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Das Phänomen Menzel

Anlässlich seines 200. Geburtstages konzentriert sich das Märkische Museum in seiner Jubiläumsausstellung auf das Frühwerk Adolph Menzels, der sich vom ausgewiesenen Kunsthandwerker und passionierten Zeichner zum Berliner Jahrhundertmaler emanzipierte. 

Wegen seiner geringen Größe, laut seinem Reisepass noch unter einem Meter fünfzig, bezeichnete ihn Theodor Fontane als „ganz grandiosen kleinen Knopp“. Sogar „Gnomenhaftigkeit“ wurde ihm bescheinigt, weswegen ihm zwar Militärdienst erspart blieb, er aber von Beginn seines Lebens an eine Art Außenseiterrolle spielte. So war Adolph Menzel, der Zwergwüchsige, gezwungen, sich auf andere Weise zu emanzipieren. 

Sein besonderes Zeichentalent wurde früh entdeckt und bereits als Jugendlicher arbeitete er in der Lithografiewerkstatt seines Vaters mit. Nach dem Umzug der Familie von Breslau nach Berlin und dem Tod des Vaters führte der junge Menzel die Werkstatt selbstständig weiter und entwickelte im Laufe der Jahre jene außergewöhnlich feine Druckgrafik, die thematisch seine späteren berühmten Ölgemälde vorwegnahm. Fünfunddreißigjährig avancierte er schließlich sehr zielstrebig zum gefragten Historienmaler. Darstellungen der Hohenzollern brachten ihm  die Anerkennung des preußischen Hofes, seine fantasievollen, hintersinnigen und humorvollen Lithografien, atmosphärischen Landschaftsgemälde, Städtebilder und Porträts die Zuneigung und Treue seiner Freunde, Malerkollegen, Förderer und Kunstsammler. Menzel entwickelte sich zu einem der bedeutendsten deutschen Realisten des 19. Jahrhunderts und zu einem universellen Maler, der weniger ideologisch dachte. Eher viele Seiten bediente, je nachdem, welchen Auftraggebern er gerecht werden wollte oder welche Anforderungen er an sich selbst stellte. Dabei agierte er stets mit dem Blick des Künstlers, des genauen Beobachters. Und zu beobachten gab es im 19. Jahrhundert zuhauf: von der Verherrlichung der preußischen Könige, der Darstellung der biedermeierlichen Idylle bis hin zur Industrialisierung und Modernisierung Berlins. „Sich aus allem eine künstlerische Aufgabe machen“ lautete denn auch sein Lebensmotto. Oftmals unter Zuhilfenahme eines Podests, Stuhls oder einer Leiter, denn aufgrund seiner geringen Körpergröße konnte er manchen Objekten seiner künstlerischen Begierde nur in dieser Weise auf Augenhöhe nahekommen. Dass er auch so zum Malerstar und Jahrhundertkünstler werden konnte, gehörte mit zu seinem persönlichen Lebensentwurf. Das war er nicht zuletzt seiner Größe schuldig. Am Ende wollte er sich gar sein eigenes Denkmal setzen mit Selbstdarstellungen der besonderen Art, indem er sich in den verschiedensten Posen und Aufmachungen fotografieren ließ. Überaus selbstbewusst betitelte er seine Autobiografie mit „Ich“. Für das Märkische Museum Anlass, die sehr persönlich gehaltene Ausstellung „Ich. Menzel“ anlässlich seines 200. Geburtstages einzurichten. Sie zeigt vor allem das Frühwerk Menzels und zeichnet in eindrucksvoller Weise den Werdegang des Künstlers vom exzellenten Lithografen zum Historienmaler nach. Gezeigt werden rund zweihundert Objekte, wobei die Menzel-Bestände des Märkischen Museums und des ehemaligen Berlin Museum erstmals vereint sind. Während der Besucher die berühmten Gemälde Menzels, beispielsweise das „Flötenkonzert Friedrichs des Großen“ oder das „Eisenwalzwerk“ vor seinem inneren Auge hat, kann er nun in der Ausstellung des Märkischen Museums dem „Phänomen Menzel“ näherkommen: wie das Ursprüngliche seiner künstlerischen Handschrift durch das lithografische Druckverfahren wiedergegeben wird. Die Ausstellung führt auch in sein letztes Atelier in der Sigismundstraße 3 im Tiergarten. Dort trafen gelegentliche Besucher und Gäste auf einen mürrisch gewordenen Alten, skurril-sperrigen Außenseiter, der allerdings in Berlin längst Kult war. Vor seiner Ateliertür warteten manchmal alte Männer und Frauen, die sich als Modelle anboten, berichtete ein Malerkollege. Das selten beheizte Atelier selbst war übersät mit Papieren, Totenmasken, Gipsabgüssen und kleineren Bildern. Auf historischen Fotos ist auch sein legendärer Barockstuhl zu sehen, der im Atelier an exponierter Stelle steht und der für Menzel offensichtlich eine besondere Bedeutung hatte: Symbol für ein Jahrhundert, oder als Fetisch, der zur Selbstinszenierung des Künstlergenies gehörte – und vielleicht den Nachgeborenen Rätsel aufgeben sollte. Erfreulicherweise ist der Stuhl im Original in der Ausstellung zu sehen.

