Designer, auf einer ehemaligen Bananenplantage direkt oberhalb der Felsküste. Dem Namen und der spektakulären Lage des Platzes ist es geschuldet, dass Buenavista Golf seit Eröffnung im Herbst 2003 zu den besten Golfplätzen ganz Spaniens gezählt und sogar mit dem berühmten Pebble Beach an Kaliforniens Küste ver-glichen wird. Vier Bahnen führen unmittelbar zum Klippenrand, und wie auf keinem anderen Platz der Insel spürt man unbändige Naturgewalt, wenn die Brandung gegen die schwarzen Felsen trifft und die Gischt nicht selten die Konzentration beim Putten durch eine erfrischende Dusche unterbricht. 

Trotz aller herausragenden Qualitäten ist Buenavista Golf bis dato von den acht 18-Loch-Golfplätzen Teneriffas derjenige, auf dem es – wegen der Abgeschiedenheit und der großen Entfernung zu den touristischen Ballungszentren im Süden der Insel – am leichtesten ist, auch kurzfristig nahezu jede gewünschte Startzeit zu buchen. Das wird sich vermutlich bald ändern, wenn endlich die seit Langem im Bau befindliche, tunnelreiche Schnellstraße fertig wird, die künftig die abenteuerliche gebirgige Serpentinenstrecke zwischen Icod de los Vinos und der Südwestküste bei Guia de Isora ablösen soll. 

Dort, im Ritz-Carlton Abama, dem führenden Luxus-Golfresort Teneriffas, haben Golfdirektor Victor Saez und sein Team ganz andere Sorgen. In den gut zehn Jahren seit der Eröffnung im Herbst 2005 schreibt das vom in Marbella lebenden bolivianischen Star-Architekten Melvin Villaroel entworfene Abama eine solche Erfolgsgeschichte, dass man der stetig wachsenden Golfer-Klientel kaum noch Herr wird. Der extrem hohe Promifaktor – unzählige Sport-, Show- und Polit-Stars von Franz Beckenbauer über Heiner Lauterbach bis Ex-US-Präsident Bill Clinton haben neben dem in bester Panorama-Lage hoch über der Küste gelegenen Clubhaus schon genüsslich abgeschlagen – tut ein Übriges, um die magnetische Wirkung des Edel-Resorts zu verstärken. Obwohl Hotelgäste, je nach Saison, für eine Golfrunde – inklusive obligatorischem GPS-Buggy – zwischen 95 und 135 Euro berappen müssen und für Externe ein Abschreckungs-Greenfee von 200 Euro aufgerufen wird, sind Startzeiten oft nur mit langfristiger Voranmeldung zu bekommen. Ginge es nach den Eigentümern des Abama, hätte das Luxusresort spätes-tens in zwei, drei Jahren einen zweiten Championship-Golfplatz. Und was die spanische Polanco-Familie will, das bekommt sie in aller Regel auch. Ihr gehört neben etlichen Luxushotels der größte Medienkonzern des Landes, zu dem unter anderem die Tageszeitung El Pais, die Sportzeitung Diario As sowie etliche Radiosender zählen. 70 Hektar an den bestehenden Golfplatz angrenzendes Gelände zu erwerben, ist für den Branchenriesen eigentlich ein Kinderspiel.

Doch hier geht es um Bananen. Die 160 Hektar Land, auf denen heute das terrakottafarbene, im maurisch anmutenden Stil erbaute Traumhotel inmitten einer weitläufigen subtropischen Gartenanlage steht und wo sich der Golfplatz mit Höhenunterschieden von stolzen 235 Metern bergauf und bergab windet, waren früher Teil einer riesigen Bananenplantage. Der spätestens durch den Verkauf mehr als wohlhabend gewordene Plantagenbesitzer weiß sehr genau, dass seit Jahren die Zahl der Golftouristen auf den Kanaren um gut zehn Prozent per anno wächst und das Abama Resort dringend expandieren muss. Auf wundersame Weise verteuert sich die Platano Canario, von der auf ganz Teneriffa auf riesigen Anbauflächen rund 130 000 Tonnen jährlich produziert werden, an den Hängen von Guia de Isora daher in letzter Zeit deutlich stärker als irgendwo sonst auf Teneriffa. 

Wann im Tauziehen um den Kaufpreis für die 70 Hektar Bananenterrassen endlich „alles Banane“ ist, mag Victor Saez nicht vorherzusagen. Immerhin hat er die Hoffnung, dass die Bagger in knapp zwei Jahren anrollen und die ers-ten Golfer auf dem Abama 2 im Jahr 2020 abschlagen können. Ein paar Jahre später als ursprünglich geplant. Auch, wer der Designer des neuen Kurses sein wird, bleibt noch ein Geheimnis. „Aber der neue Platz“, verrät der Golfdirektor, „wird sicher dem von Dave Thomas geschaffenen bestehenden Kurs ähneln, weil das Terrain, auf dem er gebaut wird, die gleiche Hanglage hat.“ Schon das ist ein Versprechen großer Sinnesfreude – von allen Spielbahnen genießt man einen berauschenden Blick über grüne Hänge voller Bananen und Palmen auf den Atlantik und hinüber zur fast immer von einem schneeweißen Wolkenkranz gezierten Nachbarinsel La Gomera. 

