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Aktivitätszone, Ankerplatz, Lieblingsmöbel

Das Sofa lädt zum Lesen ein, zum Träumen, Lümmeln und Plaudern in fröhlicher Runde und ermöglicht sogar ein Herumtoben. Erwachsene verbringen durchschnittlich vier Stunden pro Tag darauf, Kinder benutzen es vorzugsweise als Trampolin. Das Sofa ist ein Sowohlalsauch-Ding und verfügt über Charme und Weisheit; manche Exemplare überzeugen wahlweise durch Sachlichkeit, Grandezza oder auch Ironie wie das Edelstahlsofa (Foto) des englischen Stahl-Künstlers Ron Arad.

Auch wenn es längst schon eine enorme Produktvielfalt gibt und Sofas wahlweise auch Couch genannt werden und sich aus Bänken und Sesseln oder parallel dazu entwickelt haben, um mindestens zwei, besser drei und bald vier bis sieben Menschen auf einmal einen angenehmen Aufenthalt zu ermöglichen, wird die Frage jährlich neu gestellt: Wie will und vor allem wie kann der Mensch auf einem Sofa sitzen oder liegen? Wie kann er liegesitzen und die Beine über die Armlehne baumeln lassen oder weit von sich strecken? Wie Haltung zeigen, aufrecht oder hingehaucht? Das Dasein auf dem Sofa scheint eine philosophische Frage. Auf jeden Fall ist es eine soziokulturelle, die den Benutzerwandel nachzeichnet: Vom Müßiggang des Adels zur gepflegten Unterhaltung des Bürgertums über das Familiensofa des 20. bis zu den Relaxlandschaften des 21. Jahrhunderts. Der Begriff Sofa stammt vom arabischen Suffa, was Ruhebank bedeutet. Er hat im Sprachalltag das französische Canapé hinter sich gelassen und duldet die Couch als Synonym. Der englische Begriff, unschwer zu erkennen, hat wiederum französische Wurzeln. Die Sprache folgt der Gemütlichkeit über die Grenzen.

Der Designer Hans Hopfer hatte schon 1970 alle Konventionen des anständigen Sitzens bzw. die Fokussierung auf westliches Sitzverhalten über Bord geworfen und mit seinem Sofa „Mah Jong“ einer postachtundsechziger Lässigkeit die Spielwiese kreiert. Das von der Pariser Firma Roche Bobois bis heute als Bestseller verkaufte, mannigfach wandelbare bodennahe Loungemöbel ist ein west-östlicher Diwan, der aus der Kombination dreier Grundelemente variiert werden kann. Genügend Raum ist allerdings nicht allein nur eine Voraussetzung, um die ausladenden Dimensionen gut positionieren zu können, sondern auch den meist überaus farbenfrohen Mustermix in Schwingung zu versetzen. Und wer obendrein beim Update von Budget und Preis Schwindelgefühle erlebt, kann sich als Selfmade-Avantgardist versuchen. Vermutlich ist selten ein Sofa häufiger kopiert worden. Wahlverwandt ist das ebenfalls aus den Siebzigern herrührende Sofa „Togo“ von Michel Ducaroy, das sich als Statement am           liebsten in Knallrot im Zimmer präsentiert. Ein regelrecht disziplinierender Gegenpol zu diesen bodennahen und raumgreifenden Laissez-faire-Positionen sind neben puristischen Möbeln in pudrigen Farbtönen mit betont niedrigem Rückenteil, schmalen linearen Sitzflächen und exakten geradlinigen Füßen auch Alkovensofas. Allein durch ihre hohen Rückenlehnen und aufrechten Armseiten definieren sie das Raumgefühl. Im wahrsten Sinne des Wortes wird hier nicht gestanden, sondern gesessen, mit dem Rücken zur Wand und dem Gesprächspartner die volle Aufmerksamkeit schenkend, denn eine rückwärtige Geräuschkulisse ist nicht mehr von Interesse. Die Designerin Inga Sempé hat für Ligne Rosé mit „Beau Fixe“ ein elegantes Sofa entwickelt, das wie aus zwei Ohrensesseln zusammengefügt erscheint. Von ihr stammt auch der schöne hybride Entwurf „Ruché“. Ein hölzernes Untergestell, einer schlichten Sitzbank abgeguckt, und ein gesteppter Überwurf verschmelzen zu einem charmanten Möbel, in dem es sich eher sitzt als liegt. Neben der kantigen oder fließenden Eleganz  zeigen sich aber auch zunehmend organische, rundliche, objekthafte Formen. Die Designbrüder Ronan & Erwan Bouroullec haben mit „Ploum“ eine ovale Kuschelzone designt, die haptisch und ergonomisch hält, was die Lautbildung des Namens verspricht. Es ist eine Melange aus Pop-Design und Chesterfield.