Neben dem Atelier befand sich noch ein kleinerer Raum, den Menzel sein „Aller-Heiligstes“ nannte. Umsichtig verwahrte er dort seine Zeichnungen, Skizzenbücher, wichtige Schriftstücke und Briefe. Ein geordneter Nachlass war dem Berliner Malerstar des 19. Jahrhunderts genauso wichtig wie die künstlerische Anerkennung weit über seinen Tod hinaus. 

„Altmeister Adolph Menzel ragt noch heute wie ein Jüngling über alle Strömungen hinweg, die sich seit einem halben Jahrhundert in der Malerei geltend gemacht haben“, heißt es bereits zu Lebzeiten in der ersten Ausgabe von „Berliner Leben. Zeitschrift für Schönheit und Kunst“ aus dem Jahr 1898. Dass die Nachwelt ihn allerdings ausschließlich unter „Ausschluss des Anekdotischen“ sehen sollte, war ein frommer Wunsch von ihm.

Reinhard Wahren

 

Information

Ich. Menzel
Bis 28. März 2016
Märkisches Museum, 
Am Köllnischen Park 5, 10179 Berlin
Begleitprogramm unter: 
www.stadtmuseum.de

 

65 - Winter 2016
Kultur

Tänzerin der Ekstase

Sie steht für ungewöhnliche Expressivität und Radikalität im Ausdruckstanz, aber auch exemplarisch für das hedonistische Lebensgefühl in den Zwanzigerjahren, das sie am Ende zerstörte: Anita Berber.  

Wenn auch im heutigen Berlin mitunter die Zwanzigerjahre beschworen oder gar Parallelen bemüht werden, so bietet unsere Zeit wenig Vergleichbares. Denn das Berlin der sogenannten Goldenen Zwanziger erzeugte zwar einerseits ein Lebensgefühl, das dem Tempo der wachsenden Großstadt entsprang, andererseits aber war es zum Zentrum der Avantgarde auf allen Gebieten der Kunst avanciert. Eine unbändige Energie und Kreativität erfasste die Künstler in der Stadt und diejenigen, die es nach dem Ersten Weltkrieg in die alles verheißende neue Kunst- und Amüsiermetropole Berlin gezogen hatte. So, neben vielen Literaten, Malern und Schauspielern, auch junge Tänzerinnen wie Josephine Baker oder Anita Berber, die in den einschlägigen Theatern, Varietés und Tanzlokalen mit spektakulären Choreografien für Aufsehen sorgten. Während Josephine Baker, das erste schwarze Sexsymbol, noch heute in unserem kollektiven Bewusstsein präsent ist und als die „Mutter aller Tänzerinnen“ betitelt wird, muss der Name Anita Berber erst nachgeschlagen werden. Dabei war sie es, die als erste Tänzerin den Exhibitionismus des Tingeltangels aufbrach, und den Ausdruckstanz, wenn es ihn bis dahin überhaupt gegeben hat, in radikaler Weise geradezu revolutionierte. Für die damaligen Besucher des „Wintergartens“, „Wiener Apollo-Theaters“ oder „Metropol-Varietés“, wo sie ab 1920 auftrat, war sie allerdings in erster Linie die angesagte Nackttänzerin. Ihre Choreographien faszinierten und erregten die Zuschauer derart, dass sie schnell in aller Munde war und zu einer Art Symbolfigur wurde. Für eine Zeit, in der die Krisen der Weimarer Republik ein hedonistisches Lebensgefühl aufkommen ließen und der „Tanz auf dem Vulkan“ Zügellosigkeit und Vergnügungssucht gebar. Im Tanz der Berber schien dies den adäquaten künstlerischen Ausdruck gefunden zu haben: betörend-zügellos, lasziv-erotisch, bis hin zur hemmungslosen Ekstase. Das faszinierte auch Künstler wie Otto Dix, der Anita Berber 1925 porträtierte. Zu diesem Zeitpunkt war die einst schöne Frau mit knabenhaft-schlankem Körper allerdings bereits äußerlich durch Alkohol, Drogen und ein ungezügeltes Liebesleben gezeichnet und ihr Gesicht zur Maske erstarrt. Unter anderen hatte sie der Tänzer, Choreograph und Dichter Sebastian Droste, mit dem sie ab 1920 eine Zeit lang auftrat, auf einen unheilvollen Weg geführt. Drogen bestimmten ihr Leben und ihre Auftritte von da an mit. 