Auf die zweitkleinste der sieben Kanarischen Inseln kommt man praktisch nur mit dem Fred Olsen Express. Das Tragflächenboot braucht 35 Minuten für die Überfahrt von Los Cristianos de Tenerife zur kleinen Inselhauptstadt San Sebastian de la Gomera. Noch einmal so viel Zeit sollte man einplanen für die serpentinenreiche Fahrtstrecke zum Tecina Golf Resort, tief im Süden der gebirgigen Insel, die sich ganz dem sanften Tourismus verschrieben hat. 

Das Resort: ein 4-Sterne-Hoteldorf inmitten eines zauberhaften botanischen Gartens direkt am Rand der 80 Meter senkrecht aus dem Meer aufragenden Steilküste. Kein Abama im Kleinformat, aber urgemütlich und mit allem nötigen Komfort, vor allem aber eine wahre Oase der Ruhe und Abgeschiedenheit. Der Golfplatz, geschaffen vom Amerikaner Donald Steel: ein weltweites Unikat. Mit dem Golfbuggy geht es gut zwei Kilometer und stolze 175 Höhenmeter nach oben zum ersten Abschlag – und dann nahezu 18 Bahnen lang im Zickzack-Kurs nach unten, den Terrassen der ehemaligen Bananenplantage (was sonst?) folgend, pausenlos mit einem geradezu surrealen Panoramablick auf die dunkelblaue Weite des Ozeans und, gen Osten, auf den über 3 700 Meter hohen, fast pyramidenartig aus dem Dunst aufragenden schneebedeckten Gipfel des Vulkans Pico del Teide auf Teneriffa. 

Nur zweimal wird das faszinierende, weltweit vermutlich einmalige Serpentinen-Spiel unterbrochen: Bei Loch 4 zielt der Drive steil bergab Richtung Meer, als solle der Ball direkt in der Brandung landen; und an der 10, einem spektakulären Par 3, visiert man wie von einer hohen Kanzel herab ein 50 Meter tiefer gelegenes Grün an – da kann das Eisen kaum kurz genug sein! Und Vorsicht auch bei den unterschiedlich breiten ehemaligen Bananen-Terrassen an dem stark geneigten Hang: vor allzu sorglosen Griffen zum Driver oder langen Fairway-Hölzern sei ausdrücklich gewarnt! 

Wer auf Teneriffa früh aus den Federn kommt und gegen 9 Uhr früh in Los Cristianos die erste Fähre nimmt, kann, rein zeitlich gesehen, den Golftrip nach La Gomera als Tagesausflug schaffen. Aber er wird es bereuen, nicht für mehrere Tage und Golfrunden geblieben zu sein.

Tecina auf La Gomera ist, so man die Kanaren als Teil oder Vorposten des Alten Kontinents ansehen mag, der südwestlichste Golfplatz Europas. Und die meisten, die ihn gespielt haben, belegen ihn mit weiteren ehrenvollen Superlativen. Unvergesslich ist er allemal.

Wolfgang Weber

 

65 - Winter 2016

Wir sind etwas ganz besonderes

Der isländische Handballtrainer Erlingur Richardsson kommt von den Westmännerinseln. Ihnen fühlt er sich auf spezielle Weise verbunden, ein Vulkanausabruch zwang die Bewohner 1973 zur Flucht. Sein Vertrag bei den Füchsen läuft noch bis mindestens 2018.

Scheinbar regungslos verfolgt Erlingur Richardsson die Aktionen seiner Tochter Sandra. Er zieht höchstens einmal mit einem flüchtigen Lächeln beifällig die Augenbrauen hoch oder verzieht bei einem misslungenen Pass leicht den Mundwinkel. „Ich bin nicht der Trainer, der immer rumschreit“, begründet der 43-Jährige seine Zurückhaltung. Da sind seine Söhne Elmar und Andri völlig anders. Die acht- und elfjährigen Jungen jubeln und springen auf, wenn ihrer 17 Jahre alten Schwester ein Tor gelingt und die Füchse Berlin in der Handball-Bundesliga der Frauen die Oberhand behalten. Wenn nicht, schnappen sich die beiden nach der Partie trotzdem sofort einen Ball und feuern ihn mit dem Fuß abwechselnd aufs Tor, während Mutter Vigdis die Verliererin tröstet.

Umgekehrt sind die Aktionen weniger öffentlich und nur die beiden fußballernden Jungen auf dem Parkett zu sehen, wenn die von Erlingur Richardsson trainierten Profis der Füchse-Männer eine Partie beendet haben. Doch in der gewaltigen Kulisse von oft 9 000 Zuschauern auf den Rängen der Max-Schmeling-Halle fallen Sandra Erlingsdottir und ihre Mutter nicht so sehr auf wie unter der eher kargen Besucherschaft in der Frauen-Bundesliga.