Wie sieht politisch korrektes Sitzen oder eben symbolisch im Sinne eines Statements aus? Klaus Wowereit hat die Talkrunde „Bei Klaus zuhaus“ ins Leben gerufen und sitzt auf einem englischen Clubsofa, einem Zweisitzer, halb lässig, halb aufrecht, irgendwie zwischen akkurat und entspannt und lädt Gäste zum Gespräch in einen renommierten Berliner Club. Eine andere Position vermittelte das Doppelporträt Gysi-Wowereit, das der Fotograf Stefan Maria Rother 2001 schoss. Nichts ist hier Zufall. Er hat die beiden Politiker bildmächtig auf ein opulentes rotes Sofa platziert. Im Hintergrund wächst gerade das neue Berlin. 

„Bitte auf die Couch!“, so lud Sigmund Freud seine Patienten in der Wiener Bergstraße zur Selbstfindung. Das Unterbewusstsein breitet sich offenbar auf einer Couch, niemand sprach in diesem Zusammenhang vom Sofa, entspannter aus, es dringt an die Oberfläche und vermag alles Bedrängende leichter wegzuschieben, so als wäre es nichts weiter als eine zu tief hängende Wolke. Aber was hat das wiederum mit „Couch-Potatoes“ zu tun? Das Wort nebst Illustrationen ließ sich Anfang der Siebziger der Amerikaner Robert D. Armstrong patentieren. Es ist ein ironischer Kommentar, der mit einer Verweigerungshaltung assoziiert wird. Schlabberlook und Schlabberhaltung kommen in den Sinn, schlapp vorm Fernseher baumeln und Herumzappen bis die Kartoffelchips weggeputzt sind. So weit das Klischee moderner Trägheit, die den Katholiken als Acedia, die siebente, das Selbst zerstörende, Todsünde gilt. Aber kann es denn Sünde sein, sich mal eine Auszeit und etwas Ruhe zu gönnen? Das eine ist eben nicht das andere! Und überhaupt ist das moderne Sofa keine Ruheinsel per se, sondern eher eine Aktivitätszone: Hier trifft sich die Familie zum Zusammensein, was heute einschließt, dass jeder macht, was ihm beliebt. Die Nähe zählt. Wie schön ist es etwa, mit dem Komponisten Eric Satie einer unendlich langsam verlaufenden Zeit zu lauschen.

Die Bauhaus-Generation hatte das ultraweiche Einsinksofa ebenso überwunden wie die Zierlichkeiten in Samt und Seide.  Eher gab es eine Art Day-Bett, hart genug, um flugs wieder in die Senkrechte zu kommen. Le Corbusier entwickelte seine stahlrohrgebogenen Quadratformen LC 2 und LC 5 fürs bequeme und klar dimensionierte Sitzen. Überbreite Fläzsofas, standardisierte Sofaecken in beigebraun und auch die familienfreundlichen hellen skandinavischen Sitzbereiche mit Weichholzgestellen waren die Vorläufer der entfesselten Bequemlichkeitskultur, für die namhafte Designer und Firmen in jedem Jahr neue technologische Innovationen bereithalten. Es geht nicht nur um Höhe, Breite, Tiefe, um organisch, rundlich oder eckig, um Bein oder Kufe, nicht allein um die ergonomischen Grundprämissen und daraus folgende Basislooks. Es geht um Inhaltstoffe wie Daunen, Rosshaar, Kaltschaumverbindungen, um Verarbeitungsqualitäten bei Sandwich-Verleimung weicherer und mittelweicher Schaumstoffe oder Kassetten, um handwerkliches Know-how für Gurtunterfederung, handgesteppte Falten und Koffernähte und schließlich im Avantgardebereich um komplexe Formungstechnologien und Adaptionen. Auch um distinktionsfähige Zentimeter, die hinzugefügt oder weggespart werden. Ein Standardmodell kann heute in 300 Varianten geliefert und so zum „Unikat“ werden. Überhaupt sind „modular“ und „multifunktional“ die Trendwörter von De-   signern und Inneneinrichtern und natürlich auch der Sofahersteller, die den mannigfaltigen individuellen und interkulturellen Bedürfnissen gerecht werden wollen. Chesterfield-Sofas mit ihren geknüpften Rauten erlauben Zigarre und Gespräch. Die Franzosen sitzen lieber auf weichem Grund, und die deutschen Hersteller geben Halt, derweil Italiener von Minotti bis B&B Italia Klassik stilisieren und maßgenau schneidern, als ginge es um edle Anzüge. Die Dänen haben ein Sofa in Rosé, das es ob seiner Länge von 51,4 Metern mit 104 Sitzplätzen ins Guinness-Buch der Rekorde geschafft hat. Es hat nicht jeder einen Benz zu Hause. Aber die Firma Rolf Benz, die deutsche Luxusmarke der Sofaproduzenten, feiert ihren 50. Geburtstag mit dem Jubiläumssofa RB 50; „das Einzel-, Anreih- oder Ecksofa“, wie es in der Fachsprache heißt, wurde 2015 für den German Design Award nominiert. Sitzen oder liegen? Die Frage wurde seinerzeit mit der Erfindung der Chaiselongue beantwortet. Zweifelsohne sieht ein solches Möbel im Raum charmant aus. Aber der Benutzer fühlt sich wie abgelegte Garderobe oder wie ein ewig rutschender Rock. Es muss auch anderen so gegangen sein, denn die Chaiselongue, auch als Ottomane bekannt, wurde zu Schlafsofas und Multifunktionsteilen mit allerhand Hebeln und Knöpfen transformiert. Sie verfügt inzwischen über smarte Funktionen, mit denen es  sich mühelos nach hinten klappen und die Beine in die Höhe schnellen lässt wie Peterchen auf seiner Mondfahrt. Wer so viel Technik mag, dem fehlen womöglich nur noch Schleudersitz und Airbag. Manchmal genügt ja auch ein Kissen im Rücken. 