Das hielt indes kaum einen Veranstalter davon ab, sie zu engagieren. Denn die verrucht-berüchtigte Nackttänzerin war sicherer Garant für ausverkaufte Amüsierclubs, Kabaretts, Theater und Vergnügungsetablissements jeglicher Art, nicht nur in Berlin. Auch die Filmindustrie entdeckte früh das Potenzial der außergewöhnlichen Tänzerin und machte sie zum Stummfilmstar. Sie spielte und tanzte in zahlreichen Filmen, wie dem „Dreimäderlhaus“, „Die Prostitution“ oder „Das Tagebuch einer Verlorenen“, ebenso in Fritz Langs „Dr. Mabuse, der Spieler“. Auf Dauer hielt ihr ausschweifend-freizügiger, in jeder Hinsicht grenzüberschreitender und extravaganter Lebensstil mit ihrem künstlerischen Anspruch, ihren radikalen Choreographien, ihrem Spiel mit der Erotik nicht Schritt. An Tuberkulose erkrankt, brach sie auf einer Tournee zusammen und wurde zurück nach Berlin gebracht. Am 10. November 1928 starb sie im Bethanien-Krankenhaus. 

Mit ihrer Familie 1914 nach Berlin gekommen, war das Leben dieser hoch talentierten Tänzerin von kurzer Dauer. Dass sie als „Stil-Ikone eine ganze Ära inspirierte“ lässt sich heute leicht behaupten, marginal wiederentdeckt wurde sie freilich erst in den 1980er-Jahren. Zu lange hatte ein Zerrbild dieser unkonventionellen Künstlerin Bestand. Autor und Kenner Lothar Fischer gehört zu denen, die die Bedeutung Anita Berbers als Künstlerin erkannt haben, mit dem Anspruch, sie angemessen zu würdigen: „Mehr als 85 Jahre nach ihrem Tod erregt diese Frau immer noch viele Gemüter. Anita Berber war mehr als nur eine zeittypische Figur. Sie war eine Rebellin, die den Mut hatte, Tänze nach der Musik von Beethoven, Chopin, Liszt und Brahms mit einer seriösen Choreographie in der Unterwelt des Tanzes aufzuführen.“

Reinhard Wahren

 

Information

Lothar Fischer: „Anita Berber – Ein getanztes Leben“. 
Hendrik Bäßler Verlag, Berlin 2014.
ISBN 978-3-930388-85-1

 

 

 

 

 

65 - Winter 2016

Aktivitätszone, Ankerplatz, Lieblingsmöbel

Das Sofa lädt zum Lesen ein, zum Träumen, Lümmeln und Plaudern in fröhlicher Runde und ermöglicht sogar ein Herumtoben. Erwachsene verbringen durchschnittlich vier Stunden pro Tag darauf, Kinder benutzen es vorzugsweise als Trampolin. Das Sofa ist ein Sowohlalsauch-Ding und verfügt über Charme und Weisheit; manche Exemplare überzeugen wahlweise durch Sachlichkeit, Grandezza oder auch Ironie wie das Edelstahlsofa (Foto) des englischen Stahl-Künstlers Ron Arad.

Auch wenn es längst schon eine enorme Produktvielfalt gibt und Sofas wahlweise auch Couch genannt werden und sich aus Bänken und Sesseln oder parallel dazu entwickelt haben, um mindestens zwei, besser drei und bald vier bis sieben Menschen auf einmal einen angenehmen Aufenthalt zu ermöglichen, wird die Frage jährlich neu gestellt: Wie will und vor allem wie kann der Mensch auf einem Sofa sitzen oder liegen? Wie kann er liegesitzen und die Beine über die Armlehne baumeln lassen oder weit von sich strecken? Wie Haltung zeigen, aufrecht oder hingehaucht? Das Dasein auf dem Sofa scheint eine philosophische Frage. Auf jeden Fall ist es eine soziokulturelle, die den Benutzerwandel nachzeichnet: Vom Müßiggang des Adels zur gepflegten Unterhaltung des Bürgertums über das Familiensofa des 20. bis zu den Relaxlandschaften des 21. Jahrhunderts. Der Begriff Sofa stammt vom arabischen Suffa, was Ruhebank bedeutet. Er hat im Sprachalltag das französische Canapé hinter sich gelassen und duldet die Couch als Synonym. Der englische Begriff, unschwer zu erkennen, hat wiederum französische Wurzeln. Die Sprache folgt der Gemütlichkeit über die Grenzen.

