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Sechsmal sechs Tage

Allein die Vorstellung des hochkarätigen Teilnehmerfeldes für das 105. Sechstagerennen in Berlin hatte schon etwas Prophetisches. Super-Sprinter Robert Förstemann und der neue Veranstaltungs-Chef Mark Darbon kletterten für die Fotografen eigens auf einen riesigen Eichentisch. Das symbolisierte nicht mehr und nicht weniger als: Wir wollen weiterhin hoch hinaus mit dieser sportlichen Legende der deutschen Hauptstadt.

Das scheint nach der Winter-Auflage 2016 der dienstältesten deutschen Sixdays gewährleistet, und die kurzzeitige Skepsis, die nach dem Verkauf des Rennens durch Alleingesellschafter Reiner Schnorfeil an die britische Madison Sport Group aufkam, ist völlig gewichen. Hatten die neuen Veranstalter schon mit der Wiederbelebung des Londoner Sechstagerennens nach 35 Jahren Pause im vergangenen Herbst ihre Eignung demonstriert, stellten sie das mit der Fortführung des Berliner Konzepts noch eindeutiger unter Beweis. „Hier ist das Publikum noch mehr auf den Sport fixiert. Da ist das Rahmenprgramm zwar wichtig, wird aber von den meis-ten Besuchern wirklich nur als Auffüllung der Pausen wahrgenommen“, stellte Mark Darbon nach den sechs Nächten im Velodrom fest. Die meis-ten Radsport-Enthusiasten hätten zu seiner großen Verwunderung gar nicht mitbekommen, dass es für Schauvorführungen künstlerischer Art eine eigene Halle im großen Komplex gibt.

Die Madison Sport Group hat höherfliegende Pläne, was nicht nur durch das Klettern auf Tische, sondern auch durch richtige Taten untermauert werden muss. Mark Darbon will London und Berlin in den nächsten Jahren in eine Art Grand Prix der Sechstagerennen einbetten. Dabei schwebt dem Briten eine Serie von sechs Rennen vor, in die auf alle Fälle New York eingebunden werden soll. Schließlich stammt der heute noch verwendete Name für die typischen Zweier-Mannschaftsrennen der Sixdays aus der Metropole am Hudson-River: Madison. Im Madison Square Garden wurde die Art des Radfahrens populär und soll nach London auch dort wiederbelebt werden. „Deswegen wollen wir von Berlin lernen, vor allem was die sportliche Ausrichtung betrifft. Wir heben die Sechstagerennen auf eine höhere sportliche Stufe“, verspricht Darbon. In Berlin mit dem Velodrom ist das kaum noch zu toppen, aber als Serie hätten die Sixdays weltweit einen viel lauteren Ruf.    

Hans-Christian Moritz

 

65 - Winter 2016
Magazin

Das Glück in der Garage

Edel, verspielt, teuer und sinnlich: echte Oldtimer wie dieser Borgward mit Vase am Armaturenbrett. [Fotos: Berlin vis-à-vis]

Ein Grund, sich auf den Sommer zu freuen, ist auch die steigende Wahrscheinlichkeit, im Stadtbild oder auf den Landstraßen rund um Berlin wieder den einen oder anderen Oldtimer bestaunen zu können. Und dabei für einen Augenblick eine kleine Zeitreise zu machen, wenn diese selten gewordenen Pferdestärken, meist gut erhalten und blitzeblank, von ihren Besitzern ausgeführt werden.

Heilanstalt aus Baumwipfelperspektive

Dass man über einem „Alpenhaus“ spazieren kann und dazu noch im flachen Brandenburg – wer hätte das gedacht. Nun ja, die Alpen sind hier kleine Hügelchen, aufgeschüttet mit dem Aushub für das Fundament des Hauses – spektakulärer ist der Spazierweg. In 23 Metern Höhe wandelt man zwischen Bäumen und blickt, wären sie noch da, direkt in Zimmer der Patientinnen der Lungenheilanstalt oder später in Unterkünfte der Verletzten der beiden Weltkriege und noch später in die der sowjetischen Offiziere und Soldaten, die von 1945 bis 1993 hier behandelt wurden. 