Anita Wünschmann

 

65 - Winter 2016

Sechsmal sechs Tage

Allein die Vorstellung des hochkarätigen Teilnehmerfeldes für das 105. Sechstagerennen in Berlin hatte schon etwas Prophetisches. Super-Sprinter Robert Förstemann und der neue Veranstaltungs-Chef Mark Darbon kletterten für die Fotografen eigens auf einen riesigen Eichentisch. Das symbolisierte nicht mehr und nicht weniger als: Wir wollen weiterhin hoch hinaus mit dieser sportlichen Legende der deutschen Hauptstadt.

Das scheint nach der Winter-Auflage 2016 der dienstältesten deutschen Sixdays gewährleistet, und die kurzzeitige Skepsis, die nach dem Verkauf des Rennens durch Alleingesellschafter Reiner Schnorfeil an die britische Madison Sport Group aufkam, ist völlig gewichen. Hatten die neuen Veranstalter schon mit der Wiederbelebung des Londoner Sechstagerennens nach 35 Jahren Pause im vergangenen Herbst ihre Eignung demonstriert, stellten sie das mit der Fortführung des Berliner Konzepts noch eindeutiger unter Beweis. „Hier ist das Publikum noch mehr auf den Sport fixiert. Da ist das Rahmenprgramm zwar wichtig, wird aber von den meis-ten Besuchern wirklich nur als Auffüllung der Pausen wahrgenommen“, stellte Mark Darbon nach den sechs Nächten im Velodrom fest. Die meis-ten Radsport-Enthusiasten hätten zu seiner großen Verwunderung gar nicht mitbekommen, dass es für Schauvorführungen künstlerischer Art eine eigene Halle im großen Komplex gibt.

Die Madison Sport Group hat höherfliegende Pläne, was nicht nur durch das Klettern auf Tische, sondern auch durch richtige Taten untermauert werden muss. Mark Darbon will London und Berlin in den nächsten Jahren in eine Art Grand Prix der Sechstagerennen einbetten. Dabei schwebt dem Briten eine Serie von sechs Rennen vor, in die auf alle Fälle New York eingebunden werden soll. Schließlich stammt der heute noch verwendete Name für die typischen Zweier-Mannschaftsrennen der Sixdays aus der Metropole am Hudson-River: Madison. Im Madison Square Garden wurde die Art des Radfahrens populär und soll nach London auch dort wiederbelebt werden. „Deswegen wollen wir von Berlin lernen, vor allem was die sportliche Ausrichtung betrifft. Wir heben die Sechstagerennen auf eine höhere sportliche Stufe“, verspricht Darbon. In Berlin mit dem Velodrom ist das kaum noch zu toppen, aber als Serie hätten die Sixdays weltweit einen viel lauteren Ruf.    

Hans-Christian Moritz

 

65 - Winter 2016
Magazin

Langsamer Neustart

So offensichtlich wie in den Filmen  „Matrix Reloaded“, „Bad Boys II“ „Burn Notice“ (Fernsehserie), in denen ein Cadillac CTS jeweils seinen großen Auftritt hat, ist die Oberklasse-Limousine auf deutschen Straßen kaum auszumachen. In Deutschland wurden beispielsweise 2009 kaum mehr als fünfzig Exemplare verkauft, obwohl General Motors seit 2005 versucht, mit neuen Modellen, wie dem BLS, Escalade oder XRL, wieder langsam Marktanteile zu gewinnen. Seit 2010 lagen die Stückzahlen zumindest im dreistelligen Bereich.

Mit dem neuen CTS-V soll nun der Durchbruch auf dem europäischen Markt gelingen. Mit einer Luxuslimousine für knapp 100 000 Euro, die mit Modellen wie dem Audi RS6 oder BMW M5 konkurrieren will. Dass sie das auch kann, versprechen der 6,2-Liter-Kompressormotor und das Automatikgetriebe 8L90, die beide aus der Corvette Z06 stammen. Damit sind Geschwindigkeiten um 280 Kilometer pro Stunde kein Problem. Die Ausstattung ist umfänglich und exquisit, was bei einem solchen Schwergewicht erwartet werden darf. Die neuen V-Limousinen sind für Cadillac so etwas wie die Ankündigung einer weiterreichenden Strategie, im Segment der Oberklasse und Luxuslimousinen auf dem europäischen Markt Fuß zu fassen. Daher ist bald mit neuen Modellen zu rechnen.