Die Familie ist unzertrennlich und unternimmt, wenn es irgendwie möglich ist, das meiste gemeinsam. Das ist in ganz Island so und noch spezieller auf den dem nördlichen Land vorgelagerten Westmännerinseln. Von deren Bewohnern sagen die Leute auf dem Haupteiland, dass sie gar keine richtigen Isländer wären. Aber jene 4 200 Leute ficht das überhaupt nicht an. „Wir sind etwas ganz Besonderes“, sagt Erlingur Richardsson schelmisch. „Meine Heimat ist nicht Island, meine Heimat ist Vestmannaeyjar. Und darauf bin ich wirklich stolz.“ Diese besondere Liebe zu ihrem kleinen Fleckchen Land hat eine Bewandtnis, mit der Erlingur Richardsson in ganz spezieller Weise verbunden ist. Als in einer kalten Nacht am 23. Januar 1973 auf der Hauptinsel Heimaey – hier wohnen so gut wie alle Einwohner Vestmannaeyjars – der Vulkan Eidvell ausbrach, schien das Ende des kleinen Eilandes besiegelt. „Ich war damals erst vier, fünf Monate alt und kenne das nur aus den Erzählungen. Es muss aber schlimm gewesen sein, wie die feurige Lavamasse sich wochenlang in extrem langsamer Geschwindigkeit über die Insel rollte und ein Haus nach dem anderen unter sich begrub, zerquetschte und verbrannte“, schildert der 43-Jährige aus den Berichten der Bewohner.

Erlingurs Vater, der wie seine Vorfahren Fischer war, rettete seine Familie auf das eigene Boot, die Mutter half vielen anderen an Bord. Der kleine Erlingur und ein gleichaltriger Cousin wurden in einer Tragetasche in die Kajüte gestellt. Immer mehr Leute kamen an Deck, schwitzten im Gedränge und warfen ihre Sachen nach und nach in die Kajüte. „Als meine Mutter nach mir sah, war ich weg. Unter dem ganzen Zeug fand sie mich gerade noch rechtzeitig, völlig verschwitzt und durchnässt, aber ich atmete noch“, schildert der Isländer heute die Rettung vor den Lavamassen.

Ein Ereignis, das die Menschen von Vestmannaeyjar zusammengeschweißt hat. „Bei uns gibt es zwei Zeitrechnungen. Eine endet mit dem Vulkanausbruch, die andere beginnt danach.“ Dazwischen liegen ganze fünf Monate, denn so lange drohte die permanent nachfließende Lava den Hafen zu verschließen und die Inseln damit unbewohnbar zu machen. Erst ständige Kühlung durch eisiges Meerwasser aus gigantischen Schläuchen brachte die Feuerwalze kurz vor der Pier zum Stehen. 417 Häuser waren vernichtet und das Eiland 20 Prozent größer geworden. „Diese unglaublich ruhig verlaufene und lange währende Rettungsaktion, bei der nur ein Feuerwehrmann ums Leben kam, hat die Bewohner zusammengeschweißt und macht auch heute noch alle stolz, die auf Vestmannaeyjar geboren sind“, sagt Erlingur. Nach einem Jahr in einer Rot-Kreuz-Wohnung in Kopavogur, einer Satellitenstadt der Metropole Reykjavik, kehrte die Familie wie alle anderen Einwohner zurück auf die im Süden vorgelagerte Insel. Der Neuaufbau verlief anders als bei anderen Naturkatastrophen, weil die Lava im westlichen Teil der Heimat eine schwarze, unzerstörbare Bahn, härter als eine Betonsträhne, gezogen hatte, die heute noch als mahnendes Monument teilweise nur Zentimeter neben verschonten Häusern und Gärten zu sehen ist. Jeder Isländer will irgendwann einmal aufs Festland nach Europa, aber jeder Isländer kommt auch wieder in die Heimat zurück, ganz speziell gilt das für die Bewohner der Westmännerinseln. Und für Erlingur Richardsson und seine Familie ist jetzt Europa dran. Was nicht heißt, dass alle Gewohnheiten der Heimat vorübergehend ad acta gelegt werden. „Als Kinder haben wir jeden Tag Fisch gegessen, hier essen wir mindestens zweimal in der Woche Fisch. Leider ist der frische sehr teuer.“ Deswegen greift man schon mal auf Konserven aus der Heimat zurück. Und auf den sonntags üblichen Lammbraten ist seine Familie auch nicht mehr abonniert. „Das war bei uns Kult“, erinnert er sich. „Und dazu gab es, nur am Sonntag, für meine zwei Schwestern, meine drei Brüder und mich einen Liter Cola. Ich bin der Zweitjüngste und musste mich da ordentlich ranhalten, genug abzubekommen.“

Mit einigen Gewohnheiten der Mitteleuropäer kommt vor allem seine Frau Vigdis mittlerweile gut zurecht. Da es bei gebürtigen Isländern keine Nachnamen gibt und man sich nur mit dem Vornamen anredet, kann seine Vigdis Sigurdbogadottir – dem Vornamen wird der Name des Vaters, in dem Fall Sigurdboga, plus „son“ (für Sohn) oder „dottir“ (für Tochter) angehängt – auch nicht so heißen wie ihr Mann. Trotzdem reagiert die 44-Jährige mittlerweile, wenn sie als Frau Richardsson angesprochen wird. „Man richtet sich ein, obwohl es in Island leichter ist. Wenn ich mich irgendwo vorstelle, dann sage ich: Ich heiße Erlingur und komme von Vestmannaeyjar. 