Heute zieren Graffiti die Zimmer der Ruine, einige der Künstler haben gar ihre Sprayflaschen auf den Fenstersimsen entsorgt. Auf einem Nebengebäude ist schon ein kräftiger Wald entstanden – in 70 Jahren wächst so einiges heran. Der Baumwipfelpfad in Beelitz bietet neben dem Kick, in ungewohnter Höhe zu wandeln, quasi einen direkten Blick in die Vergangenheit der Beelitzer Lungenheilstätten. Deshalb trägt der Baumkronenpfad auch den Zusatztitel „Baum & Zeit“. Schön, dass man  die heutigen Ruinen nicht geputzt hat, dass man die Inschriften auf Russisch – wie „Eingang“ , „Ausgang“ – noch lesen kann, auch neuere Hinterlassenschaften wie der Gruß der Antifa Wittenberge oder der Hinweis, dass hier guter Ort für Sex sei, sind noch nicht übertüncht. Sicher wird das im Laufe des Ausbaus des Baumwipfelpfades noch kommen. Noch ist es diese eigenwillige Mischung von 115 Jahren Geschichte, die den Reiz dieses besonderen Spazierweges ausmacht, der wahrlich nur Sinn ergibt, wenn man die ganze Anlage im Blick hat. Schauen wir noch einmal ins „Alpenhaus“, so um 1900 herum. Tuberkulose war eine der schlimmsten Krankheiten jener Zeit, hochansteckend, es gab keine Medikamente. Die Therapie: Ruhe, Licht, Luft, gutes Essen und Sauberkeit. Die Zimmer, mit zwei bis sechs Patientinnen belegt, waren groß. Über einen Frischluftschacht wurde permanent die gute Beelitzer Waldluft zugeführt, überdies gehörten sechs Stunden Liegen im Freien zur Therapie. Und eine beispielhafte Reinlichkeit herrschte. Die Ecken der Scheuerleisten waren abgerundet, damit auch jedes Fitzelchen Staub beim Wischen erwischt werden konnte. Sogar die Heizkörper waren von den Wänden abklappbar. Es herrschte überdies eiserne Disziplin. Gegessen wurde gemeinsam unter Aufsicht von mindestens zwei Krankenschwestern. Was auf den Teller kam, wurde aufgegessen und nicht etwa heimlich in die Tasche gesteckt. Damit man den Verwandten, die zu Besuch kamen, nichts von dem Guten mitgeben konnte. Sechs Wochen bis zu einem halben Jahr blieben die Patientinnen. Doch bei den oft katastrophalen Bedingungen zu Hause kriegten sie oft nach kurzer Zeit schon wieder die Motten, wie es salopp heißt und das klang immerhin besser als Schwindsucht. Das Alpenhaus, hier im ehemaligen Frauentrakt der Heilstätten als Ruine, ist übrigens im ehemaligen Männertrakt, der heute zum Klinikkonzern gehört, baugleich wiederhergestellt. Auch die Lüftungsschächte kann man noch sehen. Eine wohl einmalige Situation – Ruine und intaktes Gebäude auf einen Blick. Und vom Baumwipfelpfad hat man die gesamte Anlage vor Augen, erkennt ihre Dimensionen, die ausgeklügelte Architektur. Die damaligen Architekten und Planer haben Pionierarbeit geleistet. Zu ihnen gehörte auch Heino Schmieden, der mit Walter Gropius eine der größten Architektenfirmen in Berlin bildete. Beide bauten das Kunstgewerbemuseum Berlin, heute als Martin-Gropius-Bau bekannt. Aber Krankenhäuser waren wohl Schmiedens Leidenschaft, so zeichnet er architektonisch für das Krankenhaus Friedrichshain, die Frauenklink der Charité und das Rudolf-Virchow-Kinderkrankenhaus verantwortlich. Eines der Kennzeichen seiner Arbeiten ist, dass er zwischen den einzelnen Gebäudeteilen Raum für kleine Spaziergänge ließ. Und so ist es auch in Beelitz, wo er neben einem Klinikgebäude die Wäscherei und das technologisch perfekte Kochhaus entworfen hat. Letzteres soll, wie kann es anders sein, zum Restaurant ausgebaut werden. Noch ist der Baumwipfelpfad nur 320 Meter lang und man muss hinabsteigen, um das Klinikgelände zu erkunden, doch es ist geplant, zukünftig mehr Gebäude aus luftiger Höhe betrachten zu können. Was im wahrsten Sinne des Wortes noch einmal eine andere Perspektive bietet. Beginnen soll der hölzerne Höhenweg später einmal an der Chirurgie, einem spektakulären Gebäude. Um 1925 war die Röntgendiagnostik ein wichtigen Helfer und man konnte der Tbc mit Skalpell den Kampf ansagen. Auch bei diesem OP-Trakt legte man auf funktionale und schöne Architektur Wert. In den OP-Sälen konnte bei Tageslicht operiert werden und die Balkone für die frisch Operierten waren ausgesprochen großzügig mit Blick auf den Beelitzer Wald. Dass es mit der Rekonstruktion ein schweres Unterfangen wird, ist zu ahnen, wenn man in das Gebäude blickt. Nach dem Abzug der sowjetischen Armee stand es leer und ungeschützt und wurde beliebter Treffpunkt für sogenannte Horror-Partys, die oft auch mit Zerstörungswut einhergingen und man schon mal versuchte, mit einen Bagger in die Location zu fahren. 2010 stürzte gar ein junger Mann vom Dach. 