 

Schminkspiegel mit Sportwagen


Schön, schnell und extrovertiert gebaut. Der 570S ist der erste McLaren mit Handschuhfach und Schminkspiegel [Fotos: © Copyright McLaren Automotive Limited]

McLaren steht für Supersportwagen in Kleinserie. Bis 1997 heißen die Modelle F1, bis 2009 Mercedes-Benz SLR McLaren, seit 2013 P1 und seit 2014 650 S. Mit dem Modell 570S präsentiert McLaren nun eine neue Baureihe, die beispielsweise für den Porsche Turbo S eine Alternative sein könnte. Sicher nicht in puncto Stärke und Aggressivität. Seine Attraktivität speise sich aus seiner Ausstrahlung, seiner Gefälligkeit, heißt es unter Fachleuten. Daher wird ihm eine extrovertierte Formensprache bescheinigt, als sei ein gänzlich neues Modell, ein Exot, vom Himmel gefallen. Die nach oben aufschwingenden Schmetterlingstüren könnten freilich ein Indiz dafür sein. Allerdings arbeitet unter seiner Karosserie ein 3,8-Liter-V8-Mittelmotor mit doppelter Aufladung, der den Sportwagen in 3,2 Sekunden auf Tempo 100 bringt und keinen Zweifel daran lässt, total irdisch zu sein. Doch der McLaren 570S ist nicht nur schön und schnell, auch seine Fahreigenschaften, auf freier Strecke oder in Kurven, könnten nicht überzeugender sein: Die verschiedenen Modi für Handling und Antrieb lassen sich dabei spielerisch und frei miteinander kombinieren. Zudem ist der 570S dank Carbon-Chassis ein relativ leichter Sportwagen, vergleicht man ihn mit einem Porsche 911 Turbo. 

Dass er alles in allem für spezielle Sportwagen-Puristen nicht brachial genug ist, gar als „Daily-Driver“ oder Frauenauto durchgeht, erweist sich schluss-endlich als Vorteil.

Mit dem neuen McLaren-Einstiegsmodell will die englische Sportwagenschmiede nicht nur eine sehr attraktive Alternative zu den Platzhirschen aus Deutschland anbieten, sondern vor allem neue Käuferschichten generieren.

 

MEHRMINI


Foto: BMW AG

In fast allen EU-Ländern wurden im vergangenen Jahr mehr Autos verkauft als im Jahr davor. Für die deutschen Marken war das ein Plus von rund neun Prozent. Dabei legte Daimler am meisten zu, aber auch BMW konnte sich nicht beklagen. Das hat der Münchner Autobauer nicht zuletzt den drei Mini-Generationen zu verdanken, die inzwischen eine ansehnliche Fan-Gemeinde entstehen ließen. Jetzt kommt pünktlich zum Frühjahr nicht nur das neue Mini Cabrio auf den Markt, sondern BMW punktet weiter mit dem neuen Top-Modell, dem Mini John Cooper Works. Mit gleicher Designphilosophie wie beim Cooper S, aber 39 PS mehr Leistung, beschleunigt dieser Mini-Sportler von Null auf Tempo 100 in 6,6 Sekunden und erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von 242 Kilometer pro Stunde. Aber auch das neue Mini Cooper Cabrio kommt attraktiver daher. Sein Dach lässt sich erstmals vollelektrisch öffnen. Das dauert 18 Sekunden lang und funktioniert bei einer Geschwindigkeit bis maximal Tempo 30. Der vordere Teil des Stoffverdecks ist als Schiebedach gestaltet. Im Vergleich zum Vorgänger-Modell ist das Mini Cabrio größer und daher geräumiger. Das betrifft auch das Ladevolumen. Das Cabrio kommt mit drei Motorvarianten auf den Markt: 116 PS für das Basismodell, 136 PS und 192 PS für den Mini Cooper S. Die Preise bewegen sich zwischen 24 000 und 28 000 Euro. Immerhin beschleunigt der Cooper S von Null auf Tempo 100 in 7,2 Sekunden und erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von 230 Kilometer pro Stunde. Damit ist er fast im Leistungsbereich des Mini John Cooper Works Cabrio, das allerdings auch serienmäßig mit Sportfahrwerk und Zweiliter-Reihenvierzylinder-Turbo ausgestattet ist und daher den größten Fahrspaß bietet. Dessen Preis beginnt ab rund 33 000 Euro. Mit der Wahl zwischen manueller Sechsgang-Handschaltung und sechsstufiger Sechsgangautomatik bei allen neuen Modellen kommt BMW seiner speziellen Mini-Käuferschicht sehr entgegen.

 

Isabella, die praktische


62 Jahre liegen zwischen den Geburtsjahren dieser beiden Fahrzeuge der Marke Borgward: Isabella TS und Borgward BX7. [Foto: © 2015 BORGWARD GROUP AG]

Wer kennt schon noch die Traditionsmarke „Borgward“. In den 1950ern war das elegante Borgward Coupé Kult.  Getauft auf den Namen Isabella, die ewig Schöne, begeisterte der Wagen die Autowelt und setzte technische  Maßstäbe.

Carl Borgward hatte 1954 mit der Produktion des Modells „Isabella TS“, als Nachfolger des „Hansa 1500“, dem ersten Pkw der Firma, begonnen. Das Coupé sollte dann 1957 den bis dahin mageren Absatz ankurbeln. Doch auch nach weiteren vier Jahren stieg weder die Nachfrage, noch reagierte der Firmengründer mit rettenden Maßnahmen. Die Firma geriet in finanzielle Schwierigkeiten und Carl Borgward musste schließlich ein Konkursverfahren einleiten. Das war das endgültige Aus für eine vielversprechende Autoschmiede.