Der Designer Hans Hopfer hatte schon 1970 alle Konventionen des anständigen Sitzens bzw. die Fokussierung auf westliches Sitzverhalten über Bord geworfen und mit seinem Sofa „Mah Jong“ einer postachtundsechziger Lässigkeit die Spielwiese kreiert. Das von der Pariser Firma Roche Bobois bis heute als Bestseller verkaufte, mannigfach wandelbare bodennahe Loungemöbel ist ein west-östlicher Diwan, der aus der Kombination dreier Grundelemente variiert werden kann. Genügend Raum ist allerdings nicht allein nur eine Voraussetzung, um die ausladenden Dimensionen gut positionieren zu können, sondern auch den meist überaus farbenfrohen Mustermix in Schwingung zu versetzen. Und wer obendrein beim Update von Budget und Preis Schwindelgefühle erlebt, kann sich als Selfmade-Avantgardist versuchen. Vermutlich ist selten ein Sofa häufiger kopiert worden. Wahlverwandt ist das ebenfalls aus den Siebzigern herrührende Sofa „Togo“ von Michel Ducaroy, das sich als Statement am           liebsten in Knallrot im Zimmer präsentiert. Ein regelrecht disziplinierender Gegenpol zu diesen bodennahen und raumgreifenden Laissez-faire-Positionen sind neben puristischen Möbeln in pudrigen Farbtönen mit betont niedrigem Rückenteil, schmalen linearen Sitzflächen und exakten geradlinigen Füßen auch Alkovensofas. Allein durch ihre hohen Rückenlehnen und aufrechten Armseiten definieren sie das Raumgefühl. Im wahrsten Sinne des Wortes wird hier nicht gestanden, sondern gesessen, mit dem Rücken zur Wand und dem Gesprächspartner die volle Aufmerksamkeit schenkend, denn eine rückwärtige Geräuschkulisse ist nicht mehr von Interesse. Die Designerin Inga Sempé hat für Ligne Rosé mit „Beau Fixe“ ein elegantes Sofa entwickelt, das wie aus zwei Ohrensesseln zusammengefügt erscheint. Von ihr stammt auch der schöne hybride Entwurf „Ruché“. Ein hölzernes Untergestell, einer schlichten Sitzbank abgeguckt, und ein gesteppter Überwurf verschmelzen zu einem charmanten Möbel, in dem es sich eher sitzt als liegt. Neben der kantigen oder fließenden Eleganz  zeigen sich aber auch zunehmend organische, rundliche, objekthafte Formen. Die Designbrüder Ronan & Erwan Bouroullec haben mit „Ploum“ eine ovale Kuschelzone designt, die haptisch und ergonomisch hält, was die Lautbildung des Namens verspricht. Es ist eine Melange aus Pop-Design und Chesterfield.

Wie sieht politisch korrektes Sitzen oder eben symbolisch im Sinne eines Statements aus? Klaus Wowereit hat die Talkrunde „Bei Klaus zuhaus“ ins Leben gerufen und sitzt auf einem englischen Clubsofa, einem Zweisitzer, halb lässig, halb aufrecht, irgendwie zwischen akkurat und entspannt und lädt Gäste zum Gespräch in einen renommierten Berliner Club. Eine andere Position vermittelte das Doppelporträt Gysi-Wowereit, das der Fotograf Stefan Maria Rother 2001 schoss. Nichts ist hier Zufall. Er hat die beiden Politiker bildmächtig auf ein opulentes rotes Sofa platziert. Im Hintergrund wächst gerade das neue Berlin. 

„Bitte auf die Couch!“, so lud Sigmund Freud seine Patienten in der Wiener Bergstraße zur Selbstfindung. Das Unterbewusstsein breitet sich offenbar auf einer Couch, niemand sprach in diesem Zusammenhang vom Sofa, entspannter aus, es dringt an die Oberfläche und vermag alles Bedrängende leichter wegzuschieben, so als wäre es nichts weiter als eine zu tief hängende Wolke. Aber was hat das wiederum mit „Couch-Potatoes“ zu tun? Das Wort nebst Illustrationen ließ sich Anfang der Siebziger der Amerikaner Robert D. Armstrong patentieren. Es ist ein ironischer Kommentar, der mit einer Verweigerungshaltung assoziiert wird. Schlabberlook und Schlabberhaltung kommen in den Sinn, schlapp vorm Fernseher baumeln und Herumzappen bis die Kartoffelchips weggeputzt sind. So weit das Klischee moderner Trägheit, die den Katholiken als Acedia, die siebente, das Selbst zerstörende, Todsünde gilt. Aber kann es denn Sünde sein, sich mal eine Auszeit und etwas Ruhe zu gönnen? Das eine ist eben nicht das andere! Und überhaupt ist das moderne Sofa keine Ruheinsel per se, sondern eher eine Aktivitätszone: Hier trifft sich die Familie zum Zusammensein, was heute einschließt, dass jeder macht, was ihm beliebt. Die Nähe zählt. Wie schön ist es etwa, mit dem Komponisten Eric Satie einer unendlich langsam verlaufenden Zeit zu lauschen.