Aber die neuen Besitzer des Areals sind zuversichtlich, dass sie auch dieses Gebäude wieder in einen vernünftigen Zustand versetzen können, wobei sie versprochen haben, dass der Hauch des morbiden Charmes bleiben wird.  Ganz abgesehen vom Blick in die Historie unter einem bietet sich vom 36 Meter hohen Aussichtspunkt ein atemberaubendes Panorama der Weiten des Waldes um Beelitz.

Martina Krüger 

 

Information

Baum & Zeit
Straße nach Fichtenwalde 15
14547 Beelitz-Heilstätten
www.baumundzeit.de

Öffnungszeiten: 
Mai bis September: 9 – 19 Uhr
April und Oktober: 9 – 17:30 Uhr
November bis März: 10 – 16 Uhr

 

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Wachsende Stadt

Mit dem Projekt Gotland schließt sich 25 Jahre nach der Wiedervereinigung eine weitere Lücke im Stadtbild. Der Berliner Ortsteil Prenzlauer Berg liegt, das Bevölkerungswachstum betreffend, seit Jahren an der Spitze der Hauptstadt. Ganz im Norden, an der Grenze zu Pankow befindet sich das Nordische Viertel, das sich mit grünen Innenhöfen, ausgedehnten Grünflächen und einer kleinen Villenkolonie etwas beschaulicher und familienfreundlicher gibt als der südliche Prenzlauer Berg. An der Grenze zwischen einer innerstädtischen dichten Bebauung und der aufgelockerten Villenbebauung des ehemaligen Ost-Berliner Botschaftsviertels, in dem sich noch heute diverse Vertretungen von Ländern wie Kuba, Bosnien und Herzegowina sowie Eritrea befinden, klafft eine Lücke im Ortsbild: eine Brachfläche mit Parkplatz, einer Supermarktbaracke und kahlen Brandwänden, von denen schon lange der Putz rieselt. Jetzt brechen neue Zeiten an. Der boomende Immobilien-Markt der Hauptstadt sorgt nun dafür, dass mit dem Projekt „Gotland“ 25 Jahre nach der Einheit sich eine weitere Freifläche schließt. Verantwortlich für den Lückenschluss zeichnen die Bauherren Hubertus Hiller und Harald Wengust, die ab März 2016 auf der Freifläche 136 neue Wohnungen errichten. Architekt des errichteten Gebäudes, das sich mit seiner Helligkeit, seiner Leichtigkeit und der typischen Zurückhaltung am klassischen schwedischen Design orientiert, ist Rolf Gnädinger von Gnädinger Architekten, der u. a. das Otto Bock Science Center am Potsdamer Platz entworfen hat. BLS Energieplan GmbH Niederlassung Berlin übernimmt die Aufgabe der kompletten Planung der technischen Gebäudeausrüstung. Firma J & J Bau und Bauträger GmbH aus Halle (Saale) wird als Generalunternehmer sein