Dann weiß jeder Bescheid.“ Irgendwann wird sich die Familie auch wieder so vorstellen, doch derweil lebt sie in Berlin den Traum eines jeden isländischen Sportlers. „Weil man bei uns vom Sport nicht sein Leben finanzieren kann, träumt jeder davon, das einmal in Europa zu verwirklichen. Und ich kann das jetzt machen“, sagt der Handballtrainer glücklich. Sowohl als Spieler als auch während seiner Trainerarbeit bei den   besten Vereinen Islands musste Erlingur Richardsson einer zweiten Arbeit nachgehen, um die Familie zu ernähren. Zuerst versuchte er sich als Fischer auf dem Boot des Schwiegervaters, hatte aber von Beginn an mit Seekrankheit zu kämpfen. „Meine Frau ist eindeutig die bessere Fischerin.“ So wurde abends trainiert, tagsüber hielt der studierte Sportwissenschaftler Vorlesungen an der Universität. Das war nichts Außergewöhnliches, weil die Aktiven aller anderen Sportarten das auch taten. Erst mit seinem Wechsel vom damaligen isländischen Handball-Meister HK Kopavogur zum österreichischen Spitzenverein Westwien konnte er sich als Profitrainer bezeichnen.

In dieser Zeit haben seine Kinder auch so gut Deutsch gelernt, dass Erlingur meint, man könne sie für Einheimische halten. Das ist in Berlin allerdings schwer vorstellbar. Als in der Schule der Jungs eine Lehrerin aus Bayern auftauchte und die anderen Kinder vor schwere Prüfungen bei der Verständigung stellte, freuten sich Elmar und Andri: „Endlich mal eine Frau, die richtig Deutsch kann.“ Der österreichische Akzent der drei Kinder ist unüberhörbar und spielt nur bei Sandra keine Rolle. Die 17-Jährige macht ihren gymnasialen Abschluss per Internet an einer isländischen Schule.

Für Erlingur und seine Familie war es die größte Verblüffung, dass der Sportunterricht an den Schulen in Österreich und Deutschland nur eine untergeordnete Rolle spielt. „Das ist bei uns mit das wichtigste Schulfach. Die Lehrer müssen eine Hochschulausbildung als Sportlehrer haben“, sagt Erlingur. Mit fünf Fußballfeldern – eines davon überdacht und mit Kunstrasen – drei Handballhallen, einem Golfplatz und einer Schwimmhalle, in die alle Kinder bis 12 Jahre ständig freien Eintritt haben, setzt Vestmannaeyjar Maßstäbe. „Wir sind nur 4 200 Einwohner, spielen aber bei den Männern und Frauen sowohl im Handball als auch im Fußball in der ersten Liga.“

Weil der deutsche Sportunterricht den Kindern längst nicht ausreicht, toben sich Elmar und Andri mit Vorliebe an den Basketballkörben oder Tischtennisplatten auf den Freiplätzen nahe der elterlichen Wohnung im Berliner Stadtbezirk Prenzlauer Berg aus, spielen dazu Handball bei den Jung-Füchsen und Fußball bei Empor Berlin. Und Sandra ist als jüngste Spielerin mit Training und Punktspielen des Handball-Bundesligisten Füchse Berlin ausgelastet. 

Der Vertrag von Erlingur läuft noch bis mindestens 2018. „Es ist spannend, in der Bundesliga zu arbeiten“, sagt er. „Die Hallen sind riesig, es kommen unheimlich viele Zuschauer, das Niveau ist insgesamt das beste in der ganzen Welt“, schwört er auf die hiesige Handball-Meisterschaft. Dass die Isländer als Lehrer hier besonders begehrt sind, führt er aber nicht auf den speziellen Stil der Insulaner zurück. „Das würde ich anders sehen. In der Ausbildung sind andere Länder, beispielsweise Kroatien, bestimmt besser“, überlegt er. „Aber wir Isländer sind es gewohnt, in kleinen Vereinen mit wenig Geld und meistens winzigem Kader zu arbeiten. Da musst du immer wieder Lösungen finden und dafür viel improvisieren. Ich glaube, das ist es, was uns bei der Arbeit auf dem Festland zugute kommt.“

Bei den Bewohnern der Westmännerinseln kommen  dazu noch deren Zusammengehörigkeitsgefühl und der sprichwörtliche Kampfgeist. „Zu uns ist keine Mannschaft gern gekommen. Die haben immer gesagt, wir spielen wie die Gladiatoren, weil wir nie aufgegeben haben“, schildert der ehemalige Kreisläufer, der als Jugendlicher auch ein ausgezeichneter Fußballer war, die Spielweise auf seinem Heimat-Eiland. Derzeit steht der Verein auf Platz 3 in Island, und der einstige Spieler und Trainer des Ex-Pokalsiegers und ehemaligen Meisters wird das noch einige Zeit aus der Ferne verfolgen müssen. „Es sei denn, ich muss dann auch mal an die Karriere meiner Frau denken“. Vigdis ist hoch qualifiziert, derzeit mangelt es ihr nur an den Sprachkenntnissen. Dafür geht sie mehrmals die Woche auf eine Sprachschule, während ihr Mann sein Deutsch durch die vielen Fachsimpeleien mit seinem Sportlichen Leiter Volker Zerbe vervollkommnet.