Die Bauhaus-Generation hatte das ultraweiche Einsinksofa ebenso überwunden wie die Zierlichkeiten in Samt und Seide.  Eher gab es eine Art Day-Bett, hart genug, um flugs wieder in die Senkrechte zu kommen. Le Corbusier entwickelte seine stahlrohrgebogenen Quadratformen LC 2 und LC 5 fürs bequeme und klar dimensionierte Sitzen. Überbreite Fläzsofas, standardisierte Sofaecken in beigebraun und auch die familienfreundlichen hellen skandinavischen Sitzbereiche mit Weichholzgestellen waren die Vorläufer der entfesselten Bequemlichkeitskultur, für die namhafte Designer und Firmen in jedem Jahr neue technologische Innovationen bereithalten. Es geht nicht nur um Höhe, Breite, Tiefe, um organisch, rundlich oder eckig, um Bein oder Kufe, nicht allein um die ergonomischen Grundprämissen und daraus folgende Basislooks. Es geht um Inhaltstoffe wie Daunen, Rosshaar, Kaltschaumverbindungen, um Verarbeitungsqualitäten bei Sandwich-Verleimung weicherer und mittelweicher Schaumstoffe oder Kassetten, um handwerkliches Know-how für Gurtunterfederung, handgesteppte Falten und Koffernähte und schließlich im Avantgardebereich um komplexe Formungstechnologien und Adaptionen. Auch um distinktionsfähige Zentimeter, die hinzugefügt oder weggespart werden. Ein Standardmodell kann heute in 300 Varianten geliefert und so zum „Unikat“ werden. Überhaupt sind „modular“ und „multifunktional“ die Trendwörter von De-   signern und Inneneinrichtern und natürlich auch der Sofahersteller, die den mannigfaltigen individuellen und interkulturellen Bedürfnissen gerecht werden wollen. Chesterfield-Sofas mit ihren geknüpften Rauten erlauben Zigarre und Gespräch. Die Franzosen sitzen lieber auf weichem Grund, und die deutschen Hersteller geben Halt, derweil Italiener von Minotti bis B&B Italia Klassik stilisieren und maßgenau schneidern, als ginge es um edle Anzüge. Die Dänen haben ein Sofa in Rosé, das es ob seiner Länge von 51,4 Metern mit 104 Sitzplätzen ins Guinness-Buch der Rekorde geschafft hat. Es hat nicht jeder einen Benz zu Hause. Aber die Firma Rolf Benz, die deutsche Luxusmarke der Sofaproduzenten, feiert ihren 50. Geburtstag mit dem Jubiläumssofa RB 50; „das Einzel-, Anreih- oder Ecksofa“, wie es in der Fachsprache heißt, wurde 2015 für den German Design Award nominiert. Sitzen oder liegen? Die Frage wurde seinerzeit mit der Erfindung der Chaiselongue beantwortet. Zweifelsohne sieht ein solches Möbel im Raum charmant aus. Aber der Benutzer fühlt sich wie abgelegte Garderobe oder wie ein ewig rutschender Rock. Es muss auch anderen so gegangen sein, denn die Chaiselongue, auch als Ottomane bekannt, wurde zu Schlafsofas und Multifunktionsteilen mit allerhand Hebeln und Knöpfen transformiert. Sie verfügt inzwischen über smarte Funktionen, mit denen es  sich mühelos nach hinten klappen und die Beine in die Höhe schnellen lässt wie Peterchen auf seiner Mondfahrt. Wer so viel Technik mag, dem fehlen womöglich nur noch Schleudersitz und Airbag. Manchmal genügt ja auch ein Kissen im Rücken. 

Anita Wünschmann

 

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Stars im Wettbewerb

Bei der 66. Berlinale werden vom 11. bis 21. Februar mehr als 400 Filme gezeigt. Berühmte Namen versprechen die Wettbewerbsfilme. Wann gibt es im Kino schon Beifall, gar Szenenapplaus und eine popcornfreie Zone? Die Stimmung bei der Berlinale ist immer eine ganz besondere. Fast jeder Film ist eine Premiere, zu sehen auf riesigen  Leinwänden im Berlinale Palast, in der Urania, im Friedrichstadtpalast; die Schauspieler sind mit ihren eigenen Stimmen zu hören. George Clooney spricht wirklich und nicht seine Synchronstimme. Und wo kommt man so schnell mit wildfremden Leuten ins Gespräch? Das sind scheinbare Nebensächlichkeiten, aber sie machen dieses Festival für jeden Besucher auf gewisse Weise sinnlich. Also auf – zu den 66. Internationalen Filmfestspielen. Den Vorsitz des Gremiums, das über Bärengewinner entscheidet, hat Meryl Streep. Sie als Jury-Vorsitzende gewonnen zu haben, darauf sind die Veranstalter  stolz. Für welche Gewinner werden sich die Filmexperten entscheiden? Für den Eröffnungsfilm der Brüder Coen „Hail, Caesar!“ schon mal nicht. Diese Geschichte über das goldene Zeitalter Hollywoods läuft außer Konkurrenz, bringt aber vermutlich ein gewaltiges Staraufkommen auf den roten Teppich. Es spielen unter anderem George Clooney, Ralph Fiennes, Scarlett Johansson und Tilda Swinton. Der Film kommt übrigens noch während der Berlinale ins reguläre Kino (18.2.).

Einer, der es gleich mit seinem Debütfilm in den Wettbewerb geschafft hat, ist Michael Grandage mit „Genius“. Colin Firth spielt an der Seite von Jude Law und Nicole Kidman. Der Film erzählt von dem genialen Herausgeber Max Perkins, der Hemingway und F. Scott Fitzgerald den Weg in die Berühmtheit ebnete. Nun will er dieses auch für den Schriftsteller Thomas Wolfe tun, doch das gestaltet sich schwierig.