Vor zehn Jahren hat sein Enkel Christian Borgward das Wagnis begonnen, die Traditionsfirma seines Großvaters wieder zum Leben zu erwecken. Und das, obwohl die Wiedergeburt von Kultmarken keineswegs mit einer Erfolgsgarantie verbunden ist, wie das Beispiel Maybach zeigt. Mit der Gründung der Borgward Group AG in Stuttgart ist ihm allerdings im vergangenen Jahr tatsächlich der Neustart gelungen. Dabei scheint das Konstrukt des neuen Unternehmens aufzugehen: Die finanziellen Mittel kommen vom chinesischen Lkw-Bauer Beiqi Foton, technisches Know-how, Design und Zulieferfirmen aus Deutschland. Produziert wird selbstverständlich in China, in erster Linie für den chinesischen Markt. Dabei zielt Beiqi Foton auf die immer noch wachsende Nachfrage nach sportlichen Geländewagen. Deshalb ist auch das erste Modell, der Borgward BX7, mit Plug-in-Hybridantrieb, ein SUV. In diesem Jahr kommt er in China auf den Markt, wohl erst 2017 in Deutschland. Gerechnet wird mit einer Jahresproduktion von etwas mehr als 200 000 Einheiten, soviel, wie einst die Gesamtstückzahl des Borgward Isabella TS in den Jahren von 1954 bis 1961. Ähnlichkeiten zwischen den beiden sind freilich ausgeschlossen, nur das alte Borgward-Logo prangt ebenso auf dem Kühlergrill des neuen BX7 wie einst an der legendären Isabella.

 

Motorenwechsel beim 911er


Feierte Weltpremiere auf der IAA: der neue Porsche 911 Carrera. [Foto: © F. Porsche AG]

Die zahlreichen Modellbezeichnungen des „Neunelfer“ waren von jeher verwirrend, aber stets mit kontinuierlichen Weiterentwicklungen des „Klassikers“ verbunden. Ende der 1980er-Jahre allerdings stand der 911er sogar wegen rückläufiger Verkaufszahlen zur Disposition. Doch dann vermarktete Porsche kurzerhand den 964 als neuen 911er. Für dessen Ablöse sorgte 1993 der Porsche 993, der unter den 911-Modellen als besonders ausgereift und zuverlässig galt und die Porsche-Puristen bis heute begeistert. Der 993 schaffte denn auch 1997 den Sprung vom luft- zum modernen, wassergekühlten Modell. Mit diesem Wechsel vergleicht Porsche nun den Schritt vom bislang aktuellen zum überarbeiteten 911er, der, zur IAA im September vorgestellt, seit Ende des vergangenen Jahres ausgeliefert wird. Von einer Erneuerung ist die Rede. Was sich dahinter verbirgt, verrät zuallererst der neue Turbomotor. Kein Saugmotor mehr treibt den neuen 911er Carrera an; ein kleinerer, sparsamerer Dreiliter-Turbo soll dagegen noch leistungsfähiger als sein Vorgänger sein – bis 450 PS in der Carrera S-Variante – und zudem mehr Fahrdynamik entwickeln. Das klingt übertrieben, ist aber tatsächlich allein der fein abgestimmten, neuen Motorentechnik geschuldet. Beispielsweise kann der Fahrer das Ansprechverhalten des neuen Turbomotors mittels Sports   Response Button (SRB) in den Stufen 0, S, S1, und I extrem beeinflussen. Neben den beiden Sport-Modi S und S1 erlaubt der SRB selbstverständlich auch eine individuelle Fahrweise. Dafür muss der I-Modus gewählt werden. Im S1-Modus beschleunigt der Carrera in 4,3 Sekunden von Null auf Tempo 100 und erreicht als Carrera S Höchstgeschwindigkeiten wie sein Vorgänger. Gleichzeitig wird die Karosserie um 20 Millimeter abgesenkt. 

Neben veränderten Stoßfängern, Schürzen und Leuchten umfasst das „Facelifting“ der neuen Carrera-Generation zahlreiche Sicherheits- und Komfortfunktionen, beispielsweise eine hydraulische Hebeeinrichtung an der Vorderachse, um den Spoiler vor Beschädigung in Tiefgaragen zu schützen, eine Multikollisionsbremse, um weiteren Schaden nach einem Aufprall zu verhindern, sowie einen Spurwechselassistenten. Mit dem neuen Motor sollte natürlich auch der Durchschnittsverbrauch gesenkt werden. Mindestens ein Liter weniger gegenüber dem Vorgänger war das erklärte Ziel. So kommt der 911er nun mit nur etwa sieben Litern aus.