Hans-Christian Moritz

 

65 - Winter 2016
Sport

eat! mit Berliner Energie

Es den Feinschmeckern oder denen, die es werden wollen, mit einem Festival recht zu machen, ist in Berlin nicht einfach. Scheinbar gibt es hier schon alles, von der Gourmetcurrywurstbude bis hin zum Sternerestaurant, vom rent a cook bis hin zur gelieferten vegetarischen Kochbox. Und doch hat ein Festival Jahr für Jahr nicht nur überzeugt, sondern immer noch etwas obendrauf gesetzt – die eat! berlin.

Newcomer und Kultwirte

Das diesjährige Programm zeigt wieder einmal, was Berlin als Gourmetstadt ausmacht. Es gibt Veranstaltungen an ungewöhnlichen und spannenden Orten. Newcomer und Kultwirte, Topwinzer, Sterne- und Fernsehköche zeigen ihr Können und werden Statements setzen. Es gibt Seminare und den Nachwuchsköche-Preis, eine Gourmet-Kiez-Sause, eine Neueröffnung und einen echten Männerabend. Events zum Thema Süße und Kräuter, der Ball der Gastronomen und der Abend mit „5 Filmen und 5 Gängen“ runden das Programm ab. 

Zu den Programmhöhepunkten 2016 gehört ohne Zweifel das Vorhaben Sebastian Franks. Der Österreicher, der erst 2010 nach Berlin kam, ist mittlerweile Inhaber des Restaurants Horváth, Zwei-Sterne-Koch und Koch des Jahres. Anlässlich der aktuellen Entwicklungen auf der Welt nimmt er Horváths Roman „Jugend ohne Gott“ zum Anlass für einen literatur-kulinarischen Abend. Unterstützt wird er dabei durch Roman Steger und Martin Wall vom Restaurant Speisekammer aus Wien. Die in diesem Kriminalroman behandelten Themen Ausgrenzung, Rassismus, Denunziantentum und Heuchelei sind nach wie vor top-aktuell. Die Landschaften im Buch inspirierten Sebastian Müller zum Menü des Abends (2. März).

Zu den spannenden Locations des   Festivals zählt neben den Floralen Welten das Schmelzwerk. In dem Herzstück der ehemaligen Schokoladenfabrik Sarotti findet, neben einem Genuss-Abend und einem vegetarischen Abend mit der Schauspielerin Marion Kracht, das dreitägige Kochevent „Kreuzberg kocht“ statt. Hier werden wahre Stars der Berliner Szene zu treffen sein. Markus Herbicht, Herbert Beltle und Thomas Kurt zum Beispiel. Diese erstklassige Besetzung an den verschiedensten Essstationen wird die Auswahl des Genusses sicher schwer machen (4.–6. März).

Die meisten Köche, die man aus dem Fernsehen kennt, trifft man in diesem Jahr auf dem Fernsehturm. Den Willkommensgruß dazu bereitet Kolja Kleeberg höchstpersönlich am Fuße des Turms in seinem Foodtruck zu (3. März).

Felicitas Then wird in der Weinschule Berlin zu sehen sein. Die Siegerin der „Taste-Show“ widmet dort jeden Gang einem aktuellen Kochtrend (5. März)

Den einzigen Backkurs des eat! berlin Festivals gibt die amerikanische Back-Queen Cynthia Barcomi. Sie ist die berühmteste Cheesecake-Bäckerin und erstmalig dabei (29. Februar)

Als Gegenpart dazu ist sicherlich der echte Männerabend „Meat The Chef“ interessant, den Wolfgang Müller im „Cooks Connection“ veranstaltet. Seit 2009 gibt er dem Thema Fleisch seine ganze Aufmerksamkeit und züchtet sogar eigene Sattelschafe und Yaks. Beim Braten in der Pfanne wird sicherlich die eine oder andere Geschichte rund um die Männerwelt auf den Tisch kommen (4. März).

Geschichten erzählen kann auch Hans-Peter Wodarz. Seit mehr als 40 Jahren widmet er sein Leben und Können der Ente und ist schlechthin der „Ententainer“. Deshalb wird er im „Café des Artistes“ nicht nur mit prominenter Unterstützung kochen, sondern auch legendäre Anekdoten zum Besten geben (29. Februar).

Natürlich ist das nur eine kleine feine Auswahl der Events, die bei der eat! berlin stattfinden. Und trotz der Vielfalt ein Tipp vorweg: Da die Anzahl der Plätze für die einzelnen Veranstaltungen begrenzt ist, ist es ratsam, sich schnell die Tickets über die Webseite des Festivals zu sichern. Aber es gibt auch Veranstaltungen, bei denen es einfacher ist und die vor Ort bezahlt werden können. Bei den „Berliner Käsetagen“ in der Arminiusmarkthalle in Moabit zum Beispiel (27./28. Februar)

Man kann jetzt schon sagen, dass es Bernhard Moser und seinem Team wieder gelungen ist, einzigartige Events für Berlin zu kreieren. Darüber hinaus ist ihm wichtig, im Sinne der Nachhaltigkeit Verantwortung zu übernehmen. So sind in diesem Jahr mit Unterstützung der Gasag Fahrzeuge im Einsatz, die mit Bio-Erdgas betrieben werden. Damit fahren diese kostengünstig und CO2-neutral. Die Gasag, die übrigens nicht nur Gas-, sondern auch ein Stromlieferant ist, will Energie geben. Und das ist ganz wörtlich gemeint. Unternehmenschefin Vera Gäde-Butzlaff: „Deshalb engagiert sich das Traditionsunternehmen Berlins da, wo es um Kreativität und Vielfalt in der Stadt geht.“