Ein internationales Team hat sich an Falladas „Jeder stirbt für sich allein“ versucht, unter anderem mit Daniel Brühl und Emma Thompson. Ebenfalls Bezug zu einer literarischen Vorlage weist Danis Tanovics „Death in Sarajevo“ auf. Grundlage ist der Text des französischen Philosophen Henry Levy anlässlich des 100. Jahrestages des Attentats von Sarajevo. Dies verspricht ein ebenso interessantes wie auch andersartiges Experiment zu werden. Der Film „Aus dem Leben eines Schrottsammlers“, für den der Regisseur 2013 einen Silbernen Bären bekam, zeichnete das Leben einer bosnischen Familie, die vom Schrottsammeln lebt, dokumentarisch auf. Der Protagonist Nazif Mujic bekam einen Bären als bester Hauptdarsteller, beantragte mit seiner Familie Asyl in Deutschland, wurde aber abgelehnt und abgeschoben.

Sicher ist der Wettbewerb das Kernstück des Festivals, aber eine wunderbare Besonderheit der Berlinale ist auch, dass sie Überblicksreihen bietet. Zum Beispiel von Michael Ballhaus: 2016 erhält er den Goldenen Ehrenbären für sein Lebenswerk und als Hommage gibt es zehn Filme von ihm am Stück.

Das Jahr 1966 stellt für die DDR und die Bundesrepublik einen filmischen Wendepunkt dar. Im Westen traten die Autorenfilmer auf den Plan, die entgegen dem „Heile-Welt-Kino“ Widersprüche in der Gesellschaft thematisierten. Im Osten wollten dies einige Regisseure auch tun. Das wusste die Zensur zu verhindern,  die die Hälfte einer Filmjahresproduktion in den Giftschrank verbannte. Eine Retrospektive bringt die Filme dieses spannenden Kinojahres nach einem halben Jahrhundert nun auf die Leinwand. Und schließlich wären da noch die vielen Filme aus den diversen Sektionen wie dem Panorama, Forum oder den Berlinale Shorts, die es  wirklich nur auf der Berlinale zu sehen gibt.                       

Martina Krüger

 

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Magazin

Das Glück in der Garage

Edel, verspielt, teuer und sinnlich: echte Oldtimer wie dieser Borgward mit Vase am Armaturenbrett. [Fotos: Berlin vis-à-vis]

Ein Grund, sich auf den Sommer zu freuen, ist auch die steigende Wahrscheinlichkeit, im Stadtbild oder auf den Landstraßen rund um Berlin wieder den einen oder anderen Oldtimer bestaunen zu können. Und dabei für einen Augenblick eine kleine Zeitreise zu machen, wenn diese selten gewordenen Pferdestärken, meist gut erhalten und blitzeblank, von ihren Besitzern ausgeführt werden.

Wir sind etwas ganz besonderes

Der isländische Handballtrainer Erlingur Richardsson kommt von den Westmännerinseln. Ihnen fühlt er sich auf spezielle Weise verbunden, ein Vulkanausabruch zwang die Bewohner 1973 zur Flucht. Sein Vertrag bei den Füchsen läuft noch bis mindestens 2018.

Scheinbar regungslos verfolgt Erlingur Richardsson die Aktionen seiner Tochter Sandra. Er zieht höchstens einmal mit einem flüchtigen Lächeln beifällig die Augenbrauen hoch oder verzieht bei einem misslungenen Pass leicht den Mundwinkel. „Ich bin nicht der Trainer, der immer rumschreit“, begründet der 43-Jährige seine Zurückhaltung. Da sind seine Söhne Elmar und Andri völlig anders. Die acht- und elfjährigen Jungen jubeln und springen auf, wenn ihrer 17 Jahre alten Schwester ein Tor gelingt und die Füchse Berlin in der Handball-Bundesliga der Frauen die Oberhand behalten. Wenn nicht, schnappen sich die beiden nach der Partie trotzdem sofort einen Ball und feuern ihn mit dem Fuß abwechselnd aufs Tor, während Mutter Vigdis die Verliererin tröstet.

Umgekehrt sind die Aktionen weniger öffentlich und nur die beiden fußballernden Jungen auf dem Parkett zu sehen, wenn die von Erlingur Richardsson trainierten Profis der Füchse-Männer eine Partie beendet haben. Doch in der gewaltigen Kulisse von oft 9 000 Zuschauern auf den Rängen der Max-Schmeling-Halle fallen Sandra Erlingsdottir und ihre Mutter nicht so sehr auf wie unter der eher kargen Besucherschaft in der Frauen-Bundesliga.

Die Familie ist unzertrennlich und unternimmt, wenn es irgendwie möglich ist, das meiste gemeinsam. Das ist in ganz Island so und noch spezieller auf den dem nördlichen Land vorgelagerten Westmännerinseln. Von deren Bewohnern sagen die Leute auf dem Haupteiland, dass sie gar keine richtigen Isländer wären. Aber jene 4 200 Leute ficht das überhaupt nicht an. „Wir sind etwas ganz Besonderes“, sagt Erlingur Richardsson schelmisch. „Meine Heimat ist nicht Island, meine Heimat ist Vestmannaeyjar. Und darauf bin ich wirklich stolz.“ Diese besondere Liebe zu ihrem kleinen Fleckchen Land hat eine Bewandtnis, mit der Erlingur Richardsson in ganz spezieller Weise verbunden ist. Als in einer kalten Nacht am 23. Januar 1973 auf der Hauptinsel Heimaey – hier wohnen so gut wie alle Einwohner Vestmannaeyjars – der Vulkan Eidvell ausbrach, schien das Ende des kleinen Eilandes besiegelt. „Ich war damals erst vier, fünf Monate alt und kenne das nur aus den Erzählungen. Es muss aber schlimm gewesen sein, wie die feurige Lavamasse sich wochenlang in extrem langsamer Geschwindigkeit über die Insel rollte und ein Haus nach dem anderen unter sich begrub, zerquetschte und verbrannte“, schildert der 43-Jährige aus den Berichten der Bewohner.