leistungsstarkes Baumanagement unter Beweis stellen. Zum Objekt gehören außerdem Abstellflächen für Fahrräder und eine Tiefgarage mit einer eigenen Stromversorgung für Elektromobilität. Der Supermarkt wird ebenfalls in das neue Gebäude integriert. Die 136 Wohnungen mit Größen zwischen einem und vier Zimmern beginnen bei Kaufpreisen von 3 950 Euro pro Quadratmeter und stehen seit Ende des Jahres 2015 zum Verkauf. Die Fertigstellung ist für Ende 2017/Anfang 2018 geplant. „Mit dem Gotland betreiben wir ganz bewusst ein Stück Stadtreparatur“, erklärt Bauherr Hubertus Hiller und ergänzt: „Der Grundriss des Projekts mit zehn verschiedenen Aufgängen ist ganz außergewöhnlich, denn wir setzen die Bebauung zum Teil direkt an die vorhandenen Brandwände und nehmen dabei die Struktur der  historischen Innenhöfe wieder auf.“ So entstehen neben dem Vorderhaus in Blockrandbebauung mit sechs Aufgängen auch vier ganz individuelle Gartenhäuser, die mit den gründerzeitlichen Nachbargebäuden ein Ensemble bilden. Zwischen den insgesamt fünf neu zu errichtenden Häusern wird ein begrünter, mäandernder Innenhof eingerichtet, der zum Teil auf dem Dach des Nahversorgers und der Tiefgarage angelegt ist und dessen Gestaltung mit skandinavischen Steinen, nordischen Pflanzen und offenen Sitzbereichen an die schwedische Insel Gotland, die Namensgeberin des Projekts, erinnert.

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Stadt

Himmel mit Berlin

Das Upper West am Breitscheidplatz wird mit 119 Metern Höhe und 33 Etagen ein Gebäudeensemble mit dem benachbarten Zoofenster bilden. Architekt für den städtebaulichen Entwurf und die Fassadenplanung ist Christoph Langhof, von KSP Jürgen Engel Architekten stammt der Entwurf des Hochhauses. [Foto: Berlin-vis-à-vis]

Berlin ist keine klassische Hochhausstadt. Mit ihrer gründerzeitlichen Blockrandbebauung ist die Hauptstadt in großen Teilen flach, überschaubar und europäisch. Ein Citystädtebau nach amerikanischem Vorbild war historisch nicht möglich und und auch nicht erforderlich.Bald aber muss der Himmel mit Berlin rechnen. Denn der Wind hat sich gedreht, es gibt neue Hochhauspläne. 

Stadt

Wir sind etwas ganz besonderes

Der isländische Handballtrainer Erlingur Richardsson kommt von den Westmännerinseln. Ihnen fühlt er sich auf spezielle Weise verbunden, ein Vulkanausabruch zwang die Bewohner 1973 zur Flucht. Sein Vertrag bei den Füchsen läuft noch bis mindestens 2018.