 

Information

eat! Berlin vom 26. Februar bis zum 6. März 2016
Alle Informationen, Veranstaltungstermine
und Tickets unter www.eat-berlin-festival.de

 

65 - Winter 2016

Aktivitätszone, Ankerplatz, Lieblingsmöbel

Das Sofa lädt zum Lesen ein, zum Träumen, Lümmeln und Plaudern in fröhlicher Runde und ermöglicht sogar ein Herumtoben. Erwachsene verbringen durchschnittlich vier Stunden pro Tag darauf, Kinder benutzen es vorzugsweise als Trampolin. Das Sofa ist ein Sowohlalsauch-Ding und verfügt über Charme und Weisheit; manche Exemplare überzeugen wahlweise durch Sachlichkeit, Grandezza oder auch Ironie wie das Edelstahlsofa (Foto) des englischen Stahl-Künstlers Ron Arad.

Auch wenn es längst schon eine enorme Produktvielfalt gibt und Sofas wahlweise auch Couch genannt werden und sich aus Bänken und Sesseln oder parallel dazu entwickelt haben, um mindestens zwei, besser drei und bald vier bis sieben Menschen auf einmal einen angenehmen Aufenthalt zu ermöglichen, wird die Frage jährlich neu gestellt: Wie will und vor allem wie kann der Mensch auf einem Sofa sitzen oder liegen? Wie kann er liegesitzen und die Beine über die Armlehne baumeln lassen oder weit von sich strecken? Wie Haltung zeigen, aufrecht oder hingehaucht? Das Dasein auf dem Sofa scheint eine philosophische Frage. Auf jeden Fall ist es eine soziokulturelle, die den Benutzerwandel nachzeichnet: Vom Müßiggang des Adels zur gepflegten Unterhaltung des Bürgertums über das Familiensofa des 20. bis zu den Relaxlandschaften des 21. Jahrhunderts. Der Begriff Sofa stammt vom arabischen Suffa, was Ruhebank bedeutet. Er hat im Sprachalltag das französische Canapé hinter sich gelassen und duldet die Couch als Synonym. Der englische Begriff, unschwer zu erkennen, hat wiederum französische Wurzeln. Die Sprache folgt der Gemütlichkeit über die Grenzen.

Der Designer Hans Hopfer hatte schon 1970 alle Konventionen des anständigen Sitzens bzw. die Fokussierung auf westliches Sitzverhalten über Bord geworfen und mit seinem Sofa „Mah Jong“ einer postachtundsechziger Lässigkeit die Spielwiese kreiert. Das von der Pariser Firma Roche Bobois bis heute als Bestseller verkaufte, mannigfach wandelbare bodennahe Loungemöbel ist ein west-östlicher Diwan, der aus der Kombination dreier Grundelemente variiert werden kann. Genügend Raum ist allerdings nicht allein nur eine Voraussetzung, um die ausladenden Dimensionen gut positionieren zu können, sondern auch den meist überaus farbenfrohen Mustermix in Schwingung zu versetzen. Und wer obendrein beim Update von Budget und Preis Schwindelgefühle erlebt, kann sich als Selfmade-Avantgardist versuchen. Vermutlich ist selten ein Sofa häufiger kopiert worden. Wahlverwandt ist das ebenfalls aus den Siebzigern herrührende Sofa „Togo“ von Michel Ducaroy, das sich als Statement am           liebsten in Knallrot im Zimmer präsentiert. Ein regelrecht disziplinierender Gegenpol zu diesen bodennahen und raumgreifenden Laissez-faire-Positionen sind neben puristischen Möbeln in pudrigen Farbtönen mit betont niedrigem Rückenteil, schmalen linearen Sitzflächen und exakten geradlinigen Füßen auch Alkovensofas. Allein durch ihre hohen Rückenlehnen und aufrechten Armseiten definieren sie das Raumgefühl. Im wahrsten Sinne des Wortes wird hier nicht gestanden, sondern gesessen, mit dem Rücken zur Wand und dem Gesprächspartner die volle Aufmerksamkeit schenkend, denn eine rückwärtige Geräuschkulisse ist nicht mehr von Interesse. Die Designerin Inga Sempé hat für Ligne Rosé mit „Beau Fixe“ ein elegantes Sofa entwickelt, das wie aus zwei Ohrensesseln zusammengefügt erscheint. Von ihr stammt auch der schöne hybride Entwurf „Ruché“. Ein hölzernes Untergestell, einer schlichten Sitzbank abgeguckt, und ein gesteppter Überwurf verschmelzen zu einem charmanten Möbel, in dem es sich eher sitzt als liegt. Neben der kantigen oder fließenden Eleganz  zeigen sich aber auch zunehmend organische, rundliche, objekthafte Formen. Die Designbrüder Ronan & Erwan Bouroullec haben mit „Ploum“ eine ovale Kuschelzone designt, die haptisch und ergonomisch hält, was die Lautbildung des Namens verspricht. Es ist eine Melange aus Pop-Design und Chesterfield.