Erlingurs Vater, der wie seine Vorfahren Fischer war, rettete seine Familie auf das eigene Boot, die Mutter half vielen anderen an Bord. Der kleine Erlingur und ein gleichaltriger Cousin wurden in einer Tragetasche in die Kajüte gestellt. Immer mehr Leute kamen an Deck, schwitzten im Gedränge und warfen ihre Sachen nach und nach in die Kajüte. „Als meine Mutter nach mir sah, war ich weg. Unter dem ganzen Zeug fand sie mich gerade noch rechtzeitig, völlig verschwitzt und durchnässt, aber ich atmete noch“, schildert der Isländer heute die Rettung vor den Lavamassen.

Ein Ereignis, das die Menschen von Vestmannaeyjar zusammengeschweißt hat. „Bei uns gibt es zwei Zeitrechnungen. Eine endet mit dem Vulkanausbruch, die andere beginnt danach.“ Dazwischen liegen ganze fünf Monate, denn so lange drohte die permanent nachfließende Lava den Hafen zu verschließen und die Inseln damit unbewohnbar zu machen. Erst ständige Kühlung durch eisiges Meerwasser aus gigantischen Schläuchen brachte die Feuerwalze kurz vor der Pier zum Stehen. 417 Häuser waren vernichtet und das Eiland 20 Prozent größer geworden. „Diese unglaublich ruhig verlaufene und lange währende Rettungsaktion, bei der nur ein Feuerwehrmann ums Leben kam, hat die Bewohner zusammengeschweißt und macht auch heute noch alle stolz, die auf Vestmannaeyjar geboren sind“, sagt Erlingur. Nach einem Jahr in einer Rot-Kreuz-Wohnung in Kopavogur, einer Satellitenstadt der Metropole Reykjavik, kehrte die Familie wie alle anderen Einwohner zurück auf die im Süden vorgelagerte Insel. Der Neuaufbau verlief anders als bei anderen Naturkatastrophen, weil die Lava im westlichen Teil der Heimat eine schwarze, unzerstörbare Bahn, härter als eine Betonsträhne, gezogen hatte, die heute noch als mahnendes Monument teilweise nur Zentimeter neben verschonten Häusern und Gärten zu sehen ist. Jeder Isländer will irgendwann einmal aufs Festland nach Europa, aber jeder Isländer kommt auch wieder in die Heimat zurück, ganz speziell gilt das für die Bewohner der Westmännerinseln. Und für Erlingur Richardsson und seine Familie ist jetzt Europa dran. Was nicht heißt, dass alle Gewohnheiten der Heimat vorübergehend ad acta gelegt werden. „Als Kinder haben wir jeden Tag Fisch gegessen, hier essen wir mindestens zweimal in der Woche Fisch. Leider ist der frische sehr teuer.“ Deswegen greift man schon mal auf Konserven aus der Heimat zurück. Und auf den sonntags üblichen Lammbraten ist seine Familie auch nicht mehr abonniert. „Das war bei uns Kult“, erinnert er sich. „Und dazu gab es, nur am Sonntag, für meine zwei Schwestern, meine drei Brüder und mich einen Liter Cola. Ich bin der Zweitjüngste und musste mich da ordentlich ranhalten, genug abzubekommen.“

Mit einigen Gewohnheiten der Mitteleuropäer kommt vor allem seine Frau Vigdis mittlerweile gut zurecht. Da es bei gebürtigen Isländern keine Nachnamen gibt und man sich nur mit dem Vornamen anredet, kann seine Vigdis Sigurdbogadottir – dem Vornamen wird der Name des Vaters, in dem Fall Sigurdboga, plus „son“ (für Sohn) oder „dottir“ (für Tochter) angehängt – auch nicht so heißen wie ihr Mann. Trotzdem reagiert die 44-Jährige mittlerweile, wenn sie als Frau Richardsson angesprochen wird. „Man richtet sich ein, obwohl es in Island leichter ist. Wenn ich mich irgendwo vorstelle, dann sage ich: Ich heiße Erlingur und komme von Vestmannaeyjar. 