Scheinbar regungslos verfolgt Erlingur Richardsson die Aktionen seiner Tochter Sandra. Er zieht höchstens einmal mit einem flüchtigen Lächeln beifällig die Augenbrauen hoch oder verzieht bei einem misslungenen Pass leicht den Mundwinkel. „Ich bin nicht der Trainer, der immer rumschreit“, begründet der 43-Jährige seine Zurückhaltung. Da sind seine Söhne Elmar und Andri völlig anders. Die acht- und elfjährigen Jungen jubeln und springen auf, wenn ihrer 17 Jahre alten Schwester ein Tor gelingt und die Füchse Berlin in der Handball-Bundesliga der Frauen die Oberhand behalten. Wenn nicht, schnappen sich die beiden nach der Partie trotzdem sofort einen Ball und feuern ihn mit dem Fuß abwechselnd aufs Tor, während Mutter Vigdis die Verliererin tröstet.

Umgekehrt sind die Aktionen weniger öffentlich und nur die beiden fußballernden Jungen auf dem Parkett zu sehen, wenn die von Erlingur Richardsson trainierten Profis der Füchse-Männer eine Partie beendet haben. Doch in der gewaltigen Kulisse von oft 9 000 Zuschauern auf den Rängen der Max-Schmeling-Halle fallen Sandra Erlingsdottir und ihre Mutter nicht so sehr auf wie unter der eher kargen Besucherschaft in der Frauen-Bundesliga.

Die Familie ist unzertrennlich und unternimmt, wenn es irgendwie möglich ist, das meiste gemeinsam. Das ist in ganz Island so und noch spezieller auf den dem nördlichen Land vorgelagerten Westmännerinseln. Von deren Bewohnern sagen die Leute auf dem Haupteiland, dass sie gar keine richtigen Isländer wären. Aber jene 4 200 Leute ficht das überhaupt nicht an. „Wir sind etwas ganz Besonderes“, sagt Erlingur Richardsson schelmisch. „Meine Heimat ist nicht Island, meine Heimat ist Vestmannaeyjar. Und darauf bin ich wirklich stolz.“ Diese besondere Liebe zu ihrem kleinen Fleckchen Land hat eine Bewandtnis, mit der Erlingur Richardsson in ganz spezieller Weise verbunden ist. Als in einer kalten Nacht am 23. Januar 1973 auf der Hauptinsel Heimaey – hier wohnen so gut wie alle Einwohner Vestmannaeyjars – der Vulkan Eidvell ausbrach, schien das Ende des kleinen Eilandes besiegelt. „Ich war damals erst vier, fünf Monate alt und kenne das nur aus den Erzählungen. Es muss aber schlimm gewesen sein, wie die feurige Lavamasse sich wochenlang in extrem langsamer Geschwindigkeit über die Insel rollte und ein Haus nach dem anderen unter sich begrub, zerquetschte und verbrannte“, schildert der 43-Jährige aus den Berichten der Bewohner.

Erlingurs Vater, der wie seine Vorfahren Fischer war, rettete seine Familie auf das eigene Boot, die Mutter half vielen anderen an Bord. Der kleine Erlingur und ein gleichaltriger Cousin wurden in einer Tragetasche in die Kajüte gestellt. Immer mehr Leute kamen an Deck, schwitzten im Gedränge und warfen ihre Sachen nach und nach in die Kajüte. „Als meine Mutter nach mir sah, war ich weg. Unter dem ganzen Zeug fand sie mich gerade noch rechtzeitig, völlig verschwitzt und durchnässt, aber ich atmete noch“, schildert der Isländer heute die Rettung vor den Lavamassen.