Wie sieht politisch korrektes Sitzen oder eben symbolisch im Sinne eines Statements aus? Klaus Wowereit hat die Talkrunde „Bei Klaus zuhaus“ ins Leben gerufen und sitzt auf einem englischen Clubsofa, einem Zweisitzer, halb lässig, halb aufrecht, irgendwie zwischen akkurat und entspannt und lädt Gäste zum Gespräch in einen renommierten Berliner Club. Eine andere Position vermittelte das Doppelporträt Gysi-Wowereit, das der Fotograf Stefan Maria Rother 2001 schoss. Nichts ist hier Zufall. Er hat die beiden Politiker bildmächtig auf ein opulentes rotes Sofa platziert. Im Hintergrund wächst gerade das neue Berlin. 

„Bitte auf die Couch!“, so lud Sigmund Freud seine Patienten in der Wiener Bergstraße zur Selbstfindung. Das Unterbewusstsein breitet sich offenbar auf einer Couch, niemand sprach in diesem Zusammenhang vom Sofa, entspannter aus, es dringt an die Oberfläche und vermag alles Bedrängende leichter wegzuschieben, so als wäre es nichts weiter als eine zu tief hängende Wolke. Aber was hat das wiederum mit „Couch-Potatoes“ zu tun? Das Wort nebst Illustrationen ließ sich Anfang der Siebziger der Amerikaner Robert D. Armstrong patentieren. Es ist ein ironischer Kommentar, der mit einer Verweigerungshaltung assoziiert wird. Schlabberlook und Schlabberhaltung kommen in den Sinn, schlapp vorm Fernseher baumeln und Herumzappen bis die Kartoffelchips weggeputzt sind. So weit das Klischee moderner Trägheit, die den Katholiken als Acedia, die siebente, das Selbst zerstörende, Todsünde gilt. Aber kann es denn Sünde sein, sich mal eine Auszeit und etwas Ruhe zu gönnen? Das eine ist eben nicht das andere! Und überhaupt ist das moderne Sofa keine Ruheinsel per se, sondern eher eine Aktivitätszone: Hier trifft sich die Familie zum Zusammensein, was heute einschließt, dass jeder macht, was ihm beliebt. Die Nähe zählt. Wie schön ist es etwa, mit dem Komponisten Eric Satie einer unendlich langsam verlaufenden Zeit zu lauschen.

Die Bauhaus-Generation hatte das ultraweiche Einsinksofa ebenso überwunden wie die Zierlichkeiten in Samt und Seide.  Eher gab es eine Art Day-Bett, hart genug, um flugs wieder in die Senkrechte zu kommen. Le Corbusier entwickelte seine stahlrohrgebogenen Quadratformen LC 2 und LC 5 fürs bequeme und klar dimensionierte Sitzen. Überbreite Fläzsofas, standardisierte Sofaecken in beigebraun und auch die familienfreundlichen hellen skandinavischen Sitzbereiche mit Weichholzgestellen waren die Vorläufer der entfesselten Bequemlichkeitskultur, für die namhafte Designer und Firmen in jedem Jahr neue technologische Innovationen bereithalten. Es geht nicht nur um Höhe, Breite, Tiefe, um organisch, rundlich oder eckig, um Bein oder Kufe, nicht allein um die ergonomischen Grundprämissen und daraus folgende Basislooks. Es geht um Inhaltstoffe wie Daunen, Rosshaar, Kaltschaumverbindungen, um Verarbeitungsqualitäten bei Sandwich-Verleimung weicherer und mittelweicher Schaumstoffe oder Kassetten, um handwerkliches Know-how für Gurtunterfederung, handgesteppte Falten und Koffernähte und schließlich im Avantgardebereich um komplexe Formungstechnologien und Adaptionen. Auch um distinktionsfähige Zentimeter, die hinzugefügt oder weggespart werden. Ein Standardmodell kann heute in 300 Varianten geliefert und so zum „Unikat“ werden. Überhaupt sind „modular“ und „multifunktional“ die Trendwörter von De-   signern und Inneneinrichtern und natürlich auch der Sofahersteller, die den mannigfaltigen individuellen und interkulturellen Bedürfnissen gerecht werden wollen. Chesterfield-Sofas mit ihren geknüpften Rauten erlauben Zigarre und Gespräch. Die Franzosen sitzen lieber auf weichem Grund, und die deutschen Hersteller geben Halt, derweil Italiener von Minotti bis B&B Italia Klassik stilisieren und maßgenau schneidern, als ginge es um edle Anzüge. Die Dänen haben ein Sofa in Rosé, das es ob seiner Länge von 51,4 Metern mit 104 Sitzplätzen ins Guinness-Buch der Rekorde geschafft hat. Es hat nicht jeder einen Benz zu Hause. Aber die Firma Rolf Benz, die deutsche Luxusmarke der Sofaproduzenten, feiert ihren 50. Geburtstag mit dem Jubiläumssofa RB 50; „das Einzel-, Anreih- oder Ecksofa“, wie es in der Fachsprache heißt, wurde 2015 für den German Design Award nominiert. Sitzen oder liegen? Die Frage wurde seinerzeit mit der Erfindung der Chaiselongue beantwortet. Zweifelsohne sieht ein solches Möbel im Raum charmant aus. Aber der Benutzer fühlt sich wie abgelegte Garderobe oder wie ein ewig rutschender Rock. Es muss auch anderen so gegangen sein, denn die Chaiselongue, auch als Ottomane bekannt, wurde zu Schlafsofas und Multifunktionsteilen mit allerhand Hebeln und Knöpfen transformiert. Sie verfügt inzwischen über smarte Funktionen, mit denen es  sich mühelos nach hinten klappen und die Beine in die Höhe schnellen lässt wie Peterchen auf seiner Mondfahrt. Wer so viel Technik mag, dem fehlen womöglich nur noch Schleudersitz und Airbag. Manchmal genügt ja auch ein Kissen im Rücken. 