 

A-Klasse für Youngster


Nach dem Facelifting lockt die A-Klasse neue Käuferschichten an. [Foto: © 2016. Daimler AG]

Seit die neue A-Klasse auf dem Markt ist, stimmen nicht nur die Stückzahlen, auch die Käuferschicht hat sich verschoben zugunsten einer jüngeren Klientel. Kompaktere Formen treffen offenbar mehr den Nerv auch jüngerer Fahrer. Für Mercedes war das Anlass für ein Facelifting. Die Limousine kommt jetzt noch frischer, sportlicher daher, die AMG-Variante mit 381 PS lässt auch keinen Zweifel an ihrer sportlichen Attitüde. Entsprechende Details unterstreichen die neue Optik. Um auch iPhone und Smartphone im Auto nutzen zu können, für anspruchsvolle Youngster ein Muss, sind in der neuen A-Klasse nun die Techniken Apple Carplay und Mirrorlink integriert, ebenso der Sprachassistent Siri. So ist Telefonieren, SMS, E-Mail, Navigieren und Musikunterhaltung im Auto kein Problem mehr. Zudem können nicht nur die AMG-Modelle ihre Fahrprogramme auf Knopfdruck ändern, auch alle anderen Varianten der A-Klasse verfügen über vier Fahrprogramme: „Comfort“, „Sport“, „Eco“ und „Individual“. Das Modellprogramm der A-Klasse umfasst mittlerweile siebzehn Modellvarianten.   

Reinhard Wahren

 

65 - Winter 2016

Tänzerin der Ekstase

Sie steht für ungewöhnliche Expressivität und Radikalität im Ausdruckstanz, aber auch exemplarisch für das hedonistische Lebensgefühl in den Zwanzigerjahren, das sie am Ende zerstörte: Anita Berber.  

Wenn auch im heutigen Berlin mitunter die Zwanzigerjahre beschworen oder gar Parallelen bemüht werden, so bietet unsere Zeit wenig Vergleichbares. Denn das Berlin der sogenannten Goldenen Zwanziger erzeugte zwar einerseits ein Lebensgefühl, das dem Tempo der wachsenden Großstadt entsprang, andererseits aber war es zum Zentrum der Avantgarde auf allen Gebieten der Kunst avanciert. Eine unbändige Energie und Kreativität erfasste die Künstler in der Stadt und diejenigen, die es nach dem Ersten Weltkrieg in die alles verheißende neue Kunst- und Amüsiermetropole Berlin gezogen hatte. So, neben vielen Literaten, Malern und Schauspielern, auch junge Tänzerinnen wie Josephine Baker oder Anita Berber, die in den einschlägigen Theatern, Varietés und Tanzlokalen mit spektakulären Choreografien für Aufsehen sorgten. Während Josephine Baker, das erste schwarze Sexsymbol, noch heute in unserem kollektiven Bewusstsein präsent ist und als die „Mutter aller Tänzerinnen“ betitelt wird, muss der Name Anita Berber erst nachgeschlagen werden. Dabei war sie es, die als erste Tänzerin den Exhibitionismus des Tingeltangels aufbrach, und den Ausdruckstanz, wenn es ihn bis dahin überhaupt gegeben hat, in radikaler Weise geradezu revolutionierte. Für die damaligen Besucher des „Wintergartens“, „Wiener Apollo-Theaters“ oder „Metropol-Varietés“, wo sie ab 1920 auftrat, war sie allerdings in erster Linie die angesagte Nackttänzerin. Ihre Choreographien faszinierten und erregten die Zuschauer derart, dass sie schnell in aller Munde war und zu einer Art Symbolfigur wurde. Für eine Zeit, in der die Krisen der Weimarer Republik ein hedonistisches Lebensgefühl aufkommen ließen und der „Tanz auf dem Vulkan“ Zügellosigkeit und Vergnügungssucht gebar. Im Tanz der Berber schien dies den adäquaten künstlerischen Ausdruck gefunden zu haben: betörend-zügellos, lasziv-erotisch, bis hin zur hemmungslosen Ekstase. Das faszinierte auch Künstler wie Otto Dix, der Anita Berber 1925 porträtierte. Zu diesem Zeitpunkt war die einst schöne Frau mit knabenhaft-schlankem Körper allerdings bereits äußerlich durch Alkohol, Drogen und ein ungezügeltes Liebesleben gezeichnet und ihr Gesicht zur Maske erstarrt. Unter anderen hatte sie der Tänzer, Choreograph und Dichter Sebastian Droste, mit dem sie ab 1920 eine Zeit lang auftrat, auf einen unheilvollen Weg geführt. Drogen bestimmten ihr Leben und ihre Auftritte von da an mit. 

Das hielt indes kaum einen Veranstalter davon ab, sie zu engagieren. Denn die verrucht-berüchtigte Nackttänzerin war sicherer Garant für ausverkaufte Amüsierclubs, Kabaretts, Theater und Vergnügungsetablissements jeglicher Art, nicht nur in Berlin. Auch die Filmindustrie entdeckte früh das Potenzial der außergewöhnlichen Tänzerin und machte sie zum Stummfilmstar. Sie spielte und tanzte in zahlreichen Filmen, wie dem „Dreimäderlhaus“, „Die Prostitution“ oder „Das Tagebuch einer Verlorenen“, ebenso in Fritz Langs „Dr. Mabuse, der Spieler“. Auf Dauer hielt ihr ausschweifend-freizügiger, in jeder Hinsicht grenzüberschreitender und extravaganter Lebensstil mit ihrem künstlerischen Anspruch, ihren radikalen Choreographien, ihrem Spiel mit der Erotik nicht Schritt. An Tuberkulose erkrankt, brach sie auf einer Tournee zusammen und wurde zurück nach Berlin gebracht. Am 10. November 1928 starb sie im Bethanien-Krankenhaus. 