Ein Ereignis, das die Menschen von Vestmannaeyjar zusammengeschweißt hat. „Bei uns gibt es zwei Zeitrechnungen. Eine endet mit dem Vulkanausbruch, die andere beginnt danach.“ Dazwischen liegen ganze fünf Monate, denn so lange drohte die permanent nachfließende Lava den Hafen zu verschließen und die Inseln damit unbewohnbar zu machen. Erst ständige Kühlung durch eisiges Meerwasser aus gigantischen Schläuchen brachte die Feuerwalze kurz vor der Pier zum Stehen. 417 Häuser waren vernichtet und das Eiland 20 Prozent größer geworden. „Diese unglaublich ruhig verlaufene und lange währende Rettungsaktion, bei der nur ein Feuerwehrmann ums Leben kam, hat die Bewohner zusammengeschweißt und macht auch heute noch alle stolz, die auf Vestmannaeyjar geboren sind“, sagt Erlingur. Nach einem Jahr in einer Rot-Kreuz-Wohnung in Kopavogur, einer Satellitenstadt der Metropole Reykjavik, kehrte die Familie wie alle anderen Einwohner zurück auf die im Süden vorgelagerte Insel. Der Neuaufbau verlief anders als bei anderen Naturkatastrophen, weil die Lava im westlichen Teil der Heimat eine schwarze, unzerstörbare Bahn, härter als eine Betonsträhne, gezogen hatte, die heute noch als mahnendes Monument teilweise nur Zentimeter neben verschonten Häusern und Gärten zu sehen ist. Jeder Isländer will irgendwann einmal aufs Festland nach Europa, aber jeder Isländer kommt auch wieder in die Heimat zurück, ganz speziell gilt das für die Bewohner der Westmännerinseln. Und für Erlingur Richardsson und seine Familie ist jetzt Europa dran. Was nicht heißt, dass alle Gewohnheiten der Heimat vorübergehend ad acta gelegt werden. „Als Kinder haben wir jeden Tag Fisch gegessen, hier essen wir mindestens zweimal in der Woche Fisch. Leider ist der frische sehr teuer.“ Deswegen greift man schon mal auf Konserven aus der Heimat zurück. Und auf den sonntags üblichen Lammbraten ist seine Familie auch nicht mehr abonniert. „Das war bei uns Kult“, erinnert er sich. „Und dazu gab es, nur am Sonntag, für meine zwei Schwestern, meine drei Brüder und mich einen Liter Cola. Ich bin der Zweitjüngste und musste mich da ordentlich ranhalten, genug abzubekommen.“

Mit einigen Gewohnheiten der Mitteleuropäer kommt vor allem seine Frau Vigdis mittlerweile gut zurecht. Da es bei gebürtigen Isländern keine Nachnamen gibt und man sich nur mit dem Vornamen anredet, kann seine Vigdis Sigurdbogadottir – dem Vornamen wird der Name des Vaters, in dem Fall Sigurdboga, plus „son“ (für Sohn) oder „dottir“ (für Tochter) angehängt – auch nicht so heißen wie ihr Mann. Trotzdem reagiert die 44-Jährige mittlerweile, wenn sie als Frau Richardsson angesprochen wird. „Man richtet sich ein, obwohl es in Island leichter ist. Wenn ich mich irgendwo vorstelle, dann sage ich: Ich heiße Erlingur und komme von Vestmannaeyjar. 

Dann weiß jeder Bescheid.“ Irgendwann wird sich die Familie auch wieder so vorstellen, doch derweil lebt sie in Berlin den Traum eines jeden isländischen Sportlers. „Weil man bei uns vom Sport nicht sein Leben finanzieren kann, träumt jeder davon, das einmal in Europa zu verwirklichen. Und ich kann das jetzt machen“, sagt der Handballtrainer glücklich. Sowohl als Spieler als auch während seiner Trainerarbeit bei den   besten Vereinen Islands musste Erlingur Richardsson einer zweiten Arbeit nachgehen, um die Familie zu ernähren. Zuerst versuchte er sich als Fischer auf dem Boot des Schwiegervaters, hatte aber von Beginn an mit Seekrankheit zu kämpfen. „Meine Frau ist eindeutig die bessere Fischerin.“ So wurde abends trainiert, tagsüber hielt der studierte Sportwissenschaftler Vorlesungen an der Universität. Das war nichts Außergewöhnliches, weil die Aktiven aller anderen Sportarten das auch taten. Erst mit seinem Wechsel vom damaligen isländischen Handball-Meister HK Kopavogur zum österreichischen Spitzenverein Westwien konnte er sich als Profitrainer bezeichnen.