Anita Wünschmann

 

65 - Winter 2016

Himmel mit Berlin

Das Upper West am Breitscheidplatz wird mit 119 Metern Höhe und 33 Etagen ein Gebäudeensemble mit dem benachbarten Zoofenster bilden. Architekt für den städtebaulichen Entwurf und die Fassadenplanung ist Christoph Langhof, von KSP Jürgen Engel Architekten stammt der Entwurf des Hochhauses. [Foto: Berlin-vis-à-vis]

Berlin ist keine klassische Hochhausstadt. Mit ihrer gründerzeitlichen Blockrandbebauung ist die Hauptstadt in großen Teilen flach, überschaubar und europäisch. Ein Citystädtebau nach amerikanischem Vorbild war historisch nicht möglich und und auch nicht erforderlich.Bald aber muss der Himmel mit Berlin rechnen. Denn der Wind hat sich gedreht, es gibt neue Hochhauspläne. 

Stadt

Wachsende Stadt

Mit dem Projekt Gotland schließt sich 25 Jahre nach der Wiedervereinigung eine weitere Lücke im Stadtbild. Der Berliner Ortsteil Prenzlauer Berg liegt, das Bevölkerungswachstum betreffend, seit Jahren an der Spitze der Hauptstadt. Ganz im Norden, an der Grenze zu Pankow befindet sich das Nordische Viertel, das sich mit grünen Innenhöfen, ausgedehnten Grünflächen und einer kleinen Villenkolonie etwas beschaulicher und familienfreundlicher gibt als der südliche Prenzlauer Berg. An der Grenze zwischen einer innerstädtischen dichten Bebauung und der aufgelockerten Villenbebauung des ehemaligen Ost-Berliner Botschaftsviertels, in dem sich noch heute diverse Vertretungen von Ländern wie Kuba, Bosnien und Herzegowina sowie Eritrea befinden, klafft eine Lücke im Ortsbild: eine Brachfläche mit Parkplatz, einer Supermarktbaracke und kahlen Brandwänden, von denen schon lange der Putz rieselt. Jetzt brechen neue Zeiten an. Der boomende Immobilien-Markt der Hauptstadt sorgt nun dafür, dass mit dem Projekt „Gotland“ 25 Jahre nach der Einheit sich eine weitere Freifläche schließt. Verantwortlich für den Lückenschluss zeichnen die Bauherren Hubertus Hiller und Harald Wengust, die ab März 2016 auf der Freifläche 136 neue Wohnungen errichten. Architekt des errichteten Gebäudes, das sich mit seiner Helligkeit, seiner Leichtigkeit und der typischen Zurückhaltung am klassischen schwedischen Design orientiert, ist Rolf Gnädinger von Gnädinger Architekten, der u. a. das Otto Bock Science Center am Potsdamer Platz entworfen hat. BLS Energieplan GmbH Niederlassung Berlin übernimmt die Aufgabe der kompletten Planung der technischen Gebäudeausrüstung. Firma J & J Bau und Bauträger GmbH aus Halle (Saale) wird als Generalunternehmer sein leistungsstarkes Baumanagement unter Beweis stellen. Zum Objekt gehören außerdem Abstellflächen für Fahrräder und eine Tiefgarage mit einer eigenen Stromversorgung für Elektromobilität. Der Supermarkt wird ebenfalls in das neue Gebäude integriert. Die 136 Wohnungen mit Größen zwischen einem und vier Zimmern beginnen bei Kaufpreisen von 3 950 Euro pro Quadratmeter und stehen seit Ende des Jahres 2015 zum Verkauf. Die Fertigstellung ist für Ende 2017/Anfang 2018 geplant. „Mit dem Gotland betreiben wir ganz bewusst ein Stück Stadtreparatur“, erklärt Bauherr Hubertus Hiller und ergänzt: „Der Grundriss des Projekts mit zehn verschiedenen Aufgängen ist ganz außergewöhnlich, denn wir setzen die Bebauung zum Teil direkt an die vorhandenen Brandwände und nehmen dabei die Struktur der  historischen Innenhöfe wieder auf.“ So entstehen neben dem Vorderhaus in Blockrandbebauung mit sechs Aufgängen auch vier ganz individuelle Gartenhäuser, die mit den gründerzeitlichen Nachbargebäuden ein Ensemble bilden. Zwischen den insgesamt fünf neu zu errichtenden Häusern wird ein begrünter, mäandernder Innenhof eingerichtet, der zum Teil auf dem Dach des Nahversorgers und der Tiefgarage angelegt ist und dessen Gestaltung mit skandinavischen Steinen, nordischen Pflanzen und offenen Sitzbereichen an die schwedische Insel Gotland, die Namensgeberin des Projekts, erinnert.

65 - Winter 2016
Stadt