Dann weiß jeder Bescheid.“ Irgendwann wird sich die Familie auch wieder so vorstellen, doch derweil lebt sie in Berlin den Traum eines jeden isländischen Sportlers. „Weil man bei uns vom Sport nicht sein Leben finanzieren kann, träumt jeder davon, das einmal in Europa zu verwirklichen. Und ich kann das jetzt machen“, sagt der Handballtrainer glücklich. Sowohl als Spieler als auch während seiner Trainerarbeit bei den   besten Vereinen Islands musste Erlingur Richardsson einer zweiten Arbeit nachgehen, um die Familie zu ernähren. Zuerst versuchte er sich als Fischer auf dem Boot des Schwiegervaters, hatte aber von Beginn an mit Seekrankheit zu kämpfen. „Meine Frau ist eindeutig die bessere Fischerin.“ So wurde abends trainiert, tagsüber hielt der studierte Sportwissenschaftler Vorlesungen an der Universität. Das war nichts Außergewöhnliches, weil die Aktiven aller anderen Sportarten das auch taten. Erst mit seinem Wechsel vom damaligen isländischen Handball-Meister HK Kopavogur zum österreichischen Spitzenverein Westwien konnte er sich als Profitrainer bezeichnen.

In dieser Zeit haben seine Kinder auch so gut Deutsch gelernt, dass Erlingur meint, man könne sie für Einheimische halten. Das ist in Berlin allerdings schwer vorstellbar. Als in der Schule der Jungs eine Lehrerin aus Bayern auftauchte und die anderen Kinder vor schwere Prüfungen bei der Verständigung stellte, freuten sich Elmar und Andri: „Endlich mal eine Frau, die richtig Deutsch kann.“ Der österreichische Akzent der drei Kinder ist unüberhörbar und spielt nur bei Sandra keine Rolle. Die 17-Jährige macht ihren gymnasialen Abschluss per Internet an einer isländischen Schule.

Für Erlingur und seine Familie war es die größte Verblüffung, dass der Sportunterricht an den Schulen in Österreich und Deutschland nur eine untergeordnete Rolle spielt. „Das ist bei uns mit das wichtigste Schulfach. Die Lehrer müssen eine Hochschulausbildung als Sportlehrer haben“, sagt Erlingur. Mit fünf Fußballfeldern – eines davon überdacht und mit Kunstrasen – drei Handballhallen, einem Golfplatz und einer Schwimmhalle, in die alle Kinder bis 12 Jahre ständig freien Eintritt haben, setzt Vestmannaeyjar Maßstäbe. „Wir sind nur 4 200 Einwohner, spielen aber bei den Männern und Frauen sowohl im Handball als auch im Fußball in der ersten Liga.“

Weil der deutsche Sportunterricht den Kindern längst nicht ausreicht, toben sich Elmar und Andri mit Vorliebe an den Basketballkörben oder Tischtennisplatten auf den Freiplätzen nahe der elterlichen Wohnung im Berliner Stadtbezirk Prenzlauer Berg aus, spielen dazu Handball bei den Jung-Füchsen und Fußball bei Empor Berlin. Und Sandra ist als jüngste Spielerin mit Training und Punktspielen des Handball-Bundesligisten Füchse Berlin ausgelastet. 

Der Vertrag von Erlingur läuft noch bis mindestens 2018. „Es ist spannend, in der Bundesliga zu arbeiten“, sagt er. „Die Hallen sind riesig, es kommen unheimlich viele Zuschauer, das Niveau ist insgesamt das beste in der ganzen Welt“, schwört er auf die hiesige Handball-Meisterschaft. Dass die Isländer als Lehrer hier besonders begehrt sind, führt er aber nicht auf den speziellen Stil der Insulaner zurück. „Das würde ich anders sehen. In der Ausbildung sind andere Länder, beispielsweise Kroatien, bestimmt besser“, überlegt er. „Aber wir Isländer sind es gewohnt, in kleinen Vereinen mit wenig Geld und meistens winzigem Kader zu arbeiten. Da musst du immer wieder Lösungen finden und dafür viel improvisieren. Ich glaube, das ist es, was uns bei der Arbeit auf dem Festland zugute kommt.“

Bei den Bewohnern der Westmännerinseln kommen  dazu noch deren Zusammengehörigkeitsgefühl und der sprichwörtliche Kampfgeist. „Zu uns ist keine Mannschaft gern gekommen. Die haben immer gesagt, wir spielen wie die Gladiatoren, weil wir nie aufgegeben haben“, schildert der ehemalige Kreisläufer, der als Jugendlicher auch ein ausgezeichneter Fußballer war, die Spielweise auf seinem Heimat-Eiland. Derzeit steht der Verein auf Platz 3 in Island, und der einstige Spieler und Trainer des Ex-Pokalsiegers und ehemaligen Meisters wird das noch einige Zeit aus der Ferne verfolgen müssen. „Es sei denn, ich muss dann auch mal an die Karriere meiner Frau denken“. Vigdis ist hoch qualifiziert, derzeit mangelt es ihr nur an den Sprachkenntnissen. Dafür geht sie mehrmals die Woche auf eine Sprachschule, während ihr Mann sein Deutsch durch die vielen Fachsimpeleien mit seinem Sportlichen Leiter Volker Zerbe vervollkommnet.

Hans-Christian Moritz

 

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Sport