Mit ihrer Familie 1914 nach Berlin gekommen, war das Leben dieser hoch talentierten Tänzerin von kurzer Dauer. Dass sie als „Stil-Ikone eine ganze Ära inspirierte“ lässt sich heute leicht behaupten, marginal wiederentdeckt wurde sie freilich erst in den 1980er-Jahren. Zu lange hatte ein Zerrbild dieser unkonventionellen Künstlerin Bestand. Autor und Kenner Lothar Fischer gehört zu denen, die die Bedeutung Anita Berbers als Künstlerin erkannt haben, mit dem Anspruch, sie angemessen zu würdigen: „Mehr als 85 Jahre nach ihrem Tod erregt diese Frau immer noch viele Gemüter. Anita Berber war mehr als nur eine zeittypische Figur. Sie war eine Rebellin, die den Mut hatte, Tänze nach der Musik von Beethoven, Chopin, Liszt und Brahms mit einer seriösen Choreographie in der Unterwelt des Tanzes aufzuführen.“

Reinhard Wahren

 

Information

Lothar Fischer: „Anita Berber – Ein getanztes Leben“. 
Hendrik Bäßler Verlag, Berlin 2014.
ISBN 978-3-930388-85-1

 

 

 

 

 

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Berlin-Macher

Dass Berlin dazu verdammt ist, immerfort zu werden und niemals zu sein, wusste schon im Jahr 1910 der Publizist und Kunstkritiker Karl Scheffler. Ein oft zitierter Satz, der noch heute gilt. Umso mehr sind Menschen gefragt, die vor oder hinter den Kulissen etwas bewegen und die Stadt ein Stück voranbringen. Wir stellen sie in jeder Ausgabe vor, die Berlin-Macher. Diesmal Jenny de la Torre.

Sie ist die Ärztin der Ärmsten der Armen in Berlin, und das schon viele Jahre lang. Seit 1994 versorgt Jenny de la Torre Obdachlose medizinisch. Erst am Ostbahnhof, jetzt im Gesundheitszentrum in der Pflugstraße in Mitte. Mit ihrer Arbeit setzt sie Maßstäbe in der Obdachlosenbetreuung für ganz Deutschland. Die Liste der Preise und Auszeichnungen, die sie erhalten hat, ist lang. Und dennoch: Am liebsten würde sie sich abschaffen. Das wird ihr allerdings nicht gelingen. Im Gegenteil, ihr Engagement ist wichtiger denn je. Und so wird sie wohl bleiben, was sie für ihre Patienten ist: der Engel von Berlin.

Die Geschichte beginnt 1954 in Peru, wo Jenny de la Torre in Nazca im Februar das Licht der Welt erblickt. Sie wächst in dem kleinen Dorf Puquio auf und erfährt bereits als Kind, was Armut bedeutet: „Ich habe in meinem Land einiges gesehen“, erinnert sie sich an die Menschen, die keine Krankenversicherung haben und sich keinen Arzt leisten können. „Da ist bei mir der Wunsch entstanden, Ärztin zu werden.“ 1973 beginnt de la Torre ihr Medizinstudium an der Universität San Luis Gonzaga de Ica. Ab 1977 studiert sie mit einem Stipendium an der Karl-Marx-Universität in Leipzig und legt dort 1982 ihr Examen ab. Kurz darauf kehrt sie nach Peru zurück, um dort als Ärztin zu arbeiten. Doch ihr Abschluss wird in ihrer Heimat nicht anerkannt: „Die Bürokratie in Peru ist noch schlimmer als in Deutschland“, so ihre Worte.

So beendet die Peruanerin nach der Geburt ihres Sohnes 1986 in Deutschland ihre Ausbildung und promoviert 1990 als Dr. med. mit summa cum laude. Zwischenzeitlich beendet sie auch ihre Facharztausbildung als Kinderchirurgin. Ein neuerlicher Versuch, in Peru als Ärztin zu arbeiten, scheitert erneut an bürokratischen Hürden, so dass sie sich entschließt, in Deutschland zu bleiben. Zunächst geht sie 1991 einer Beratungstätigkeit für „Schwangere und Mütter in Not“ nach, bevor 1994 ihre beispiellose Karriere als Ärztin für Obdachlose am Ostbahnhof beginnt. „Der Raum war zwölf Quadratmeter groß, ohne Fenster, im Keller“, erinnert sie sich, „vier Jahre habe ich dort gearbeitet.“ Schon bald ist de la Torre in ganz Berlin und darüber hinaus bekannt. Und die ersten Auszeichnungen und Preise lassen auch nicht lange auf sich warten. 1997 erhält sie das Bundesverdienstkreuz und wird Ehrenbürgerin ihrer Geburtsstadt. 1998 ergeht ein Lehrauftrag als Gastdozentin am Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie an der Charité. 2002 wird ihr die Goldene Henne verliehen. 2011 bekommt sie den Charity-Award, 2013 die Louise-Schroeder-Medaille. Und 2015 hat sie den Deutschen Stifterpreis des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen und den Carola-Gold-Preis für gesundheitliche Chancengleichheit erhalten.