In dieser Zeit haben seine Kinder auch so gut Deutsch gelernt, dass Erlingur meint, man könne sie für Einheimische halten. Das ist in Berlin allerdings schwer vorstellbar. Als in der Schule der Jungs eine Lehrerin aus Bayern auftauchte und die anderen Kinder vor schwere Prüfungen bei der Verständigung stellte, freuten sich Elmar und Andri: „Endlich mal eine Frau, die richtig Deutsch kann.“ Der österreichische Akzent der drei Kinder ist unüberhörbar und spielt nur bei Sandra keine Rolle. Die 17-Jährige macht ihren gymnasialen Abschluss per Internet an einer isländischen Schule.

Für Erlingur und seine Familie war es die größte Verblüffung, dass der Sportunterricht an den Schulen in Österreich und Deutschland nur eine untergeordnete Rolle spielt. „Das ist bei uns mit das wichtigste Schulfach. Die Lehrer müssen eine Hochschulausbildung als Sportlehrer haben“, sagt Erlingur. Mit fünf Fußballfeldern – eines davon überdacht und mit Kunstrasen – drei Handballhallen, einem Golfplatz und einer Schwimmhalle, in die alle Kinder bis 12 Jahre ständig freien Eintritt haben, setzt Vestmannaeyjar Maßstäbe. „Wir sind nur 4 200 Einwohner, spielen aber bei den Männern und Frauen sowohl im Handball als auch im Fußball in der ersten Liga.“

Weil der deutsche Sportunterricht den Kindern längst nicht ausreicht, toben sich Elmar und Andri mit Vorliebe an den Basketballkörben oder Tischtennisplatten auf den Freiplätzen nahe der elterlichen Wohnung im Berliner Stadtbezirk Prenzlauer Berg aus, spielen dazu Handball bei den Jung-Füchsen und Fußball bei Empor Berlin. Und Sandra ist als jüngste Spielerin mit Training und Punktspielen des Handball-Bundesligisten Füchse Berlin ausgelastet. 

Der Vertrag von Erlingur läuft noch bis mindestens 2018. „Es ist spannend, in der Bundesliga zu arbeiten“, sagt er. „Die Hallen sind riesig, es kommen unheimlich viele Zuschauer, das Niveau ist insgesamt das beste in der ganzen Welt“, schwört er auf die hiesige Handball-Meisterschaft. Dass die Isländer als Lehrer hier besonders begehrt sind, führt er aber nicht auf den speziellen Stil der Insulaner zurück. „Das würde ich anders sehen. In der Ausbildung sind andere Länder, beispielsweise Kroatien, bestimmt besser“, überlegt er. „Aber wir Isländer sind es gewohnt, in kleinen Vereinen mit wenig Geld und meistens winzigem Kader zu arbeiten. Da musst du immer wieder Lösungen finden und dafür viel improvisieren. Ich glaube, das ist es, was uns bei der Arbeit auf dem Festland zugute kommt.“

Bei den Bewohnern der Westmännerinseln kommen  dazu noch deren Zusammengehörigkeitsgefühl und der sprichwörtliche Kampfgeist. „Zu uns ist keine Mannschaft gern gekommen. Die haben immer gesagt, wir spielen wie die Gladiatoren, weil wir nie aufgegeben haben“, schildert der ehemalige Kreisläufer, der als Jugendlicher auch ein ausgezeichneter Fußballer war, die Spielweise auf seinem Heimat-Eiland. Derzeit steht der Verein auf Platz 3 in Island, und der einstige Spieler und Trainer des Ex-Pokalsiegers und ehemaligen Meisters wird das noch einige Zeit aus der Ferne verfolgen müssen. „Es sei denn, ich muss dann auch mal an die Karriere meiner Frau denken“. Vigdis ist hoch qualifiziert, derzeit mangelt es ihr nur an den Sprachkenntnissen. Dafür geht sie mehrmals die Woche auf eine Sprachschule, während ihr Mann sein Deutsch durch die vielen Fachsimpeleien mit seinem Sportlichen Leiter Volker Zerbe vervollkommnet.

Hans-Christian Moritz

 

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Sport