Trotz ihres Erfolges muss die Armenärztin auch Rückschläge einstecken. Die MUT Gesellschaft für Gesundheit mbH, Trägerin der Obdachlosenversorgung am Ostbahnhof, kürzt 2003 mit einer Änderungskündigung ihre Vollzeitstelle auf 25 Stunden. Dadurch sieht sie ihre Patienten gefährdet und akzeptiert die Kündigung nicht – und geht. Ihre eigene Stiftung, die sie mit dem Preisgeld der Goldenen Henne in Höhe von 25 000 Euro und einer Ausnahmegenehmigung 2002 gegründet hat, soll fortan die Basis für ihre Arbeit sein.

„Manchmal geschehen auch Zeichen und Wunder“, bemerkt die heute 61-Jährige und blickt zurück auf das Jahr 2004, in dem ihr der Bezirk Mitte ein Haus in der Pflugstraße anbietet und erst einmal mietfrei überlässt. Der Ausbau zum Gesundheitszentrum beginnt, mit der Unterstützung vieler ehrenamtlicher Helfer, wie sie betont. Vier Jahre später kann die De la Torre-Stiftung das Haus kaufen und tut es auch. „Damit ist das Haus unabhängig und kann nicht zum Spielball von Sparzwängen einer Verwaltung werden“, begründet sie den Schritt, der mit eigenen Mitteln und Spenden finanziert wird.

Seitdem ist das Haus zu einer festen Einrichtung für Obdachlose geworden. „Wir haben jährlich im Schnitt 500 Neupatienten, die die Angebote unseres Hauses nutzen“, berichtet de la Torre. Neben den Allgemeinmedizinern gibt es Internisten, Zahn- und Augenärzte, Hautärzte, Orthopäden, eine Psychologin, zwei Sozialarbeiterinnen, vier Rechtsanwälte und eine Friseurin. „Wir versuchen, so viel wie möglich anzubieten“, sagt sie stolz, um aber gleich das eigentliche Ziel ihrer Arbeit zu beschreiben: „Wir wollen jeden Patienten so schnell wie möglich wieder loswerden. Das bedeutet, dass er weg von der Straße kommt.“

Die Ärztin sieht ihre Aufgabe nämlich darin, ihren Patienten mittel- und langfristig zu helfen und eine Perspektive zu bieten. „Man darf niemanden aufgeben, muss aber manchmal auch hart und konsequent sein“, weiß sie aus langjähriger Erfahrung. Und: „Es ist anders geworden“, sagt de la Torre. Mittlerweile gebe es viele „normale“ Menschen, die keine Krankenversicherung mehr hätten: „Professoren, Ärzte, Architekten, Rechtsanwälte. Wir hatten auch einen Piloten.“ Außerdem habe der Anteil der Jüngeren und Älteren zugenommen, die zu ihr kämen. Auch immer mehr psychisch Kranke gebe es.

Manche, die ins Gesundheitszentrum kommen, haben sich seit Wochen und Monaten nicht mehr gewaschen, ihre Kleidung ewig nicht ausgezogen, so dass die Strümpfe schon angewachsen sind, und beherbergen Maden, Kopf- und Filzläuse. Da stellt sich einem zwangsläufig die Frage: Wie hält man das aus – Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr?

„An manchen Tagen kann ich glücklich nach Hause gehen“, resümiert de la Torre. Denn manchmal kämen ehemalige Patienten vorbei und sagten: „Ich habe es geschafft.“ Das heißt, sie sind nicht mehr obdachlos und wieder in die Gesellschaft integriert. „Das sind die schönsten Momente.“ In diesem Sinne würde sie sich das für jeden ihrer Patienten wünschen. Aber sie ist Realistin genug zu wissen, dass sie das wohl nicht mehr erleben wird.

So hofft die Armenärztin, dass sie noch lange die Kraft und Zeit hat, sich um ihre Patienten zu kümmern, und vor allem, dass sie auch weiterhin ausreichend Spenden bekommt: „Eigentlich darf es in einer reichen Gesellschaft dieses Problem gar nicht geben.“ Eigentlich.

Detlef Untermann

65 - Winter 2016

Das Glück in der Garage

Edel, verspielt, teuer und sinnlich: echte Oldtimer wie dieser Borgward mit Vase am Armaturenbrett. [Fotos: Berlin vis-à-vis]

Ein Grund, sich auf den Sommer zu freuen, ist auch die steigende Wahrscheinlichkeit, im Stadtbild oder auf den Landstraßen rund um Berlin wieder den einen oder anderen Oldtimer bestaunen zu können. Und dabei für einen Augenblick eine kleine Zeitreise zu machen, wenn diese selten gewordenen Pferdestärken, meist gut erhalten und blitzeblank, von ihren Besitzern ausgeführt werden.